Unsinn und Sinn einer Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter – soll ich oder soll ich nicht…

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    • Unsinn und Sinn einer Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter – soll ich oder soll ich nicht…

      Hallo,


      Wie ihr teilweise vielleicht schon gelesen habt (Mein Sohn, meine Mutter und…ich? - Vorstellungen und Verabschiedungen - aspies.de Selbsthilfeforum), habe ich durch die Diagnostik-„Reise“ mit meinem Sohn entdeckt, dass ich vermutlich selbst Autistin bin. Ganz sicher habe ich autistische Züge, ob ich bei einer Diagnose dann überm Cut-Off landen würde, da bin ich mir nicht so sicher, da ich sozial sehr gut kompensieren kann und das mein Leben lang geübt habe. Ich bin also nicht 100%ig überzeugt davon. Immer wieder überfallen (RW) mich Zweifel, da ich doch dafür vielleicht einfach noch „zu gut funktioniere“ (obwohl ich das vermutlich nur tue, weil ich nicht mehr arbeite ;) ).


      Aber auf der anderen Seite würde Autismus ALLE Ungereimtheiten, Probleme, Eigenheiten und Fragen in meinem Leben erklären. Restlos ALLE. Und es passt einfach. Insbesondere bei dem Buch „Schattenspringer“ ist es mir eiskalt den Rücken runter gelaufen (RW), weil ich dachte:“die beschreibt ja MICH!“. DAs war so mein persönlicher AHA-Moment.




      Was mich eigentlich bewegt ist Folgendes: ich habe mich mein Leben lang von den anderen Menschen „abgetrennt“ gefühlt, wie durch eine unsichtbare Wand getrennt. Während alle Spaß haben auf einer Fete, will ich nur nach Hause, während alle über Person X lästern, frage ich mich was das soll und wie unfair und unsozial das ist, während alle ihre „Grüppchen“ haben und beieinander stehen und sich amüsieren, sitze ich alleine irgendwo und lese, weil ich mit den Gesprächsinhalten nichts anfangen kann und ich die „ungeschriebenen“ Gesetze und Regeln nicht begreife…Während alle dies und jenes superspannend finden, finde ich das nur gähnend langweilig. Während ich total begeistert und fast schon besessen von einem Thema bin, können andere meinen Eifer überhaupt nicht nachvollziehen und sind genervt, weil ich so viel darüber spreche. Ich wurde in meiner Kindheit und Jugend gemobbt, ich war als junge Erwachsene unter Männern beliebt (weil ich ziemlich attraktiv war und dazu auch geistreich und schlau ;o)), mit Frauen konnte ich oft aber nicht. Ich hatte mein Leben lang immer nur 1-2 sehr GUTE Freundinnen, die waren mir dann aber auch immens wichtig. Leider habe ich oft auch da wieder Dinge falsch gemacht, wie mich zu selten gemeldet oder Dinge vergessen oder was auch immer. Wenn mir jemand eine Banane anbot, diese mir schälte und sie mir reichte, konnte ich riechen, dass die Banane zuvor neben einer Paprika gelegen hatte und konnte sie nicht essen (Ich hasse Paprika). Wenn meine Mutter laut auflachte, fing ich an zu heulen und hielt mir die Ohren zu, weil mich das Geräusch so erschreckte (und auch die starke Emotion, die ich nicht einordnen konnte). So könnte ich ewig weiter beschreiben...

      Fakt ist, dass ich mich einsam fühle (trotz Ehemann und 3 Kindern, die ich alle 4 über alles liebe), gleichzeitig aber mit denn allermeisten anderen Menschen nur herzlich wenig anfangen kann und bin am liebsten allein. Auch meine Familie wird mir schnell viel zu viel :( . Ich habe das sehr starke Gefühl, dass ich NCHT NEUROTYPISCH bin. Ich fühle mich autistisch, bzw. beschreibt Autismus, das wie ich mich fühle noch am ehesten/besten.


      Hier im Forum habe ich aber das unterschwellige Gefühl (obwohl bislang alle nett zu mir waren :nod: ), dass man unter Autisten auch nur WIRKLICH als zugehörig akzeptiert wird, wenn man eine offizielle Diagnose hat, was mich irgendwie traurig macht. Schon wieder gehöre ich nicht dazu, obwohl ich es ziemlich sicher tue. Dieses Mal fehlt mir das "offizielle Label".

      Dabei kann ich nichts dafür, dass vor 40 Jahren autistische Mädchen einfach noch überhaupt nicht erkannt wurden und meine Mutter einfach ziemlich nachlässig war (die redet mit 3 nicht? Egal wird sie schon noch!). Wäre das der Fall gewesen, hätte man damals auf dem Schirm gehabt, dass es auch autistische Mädchen gibt und wäre das Asperger-Syndrom als solches schon populär und bekannt genug gewesen (das war da glaube ich noch nicht mal offiziell im ICD), so wäre ich wohl sehr früh diagnostiziert worden, denn wenn ich das mit dem heutigen Wissen betrachte, erfülle ich alle Kriterien. Ich brauche FÜR MICH eigentlich keine Diagnose. Mir reicht es, das zu vermuten, denn ich für mich bin mir da relativ sicher.

      Aber ich habe das Gefühl ich brauche sie für meine Außenwelt. Sowohl um endlich irgendwo „offiziell“ dazu zu gehören und mich zurecht unter Autist*innen heimisch zu fühlen (was ich tue), als auch um meinen Freunden, meiner Familie gegenüber offen darüber sprechen zu können und auch aufhören zu können zu masken und zu lügen ("ich hab Migräne und kann leider nicht zur Geburtstagsfeier kommen würde dann abgelöst durch:"mir ist das einfach zu viel, die ganzen fremden Menschen, die Lautstärke, dann muss ich auch noch Smalltalk halten und das kann ich einfach nicht. Ich fühle mich fehl am Platz bei sowas. Mir macht das Angst und es stresst mich!"). Bislang weiß nur ein SEHR kleiner Kreis davon, dass ich bei mir Autismus vermute. Von einer Person wurde das direkt erstmal abgelehnt („es reicht doch, dass du hochsensibel bist! Das erklärt doch auch das meiste“), erst als ich ein wenig erzählt habe, wie ich als Kind und Jugendliche war, wie es IN mir aussieht, wenn ich mit jemandem spreche und sozial interagiere, wurde sie sehr still und meinte, dass es vielleicht doch passen könnte. Sie ist selbst hochsensibel und sehr intelligent, aber na ja, manche Dinge, die ich gemacht habe oder wie ich etwas wahrnehme, das kann sie dann doch überhaupt nicht nachvollziehen .


      Die andere Person ist Schulbegleiterin für ein autistisches Kind und negierte das auch erst einmal komplett (da sie ein frühkindlich autistisches, nonverbales Kind betreut, der zudem eine Intelligenzminderung hat). Als ich dann ein wenig erzählte und erklärte, wurde sie auch offener. Ich habe aber eigentlich garkeine Lust, jetzt bei jedem, der mir wichtig ist, Aufklärung zu betreiben. Ich möchte auf der einen Seite mit mir wichtigen Menschen TEILEN, was ich für mich weltbewegendes „entdeckt“ habe, da das auch mein neues Spezialinteresse ist, auf der anderen Seite wünsche ich mir aber, dass das nicht angezweifelt sondern einfach angenommen und akzeptiert wird, dass ich „angenommen“ werde so wie ich bin. Es kennt mich doch niemand besser als ich? Und wer sagt schon freiwillig: Ich bin Autistin! Wenn dies nicht begründet ist? Immerhin weckt das bei vielen Menschen nicht nur positive Assoziationen...
      Ich will mich nicht mehr verstecken und ständig vorgeben anders zu sein als ich es bin. Ich bin ausgelaugt, müde und erschöpft. Das frisst mich immer mehr auf. Soziale Interaktion wird für mich immer anstrengender. Ich habe dafür immer weniger Energie.



      Vielleicht spreche ich hiermit insbesondere, die nicht diagnostizierten, weiblichen VAs hier an. Vielleicht erkennt oder versteht das aber auch der ein oder andere diagnostizierte Mensch hier...

