Reizverdrängung durch andere Reize

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    • Reizverdrängung durch andere Reize

      Hallo liebes Forum,

      mein Sohn, 3 J., ist nonverbaler Autist, während ich mich (undiagnostiziert) anderswo im Spektrum befinde. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist aber noch relativ frisch und ausgelöst durch die Diagnostik unseres Sohnes.

      Zum Thema Reizüberflutung/Kompensation hätte ich eine Frage: Hat noch jemand die Erfahrung gemacht, bestimmte Reize durch andere Reize bewusst zu verdrängen? Z.B. höre ich bevorzugt Musik oder singe, wenn ich unruhig bin, meine Gedanken zu schnell oder ungeordnet sind oder mich andere Geräusche stören (z.B. Unterhaltungen, Zahnarztgeräusche ...). Mein Sohn singt einen großen Teil seiner wachen Zeit oder redet in seiner eigenen Sprache. Ist das auch Stimming?

      Kennt/ nutzt ihr selbst ähnliche Strategien, auch mit anderen Reizen?
    • Hallo kazimae,

      ich kenne das von mir auch. Vor mich hinsummen/singen oder Musik hören in lauten Umgebungen beruhigt mich etwas. Schätze es so ein, dass ich das nutze, wenn mir Reize zu viel sind, aber es gerade keine Möglichkeit zur Ruhe gibt. Also schlechte Reize durch gute ersetzen :d
    • Musikhören statt störender Geräusche - ja. Wobei da eigentlich die Abschottung von den störenden Geräuschen im Vordergrund steht und das geht für mich am besten mit geräuschunterdrückenden Kopfhörern + angenehmer Musik.

      Aber Licht oder Berührungen durch akustische Reize zu unterdrücken oder generell eine Reizart durch eine andere Reizart auszugleichen - nein.
      Da bevorzuge ich Flucht vor den Reizen. Sonnenbrille aufsetzen + Augen zu wäre dabei bereits eine erfolgreiche Flucht vor grellem Licht.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
    • Ja ich z.B. muß immer irgend etwas um die Ohren. Egal ob es nun Musik ist, oder das Fernsehen ist an. Denn in absoluter Dunkelheit,und stille ist für mich einfach nur schrecklich. Meine Gedanken schwirren dann wie wild um her und Ängste ergreifen mich.
    • Garfield wrote:

      Musikhören statt störender Geräusche - ja. Wobei da eigentlich die Abschottung von den störenden Geräuschen im Vordergrund steht und das geht für mich am besten mit geräuschunterdrückenden Kopfhörern + angenehmer Musik.

      Aber Licht oder Berührungen durch akustische Reize zu unterdrücken oder generell eine Reizart durch eine andere Reizart auszugleichen - nein.
      Da bevorzuge ich Flucht vor den Reizen. Sonnenbrille aufsetzen + Augen zu wäre dabei bereits eine erfolgreiche Flucht vor grellem Licht.
      @Garfield ja, ich benutze auch immer eine Sonnenbrille bei "normalen" Lichtverhältnissen draußen und vermeide Bildschirme in totaler Dunkelheit, also sollte immer noch eine zusätzliche Lichtquelle im Raum an sein, wenn ich am Notebook oder Handy sitze.

      Ich meinte auch eher akustische Reize durch akustische zu ersetzen und visuelle durch visuelle usw., nicht durch andersartige Reize.

      Geräuschunterdrückende Kopfhörer/Ohrstöpsel allein helfen mir nicht, weil ich dann den Blutstrom höre. Wo es möglich ist, entziehe ich mich einer überfordernden Situation, aber das ist auch nicht immer möglich.
    • Also was optische Reize an geht, so reagieren meine Augen sehr heftig auf "flatter Licht " ich meine damit Lichter die immer wieder schnell wechseln oder an und aus gehen. Dann muß ich meine Augen schließen!
      Auch mit der Haut verspüre ich immer wieder so ein unangenehmes reiben , wenn ich zB. im Laptop schreibe.
      Ohrenstöpsel brauche ich auch manchmal, weil wie ich immer sage, das ich hell hörig bin. Geräusche sind bei mir immer sehr laut.

