Autismus und Hochsensibilität (HSP)

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    • Mark_Twain wrote:

      Aber mir ist kein Fall bekannt, wo das nicht seine eigenen Gefühle waren, die das mit ihm gemacht haben.

      aber diese eigenen Gefühle müssen ja auch einen Grund haben... [überleg} es könnte ja sein, dass sie eine Reaktion sind auf das, was man von der Umwelt wahrnimmt?

      Ich bin gegenüber der Theorie unentschieden.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Sind sie auch. Nur werden nicht die Gefühle anderer wahrgenommen, sondern physikalische Reize.
      Na gut, du darfst aber natürlich auch unentschieden bleiben :) Ich habe da eher wenig Zweifel. Aber ich schließe hier auch einfach von mir auf andere.
    • Also so wie ich das jetzt verstanden habe, sind HSPler ganz besonders in der Lage, die Gemütslagen Dritter quasi über die Luft deuten zu können (???) Das wären ja dann hoch empathische Fähigkeiten, sehe ich das richtig?

      Was wäre denn ggf. wenn euch jemand beiläufig erzählen würde, es sei ihm übel? Könnt ihr das in dem Moment dann einordnen bzw. nachempfinden? Also ich weiß natürlich für mich, was es heißt, wenn mir übel ist und ich kann es durchaus auch zur Kenntnis nehmen, wenn mir jemand sagt, es sei ihm übel. Aber in dem Moment war es das auch schon. Für mich ist nicht deutlich zu erkennen, dass etwas nicht stimmt.

      So geht es mir oft bei meinem ältesten Kind: Er sagt mir bspw. es sei ihm übel, ich nehme es zur Kenntnis. Aber wirklich realisieren, dass etwas mit ihm nicht stimmt tue ich erst, wenn er sich übergibt. Ich es also deutlich sehen kann.

      So müsste also eine HSP doch schon lange vorher bei sich eine Emotion von Mitgefühl verspüren, und zwar in dem Sinne, dass sie die Situation rechtzeitiger einschätzen kann...???
    • Lex wrote:

      [...]und kann es nachempfinden.
      Was man selber schon erlebt hat, kann man natürlich auch in gewisser Weise nachempfinden. Ich meine damit eher, dass ich bspw. die Situation nicht so ganz einschätzen kann. Wie schlimm es jetzt tatsächlich ist. Ist ihm nur ein bisschen übel, oder ist es so schlimm, dass er sich gleich übergeben wird, oder in Ohnmacht fällt... ??? usw.

      Ich denke die meisten Leute können so etwas wesentlich besser einschätzen, weil sie sich wiederum wesentlich besser einfühlen können. Und so wie ich es bislang verstanden habe, können HSPler so etwas dann besonders gut, mal ganz abgesehen von allen anderen genannten Merkmalen.

      Ich habe die Bezeichnung 'HSP' bislang nur mit einer Hypersensitivität bezüglich der von außen kommenden Reize verbunden, welche zu starken Overloads führen, (können). Und das, weil es mir auch genau so erklärt wurde. Das was ich hier lese, war mir völlig neu.

      Randbemerkung: (Bringt mich allerdings auch zu der Erkenntnis, dass meine damalige Psychologin falsch lag und meine Psychiaterin nicht.)
    • Ehrlich gesagt denke ich dass kaum jemand in der Lage ist das genaue Ausmaß der Übelkeit präzise einzuschätzen. Aber wenn es um das eigene Kind geht, können manche es wohl am Gesichtsausdruck oder der Stimmfärbung ablesen. Und das sind halt genau die Dinge, in denen Autisten sich schwer tun, wobei ich schon denke, dass manche besonders sensible dies durch Intuition kompensieren können.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Mark_Twain wrote:

      Shenya wrote:

      Die Intense World Theory stellt die Hypothese auf, dass Autisten all diese Wahrnehmungen (von Stimmungen etc.) eventuell auch haben, sie aber abblocken, weil sie davon überflutet werden.[\quote]
      Das ist ein Schwachpunkt der I.W. Theorie. Ich bezweifle hochgradig, dass ich solche Wahrnehmungen überhaupt habe, geschweige denn abblocke. Das wüsste ich aber. Ich wünschte eher das Gegenteil, ich hieße sie willkommen, würde vermutlich echt helfen.