      Kennt ihr solche Gedankengänge und Gefühle auch? Wenn ihr euch für eine Diagnose entschieden habt, WARUM? Wenn ja, wie habt ihr das in Angriff genommen? Ich tue mir mit telefonieren total schwer und finde die Diagnostik für meinen Sohn grade schon so anstrengend und extrem nervenaufreibend. Vor jedem Termin bin ich wochenlang aufgeregt und gehe alles immer und immer wieder in Selbstgesprächen oder mit Schriftlichen Listen durch, kurz vor dem Tag selbst, habe ich Angst, dass ich zu spät komme, krank werde, Stau ist, oder was auch immer. Ich wüsste garnicht, wie ich das für MICH auf die Reihe kreigen sollte und ich versuche eben grade Nutzen und Aufwand gegeneinander abzuwägen und das fällt mir schwer.
      "...Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken denn sie haben ihre eigenen Gedanken...." ( aus "der Prophet" von Khalil Gibran)
    • Hallo Zephyr,

      mir gehts stellenweise auch so, finde mich in deinen Aussagen gut wieder.
      Ich bin auch ständig am analysieren, passt das jetzt, das passt nicht etc. und verliere da ein bisschen den Überblick. Ich hab noch nichts Richtung Diagnose angestoßen, begnüge mich erstmal mit ganz vielen Infos und ganz vielen Aha-Momenten für mich selber. Ich bin ziemlich angepasst, daher recht unauffällig (denke ich?) und weiß auch nicht, ob ich über dem Cut-Off landen würde. Diesen Gedankenzirkus würde eine offizielle Diagnose für mich evtl. beenden, ich lese aber immer wieder hier im Forum, dass viele die Diagnose dann hinterfragen.
      Die langen Wartezeiten und wenigen Diagnostikstellen schrecken mich auch ab. Eine Diagnose haben würde mir evtl. bei mehr Akzeptanz und Erklärbarkeit im Beruflichen und in der Familie helfen. Bei ersterem kann ich nicht mit Kollegen mithalten, bei zweiteren wird es mir bisher abgesprochen trotz (früh) diagnostiziertem Bruder. Oder hilft auch nicht, je nach Person und wie ich in der Lage bin, das ganze gut verständlich rüberzubringen.
      Für mich selber reicht bisher eigentlich mein Verdacht aus. Bis auf so manche Zweifel hinsichtlich beruflicher Entwicklung, da hätte ich vielleicht schon gerne jemanden, der da mal von außen draufschaut und mit mir alles auseinandersortiert (RW), was kann ich, was kann ich nicht, wo denke ich nur, dass ich es kann, sollte es aber lieber sein lassen, welche Ziele sind realistisch, welche nicht, wo kann man mit welchen Strategien gut daran arbeiten. Da bin ich gerade ziemlich verloren und weiß nicht mehr wohin, ich will mich nicht mehr verstecken und gleichzeitig nur noch verkriechen. Bezweifle aber, dass mir dafür eine Diagnostik was bringt. Vielleicht würde es mir auch helfen, wenn ich schwarz auf weiß von einem Facharzt lesen kann, dass ich für bestimmte Aufgaben nicht geeignet bin. Vielleicht kann ich es dann endlich akzeptieren und mir einen anderen Weg suchen. Ach keine Ahnung. Stecke noch mitten in der Frage.

      Zephyr wrote:

      Hier im Forum habe ich aber das unterschwellige Gefühl (obwohl bislang alle nett zu mir waren :nod: ), dass man unter Autisten auch nur WIRKLICH als zugehörig akzeptiert wird, wenn man eine offizielle Diagnose hat, was mich irgendwie traurig macht. Schon wieder gehöre ich nicht dazu, obwohl ich es ziemlich sicher tue. Dieses Mal fehlt mir das "offizielle Label".
      Das kann ich für mich so nicht bestätigen. Ich picke mir das raus, was für mich gerade hilfreich ist und gebe meinen Senf dazu (RW), wo ich denke, dass es evtl. für andere hilfreich ist. Wobei ich bei den Beiträgen jeweils kennzeichne, dass ich nicht diagnostiziert bin. Ich denke aber, dass es dem Austausch gut tut, wenn sich zu Themen rund um Alltag mit Autismus, Sinneswahrnehmungen, Job etc. nicht nur diagnostizierte Autisten melden, solange der Status klar ist (meine Meinung).
      Generell würde mich interessieren, was hinterlässt diesen Eindruck bei dir?

      Bin gespannt wie du deinen Weg machen wirst, wie du dich entscheidest und würde mich freuen, davon dann zu lesen :)
      "The universe is under no obligation to make sense to you" :prof: Neil DeGrasse Tyson
    • @Zephyr du hast gefragt warum Testen. Zuerst, ich bin Ü60 und meine Eltern, halt mein Umfeld hat mich spüren lassen das ich nicht so bin wie sie, doch selbst erkannt das etwas anders ist hat sehr lange gedauert. Ich habe mich angepasst, alles versucht das zu sein was vom Umfeld und Arbeitgeberseite erwartet wurde und war auch sehr erfolgreich doch nie Glücklich oder Zufrieden. Innerlich immer irgendwie auf der Flucht vor anderen. Ich war verheiratet, habe zwei Kinder, ein gutes Leben, doch es gab oft Krach weil meine Reaktionen, mein Denken nicht verstanden wurden.

      Und ich wurde in der Familie immer einsamer. Das warum habe ich erst nach meiner schweren Erkrankung vermittelt bekommen. Ich erwarte keinen Vorteil in der Gesellschaft davon, dafür ist viel zu viel Zeit in meinem Leben vergangen, doch heute wo ich weis was die Ursache war kann ich zuordnen, klären, mit vielen Alltagssituationen anders umgehen, setze mich selbst nicht mehr meinem eigenen enormen Druck aus, bin ruhiger geworden. Heute ist es z.b. ok wenn ich mich zurückziehe wenn ich Ruhe brauche.
      So viele Jahrzehnte mit AS gelebt, ich war in Therapien, in Kliniken, habe wie bereits erwähnt eine Diagnose nach der Anderen bekommen, mein Innerstes hat sich, bis auf die Depressionen, gegen alles gewehrt, es hatte ja auch direkte Konsequenzen, und dann kam endlich raus das ich Asperger bin.

      Endlich kann ich eine Zuordnung schaffen, meine SI ausleben, die Menschen die mich kennen sind nicht alle informiert da ich nicht in eine Ecke gestellt werden und abgestempelt werden möchte.
      Ich trauere nichts nach auch wenn ich mich in Stresssituationen irgendwie um einiges betrogen fühle bin ich doch ich und gerade auch in einer heftigen Depression gefangen, doch auch das ist jetzt ok, denn es ist das was zu mir gehört und gehören darf. Ich muss mich nicht mehr verkleiden, nicht mehr verstecken.
      Meine Position zu mir selbst hat sich unheimlich verbessert, ich kann endlich definieren was mich zu dem allem macht und die Diagnose war kein Schock.
      Denn es liegt an mir allein was ich daraus mache, wie ich mich verhalte, welchen Freiraum ich mir heute nehme und das Wichtigste, sage ich heute NEIN, dann ist es auch ein Nein. Das konnte ich früher nicht.

      Also für mich hat es eine Klärung gegeben und viele Probleme kann ich heute benennen. Ich kann meine Zukunft anders leben, denn meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, doch all das bewusster tun.
      Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.
      (Erich Kästner)
    • zzis wrote:



      Zephyr wrote:

      Hier im Forum habe ich aber das unterschwellige Gefühl (obwohl bislang alle nett zu mir waren :nod: ), dass man unter Autisten auch nur WIRKLICH als zugehörig akzeptiert wird, wenn man eine offizielle Diagnose hat, was mich irgendwie traurig macht. Schon wieder gehöre ich nicht dazu, obwohl ich es ziemlich sicher tue. Dieses Mal fehlt mir das "offizielle Label".
      Das kann ich für mich so nicht bestätigen. Ich picke mir das raus, was für mich gerade hilfreich ist und gebe meinen Senf dazu (RW), wo ich denke, dass es evtl. für andere hilfreich ist. Wobei ich bei den Beiträgen jeweils kennzeichne, dass ich nicht diagnostiziert bin. Ich denke aber, dass es dem Austausch gut tut, wenn sich zu Themen rund um Alltag mit Autismus, Sinneswahrnehmungen, Job etc. nicht nur diagnostizierte Autisten melden, solange der Status klar ist (meine Meinung).Generell würde mich interessieren, was hinterlässt diesen Eindruck bei dir?