      The post was edited 1 time, last by Nitram ().

    • Nitram wrote:

      Also was optische Reize an geht, so reagieren meine Augen sehr heftig auf "flatter Licht " ich meine damit Lichter die immer wieder schnell wechseln oder an und aus gehen. Dann muß ich meine Augen schließen!
      Auch mit der Haut verspüre ich immer wieder so ein unangenehmes reiben , wenn ich zB. im Laptop schreibe.
      Ohrenstöpsel brauche ich auch manchmal, weil wie ich immer sage, das ich hell hörig bin. Geräusche sind bei mir immer sehr laut.
      ja, kenn ich :D. Den Film "Coffee and Cigarettes" habe ich im Kino gesehen. Da haben mich die schnellen Überblendungen schwarz-weiß-schwarz-weiß... zwischen den einzelnen Szenen fast in den Wahnsinn getrieben.
    • Interessant

      "Mein Sohn singt einen großen Teil seiner wachen Zeit oder redet in seiner eigenen Sprache. Ist das auch Stimming?"

      Ich bin verbal (früher nannte man die Diagnose Asperger-Autismus) und singe auch in meiner eigenen Sprache oder vor mich hin, immer die gleichen Melodien, gerne gereimte Texte, mal mit Explosivlauten oder R-Lauten, weil die so schön vibrieren. Ich mache das, wenn ich allein bin, vorallem wenn ich mich "unter Druck" fühle oder wenn ich Dinge abspulen muss, die mir nicht gefallen (Spülen morgens) aber auch wenn ich mich entspanne unter der Dusche.

      Beruhigend und schön finde ich auch im Zug bei den Fahrgeräuschen mitzubrummen, ich habe (würde ich sagen) wenig typisch autistisches, aber ich agiere doch viel akustisch.

      Und ja, ich denke, das ist Stimming.
      diagn.
    • kazimae wrote:


      Zum Thema Reizüberflutung/Kompensation hätte ich eine Frage: Hat noch jemand die Erfahrung gemacht, bestimmte Reize durch andere Reize bewusst zu verdrängen? Z.B. höre ich bevorzugt Musik oder singe, wenn ich unruhig bin, meine Gedanken zu schnell oder ungeordnet sind oder mich andere Geräusche stören (z.B. Unterhaltungen, Zahnarztgeräusche ...). Mein Sohn singt einen großen Teil seiner wachen Zeit oder redet in seiner eigenen Sprache. Ist das auch Stimming?

      Kennt/ nutzt ihr selbst ähnliche Strategien, auch mit anderen Reizen?
      Als Kind habe ich die störenden Töne laut in einer mir angenehmen Tonlage mit Summen begleitet. Die frühesten Erinnerungen sind auf der Küchenarbeitsplatte zur Küchenmaschine und auf dem Wohnzimmerteppich zum Staubsauger, da war ich etwa 3 Jahre alt.
      Später wirkt das dann leider seltsam, also wurde mir wieder ein Stim vom Umfeld "wegsozialisiert".

      Was mich schon immer fokussiert, ist Rhythmus.
      Ich mochte Blasmusik zwar nie, aber sie half mir immer auf einem Fest durchzuhalten.
      Heute auf Geburtstagen suche ich eine Ecke, in der die Musik deutlich hörbar und Stimmen leiser und nicht zu diffus sind. Wird die Musik dann leiser gedreht, oder gar abgeschaltet, lande ich wieder im Chaos.

      Im Alltag setze ich inzwischen auf Abschottung und Vermeidung. Wenn NC Kopfhörer alleine nicht helfen, spiele ich nebenbei noch Musik, oder trage Gehörschutz, z. B. beim Staubsaugen.
    • kazimae wrote:

      Mein Sohn singt einen großen Teil seiner wachen Zeit oder redet in seiner eigenen Sprache. Ist das auch Stimming?
      Das erinnert mich an einen kleinen Nachbarsjungen, der im Alter von 1 1/2 - 4 1/2 Jahren sein Kinderzimmer direkt angrenzend an mein Schlafzimmer hatte, so dass ich seine sprachliche Entwicklung und seine verbalen Eigenheiten recht gut mitbekommen habe.

