Alternative Erklärungen

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    • Alternative Erklärungen

      Hey Ihr,

      nachdem ich bei mir den Verdacht auf Autismus hatte, habe ich genauer nachgedacht, welche Auffälligkeiten es bei mir in der Kindheit gab. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich für manches ganz eigene Erklärungen hatte.
      So habe ich als Kind Angst davor gehabt, dass mich Blitze 'sehen' könnten, und habe mich daher bei Gewitter häufig versteckt und die Ohren zugehalten. Auch Angst hatte ich davor, dass mich die Insassen von Zügen oder Hubschraubern sehen könnten. Als Erwachsener machte ich mir dann Sorgen, dass sich Nachbarn beschweren könnten, wenn wir zu laut seien. Daher versuchte ich unseren Kindern zu vermitteln, dass sie beim Spielen auf ihre Lautstärke achten sollten. Auch wenn unsere Hunde bellten, versuchte ich das zu unterbinden. Aber auf die Idee, dass ich selbst geräuschempfindlich sein könnte, bin ich vorher nie gekommen...

      Erzählt doch mal, welche kreativen Erklärungen ihr für euch gefunden habt. :)
    • Tja, wenn mal von außen jemand drauf guckt. :d

      An den Aspekt hatte ich noch gar nicht gedacht, obwohl mir bewusst ist, dass ich mich unter Menschen eher unwohl fühle. Wobei ich da eigentlich keine Sorge davor habe, beobachtet zu werden. Und mit stehenden Zügen am Bahnhof hatte ich auch nie Probleme.
    • War auch nur so ein Gedanke, der mir beim Lesen kam, vorallem bei den Nachbarn, weil das schon ein wenig nach "ich mache mir Gedanken, was andere über mich denken" klingt, was wohl bei Sozialphobie typisch ist.
    • Ich verstehe nicht, wie du aus deiner Angst "gesehen" zu werden, nun eine Geräuschempfindlichkeit herleitest. Kannst du das genauer erklären?

      Ich habe immer wieder in meinem Leben etwas falsch verstanden (wie wohl jeder) und daher dann auch Fehlschlüsse produziert, aber an Wahn grenzende/erinnernde Ideen, wie von Blitzen gesehen werden zu können, hatte ich nicht. Ich hatte mal im Grundschulalter Angst vor einem Schatten über meinem Bett, der wie ein Vampir aussah und traute mich deshalb nicht, die Decke unter den Hals zu ziehen. Aber naja, "der kleine Vampir" war auch so eine Art SI von mir und diese Angst hatte ich nur den einen Abend in Verbindung mit genau diesem Schatten. Aber ich glaube heute nicht, dass es eigentlich etwas ganz anderes qar, was ich glaubte. Mich dünkt, mir erschließt sich dein Anliegen nicht so recht. :?
      "Auf der Metaebene lässt sich Abstand gewinnen zum Geschehen. [...] Und dabei zeigt sich, dass es andere Perspektiven, andere Erlebensweisen und viel mehr Möglichkeiten für Lösungen gibt, als sich der Mensch in seiner alten kleinen Welt hatte träumen lassen." (Brit Wilczek)
    • Aldana wrote:

      War auch nur so ein Gedanke, der mir beim Lesen kam, vorallem bei den Nachbarn, weil das schon ein wenig nach "ich mache mir Gedanken, was andere über mich denken" klingt, was wohl bei Sozialphobie typisch ist.
      Und auch das Gedanken machen trifft voll auf mich zu...

      Kayt wrote:

      Ich verstehe nicht, wie du aus deiner Angst "gesehen" zu werden, nun eine Geräuschempfindlichkeit herleitest. Kannst du das genauer erklären?
      Die Herleitung kam anders herum. Durch viel Stress wurde meine Geräuschempfindlichkeit so stark, dass ich sie nicht mehr übersehen konnte. Nachdem ich das realisiert hatte und ungefähr gleichzeitig auf den möglichen Autismus gestoßen bin, habe ich angefangen zu überlegen, was mir aus meiner Kindheit an Auffälligkeiten einfallen. Und die oben beschriebenen Ängste hatten alle mit lauten Dingen zu tun, daher kam ich zu dem Schluss.