      Bin gespannt wie du deinen Weg machen wirst, wie du dich entscheidest und würde mich freuen, davon dann zu lesen :)
      Hallo zzis,

      es war speziell ein Beitrag, wo ein diagnostizierter autistischer Mensch (weiß nicht ob männlich oder weiblich), schrieb, dass er/sie das Gefühl hat, dass insbesondere Menschen, die eigentlich keine Autisten sind, sich diese Diagnose "wünschen" und sich autistisch sehen, wohingegen autistische Menschen das ja meist garnicht so wahrnehmen und oft auch nicht annehmen können. Da habe ich mich angesprochen gefühlt, obwohl ich das ganz anders empfinde.

      Irgendwie hat das bei mir den Eindruck hinterlassen, dass man hier schnell hinterfagt wird, wenn man keine Diagnose vorweisen kann. Ich "wünsche" mir nicht Autistin zu sein, ich fühle mich nur einfach so und dass meine Gefühlswelt zu dem einer lange unerkannten Autistin sehr gut passt, weiß ich auch erst seit kurzem. Vorher dachte ich immer ich wäre irgendwie "kaputt/schwach/krank"... Auch als der Verdacht bei meinem Kind aufkam, habe ich das erstmal ganz weit von mir gewiesen. Ich konnte diese Vermutung erst überhaupt nicht nachvollziehen. Im Nachgang bin ich froh, dass diese Person so direkt war und mir ihre Vermutung mitgeteilt hat. Denn sie hatte allem Anschein nach ja Recht und ich Unrecht ;).

      Das ist ein erheblicher Unterschied ob ich mir wünsche Autistin zu sein oder ob ich das Gefühl habe es passt am besten zu mir...

      Ehrlich gesagt wollte ich einfach nur immer "normal" sein. Nicht was das soziale Benehmen oder Verhalten angeht, denn das kann ich bei NTs so häufig garnicht nachvollziehen und da distanziere ich mich gerne davon (im übertragenen Sinne). Aber insbesondere meine sensorischen Empfindlichkeiten, das Gedankenkreisen (auch was die SI#s angeht, da das oft fast schon zwanghaft anmutet), die Einschlafprobleme, dass innerlich wissen, dass man viel mehr Potenzial hat, es aber einfach nie umsetzen konnte, das hat mich in meinem Leben schon immer ziemlich behindert und belastet, bis hin zu Depressionen und Burnouts und Erschöpfungssyndrom wie psychosomatische Auswirkungen (Migräne, Bandscheibenvorfall...).

      Ansonsten fühle ich mich hier sehr wohl. Ich verstehe sowohl die "Spielwiese" sehr gut und musste wirklich grinsen, da dies Spiele sind, die wir innerhalb der Familie ganz viel spielen, aber andere das irgendwie oft nicht verstehen und ich mich immer gefragt habe, wieso das andere Familien nicht machen oder daran keinen Spaß haben. Auch finde ich hier den Umgang sehr gut und konstruktiv. Man bleibt meist auf der Sachebene, die Diskussionen sind respektvoll, bringen wertvolle Ansätze und Denkanstöße oder Informationen. Ich verstehe was die Menschen hier von sich berichten und finde mich ständig wieder.

      Ich denke ich bin noch nicht so weit, diesen Riesenschritt auf mich zu nehmen, eine Diagnostik zu starten. Insbesondere, weil ich mit dem Alltag sowieso schon schwer zu kämpfen habe. Aber dann denke ich wieder, dass es ja vielleicht auch viel Last von mir nehmen könnte und es die Mühe wert ist. Schwierig.

      Im Moment steht, auch wenn bei mir echt grade wirklich "Kopfkino" (RW) herrscht was mein gesamtes Leben angeht ;), mein Sohn im Vordergrund, der wohl demnächst seine gesicherte Diagnose bekommt. Dann müssen alle möglichen Dinge auf den Weg gebracht werden (RW) und somit habe ich eigentlich eh keine "Zeit" für mich und meine Bedürfnisse. Aber das ist ja schon immer das Problem gewesen...

      Ich freue mich für dich, dass du für dich da so "genügsam" bist und dir das mitlesen und schreiben hier erst einmal reicht. Ich bin schon "unruhig"... Auch wenn ich allein durch die Vermutung schon vieles erkenne und mich besser verstehe. Es wäre wohl entspannter mit der Außenwelt klar zu kommen, wenn ich eine offizielle Diagnose hätte.
      "...Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken denn sie haben ihre eigenen Gedanken...." ( aus "der Prophet" von Khalil Gibran)
    • Zunächst hinsichtlich des Gedankens, dass hier im Forum zwischen Diagnostizierten und Nichtdiagnostizierten ein Unterschied gemacht wird:

      Ein solcher Unterschied besteht bis zu einem gewissen Grad naturgemäß bei autismusspezifischen Themen, wenn es beispielsweise um Erfahrungsberichte geht. Denn es macht natürlich einen erheblichen Unterschied, ob ein diagnostizierter Autist explizit autismusbezogene Erfahrungen schildert oder ob dies jemand ohne Autismusdiagnose tut.

      Wenn es z.B. um die Frage geht, wie andere autistische Teilnehmer beispielsweise einen für sich leidensgerechten Arbeitsplatz gestalten, sind Beiträge von nichtdiagnostizierten Teilnehmern weniger aussagekräftig, weil eben nicht gesichert ist, dass ihre Erfahrungen autismusspezifisch sind. Zugleich sind diese Beiträge aber auch nicht wertlos und werden - so meibe Erfahrung - auch nicht als wertlos angesehen. Wenn beispielsweise ein diagnostiziert autistischer Teilnehmer danach fragt, wie andere Autisten mit Lichtempfindlichkeit umgehen und ein nichtdiagnostizierter Teilnehmer hat beispielsweise einen Tipp für eine Sonnenbrille oder eine entspiegelnde Folie für den Schreibtisch, dann sind das wertvolle Beiträge.

      Auch gibt es hier ja diverse User ohne Diagnose, die beispielsweise Angehörige im Spektrum haben und wie beispielsweise @Capricorn immer wieder bereit sind, ihre Erfahrungen und Tipps zu teilen und umgekehrt auch nach Ratschlägen und Tipps fragen und darauf ebenfalls Rückmeldungen erhalten. Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ich mit der Formulierung "User ohne Diagnose" keine Wertung dahingehend treffe, ob diese User autistisch sind oder nicht. Das wäre übergriffig und anmaßend.

      Zur Frage, was die Diagnose bringt:

      Zunächst bringt sie eine gewisse Klarheit, weil die Diagnose dem Kind einen Namen gibt (rw). Diese Klarheit kann tröstlich sein oder auch niederschmetternd, je nachdem, ob man die Diagnose vielleicht für sich stehen lassen möchte, also als Antwort, warum das eigene Leben verlief, wie es eben verlief.

      Die Diagnose kann (und sollte es meiner Meinung nach auch) Ausgangspunkt für eine gezielte Verhaltentherapie sein; für einen Austausch mit dem eigenen Umfeld, um vielleicht langjährige Fehlinterpretationen des gegenseitigen Verhaltens auszuräumen; etc.
    • Badener wrote:

      @Zephyr du hast gefragt warum Testen. Zuerst, ich bin Ü60 und meine Eltern, halt mein Umfeld hat mich spüren lassen das ich nicht so bin wie sie, doch selbst erkannt das etwas anders ist hat sehr lange gedauert. Ich habe mich angepasst, alles versucht das zu sein was vom Umfeld und Arbeitgeberseite erwartet wurde und war auch sehr erfolgreich doch nie Glücklich oder Zufrieden. Innerlich immer irgendwie auf der Flucht vor anderen. Ich war verheiratet, habe zwei Kinder, ein gutes Leben, doch es gab oft Krach weil meine Reaktionen, mein Denken nicht verstanden wurden.