      Nachtrag: Durchaus kann ein Autist emotional überfordert, überflutet und überwältigt werden. Aber mir ist kein Fall bekannt, wo das nicht seine eigenen Gefühle waren, die das mit ihm gemacht haben.

      Ich nehme (nicht immer) eine Art schwammige, wenig differenzierte Grundstimmung im Raum / in der Gruppe wahr. Eine schlechte, angespannte Stimmung + Gewitterwetter vor dem Fenster habe ich in der 2. Klasse einmal als so bedrohlich wahrgenommen, dass ich darüber in Tränen ausgebrochen bin (obwohl mir klar war, dass es keine wirkliche Bedrohung war). Überschwemmt wurde ich also schon irgendwie von meinen eigenen Gefühlen, die aber durch die Stimmung im Klassenzimmer und das Wetter ausgelöst wurden.

      Sola wrote:

      Also so wie ich das jetzt verstanden habe, sind HSPler ganz besonders in der Lage, die Gemütslagen Dritter quasi über die Luft deuten zu können

      Was meinst du mit "durch die Luft"? Ich gehe davon aus, dass die Wahrnehmung ganz normal über diverse kleine Signale läuft, die mit den normalen Sinnesorganen wahrgenommen werden, also vor allem Körpersprache, Mimik und Stimmlage, nichts Übersinnliches also.

      Ich sehe den Unterschied zwischen normal sensibel und hochsensibel darin, dass bei normal sensiblen Personen schwächere Reize gar nicht erst ins Bewusstsein gelangen, sondern höchstens unterbewusst registriert werden. Bei hochsensiblen Personen dagegen dringen bereits schwächere Reize ins Bewusstsein und beeinflussen die Person dadurch deutlich stärker, bis hin zur Überforderung. Darin sehe ich eine Übereinstimmung mit der höheren Reizoffenheit - oder, umgekehrt ausgedrückt, Reizfilterschwäche - bei autistischen Personen.

      Was dann die Wahrnehmung von Stimmungen / Gefühlen im Gegenüber angeht, so nimmt ja auch ein Autist die gleichen nonverbalen Signale mit seinen Sinnesorganen wahr wie ein Nichtautist, nur kann er sie nicht so leicht deuten wie der Nichtautist - und vor allem nicht intuitiv, sondern es erfordert in der Regel den Umweg über den Verstand. Erkennt ein Autist aber eine Gefühlslage, sei es, weil sie so eindeutig ist oder weil er das Gefühl aus eigener Erfahrung gut genug kennt, kann auch er meiner Auffassung nach unfreiwillig davon beeinflusst werden.

      The post was edited 2 times, last by Turtle ().

    • Mark_Twain wrote:

      Das ist ein Schwachpunkt der I.W. Theorie. Ich bezweifle hochgradig, dass ich solche Wahrnehmungen überhaupt habe, geschweige denn abblocke. Das wüsste ich aber.
      Die Schwachstelle der Theorie wuerde ich eher in der Aussage finden, dass es eine Universaltheorie sei, die fuer alle Autisten gilt.
      Dass es bei dir moeglicherweise anders ist, sagt meiner Meinung nach nichts ueber die Richtigkeit dieser Theorie aus, wenn man es unter dem Gesichtpunkt betrachtet, dass sie fuer einen Teil der Autisten gilt und eben nicht fuer alle.

      Ich sehe zwei Staerken in dieser Theorie: Zum einen passt sie mit der zeitlichen Entwicklung des Kleinkindes zusammen. Insbesondere kognitive Empathie wird erlernt, ueber abgucken, darueber dass Eltern Emotionen spiegeln und allgemein ueber soziale Kontakte.
      Ein Kind, welches sich aufgrund der Ueberforderung mit all diesen emotionalen Signalen, die auf das Kind einprasseln, zurueckzieht, wird spaeter deutliche Probleme mit dem erkennen von Emotionen haben, da es diese Entwicklung nicht vollstaendig mitmacht.
      Die affektive Empathie ist davon jedoch nicht betroffen, da sie sich anders entwickelt. Autisten haben eine durchschnittliche bis sogar ueberdurchschnittlich ausgepraegte affektive Empathie.