      Kayt wrote:

      Ich habe immer wieder in meinem Leben etwas falsch verstanden (wie wohl jeder) und daher dann auch Fehlschlüsse produziert, aber an Wahn grenzende/erinnernde Ideen, wie von Blitzen gesehen werden zu können, hatte ich nicht. Ich hatte mal im Grundschulalter [..]
      Meine Erinnerungen in die Richtung stammen auch aus frühster Kindheit. Also frühes Grundschulalter oder möglicherweise davor. Damals war die Trennung zwischen belebten und unbelebten Dingen noch nicht so deutlich.
    • src2K wrote:

      Nachdem ich das realisiert hatte und ungefähr gleichzeitig auf den möglichen Autismus gestoßen bin, habe ich angefangen zu überlegen, was mir aus meiner Kindheit an Auffälligkeiten einfallen. Und die oben beschriebenen Ängste hatten alle mit lauten Dingen zu tun, daher kam ich zu dem Schluss.
      Danke für die Erklärung. Also ich muss sagen, dass das für mich konstruiert klingt.
      "Auf der Metaebene lässt sich Abstand gewinnen zum Geschehen. [...] Und dabei zeigt sich, dass es andere Perspektiven, andere Erlebensweisen und viel mehr Möglichkeiten für Lösungen gibt, als sich der Mensch in seiner alten kleinen Welt hatte träumen lassen." (Brit Wilczek)
    • Ein bisschen kann ich das schon nachvollziehen. Wenn man selbst geräuschempfindlich ist, dann geht man oft davon aus, dass andere genauso geräuschempfindlich sind, und dann macht man sich eher Sorgen, dass andere sich gestört fühlen könnten. Bei mir ist das auch so. Ich würde z.B. nie laut Musik hören in meiner Wohnung, oder laut trampeln.
      Andere, die weniger empfindlich sind, machen auch selber Krach und kommen nicht auf die Idee, dass es jemanden stören könnte.

      Das mit dem "gesehen werden" ist aber nochmal ein anderes Thema.

      Src2K wrote:

      Auch Angst hatte ich davor, dass mich die Insassen von Zügen oder Hubschraubern sehen könnten.
      Ich finde es logisch, sich zu fragen, ob man von anderen gesehen wird, die Frage ist, ob und warum das Angst macht.
      Wenn ich z.B. als Kind darüber nachgedacht habe, ob Leute in einem Hubschrauber, der über mich drüber fliegt, mich sehen können, dann habe ich mich vielleicht gefragt, ob ich winken soll, aber richtig Angst hat mir das ansonsten nicht gemacht.
      Mein Vater hat mal erzählt, dass er als Kind mit einem Freund unterwegs war, als ein Hubschrauber der Franzosen kam, und er hat sich mit seinem Kumpel in einen Graben geschmissen, damit sie nicht gesehen werden. Später wurde ihm klar, dass das lächerlich war, weil man sie aus einem Hubschrauber in jedem Fall gesehen hat, egal ob im Graben oder nicht. Er meinte, die Soldaten hätten sicher darüber gelacht.
      In so einer Situation kann ich Angst dann verstehen.

      Ich glaube aber, dass so ein Gefühl, man könnte gesehen werden, vielleicht wirklich bei Autismus häufiger vorkommt und eher unangenehm ist, ähnlich wie beim Blickkontakt vielleicht. Aber das ist stark an der Grenze zum Unbewussten, schwer zu fassen.