      Und ich wurde in der Familie immer einsamer. Das warum habe ich erst nach meiner schweren Erkrankung vermittelt bekommen. Ich erwarte keinen Vorteil in der Gesellschaft davon, dafür ist viel zu viel Zeit in meinem Leben vergangen, doch heute wo ich weis was die Ursache war kann ich zuordnen, klären, mit vielen Alltagssituationen anders umgehen, setze mich selbst nicht mehr meinem eigenen enormen Druck aus, bin ruhiger geworden. Heute ist es z.b. ok wenn ich mich zurückziehe wenn ich Ruhe brauche.
      So viele Jahrzehnte mit AS gelebt, ich war in Therapien, in Kliniken, habe wie bereits erwähnt eine Diagnose nach der Anderen bekommen, mein Innerstes hat sich, bis auf die Depressionen, gegen alles gewehrt, es hatte ja auch direkte Konsequenzen, und dann kam endlich raus das ich Asperger bin.

      Endlich kann ich eine Zuordnung schaffen, meine SI ausleben, die Menschen die mich kennen sind nicht alle informiert da ich nicht in eine Ecke gestellt werden und abgestempelt werden möchte.
      Ich trauere nichts nach auch wenn ich mich in Stresssituationen irgendwie um einiges betrogen fühle bin ich doch ich und gerade auch in einer heftigen Depression gefangen, doch auch das ist jetzt ok, denn es ist das was zu mir gehört und gehören darf. Ich muss mich nicht mehr verkleiden, nicht mehr verstecken.
      Meine Position zu mir selbst hat sich unheimlich verbessert, ich kann endlich definieren was mich zu dem allem macht und die Diagnose war kein Schock.
      Denn es liegt an mir allein was ich daraus mache, wie ich mich verhalte, welchen Freiraum ich mir heute nehme und das Wichtigste, sage ich heute NEIN, dann ist es auch ein Nein. Das konnte ich früher nicht.

      Also für mich hat es eine Klärung gegeben und viele Probleme kann ich heute benennen. Ich kann meine Zukunft anders leben, denn meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, doch all das bewusster tun.
      @Badener ich bin 43 und meine Kinder sind noch klein. In gewisser Weise wäre eine Diagnose schon eine Hilfe (denke ich). Aber ich weiß nicht, ob es die Mühe wert ist. Da dies in Angriff zu nehmen für mich sich fast unschaffbar anfühlt. Ich habe Respekt für jeden, der es in späten Jahren noch tut... Deine Erfahrungswerte helfen mir, mir selbst klarer zu werden. Danke dafür.

      Ich würde mich auch sehr erleichtert fühlen, wenn ich mich nicht mehr ständig "als NT verkleiden" müsste ;), aber letztendlich zwingt mich ja niemand dazu und dennoch fühlt es sich so an. Ich könnte theoretisch auch sein wie ich bin, ohne so einen Aufwand zu betreiben, um "normal" zu wirken und ohne eine "Schublade" für meine Eigenheiten zu haben. Nur das stößt eben auf noch mehr Unverständnis und Diskutiererei und dadurch zu einem Gefühl der Einsamkeit, als wenn man dafür eine plausible Erklärung hat, ja auch für einen selbst. So wie du es beschreibst. Man versteht sich dann besser. Diesen Effekt habe ich ja aber auch ohne offizielle Diagnose. Nur muss ich eben gegenüber der Gesellschaft weiterhin "neurotypisch" tun. Das ist das schlimmste für mich, da das meiner Meinung nach meine ganzen "Zipperlein" verursacht.

      Für mich ist zuordnen und einordnen (gedanklich) auch sehr wichtig. Ich habe mich als ich 30 war als HSP erkannt, aber manche Dinge passten dann halt doch nicht. Bei Autismus passt "mehr". Man könnte sagen, dass ich mich in der "Autismusschublade" einfach heimischer fühle...
      "...Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken denn sie haben ihre eigenen Gedanken...." ( aus "der Prophet" von Khalil Gibran)
    • Anakin_1 wrote:

      Zunächst hinsichtlich des Gedankens, dass hier im Forum zwischen Diagnostizierten und Nichtdiagnostizierten ein Unterschied gemacht wird:

      Ein solcher Unterschied besteht bis zu einem gewissen Grad naturgemäß bei autismusspezifischen Themen, wenn es beispielsweise um Erfahrungsberichte geht. Denn es macht natürlich einen erheblichen Unterschied, ob ein diagnostizierter Autist explizit autismusbezogene Erfahrungen schildert oder ob dies jemand ohne Autismusdiagnose tut.

      Wenn es z.B. um die Frage geht, wie andere autistische Teilnehmer beispielsweise einen für sich leidensgerechten Arbeitsplatz gestalten, sind Beiträge von nichtdiagnostizierten Teilnehmern weniger aussagekräftig, weil eben nicht gesichert ist, dass ihre Erfahrungen autismusspezifisch sind. Zugleich sind diese Beiträge aber auch nicht wertlos und werden - so meibe Erfahrung - auch nicht als wertlos angesehen. Wenn beispielsweise ein diagnostiziert autistischer Teilnehmer danach fragt, wie andere Autisten mit Lichtempfindlichkeit umgehen und ein nichtdiagnostizierter Teilnehmer hat beispielsweise einen Tipp für eine Sonnenbrille oder eine entspiegelnde Folie für den Schreibtisch, dann sind das wertvolle Beiträge.

      Auch gibt es hier ja diverse User ohne Diagnose, die beispielsweise Angehörige im Spektrum haben und wie beispielsweise @Capricorn immer wieder bereit sind, ihre Erfahrungen und Tipps zu teilen und umgekehrt auch nach Ratschlägen und Tipps fragen und darauf ebenfalls Rückmeldungen erhalten. Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ich mit der Formulierung "User ohne Diagnose" keine Wertung dahingehend treffe, ob diese User autistisch sind oder nicht. Das wäre übergriffig und anmaßend.

      Zur Frage, was die Diagnose bringt:

      Zunächst bringt sie eine gewisse Klarheit, weil die Diagnose dem Kind einen Namen gibt (rw). Diese Klarheit kann tröstlich sein oder auch niederschmetternd, je nachdem, ob man die Diagnose vielleicht für sich stehen lassen möchte, also als Antwort, warum das eigene Leben verlief, wie es eben verlief.

      Die Diagnose kann (und sollte es meiner Meinung nach auch) Ausgangspunkt für eine gezielte Verhaltentherapie sein; für einen Austausch mit dem eigenen Umfeld, um vielleicht langjährige Fehlinterpretationen des gegenseitigen Verhaltens auszuräumen; etc.
      Hallo Annakin_1,

      danke dir für deine Sichtweise eines diagnostizierten Autisten. Ich finde es sehr schön zu hören, dass du persönlich zwar sozusagen "fachlich" einen Unterschied machst, was durchaus Sinn ergibt und berechtigt ist, andererseits einem das Gefühl autistisch zu sein, nicht abssprichst. Alleine für diesen Einblick hat sich mein Beitrag schon gelohnt :).

      Wenn es nicht so unheimlich aufwendig wäre, eine fundierte Diagnostik zu machen, würde ich nicht so sehr zögern. Aber ich prokrastiniere schon vieles, was sein MUSS, einfach weil es mich sehr anstrengt und deswegen stelle ich mir immer die Frage, ob es für mich "sein muss"... Ich hoffe es wird klar, wie ich das meine.