      Zudem: Der Blickkontakt.
      Wieso meiden soviele Autisten Blickkontakt? Nicht alle, das ist klar, aber doch viele.
      Wenn man nichts in den Augen lesen kann und sie fuer einen nichts anderes sind als die Nasenfluegel oder Ohrlaeppchen, was Aussagen ueber die emotionale Verfassung des Gegenuebers betrifft, wieso werden sie dann trotzdem anders bewertet?
      Ich habe ja auch kein Problem damit, mir die Ohrlaeppchen meines Gegenuebers anzuschauen, das ist mir nicht unangenehm oder so.
      Sehr viele (jedoch natuerlich auch hier nicht alle!) Autisten berichten hingegen davon, dass Blickkontakt ihnen unangenehm ist, dass es zu sehr ablenkt, ich las sogar von welchen, denen es beinahe koerperlich wehtat. Warum?
      Offensichtlich scheinen doch irgendwelche Informationen ueber die Augen aufgenommen zu werden und die Beschreibungen wirken wie eine klassische Reizueberflutung, manchmal wird es auch als Reizueberflutung beschrieben.

      Ich betone nochmal, dass dies nicht fuer alle Autisten gilt. Aber was ich so lese, ob Blogs oder Buecher oder Forenbeitraege, scheint in grossen Teilen die Intense World Theory zu bestaetigen.
    • Turtle wrote:

      Was meinst du mit "durch die Luft"?


      Ich habe die Beschreibung, "durch die Luft", verwendet, weil ich es mir persönlich nur ganz schwer erklären kann. Das kommt aber nicht daher, dass es nicht rational erklärbar wäre, nur fehlt mir hier anscheinend die Gabe der Vorstellungskraft es in irgendeiner Art und Weise nachvollziehen zu können. Es wäre vermutlich an dieser Stelle besser und hilfreicher gewesen, wenn ich diesen Ausdruck mit '(RW)' gekennzeichnet hätte.

      Turtle wrote:

      Ich gehe davon aus, dass die Wahrnehmung ganz normal über diverse kleine Signale läuft, die mit den normalen Sinnesorganen wahrgenommen werden, also vor allem Körpersprache, Mimik und Stimmlage, nichts Übersinnliches also.


      Natürlich. So ist es auch. An Übersinnliches glaube ich grundsätzlich nicht und hatte auch zu keiner Zeit in diesem Zusammenhang daran gedacht.

      Jedenfalls ist es so, dass ich solche Dinge nicht kann. Nicht einmal beim eigenen Kind und das deprimiert mich oftmals.
    • Ich sehe noch immer nicht die Logik! Es wird immer wieder behauptet Autisten hätten eine geringe kognitive Empathie. Andererseits heisst es aber immer wieder Autisten müssten "den Umweg über den Verstand nehmen". Aber genau das ist es doch, was das Wort "kognitiv" bedeutet, dass also der Verstand gut eingesetzt werden kann zum analysieren und verstehen der Gefühle anderer Leute. Wenn ihr darüber hinaus nun auch noch sagt Autisten haben eine hohe affektieve Empathie, ergibt das das Gesamtbild zutiefst empathischer Menschen!
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Ich denke der Begriff kognitive Empathie ist diesbezüglich etwas missverständlich.
      Es bedeutet in dem Kontext: das erkennen der Gefühle und Gedanken anhand äußerer Signale wie z.B. Mimik, Körpersprache etc.
      Das Erkennen geschieht dabei jedoch unbewusst. Zumindest bei nicht-Autisten.
      Affektive Empathie ist hingegen das darauffolgende nachfühlen/mitfühlen.
      Dies setzt aber voraus, dass man weiß, was man zu fühlen hat.
      Erkenne ich aufgrund der Mängel in der kognitiven Empathie nicht intuitiv, dass die Person mir gegenüber z.B. gerade gestresst oder traurig ist, dann kann ich natürlich auch nicht angemessen mitfühlen.
      Diese Folgerung führte dazu, dass man Autisten lange Zeit nachsagte, vollkommen unempathisch zu sein.
      Mittlerweile weiß man, dass das meistens nicht stimmt und Autisten sehr wohl mitfühlen können und zwar im gleichen Maße wie nicht-autistische Menschen.