      Was mir noch an alternativen Erklärungen einfällt: da gab es schon viel, z.B. dass ich schüchtern sei. Oft dachte ich, es hätte in meiner frühen Kindheit ein Trauma gegeben, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, weil ich mir nicht erklären konnte, wieso ich keine Beziehungen aufbaue. Das Blöde ist, selbst heute mit Diagnose denke ich immer noch an alternativen Erklärungen herum. Aber über viele Dinge habe ich auch gar nicht weiter nachgedacht, weil ich nicht gemerkt habe, wie anders als andere ich war.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Das ist ein interessantes Thema. Wo verläuft die Grenze zwischen Sozialphobie und Autismus? Wären sozialphobische Menschen theoretisch in der Lage, gut mit anderen zu interagieren, wenn sie dabei keine Ängste hätten? Ich meine, sind diese "Anlagen" da, die bei Autismus fehlen?
    • zzis wrote:

      Wo verläuft die Grenze zwischen Sozialphobie und Autismus?
      Naja ich bin autistisch und habe keine oder zumindest in den aller seltensten Fällen sozialphobische Gedanken.
      Ich bin selbstbewusst und mir ist bei den meisten Dingen nicht wichtig, was andere Menschen darüber denken. Also, solange ich niemandem damit wirklich Schaden zufüge.

      Es gibt sicher auch Autisten, welche diese Gedanken haben. Aber es ist nicht zwingend Teil von Autismus. Gibt halt eine Schnittmenge zwischen beiden Gruppen, den Sozialphobikern und den Autisten.
    • zzis wrote:

      Wären sozialphobische Menschen theoretisch in der Lage, gut mit anderen zu interagieren, wenn sie dabei keine Ängste hätten? Ich meine, sind diese "Anlagen" da, die bei Autismus fehlen?
      Soviel ich weiß, ist das die Unterscheidung, ja. Aber wenn die Sozialphobie sehr lange besteht, in der Regel seit der Kindheit, müsste es schon auch so sein, dass die Übung fehlt und mangels Erfahrungen in vielen Situationen tatsächlich nicht klar ist, wie man sich verhalten müsste. Ich denke aber, dass das dann schwächer ausgeprägt ist als bei Autismus.
      Bei Autismus würde ich sagen, dass die komplette Intuition fehlt, wie man sich andern gegenüber verhalten müsste. Zusätzlich können die Erfahrungen fehlen. Bei sozialer Phobie ist die Intuition da, aber möglicherweise fehlen Erfahrungen.

      Ich selbst habe eindeutig sozialphobische Tendenzen, aber zwei Therapeuten sagten mir, es würde nicht reichen für eine Diagnose "Soziale Phobie". Ich habe besonders dann Angst, wenn eine Situation neu ist, ich sie nicht genau vorherberechnen kann, oder wenn ich in genau dieser Situation schon schlechte Erfahrungen gemacht habe. Dann habe ich Angst, dass ich etwas falsch machen und negativ auffallen könnte, was eine sozialphobische Angst ist. Aber irgendwie begründet, weil eben tatsächlich die Fähigkeiten fehlen, intuitiv mit der Situation umzugehen und ggf. auch spontan zu reagieren. Oft habe ich aber auch mehr Angst als ich haben müsste, weil ich es dann doch ganz gut schaffe (allerdings nicht immer, manchmal bestätigen sich meine Befürchtungen).
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Shenya wrote:

      Ich habe besonders dann Angst, wenn eine Situation neu ist, ich sie nicht genau vorherberechnen kann, oder wenn ich in genau dieser Situation schon schlechte Erfahrungen gemacht habe. Dann habe ich Angst, dass ich etwas falsch machen und negativ auffallen könnte, was eine sozialphobische Angst ist. Aber irgendwie begründet, weil eben tatsächlich die Fähigkeiten fehlen, intuitiv mit der Situation umzugehen und ggf. auch spontan zu reagieren. Oft habe ich aber auch mehr Angst als ich haben müsste, weil ich es dann doch ganz gut schaffe (allerdings nicht immer, manchmal bestätigen sich meine Befürchtungen).
      Dito. Ich halte diese Konstellation für ziemlich typisch für autistische Menschen, denen es nicht egal ist, was andere von ihnen denken. Persönlich vermute ich auch, gewissermaßen eine "sekundäre Sozialphobie" zu haben, die aufgrund der wiederholten Erfahrung, missverstanden zu werden und bei anderen schlecht "anzukommen", entstanden ist. Ich kann mich gut an Zeiten erinnern, wo ich viel weniger Angst vor Menschen hatte. Zugleich merke ich aber auch, dass ich in Situationen, wo ich und mein Leben weniger "erklärungsbedürftig" sind, im Kontext Selbsthilfe etwa, deutlich selbstbewusster und weniger gehemmt bin.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Danke, das wollte ich wissen. Hmm... Ich denke ich hatte seit ich mich erinnern kann eine sehr starke Sozialphobie, starke Angst von anderen negativ bewertet zu werden, ständig darüber nachgedacht, was andere von mir denken. Ich hatte als Kind Angst, mir im Supermarkt "nur" Gummibären zu kaufen, aus Angst, was denn die Kassierer von mir denken würden, ich esse nur Zucker. Hab auch bis ich 20 war meine Binden nicht selbst gekauft, aus Angst was die anderen wohl denken. Bin gerade etwas verwirrt, diese ganzen Thematiken und Unterscheidungen sind für mich noch neu. Die Sozialphobie habe ich mir einigermaßen abtrainieren können nach meinem Auszug zuhause. Das hat wohl auch etwas mit meinem Elternhaus zu tun. Ich habe etwas Erfahrung gewonnen. Aber diese Intuition im Umgang mit anderen ist nicht wirklich da, oder fehlt da einfach nur sehr die Erfahrung?
      Ich habe inzwischen kaum Probleme mehr, auf andere (neue Leute!) zuzugehen. Wenn ich weiß, dass ich mit diesen Menschen noch lange zu tun haben werde (z.B. erster Arbeitstag), dann habe ich mehr Probleme.
      Sorry, das ist gerade etwas offtopic...

      Src2K wrote:


      Als Erwachsener machte ich mir dann Sorgen, dass sich Nachbarn beschweren könnten, wenn wir zu laut seien. Daher versuchte ich unseren Kindern zu vermitteln, dass sie beim Spielen auf ihre Lautstärke achten sollten. Auch wenn unsere Hunde bellten, versuchte ich das zu unterbinden.
      Das kenne ich nur zu gut. Ich fand das aber immer selbstverständlich, dass man bei Lärm Rücksicht auf andere nimmt. Und konnte mir nie erklären, warum anderen das nicht einfällt.
      Ganz extrem ist es bei mir mit Leuten, die im Weg rumstehen, z.B. im Supermarkt, oder Fußgänger auf dem Radweg... Ich rege mich furchtbar auf (innerlich, äußerlich traue ich mich das nicht und weiß, dass es dann nur dumme Kommentare gibt, auf die ich nicht reagieren kann). Wenn ich im Supermarkt bin, achte ich immer darauf, dass jeder gut an mir vorbeikann und wenn ich was nachschauen muss stelle ich mich in eine Ecke, wo niemand hinmuss. Wenn meine Freundin dabei ist, nerve ich sie ziemlich damit, weil ich sie ständig aus dem Weg ziehe wenn sie rumsteht. Vielleicht ist das aber auch ein Flüchten vor dem Kontakt zu anderen? So dass mir bloß niemand zu nahe kommt...
    • zzis wrote:

      Wenn ich im Supermarkt bin, achte ich immer darauf, dass jeder gut an mir vorbeikann und wenn ich was nachschauen muss stelle ich mich in eine Ecke, wo niemand hinmuss. Wenn meine Freundin dabei ist, nerve ich sie ziemlich damit, weil ich sie ständig aus dem Weg ziehe wenn sie rumsteht.
      Das ist bei mir auch so. :d
      Bei mir ist es meine Mutter, ich finde es furchtbar, wenn sie immer mitten im Weg steht und überhaupt nicht auf die Idee kommt und auch nicht darauf achtet, ob vielleicht jemand vorbei will. Sie würde die Leute minutenlang warten lassen, da kann ich nicht zusehen.