      Für mich selbst ist es eigentlich klar, dass ich ins Spektrum falle. Insbesondere in der Rückschau ergibt mein Leben, bzw. wie viele Dinge gelaufen sind und was mir widerfahren ist und wie ich dabei empfunden habe endlich einen Sinn. Das ist schon sehr erhellend. Auf der anderen Seite ist es auch betrüblich, wenn ich darüber nachdenke, wie mein Leben hätte laufen können mit adäquater Unterstützung.

      Bislang habe ich es auch nicht geschafft einen Therapeuten zu finden, bei dem ich mich so sicher fühle, um wirklich offen darüber zu berichten, wie ich mich fühle. Alleine hier sehe ich schon ein großes Problem. Wie soll mich jemand erkennen, wenn ich mich nicht zeigen will, weil mir einige Dinge wirklich auch unangenehm sind sie preis zu geben.

      Das fällt mir HIER schon um einiges leichter als in der "Außenwelt".
      "...Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken denn sie haben ihre eigenen Gedanken...." ( aus "der Prophet" von Khalil Gibran)
    • @Zephyr
      Ich bin ebenfalls (zum 2. Mal) verheiratet und habe zwei (inzwischen erwachsene) Kinder, also eine ähnliche Laufbahn wie Du.
      Ich war erst mit 45 überhaupt das erste Mal in psychiatrischer Behandlung und habe in den Jahren einige Diagnosen bekommen, unter anderem eine Schizoide Persönlichkeitsstörung. Ich hätte es dabei belassen können, denn ich bekam eine Therapie, Medikamente (Antidepressiva) und eine befristete EU-Rente mit Option auf Verlängerung. Unterstützung war also da.

      Allerdings hörte das Grübeln und Selbstreflektieren über meine Probleme, Eigenheiten und Seltsamkeiten nicht auf, weil die Diagnosen zwar teilweise Erklärung lieferten, aber eben nicht vollständig, insbesondere nicht in Bezug auf meine Kindheit. Asperger war zwar schon während der Diagnostik in der Klinik kurz im Gespräch, wurde aber zugunsten der Schizoiden PS nicht weiter verfolgt, wohl auch, weil in der Psychiatrie kein Arzt war, der sich mit Asperger auskannte. In meinen Augen hätte Asperger alles besser erklären können, auch und vor allem die Kindheit. Ich hatte also ebenfalls die starke Vermutung.

      Die Wartezeit für eine Diagnostik betrug 1 1/2 Jahre, aber ich habe mich dafür entschieden, weil ich nicht nur vermuten wollte, sondern wissen. Ich brauche einfach Klarheit, generell bei möglichst allem. Ich habe die Diagnostik also nicht für andere gemacht, sondern für mich, um Zweifel auszuräumen und endlich zur Ruhe zu kommen mit meinen ewigen Überlegungen, was mit mir nicht stimmen könnte.

      Die Zweifel sind jetzt deutlich geringer geworden, aber ganz verschwunden sind sie nicht und tauchen besonders gern dann auf, wenn ich viel hier im Forum lese, wo man halt auch Probleme anderer mitbekommt, die man selbst vielleicht nicht so ausgeprägt hat. Aber auch umgekehrt, wo ich mir mir denke, warum haben die alle keine Probleme mit diesem oder jenem, nur ich anscheinend mal wieder. :d
      - Allein unter Menschen -
    • Zephyr wrote:

      Irgendwie hat das bei mir den Eindruck hinterlassen, dass man hier schnell hinterfagt wird, wenn man keine Diagnose vorweisen kann. Ich "wünsche" mir nicht Autistin zu sein, ich fühle mich nur einfach so und dass meine Gefühlswelt zu dem einer lange unerkannten Autistin sehr gut passt, weiß ich auch erst seit kurzem. Vorher dachte ich immer ich wäre irgendwie "kaputt/schwach/krank"... Auch als der Verdacht bei meinem Kind aufkam, habe ich das erstmal ganz weit von mir gewiesen. Ich konnte diese Vermutung erst überhaupt nicht nachvollziehen. Im Nachgang bin ich froh, dass diese Person so direkt war und mir ihre Vermutung mitgeteilt hat. Denn sie hatte allem Anschein nach ja Recht und ich Unrecht ;).
      Naja über die Jahre tauchen hier halt immer wieder "Wannabes" auf, die sich als Außenseiter fühlen, dann gerne mal austeilen (so nach dem Motto: "ich habs ja auch gelernt mit anderen zu kommunizieren, also bist du nur zu faul oder zu blöd " etc.) man stumpft dann ein bisschen ab. Und wenn sie dann keine Diagnose bekommen, sind sie eh auch schnell wieder weg. Dann kommt ja noch hinzu, dass diagonstizierte Autisten nun mal per Definition Kommunikationsprobleme haben! Sonst hätten sie keine Diagnose! Das ist ein Kernkriterium. Also darf man hier auch nicht zu viel Sozialkompetenz erwarten.


      Zephyr wrote:

      Dabei kann ich nichts dafür, dass vor 40 Jahren autistische Mädchen einfach noch überhaupt nicht erkannt wurden und meine Mutter einfach ziemlich nachlässig war (die redet mit 3 nicht? Egal wird sie schon noch!). Wäre das der Fall gewesen, hätte man damals auf dem Schirm gehabt, dass es auch autistische Mädchen gibt und wäre das Asperger-Syndrom als solches schon populär und bekannt genug gewesen (das war da glaube ich noch nicht mal offiziell im ICD), so wäre ich wohl sehr früh diagnostiziert worden, denn wenn ich das mit dem heutigen Wissen betrachte, erfülle ich alle Kriterien. Ich brauche FÜR MICH eigentlich keine Diagnose. Mir reicht es, das zu vermuten, denn ich für mich bin mir da relativ sicher.
      Es gab damals noch kein Asperger - Syndrom! Das war noch gar nicht definiert. Aber ja, mit Müttern die meinen solange man so tut als gäbe es keine Probleme ist alles gut, hab ich auch Erfahrung. Mit meiner hab ich jetzt endgültig gebrochen weil sie einfach immer noch alles wegbrüllt was nicht in ihr Weltbild passt. Ich habe als Kind selbst Ärger für zu lautes Lachen bekommen weil sie sich dadurch gestört fühlte, aber mit ihr drüber reden kann man nicht.


      Zephyr wrote:

      Bislang habe ich es auch nicht geschafft einen Therapeuten zu finden, bei dem ich mich so sicher fühle, um wirklich offen darüber zu berichten, wie ich mich fühle. Alleine hier sehe ich schon ein großes Problem. Wie soll mich jemand erkennen, wenn ich mich nicht zeigen will, weil mir einige Dinge wirklich auch unangenehm sind sie preis zu geben.
      Die meisten Therapeuten kennen sich mit Autismus gar nicht aus. Mich haben in den letzten Jahren alle ambulanten Therapeuten abgelehnt bei denen ich eine Therapie angefragt hatte mit der Begründung das wäre ihnen zu kompliziert. Stell dir das also nicht zu einfach vor. Es ist nicht so dass die Diagnose deine Probleme lösen würde. Im Gegenteil. Man muss dann akzeptieren dass es wirklich nie anders werden wird, egal was man tut.
      Una est catena quae nos alligatos tenet, amor vitae
    • Zebra wrote:

      Zephyr wrote:

      Irgendwie hat das bei mir den Eindruck hinterlassen, dass man hier schnell hinterfagt wird, wenn man keine Diagnose vorweisen kann. Ich "wünsche" mir nicht Autistin zu sein, ich fühle mich nur einfach so und dass meine Gefühlswelt zu dem einer lange unerkannten Autistin sehr gut passt, weiß ich auch erst seit kurzem. Vorher dachte ich immer ich wäre irgendwie "kaputt/schwach/krank"... Auch als der Verdacht bei meinem Kind aufkam, habe ich das erstmal ganz weit von mir gewiesen. Ich konnte diese Vermutung erst überhaupt nicht nachvollziehen. Im Nachgang bin ich froh, dass diese Person so direkt war und mir ihre Vermutung mitgeteilt hat. Denn sie hatte allem Anschein nach ja Recht und ich Unrecht ;).
      Naja über die Jahre tauchen hier halt immer wieder "Wannabes" auf, die sich als Außenseiter fühlen, dann gerne mal austeilen (so nach dem Motto: "ich habs ja auch gelernt mit anderen zu kommunizieren, also bist du nur zu faul oder zu blöd " etc.) man stumpft dann ein bisschen ab. Und wenn sie dann keine Diagnose bekommen, sind sie eh auch schnell wieder weg. Dann kommt ja noch hinzu, dass diagonstizierte Autisten nun mal per Definition Kommunikationsprobleme haben! Sonst hätten sie keine Diagnose! Das ist ein Kernkriterium. Also darf man hier auch nicht zu viel Sozialkompetenz erwarten.