      Genaueres dazu hier: Empathie bei Menschen mit Autismus

      The post was edited 1 time, last by Hypatia ().

    • Wenn das kognitive Empathie ist, wie nennt man dann die andere kognitive Empathie, also die, die besagt, dass jemand gut darin ist die Menschen genau zu beobachten und durch kognitives gezieltes Analysieren ihres Verhaltens zu durchschauen? Ich meine rein kalt analytisch ohne emotionale Betroffenheit und ohne mitfühlen.
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    • Unter kognitiver Empathie verstehe ich sowohl das unbewusste, als auch das trainierbare, aktive Erkennen der Gefühle von anderen. Bei den meisten Menschen läuft das Erkennen fast von selbst ab, sie haben gelernt zu interpretieren, es ist intuitiv. Autisten sind in diesem Bereich beeinträchtigt, sie müssen das Erkennen von Merkmalen eher bewusst durchführen und Merkmale erkennen lernen.
      Was dann als Reaktion im Innern vorgeht, also Mitgefühl oder auch Desinteresse etc., das ist affektiv. Menschen, die " rein kalt analytisch ohne emotionale Betroffenheit und ohne mitfühlen" die Gefühle anderer erkennen und manipulieren, sind eher in der affektiven Empathie gestört, z.B. Psychopathen.
    • Mark_Twain wrote:

      Shenya wrote:

      Die Intense World Theory stellt die Hypothese auf, dass Autisten all diese Wahrnehmungen (von Stimmungen etc.) eventuell auch haben, sie aber abblocken, weil sie davon überflutet werden.

      Das ist ein Schwachpunkt der I.W. Theorie. Ich bezweifle hochgradig, dass ich solche Wahrnehmungen überhaupt habe, geschweige denn abblocke. Das wüsste ich aber. Ich wünschte eher das Gegenteil, ich hieße sie willkommen, würde vermutlich echt helfen.

      Nachtrag: Durchaus kann ein Autist emotional überfordert, überflutet und überwältigt werden. Aber mir ist kein Fall bekannt, wo das nicht seine eigenen Gefühle waren, die das mit ihm gemacht haben.
      Muss ich zustimmen. Die Intense-World-Theory halte ich für Kokolores. Das ist doch einfach nur eine unlogische Annahme.

      Wenn Autisten diese Wahrnehmungen automatisch immer abblocken müssten, wäre es von vornherein ja besser diese Wahrnehmungen gar nicht zu haben (also nicht abblocken zu müssen). So verpeilt ist die Evolution normalerweise nicht.
      "They say humans are social animals, they can't live alone. But you can live pretty well by yourself. I tell ya...instead of feeling alone in a group, It's better to have real solitude all by yourself."―Faye Valentine
    • Lex wrote:

      Und da habe ich von etwas Schlimmem erzählt, das mir in länger zurückliegende Vergangenheit über Jahre hinweg widerfahren ist. Und da bekam ich die Rückmeldung es habe sie irritiert, dass ich darüber mit emotional so unbeteiligter Stimme rein sachlich erzählt habe.


      Das könnte man rein theoretisch als Traumafolge betrachten. Es kommt nämlich durchaus vor, dass traumatisierte Menschen ganz sachlich und "objektiv" über ein Ereignis berichten können, obwohl sie zu anderen Zeiten sogar emotional sehr davon mitgenommen sind. So verstanden könnte man es als "normal" bezeichnen, wenn ein schlimmes Ereignis ohne Emotionen berichtet werden kann, weil die zugehörigen Emotionen "abgespalten" oder "dissoziiert" sind. Ob das Ereignis dich traumatisiert hatte, will ich damit nicht beurteilen; ich antworten rein auf die Aussage, dass "unbeteiligte Stimme" und "sachliches Erzählen" weder notwendig gegen Hochsensibilität noch gegen Emotionen diesem Ereignis gegenüber sprechen! Beides kann dadurch nicht ausgeschlossen werden, weil es mögliche andere Gründe gibt, weshalb man so unbeteiligt und sachlich darüber spricht!


      Hypatia wrote:

      Genau definieren laesst sich HSP natuerlich nicht, im Gegensatz zur Intelligenz (okay, darueber liesse sich streiten) laesst sich die Sensibilitaet nicht messen.


