Knapp unter dem Radar - Ich passe nirgendwohin

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    • Ich erkenne mich in so vielem deiner Beschreibung wieder, @Lilja, dass ich das einfach "loswerden" muss:

      Auch ich wollte die Diagnose so unbedingt haben (wegen überzogener Erwartungen, dass sie alle Probleme lösen würde), dass ich mich danach häufig gefragt habe, ob ich sie mir nicht "erschlichen" habe. Insbesondere wegen mancher Schilderungen, die überhaupt nicht zu meinen Erfahrungen passen. Ein Teil meiner Probleme klingt auch eher nach ADHS, daher habe ich mich auch in letzter Zeit gefragt, ob das nicht die passendere Diagnose gewesen wäre - aber auch die würde nicht alles erklären. Mittlerweile ist mir das Label egal (im Sinne der Zugehörigkeit zu einer fiktiven homogenen Gruppe); ich konzentriere mich auf die gemeinsamen Erfahrungen mit betroffenen und freue mich über Tipps, die auch mir helfen. [Allerdings habe ich auf genau diese Schilderung kürzlich von einer Person mit der fachlichen Kompetenz und Kenntnis meiner Persönlichkeit erwidert bekommen, dass AS mit hoher Sicherheit die richtige Diagnose ist. Dann ist das offenbar zumindest eines der passenden Labels. Es ist aber sicher gesünder, das einfach als Fakt zur Kenntnis zu nehmen und nicht als Voraussetzung für das eigene Selbstbewusstsein.]

      Mir ist bewusst, dass das ein ziemliches Luxusproblem ist gegenüber Leuten, die die Diagnose für offizielle Unterstützung benötigen.

      Auch das Gefühl "Es fehlt doch nur ein kleines Stück zur Normalität" und das daraus folgende "stell dich doch nicht so an" bzw. "du bist einfach nur introvertiert" kenne ich zu gut. Ebenso das Zwischen-Extremen-Schwanken, und das Gefühl, mich selbst nicht einordnen zu können und daher auch von anderen zwangsläufig nur falsch eingeordnet werden zu können.

      Danke allen für die guten Antworten hier - vieles klingt auch für meine Situation hilfreich und ich muss das erstmal alles ordnen. Ich wollte mit dieser Antwort erstmal nur einen weiteren Datenpunkt der Kategorie "es geht nicht nur dir so" hinzufügen.
    • Lilja wrote:



      Möglicherweise ist dies auch der Grund, weswegen ich soziale Probleme habe, weil andere mich nicht richtig einordnen können, weil ich mal so und mal so bin, gegensätzliche Dinge gleichzeitig mag und lebe, quasi zwei oder mehr Gesichter zeige und das selbst nicht so recht einordnen kann.
      Und da Menschen gern in Schubladen denken (ich nehme mich da auch nicht heraus) und einmal getroffene auch am Liebsten so beibehalten möchten (da bin ich wiederum flexibler), macht ihnen ein nicht zuordnerbares Verhalten das Leben mit einem schwer.
      Ein kleiner Versuch der Selbstreflektion.
      Das mit dem in Schubladen kenne ich auch und in die werde ich auch oft gesteckt obwohl ich extrem vielseitig bin. Das kann ich aber nicht so sehr zeigen weil ich eben auch nicht gerne im Mittelpunkt stehe. Manche Dinge über mich erfährt man wahrscheinlich nie wenn man sich nicht intensiver mit mir beschäftigt. Gegensätze gibt es bei mir auch, da ich manches kritisiere aber gleichzeitig manche Aspekte daran auch liebe.
    • Hallo Ilja und alle anderen,

      auch ich erkenne mich in vielem wieder, was in diesem Thread ausgeführt wird. Ich sehe mich auch zwischen behindert und nicht behindert und finde das schwer zu ertragen, weil meiner Vermutung nach die Leute das nicht fassen können und es eine kognitive Dissonanz in ihnen auslöst. Es oszilliert (super Wortwahl, Fidoline) zwischen normal und nicht normal und das macht die Leute kirre.

      Ich merke auch, wenn ein gewisses Misstrauen mir gegenüber entsteht und das macht mich unsicher. Ich strenge mich dann mehr an, um "in sich schlüssig(er)" zu erscheinen, aber das ist sehr anstrengend. Überhaupt empfinde ich soziale Interaktionen in den allermeisten Fällen als anstrengend. Man muss konsistent sein, man muss freundlich sein, schnell sozial adäquat reagieren. Soziale Interaktion läuft bei mir kognitiv ab, das macht es so anstrengend. Besonders anstrengend finde ich Begebenheiten, bei denen Witze und Wortspiele unangebracht sind, weil das so mein Steckenpferd ist, um eine Persönlichkeit darzustellen. Ansonsten kann ich nur die reine Informationsebene bedienen ohne dieses (mir unverständliche) Geblubber. Dann bin ich halt still.

      Ich habe die Diagnose ADS, mich aber in den ADHS-Foren immer etwas fehl am Platze gefühlt. Ich bin nicht so impulsiv und emotional und ich achte sehr auf Details wie richtige Rechtschreibung. Ich kenne ein paar ADHSler im Real Life, die machen mich kirre. Trotzdem gehöre ich wohl teilweise zu ihnen, denn ich bin vergesslich, war früher unorganisiert (ist besser geworden) und affektlabil.

      Auf der anderen Seite fühle ich mich hier auch nicht ganz zugehörig, manche Threads kann ich gar nicht nachvollziehen, andere detaillierte Beschreibungen hingegen treffen zu 100 % auf mich zu. Überhaupt bin ich ein Detail-verliebter Mensch. Dann wiederum übersehe ich aber auch Details und bin oberflächlich, das ist wieder ADS.

      Ich bin recht kommunikativ, kann in manchen Gesprächen aber keine Stelle finden, an der ich etwas sagen könnte. Gespräche wecken bei mir den Ehrgeiz, es beim nächsten Mal besser zu machen bzw bin ich stolz auf mich, wenn ich ein Gespräch gut gemeistert habe.

      Ich finde es schwieriger, an der Grenze zur Normalität zu leben als wenn ich eindeutig behindert wäre. Das ist natürlich meine subjektive Wahrnehmung und soll niemanden herabsetzen, der stärker von Behinderung betroffen ist als ich. Aber es ist einfach total frustrierend, wenn man die Erwartungen, die man an mich stellt, weil ich ja "kaum/nicht?" behindert bin, nicht erfüllen kann. Man bekommt aber auch keine Hilfe, weil man eigentlich allein gut zurecht kommen müsste (und niemand versteht, dass man es nicht schafft). Dass man 90 % seiner Kraft dafür braucht, um zu kompensieren, sieht niemand.
    • Mir geht es ebenfalls ähnlich wie der TE. Trotz ausgeprägter Selbstreflexionsfähigkeit finde ich selbst oftmals keine passenden Schubladen für mich und meinem Verhalten.

      Das Sprunghafte oder unkonstante an mir unterstreicht meine Handschrift ganz gut. Und zwar wenn ich mich nicht explizit auf das Schönschreiben konzentriere, weisen bereits 3 Sätze schnell mal 5-7 verschiedene Schreibstile (Kalligraphien) auf. Vielleicht ist da mehr als ASS und ADS?