      Zephyr wrote:

      Dabei kann ich nichts dafür, dass vor 40 Jahren autistische Mädchen einfach noch überhaupt nicht erkannt wurden und meine Mutter einfach ziemlich nachlässig war (die redet mit 3 nicht? Egal wird sie schon noch!). Wäre das der Fall gewesen, hätte man damals auf dem Schirm gehabt, dass es auch autistische Mädchen gibt und wäre das Asperger-Syndrom als solches schon populär und bekannt genug gewesen (das war da glaube ich noch nicht mal offiziell im ICD), so wäre ich wohl sehr früh diagnostiziert worden, denn wenn ich das mit dem heutigen Wissen betrachte, erfülle ich alle Kriterien. Ich brauche FÜR MICH eigentlich keine Diagnose. Mir reicht es, das zu vermuten, denn ich für mich bin mir da relativ sicher.
      Es gab damals noch kein Asperger - Syndrom! Das war noch gar nicht definiert. Aber ja, mit Müttern die meinen solange man so tut als gäbe es keine Probleme ist alles gut, hab ich auch Erfahrung. Mit meiner hab ich jetzt endgültig gebrochen weil sie einfach immer noch alles wegbrüllt was nicht in ihr Weltbild passt. Ich habe als Kind selbst Ärger für zu lautes Lachen bekommen weil sie sich dadurch gestört fühlte, aber mit ihr drüber reden kann man nicht.

      Zephyr wrote:

      Bislang habe ich es auch nicht geschafft einen Therapeuten zu finden, bei dem ich mich so sicher fühle, um wirklich offen darüber zu berichten, wie ich mich fühle. Alleine hier sehe ich schon ein großes Problem. Wie soll mich jemand erkennen, wenn ich mich nicht zeigen will, weil mir einige Dinge wirklich auch unangenehm sind sie preis zu geben.
      Die meisten Therapeuten kennen sich mit Autismus gar nicht aus. Mich haben in den letzten Jahren alle ambulanten Therapeuten abgelehnt bei denen ich eine Therapie angefragt hatte mit der Begründung das wäre ihnen zu kompliziert. Stell dir das also nicht zu einfach vor. Es ist nicht so dass die Diagnose deine Probleme lösen würde. Im Gegenteil. Man muss dann akzeptieren dass es wirklich nie anders werden wird, egal was man tut.
      ich fühle mich hier zum ersten Mal NICHT als totaler Außenseiter ;). Aber habe dennoch irgendwie das Gefühl, ich habe nicht so viel Berechtigung hier zu sein, wie ein diagnostizierter Autist. Dass das Kernkrieterium erschwerte Kommunikationi ist, ist mir durchaus bewusst und gehört eben auch nicht zu meinen Stärken. Ich nehme vieles ZU genau. Wie man ja auch hier sieht. Das setzt sich dann bei mir fest und "schwelt" so im Hintergrund vor sich hin und ich brauche relativ lang bis ich überhaupt kapiere, was mich da jetzt so gestört oder irritiert hat. Nicht einfach zu erklären. Ich wollte hier niemanden beleidigen. Es war einfach nur ein Eindruck, der sich durch diese oben beschriebene Aussage bei mir festgesetzt hat.

      Was das Asperger-Syndrom betrifft. Ja, ich habe jetzt nicht mehr nachgegoogelt, aber irgendwie hatte ich im Kopf dass ASperger 1989 (?) im ICD aufgenommen wurde. Da war ich schon 11. Mütter... Ein schwieriges Thema. Meine Mutter ist selbst Verdachts-Autistin (von einer Therapeutin wurde das vermutet). Sie hat also so ihre ganz eigenen Probleme, Mutter sein war nicht grade ihre Stärke. Für mich ist Mutter sein auch eine echte Herausforderung. Aber ich habe mir immer geschworen bloß niemals so gleichgültig und ichbezogen zu werden wie meine und das bekomme ich ganz gut hin. Nur nicht so gut, wie ich es gern hätte, da mir da meine eigenen BEfindlichkeiten dann doch oft im Weg stehen (RW). SIe hat mir mein Leben lang erzählt, dass ich so spät angefangen hätte zu sprechen (eben erst nach dem 3. Geburtstag). Als ich ihr von meinem Verdacht erzählte und sie darauf nochmal ansprach meinte sie: nein, du hast ganz normal angefangen zu sprechen" Davor hat sie aber 43 Jahre lang was anderes behauptet. Das war für mich ein Schlag ins Gesicht. Sie hat offensichtlich "Angst" das rauskommen könnte, wie nachlässig sie war und dafür biegt sie jetzt die Wahrheit zurecht. Das macht mich unglaublich wütend. Ich habe derzeit auch nur Kontakt mit ihr, weil ich ihr den Umgang mit den Enkelkindern nicht verwehren will.

      Ich stelle mir bezüglich der Diagnostik und der Therapuetensuche überhaupt nichts leicht vor. Im Gegenteil. Daher bin ich ja so am zweifeln ob ich das überhaupt "will"....

      Danke dir für deinen Beitrag. Ich finde eure Ansichten hier alle sehr nützlich.
      "...Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken denn sie haben ihre eigenen Gedanken...." ( aus "der Prophet" von Khalil Gibran)
    • @Zephyr: Was beim Austausch mit Ärzten und Therapeuten helfen kann, ist Deine Anliegen und Schilderungen schriftlich mitzubringen und sie ihnen dann zum Lesen zu geben. Das handhabe ich mit meiner Hausärztin, meinem Psychiater und meiner Psychotherapeutin auch so, ebenso früher mit meinem Neurologen.

      Es hat sich nämlich herausgestellt, dass ich mündlich meine Anliegen und Schilderungen nicht rüberbringen kann. Mit der schriftlichen Kommunikation meinerseits ist eine große Hürde (rw) abgebaut worden. Da ich selbst nur sehr eingeschränkt in der Lage bin, zu erkennen und zu beschreiben, wie es mir geht, schildere ich dann oft eher, was so alles in letzter Zeit passiert ist und was ich aktuell kann und was nicht. Das hilft mir beim Anbringen meiner Anliegen und den Ärzten und der Therapeuten beim Verstehen der Anliegen.
    • Zephyr wrote:

      Das war für mich ein Schlag ins Gesicht. Sie hat offensichtlich "Angst" das rauskommen könnte, wie nachlässig sie war und dafür biegt sie jetzt die Wahrheit zurecht. Das macht mich unglaublich wütend. Ich habe derzeit auch nur Kontakt mit ihr, weil ich ihr den Umgang mit den Enkelkindern nicht verwehren will.
      Genial. Genau wie meine Mutter :m(: Ich werde diese Jahr in den Ferien die Kinder vor die Wahl stellen ob sie alleine hinwollen oder gar nicht. Ich fahre jedenfalls nicht mehr mit. Vielleicht fahr ich Weihnachten hin. das weiß ich noch nicht. momenetan fühle ich mich nicht stabil genug dafür.