      Über alle Behauptungen in diesem Satz ließe sich streiten. -- auch über die Frage, ob man Intelligenz überhaupt schon genau definiert hat. Warum hat ein einziger Menschn nach Testung mit verschiedenen "Intelligenztest" wohl unter Umständen sehr verschiedene Ergebnisse? -- Soviel zur Klarheit psychologisch verwendeter Begriffe und zur Objektivität psychologischer Messinstrumente...

      Hypatia wrote:

      Wieso meiden soviele Autisten Blickkontakt? Nicht alle, das ist klar, aber doch viele.
      Wenn man nichts in den Augen lesen kann und sie fuer einen nichts anderes sind als die Nasenfluegel oder Ohrlaeppchen, was Aussagen ueber die emotionale Verfassung des Gegenuebers betrifft, wieso werden sie dann trotzdem anders bewertet?
      Ich habe ja auch kein Problem damit, mir die Ohrlaeppchen meines Gegenuebers anzuschauen, das ist mir nicht unangenehm oder so.
      Sehr viele (jedoch natuerlich auch hier nicht alle!) Autisten berichten hingegen davon, dass Blickkontakt ihnen unangenehm ist, dass es zu sehr ablenkt, ich las sogar von welchen, denen es beinahe koerperlich wehtat. Warum?
      Offensichtlich scheinen doch irgendwelche Informationen ueber die Augen aufgenommen zu werden und die Beschreibungen wirken wie eine klassische Reizueberflutung, manchmal wird es auch als Reizueberflutung beschrieben.


      Zum einen: auch hier gilt wie oben, dass es auch andere Menschen gibt, für die Blickkontakt sehr schwer ist, nämlich wiederum traumatisierte Menschen! Vor allem komplex traumatisierte Menschen scheuen oft sehr jeglichen Blickkontakt.

      Ich selbst kenne zwei Aspekte, die ich auch klar differenzieren muss (und ich merkte erst mit der Zeit, dass es diese beiden gibt und vielleicht kenne ich sogar noch andere nicht): Einerseits kenne ich die Reizüberflutung bei Blickkontakt und ich kenne tatsächlich auch Schmerz vor Reizüberflutung bei Blickkontakt. Andererseits kenne ich auch das Meiden von Blickkontakt aus Scham und Schuldgefühlen heraus (wegen der Traumatisierungen) und aber auch Schmerz durch Blickkontakt wegen bestimmter Traumata. Wenn man das psychotherapeutisch angehen möchte, muss man also wirklich klar das "Pathologische" (Traumafolge) von dem für mich nicht als pathologisch bewerteten (dem, was meine Sensibilität betrifft) unterscheiden.

      Zu all diesem kenne ich aber auch Situationen, in denen mir Blickkontakt sogar sehr, sehr gut tut. Meist aus etwas größerer Entfernung, aber bisweilen auch aus der Nähe. Gut tut mir Blickkontakt dann, wenn ich mich in der Situation rundum wohl fühle und wohl auch das Gefühl habe, wahrgenommen zu werden, sodass man mich "sehen kann" und ich auch den Anderen "sehen kann". Die Augen, so heißt es in einer Aussage von ich weiß gerade nicht mehr genau wem , sind die Fenster zur Seele. Es ist ein gegenseitiges Wahrnehmen und Entdecken, ein Sehen und Gesehen-Werden. Meine Idee ist: Wenn man zu oft nicht gesehen wurde und statt dessen etwas Anderes in einem gesehen wurde als die hohe Sensibilität, wendet man beschämt seinen Blick ab vom Anderen. (Eine von vielen Möglichkeiten.)

      Ich bin der Ansicht, dass man vieles nicht monokausal zu erklären versuchen darf!!

      Tabantus wrote:

      Wenn Autisten diese Wahrnehmungen automatisch immer abblocken müssten, wäre es von vornherein ja besser diese Wahrnehmungen gar nicht zu haben (also nicht abblocken zu müssen). So verpeilt ist die Evolution normalerweise nicht.