      Ich habe in Verdacht, dass er Autist ist oder zumindest autistische Züge hat. Genau weiß ich das allerdings nicht.

      Der Junge hat bis er 3 Jahre alt war außer dem Wort "Mama" gar nicht gesprochen. Mit etwas über 3 brabbelte und sang er oft in seiner eigenen Phantasiesprache. Das schien ihn zu beruhigen. Bevor er damit anfing, hatte er oft verzweifelte Schreianfälle, wenn er angezogen oder gewaschen wurde, weil ihm das offenbar sehr unangenehm war. Diese Schreianfälle wurden jedenfalls weniger, je mehr er sich mit seiner Singerei und Brabbelei beschäftigte.

      Erst mit über 4 Jahren fing er an normal zu sprechen. Seine Phantasiesprache behielt er aber parallel dazu bei.

      Die Familie ist ein halbes Jahr danach ausgezogen, so dass ich das nicht weiter verfolgen konnte. Ich weiß nur, dass er inzwischen altersgerecht spricht und in die erste Klasse einer Regelschule geht.
    • Meine Eltern erzählten, dass ich als kleines Kind sehr viel vor mich hin geredet habe (kein Gespräch, ein vor sich hin Plappern). Ich hatte auch viele erfundene Wörter.
      Dann im Kindergarten und später Schule war ich aber sehr still.

      In der Grundschule erinnere ich mich an eine Szene, da hat meine Sitznachbarin mich geschimpft, weil ich gesummt und gesungen habe. Es war am letzten Tag vor den Ferien nach der Kirche und alle Kinder waren sehr aufgedreht und es war sehr laut. Ich selbst hatte es nicht bemerkt, dass ich gesungen habe. Vielleicht habe ich das noch öfter getan, ohne es zu wissen.

      Mit etwa 10 habe ich Kopfhörer entdeckt, bei einer Autofahrt. Das hat mich sehr, sehr glücklich gemacht. Von da an habe ich immer öfter, extrem laut Musik über Kopfhörer gehört. Also auf Maximallautstärke, und möglichst "dichte" elektronische Musik. So dass nichts mehr von außen durch kommt. Das habe ich jahrelang die gesamte wache Zeit gemacht (zuhause am Schreibtisch, unterwegs nie). Jetzt habe ich ein Zimmer für mich.
      Bei der Autismus-Diagnostik schrieb der Arzt dann, ich würde mich durch laute Musik abschirmen. Das war mir vorher nie bewusst. Mir war zuvor gar nicht klar gewesen, warum ich das eigentlich mache. Es war mir einfach immer nur extrem wichtig gewesen, ohne dass ich sagen konnte, warum.


      "Visuelles durch Visuelles ersetzen" kenne ich auch. Während einem Video/Film schaue ich oft woanders hin, als Kind habe ich zb dabei häufig auf die Bildschirmumrandung geguckt. Oder ich nehme meine Brille ab und halte sie mir dicht vor die Augen und betrachte die Spiegelungen. Meine Liebllingsserie habe ich beim Malen nur angehört, statt angesehen.
      Wenn ich von draußen nach hause komme, muss ich erstmal meine Sicht wieder normal kriegen. Sie ist dann so "vernebelt" irgendwie. Das geht wieder weg wenn ich einen Roman lese, oder ein Forum das ich in und auswendig kenne. Also etwas, was optisch öde ist und ich schon kenne. Wenn ich früher aus der Schule heim kam, habe ich immer erstmal 1h Stunde gelesen, bis dieses Nebelgefühl wieder weg war. Einfach schwarze Buchstaben auf weißem Papier in einheitlicher Typo.

      Reizverdrängung durch andere Reize ist auch das einzige, was funktioniert, mit dieser Störung. Außer man schläft.