      Zephyr wrote:

      Aber habe dennoch irgendwie das Gefühl, ich habe nicht so viel Berechtigung hier zu sein, wie ein diagnostizierter Autist.
      Das ist ja aber dein Gefühl, nicht die Realität. Beschäftige dich mal mit emotionalen Netzen etc. Dadurch dass du dein Leben lang abgelehnt wurdest, fühlt es sich für die immer wieder so an als ob du weiter abgelehnt wirst OBWOHL das nicht immer der Fall ist.
      Also hier zb, hier wird niemandem der sich rücksichtsvoll und einigermaßen anständig verhält die Daseinsberechtigung abgesprochen. (Wer sich nicht so verhält, wird gesperrt. aber das betrifft dich ja nicht)
      Una est catena quae nos alligatos tenet, amor vitae
    • Zephyr wrote:

      WIRKLICH als zugehörig akzeptiert wird, wenn man eine offizielle Diagnose hat,
      Das Gefühl des nicht zugehörig fühlen, kenne ich nur all zu gut. Das ist mit der Diagnose allenfalls marginal weniger geworden, was sicher auch daran liegt, dass ich die Diagnose erst mit knapp 57 Jahren bekommen habe. Die Diagnose ermöglicht mir aber, einen realistischeren Blick auf mich und meine Umwelt (im sozialen). Ich bin diesbezüglich noch ziemlich am Anfang (RW). Das du bezüglich der Selbsteinschätzung so ambivalent bist, halte ich für einen normalen Vorgang, auf Grund vieler Posts bezüglich dieser Fragestellung und auch meiner eigenen Erfahrung.
      Das Leben ist zu komplex um eine festgelegte Meinung zu haben.
    • @Zephyr ich war bis zu meiner Erkrankung in einer höheren Leitungsfunktion. Da hieß es zu funktionieren, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen, Multitasking Fähigkeiten zu haben, viel zu organisieren. Das ging solange ich nicht zu heftig gestört wurde. 2-3 Nebenschauplätze habe ich sehr lange bewältigen können bis es Zuviel wurde, ich mich nicht mehr regenerieren konnte.
      Ich kann deine Überlegungen gut nachvollziehen, und ich weiß auch nicht ob sich etwas in meinem Leben geändert hätte, doch es ist für mich wie eine Versöhnung mit mir selbst und dem was war. Stell dir vor du hast elendige Rückenschmerzen und machst weiter. Du würdest bestimmt irgendwann zum Arzt gehen und es abklären lassen, es könnte ja auch was bösartiges sein.
      Wenn du dann die Ursache kennst kannst du was unternehmen.
      Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.
      (Erich Kästner)
    • Was erhoffst du dir konkret von einer Diagnose? Brauchst du Unterstützung, Therapie, etc.?

      Die von dir geschilderten Hoffnungen, was sich für dich durch eine Diagnose ändern könnte, betreffen ja eher deine persönliche Handlungsebene.

      Was hindert dich daran, dich auch jetzt schon, ohne Diagnose, entsprechend deiner Bedürfnisse zu verhalten? Denn wenn ich eines gelernt habe, dann dass Menschen eben nicht automatisch mehr Verständnis für meine Bedürfnisse haben, nur weil ich den diagnostizierten Autismus als Erklärung für mein Verhalten anführe. Ich habe Jahrzehnte lang gelernt, mein Sein zu maskieren und anzupassen. Mit dem Tag der Diagnose stellte sich kein automatischer Schalter um, der es mir plötzlich ermöglichte, mich besser um mich selbst zu kümmern. Das zu lernen, ist harte Arbeit.

      Deshalb: wenn dir was zu viel ist, dann lass es. Jetzt schon. Wieso diskutieren? Sind andere dir Rechenschaft darüber schuldig, wenn sie was nicht machen können? Nein. Wieso solltest du also Erklärungen liefern müssen.

      Dennoch hat mir persönlich die Diagnose dabei geholfen. Denn: Ich habe es mir offensichtlich selbst lange nicht zugestanden, nicht so viel leisten zu müssen. Ich habe mich immer minderwertig gefühlt, simple Dinge nicht zu schaffen, die anderen so leicht fallen. ICH war dafür verantwortlich, dass die NT-Maßstäbe an mich gestellt wurden. Deshalb war die Diagnose in Sachen Selbstakzeptanz wahnsinnig gut für mich.

      Für mein Umfeld war übrigens ab dem Zeitpunkt, als mein Mann den Verdacht geäußert hat, klar, dass ich Autistin bin. Ich selbst habe es erst akzeptiert, als die Diagnose vorlag. Ich komme prima damit klar, habe die Diagnostik ja auch selbst angestoßen. Aber für die Akzeptanz brauchte ich es auch "schwarz auf weiß". Selbstfürsorge wäre aber auch trotzdem vorher wichtig gewesen.... (Ich habe mich ein bisschen wie ein Hochstapler gefühlt, autistisches Erleben für mich zu beanspruchen, bevor ich die Diagnose hatte - aber deshalb habe ich die Diagnose ja bekommen... Ein bisschen weird.)

      Wenn du das Gefühl hast, dass du für dich Klarheit brauchst: mach es. Eventuell hilft ja auch die klare Aussage, dass du nicht betroffen bist, dich von dem Gedankenkreisen darüber zu lösen und mehr Vertrauen in deine Stärken zu gewinnen.
      Ich schreibe in der Regel vom mobilen Endgerät aus - merkwürdige Wortkonstrukte sind ggf. der Autokorrektur geschuldet
    • Zephyr wrote:

      ch denke ich bin noch nicht so weit, diesen Riesenschritt auf mich zu nehmen, eine Diagnostik zu starten. Insbesondere, weil ich mit dem Alltag sowieso schon schwer zu kämpfen habe. Aber dann denke ich wieder, dass es ja vielleicht auch viel Last von mir nehmen könnte und es die Mühe wert ist. Schwierig.
      Du brauchst die Diagnose fürs System halt, wenn du Hilfe im Alltag benötigst. Also zB so Dinge wie amulantes betreutes Wohnen, Pflegedienst etc.
      Das ist mit Autismus schon einfacher zu bekommen als zB mit Depressionen, weil da das "nicht heilbar" endlich mal ein Vorteil ist. Auch beim GdB wird dann keine Heilung mehr abgewartet, meiner ist schon lange unbefristet.
      Also wenn du im Alltag schwer zu kämpfen hast, würde ich das schon starten. Dann kriegst du nämlich Hilfe! Es gibt hier auch Stimmen die sagen man muss alles allein schaffen. Da halte ich nichts von. Ich brauche bei vielen Sachen Hilfe und dafür muss man sich auch nicht schämen.
      Una est catena quae nos alligatos tenet, amor vitae
    • Ich hab es lange vermutet, aber erstmal gedacht, eine Diagnose macht keinen Unterschied.
      Dann bin ich doch gegangen, nachdem ich erfahren habe, dass es Therapeuten gibt die mit Erwachsenen Asperger Leuten arbeiten. Für mich ist es wichtig Hilfe zu bekommen wir ich mit diversen Situationen umgehen kann, wie ich nicht immer in melddowns/shoutdowns reinkomme etc.
      Und ich bin in meinem letzten Job ziemlich untergangen, durch das ständige Anpassen und Verstellen bin ich in Depressionen reingeschlittert.
      Hier werde ich auch deutlich anderes in einen Auswahlprozess starten wenn ich mich wieder bewerben gehe.
      Von daher finde ich bei mir eine Diagnose gut.
    • Zephyr wrote:

      Kennt ihr solche Gedankengänge und Gefühle auch? Wenn ihr euch für eine Diagnose entschieden habt, WARUM? Wenn ja, wie habt ihr das in Angriff genommen?
      Nachdem ich zweimal im Abstand von etwa einem Jahr über das Thema ASS stolperte (inkl. AQ), aber es beiseite legte mit "dann hab ich wohl überdurchschnittlich viele autistische Traits", kam ich nach einem größeren Kommunikationsproblem erneut zu dem Thema, u. a. ausgelöst durch einen meiner besten Freunde, der mir mitteilte, dass er mich bisher nicht für soo autistisch gehalten habe. Damit begann dann meine Recherche, die bei Weitem nicht die erste "Welche Störung habe ich"-Recherche meines Lebens war.