      Nun ja, früher war die Welt nicht so komplex, überladen, laut, blinkend wie heute. So schnell kommt "die Evolution" des Menschen nicht nach. Besonders sensible Menschen gab es wohl immer schon. Die Frage wäre dann, wie ging es ihnen, als die Welt noch überschaubarer und eben weniger reizüberflutend, weniger schnell und gehetzt, weniger sensorisch stressreich war in vielerlei Hinsicht als heute? Klar, es gab andere Herausforderungen, aber sensorische Überflutung war vermutlich nicht so sehr gegeben, oder?

      Ich persönlich halte es schon für möglich, dass Emotionen und Wahrnehmungen "abgeblockt" werden müssen, um sich vor ihnen zu schützen. Kein Mensch nimmt alles wahr, was auf ihn eintrifft, manche Menschen aber sind "reizoffener", manche weniger und man kann den eigenen Fokus auch durch beispielsweise Konzentration steuern (wenn man es denn kann), sodass man Wahrnehmungen ausblenden kann, die man andernfalls durchaus wahrnähme.

      Beispiel: Man hört ein Orchester spielen. Man kann sich einerseits die gesamte Klangfülle anhören, andererseits kann man bewusst auf ein Instrument/eine Instrumentegruppe/Stimme fokussieren. Die Wahrnehmung der übrigen Stimmen wird dann verblassen, möglicherweise im Extremfall sogar ganz verschwinden aus dem Bewusstsein.

      Ich habe -- um kurz noch zur Umfrage etwas zu sagen -- angegeben, Verdachtsautistin mit Hochsensibilität. (Weiß gerade Deine Formulierung nicht mehr ganz :) )
      Die Sprache ist das Haus des Seins.

      (Martin Heidegger)
    • Silena wrote:

      Wenn man das psychotherapeutisch angehen möchte, muss man also wirklich klar das "Pathologische" (Traumafolge) von dem für mich nicht als pathologisch bewerteten (dem, was meine Sensibilität betrifft) unterscheiden.
      Diese Unterscheidung wird jedoch hinfällig, wenn kein Trauma vorliegt.

      Das ist der bedeutende Unterschied zu dem Beispiel von Lex oder Sola, dort ist dann wirklich die Herausforderung für den Psychologen/Psychiater, herauszufinden, ob die emotional distanzierte Erzählweise "Typsache" ist oder, weil das Ereignis so traumatisierend war, dass die emotionale Distanziertheit ein Schutzmechanismus ist, den viele Menschen entwickeln.
      In dem Fall ist es schwer, von Außen zu erkennen, was der Grund für die distanzierte Beschreibung des Geschehenen ist.

      Zum Evolutionsaspekt: Man darf zudem nicht vergessen, dass Evolution nicht gerichtet ist, sondern zufällig. Und viele Ergebnisse der Evolution sind im Grunde genommen Kompromisse.
      (Z.B. mein Lieblingsbeispiel: Die menschliche Geburt. Auch ein Kompromiss um sowohl die Gehirngröße als auch den aufrechten Gang zu erhalten - dadurch ist die Geburt verhältnismäßig komplikationsreicher als bei anderen Säugetierarten und das Menschenkind kommt relativ unreif zur Welt.)
    • Letztlich heisst das dann doch dass Autisten, die gut darin sind das Verhalten anderer Menschen zu beobachten uns deren Gedankengänge zu analysieren und so deren Beweggründe und Handlungsmotivationen zu erfassen, doch eine hohe kognitive Empathie haben, obwohl oder vielleicht gerade weil es bei ihnen nicht automatisiert sondern gezielt und als bewusster Denkprozesse abläuft. Nur leider fallen die beim Autismustest dann leicht durch, da sie dank ihrer hohen Intelligenz und damit verbundenen guten Kompensationsmethoden nicht dem gängigen Autismusklischee in allen Punkten entsprechen sondern viel kompensieren und überdecken können.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.
    • Hypatia wrote:

      Diese Unterscheidung wird jedoch hinfällig, wenn kein Trauma vorliegt.