      Ich wollte dann recht schnell für mich wissen, ob es wirklich eine ASS ist, die bei mir vorliegt und sämtliche "Puzzlesteine" zusammenfügen kann. Mir ging es vor allem um die Einordnung der klinischen Relevanz und ob Verhalten X oder Y als Kriterium zählt. So etwas wie Mimik oder Prosodie kann man, finde ich, auch schlecht an sich selbst beurteilen. Ich habe mein gesamtes Leben daraufhin untersucht, was dafür und was dagegen spricht und mich auf die Warteliste einer Ambulanz setzen lassen (per Mail / Nach der Aufnahme auf die Warteliste meldete sich von dort nie wieder jemand bei mir). Dann wurde eine neue Ambulanz - mit kürzeren Wartezeiten - eröffnet und ich bat dort, per Mail, um einen Termin.Von meinem Psychiater brauchte ich dafür jedoch eine Überweisung. Also vereinbarte ich einen Termin und erklärte ihm (Herbst 2019), warum ich annahm im Spektrum sein zu können, während er differenzialdiagnostische Fragen mit mir klärte um mir dann eine V.a. ASS zu stellen, womit ich zur Spezialsprechstunde gehen konnte.

      Dort (Mai 2020) wurde eine ASS von dem Experten in einem - leider fragwürdigen - stationären Setting (4 Tage) sicher (mündlich) ausgeschlossen. Dafür wurde mir eine Anpassungsstörung mit diversen Persönlichkeitsakzentuierungen diagnostiziert und ich wurde (völlig konträr zu dem, wie ich mich selbst fühlte) als schwer depressiv und anhedonisch wahrgenommen, was ich aber erst in dem Arztbrief erfuhr. ASS-spezifisch wurde nur im Vorfeld der AQ angefragt. Vorort drehte sich dann fast alles um Differentialdiagnostik (Skid, Zwangsstörungen, etc.) Ich gab alle meine Unterlagen an eine allgemeine klinische Psychologin, aber selbst habe ich z. B. kein Wort über meine Kindheit gesprochen. Auch eine Fremdanamnese gab es nicht.

      Ich erhielt dort die dringende Empfehlung eine ambulante Psychotherapie anzufangen. Ich wandte mich dann auch zeinah an ein Psychotherapiezentrum (Juli 2020), in dem alles per Video aufgezeichnet wird und v in die Supervision geht. Ich hatte nach meinem Erlebnis in der Klinik große Ängste, dass ich wieder nicht aussprechen kann und der Sinn meiner Aussagen verdreht wird. Dort durchlief ich dann fünf probatorische Sitzungen zur Diagnostik. Von den Persönlichkeitsakzentuierungen konnte jedoch nichts bestätigt werden, auch keine Anpassungsstörung und eine Depression sowieso nicht. Mir wurde gesagt, dass mir keine Diagnose gestellt werden könne und somit auch keine Therapie angeboten werden könne. Die Therapeutin riet mir aber dazu, mich noch einmal einer ASS-Diagnostik zu unterziehen. Auch für meinen Psychiater blieb ASS die wahrscheinlichste Erklärung. Auch er konnte andere Diagnosen wiederholt ausschließen.

      Da mich die erste Diagnostik jedoch traumatisiert hatte, wollte ich eigentlich mit dem Thema abschließen (RW). Es ließ mich jedoch nicht los (RW). Ständig fragte ich mich, ob da wirklich "nichts Autistisches" an mir sein könne, bzw was es denn ist, was ich deutlich als abweichend von den meisten anderen Menschen erlebe. Neben meinem Psychiater wurde ich dann auch hier in Forum zu einer erneuten Diagnostik ermutigt. Das war im Herbst 2020. Ich vereinbarte einen Termin mit einer auf ASS spezialisierten psychologischen Psychotherapeutin, bei der ich dann sechs Stunden Diagnostik inkl. ADOS und Fremdanamnese im Februar 2021 hatte. Ich erhielt dann die Diagnose einer leichten Form des Asperger-Syndroms. Meine Diagnostikerin bestätigte mir meine Vermutung, dass ich nah der Grenze liege (bzw habe ich mich immer gefragt, auf welcher Seite der Grenze ich liege). Ich hatte zum Schluss gar nicht geglaubt, dass die Diagnose überhaupt gestellt werden würde. Ich wollte mich schon damit abfinden, dass ich zu autistisch für die "normale Welt" bin, aber zu wenig autistisch für eine Diagnose. Ich wünschte mir eine klare 0 oder 1.

      Der Bericht führte mir dann jedoch vor Augen (RW?), inwiefern ich tatsächlich abweiche, weil dort deutlich meine Defizite aufgeführt wurden, die mir selbst gar nicht alle klar waren - oder nicht in dem Ausmaß. Ich glaubte lange, dass ich eigentlich nach Außen hin ziemlich unauffällig von meinem Verhalten sei. Das Selbstbild ließ sich so nun nicht mehr aufrechterhalten. Interessanterweise gab es Menschen, die mich schon als autistisch wahrnahmen, bevor ich es selbst überhaupt tat, was ich aber bis Dato nicht wusste.

      Ich hätte gern eine Therapie mit einem auf ASS geschulten Therapeuten gemacht, um zum einen besser zu verstehen, wie sich genau mein Autismus auf mich und meine Beziehungen auswirkt und zum anderen, um ein besseres Stressmanagement zu erlernen und Hilfe bei einer beruflichen Umorientierung. In meiner Stadt gibt es aber keine ASS-Therapeuten für Erwachsene, was ich sehr schade finde. Ich habe also, wie auch zuvor in meinem Leben, viel autodidaktisch an dem Thema gearbeitet.

      Eine 100%ige Sicherheit hat mir die Diagnose aber nicht gebracht. Ich erkenne aber außerhalb der Mathematik sowieso keine 100%ige Sicherheit an ;) Die Diagnose hat mir aber zunindest eine gute relative Sicherheit gegeben und zumindest kann ich sagen, dass eine ASS für mich "less wrong" als alles andere ist.
      "Auf der Metaebene lässt sich Abstand gewinnen zum Geschehen. [...] Und dabei zeigt sich, dass es andere Perspektiven, andere Erlebensweisen und viel mehr Möglichkeiten für Lösungen gibt, als sich der Mensch in seiner alten kleinen Welt hatte träumen lassen." (Brit Wilczek)
    • Kayt wrote:

      Meine Diagnostikerin bestätigte mir meine Vermutung, dass ich nah der Grenze liege (bzw habe ich mich immer gefragt, auf welcher Seite der Grenze ich liege).
      Ich wüsste gar nicht wo genau die Grenze liegt und ob man da von der einen und der anderen Seite sprechen kann. Aber du scheinst da mehr zu wissen als ich.
    • DeinVorname wrote:

      Ich wüsste gar nicht wo genau die Grenze liegt und ob man da von der einen und der anderen Seite sprechen kann. Aber du scheinst da mehr zu wissen als ich.
      Wenn ich von "Grenze" und "auf einer Seite stehen" in diesem Fall spreche, ist es für mich vor allem ein Sprachbild. Die genaueren Fragen sind dann die danach, ob ich a) ausreichend qualitative Kriterien erfülle und b) ob diese quantitativ im Sinne klinischer Relevanz vorliegen.

      Edit: Es gibt Personen, bei denen die Diagnose recht schnell gestellt werden kann, weil das Vorliegen der Kriterien offensichtlich ist. Diese Personen liegen nicht "nah an der Grenze". Meine (autistischen) Einschränkungen sind jedoch nur leicht und mittelgradig ausgeprägt. Dazu kommt, dass ich in manchen Bereichen weniger eingeschränkt bin, als die meisten Autisten. Ich bin z. B. flexibler und ich habe keine stark ausgeprägten Routinen. Ich bin auf Anhieb kein "klarer Fall".
      "Auf der Metaebene lässt sich Abstand gewinnen zum Geschehen. [...] Und dabei zeigt sich, dass es andere Perspektiven, andere Erlebensweisen und viel mehr Möglichkeiten für Lösungen gibt, als sich der Mensch in seiner alten kleinen Welt hatte träumen lassen." (Brit Wilczek)

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