      Ja, klar für eine individuelle Person freilich. Mir ist nicht ganz klar, ob Du jetzt gegen mich argumentieren wolltest. Ich wollte Deine Aussage bestätigen und ergänzen mit dem Trauma-Beispiel (Blickkontakt-Problem). Deswegen aber ist mir nun auch nicht so ganz klar, was genau Du damit meinst:

      Hypatia wrote:

      Das ist der bedeutende Unterschied zu dem Beispiel von Lex oder Sola, dort ist dann wirklich die Herausforderung für den Psychologen/Psychiater, herauszufinden, ob die emotional distanzierte Erzählweise "Typsache" ist oder, weil das Ereignis so traumatisierend war, dass die emotionale Distanziertheit ein Schutzmechanismus ist, den viele Menschen entwickeln.
      In dem Fall ist es schwer, von Außen zu erkennen, was der Grund für die distanzierte Beschreibung des Geschehenen ist.


      Da verstehe ich gerade nicht so ganz, worauf Du das beziehst -- auf den Blickkontakt noch oder auf die emotionale Sachlichkeit? Und meinst Du, spricht das gegen meine Differenzierung oder was genau? Tut mir leid, vielleicht liegt es auch an der Uhrzeit, dass ich es nicht so ganz erfasse.
      Die Sprache ist das Haus des Seins.

      (Martin Heidegger)
    • Mark_Twain wrote:

      Das ist ein Schwachpunkt der I.W. Theorie. Ich bezweifle hochgradig, dass ich solche Wahrnehmungen überhaupt habe, geschweige denn abblocke. Das wüsste ich aber. Ich wünschte eher das Gegenteil, ich hieße sie willkommen, würde vermutlich echt helfen.
      Ich bin zum Schluss gekommen, dass diese Theorie auf mich zustimmt. Vor allem als Kind konnte ich es überhaupt nicht ertragen, im Fernsehen eine Szene zu sehe, in der sich jemand blamiert. Oder wenn ich ein Buch gelesen habe und die betreffende Person ist in eine missliche Lage geraten, das habe ich jeweils kaum ausehalten. Oft habe ich auch geweint, wenn jemand anderes auch geweint hat, insbesondere Menschen, die mir wichtig sind (Eltern). Deshalb hatte ich lange das Gefühl, dass ich überempathisch bin. Später bin ich ins andere Extrem gekommen, nämlich dass solche Sachen bei mir überhaupt keine Gefühlsregung ausgelöst haben.
      Mittlerweile bin ich wieder mehr "mich selbst" und es passiert mir wieder mehr, dass ich gewisse "Gefühlssituationen" kaum ertrage.

      Passen meine Erfahrungen zur I.W. Theorie?

      Bezüglich HSP muss ich sagen, dass mir dies ziemlich egal ist. Ich habe sicher Anteile davon, aber die Diagnose AS langt mir, ich will nicht noch etwas mehr "haben", deshalb kümmere ich mich nicht darum, ob das ganze unter dem Strich auf mich zutrifft oder nicht. Laut Internetselbsttests bin ich aber dabei.
    • Lex wrote:

      Letztlich heisst das dann doch dass Autisten, die gut darin sind das Verhalten anderer Menschen zu beobachten uns deren Gedankengänge zu analysieren und so deren Beweggründe und Handlungsmotivationen zu erfassen, doch eine hohe kognitive Empathie haben,

      Verstehe ich nicht. Autisten haben eine gestörte kognitive Empathie, und du schließt aus der intellektuellen Kompensation der beeinträchtigten kognitiven Empathie eine hohe kognitive Empathie? Häh?

      Wenn Menschen mit gestörter kog. Empathie kompensatorisch gut analysieren können, heißt das, dass sie gelernt haben Hinweise zu erkennen, sie haben also gute analytische, beobachtende Fähigkeiten ausgebildet, im Rahmen eines auswendig gelernten Repertoires, mehr nicht. Bei dem "üblichen" Autisten werden diese analytischen Fähigkeiten m.E. dennoch nur begrenzt zum Erfolg führen; das geht schlicht mit der anderen Wahrnehmung einher, dass vorallem Details wahrgenommen werden und Gefühlsausdrücke eben nicht an einem Detail, sondern nur im einem Zusammenspiel vieler Bewegungen und Ausdrucksformen verstanden werden können, was eine gute zentrale Kohärenz voraussetzt, an denen es Autisten mangelt.

      Wer unsichtbare Gedankengänge, Handlungsmotivationen, Beweggründe, Gefühle etc. mit Leichtigkeit erkennt oder vorwegnehmen kann, hat schlicht keine gestörte kog. Empathie. Der soll sich dann freuen.