      Leonora wrote:

      Ich halte diese Konstellation für ziemlich typisch für autistische Menschen, denen es nicht egal ist, was andere von ihnen denken.
      Mir ist es nicht egal, obwohl ich daran arbeite, dass es mir öfter egal ist. Ich war früher noch etwas gehemmter und ängstlicher als jetzt. Ich kann mich sogar an eine Situation im Kindergarten erinnern, wo ich mir Sorgen machte, ob ein anderes Kind mir etwas übel nimmt, was ich gesagt hatte. Deshalb dachte ich oft, dass ich vielleicht gar keinen Autismus sondern Sozialphobie habe, aber wie gesagt, die Therapeuten sahen es anders. Der eine Therapeut meinte, ich würde ja keine Situationen vermeiden, deshalb sei es keine Sozialphobie, das ist aber nicht komplett richtig, es gibt schon Situationen, die ich vermeide (z.B. Vorträge halten, neuerdings auch Weihnachtsfeiern). Allerdings habe ich sonst auch viel mitgemacht, egal wie schwer es mir fiel, weil ich dachte, ich muss das machen, um Freunde zu finden und dazuzugehören.
      Die andere Therapeutin meinte, Menschen mit Sozialphobie würden mit viel Emotion erzählen, wie schlimm alles ist, und ich gar nicht. Das stimmt, ich versuche eher, die Dinge sachlich zu analysieren, und viele Probleme kenne ich schon so lange, dass ich sie gar nicht als erzählenswert wahrnehme. Diese Ängste sind auch in meiner Wahrnehmung nicht das Hauptproblem, sondern eher der tägliche Stress (die Anstrengung), der aber nicht nur durch die Ängste entsteht, sondern auch durch vieles andere.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Shenya wrote:

      Das ist bei mir auch so. :d Bei mir ist es meine Mutter, ich finde es furchtbar, wenn sie immer mitten im Weg steht und überhaupt nicht auf die Idee kommt und auch nicht darauf achtet, ob vielleicht jemand vorbei will. Sie würde die Leute minutenlang warten lassen, da kann ich nicht zusehen.
      Dito :d

      Shenya wrote:

      Deshalb dachte ich oft, dass ich vielleicht gar keinen Autismus sondern Sozialphobie habe, aber wie gesagt, die Therapeuten sahen es anders. Der eine Therapeut meinte, ich würde ja keine Situationen vermeiden, deshalb sei es keine Sozialphobie, das ist aber nicht komplett richtig, es gibt schon Situationen, die ich vermeide (z.B. Vorträge halten, neuerdings auch Weihnachtsfeiern). Allerdings habe ich sonst auch viel mitgemacht, egal wie schwer es mir fiel, weil ich dachte, ich muss das machen, um Freunde zu finden und dazuzugehören.Die andere Therapeutin meinte, Menschen mit Sozialphobie würden mit viel Emotion erzählen, wie schlimm alles ist, und ich gar nicht. Das stimmt, ich versuche eher, die Dinge sachlich zu analysieren, und viele Probleme kenne ich schon so lange, dass ich sie gar nicht als erzählenswert wahrnehme. Diese Ängste sind auch in meiner Wahrnehmung nicht das Hauptproblem, sondern eher der tägliche Stress (die Anstrengung), der aber nicht nur durch die Ängste entsteht, sondern auch durch vieles andere.
      Danke für die Denkanstöße. Mir geht es genauso. Wobei ich Vorträge immer gern gemacht habe, das ist gut planbar.
    • Shenya wrote:

      Ich kann mich sogar an eine Situation im Kindergarten erinnern, wo ich mir Sorgen machte, ob ein anderes Kind mir etwas übel nimmt, was ich gesagt hatte.
      Auch hier dito. Ich erinnere mich auch noch, wie weh es mir tat, als ein Mädchen im Kindergarten sagte, ich sei nicht mehr ihre Freundin, sie wolle nichts mehr mit mir zu tun habe, und wenn ich das erzählen würde, sei ich eine richtig blöde Petze. Ich sprach daher tatsächlich jahrelang nie darüber, und als wir Jahre später wieder in einer Schulklasse zusammen waren, hatte ich ihr gegenüber immer ein unangenehmes Gefühl. Als Kind hatte ich übrigens Angst vor Gleichaltrigen, aber nicht vor Erwachsenen. Während des Studiums gab es eine recht schöne Phase in meinem Leben, wo ich im Verhältnis am wenigsten Angst vor Menschen hatte.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Als Kind hatte ich übrigens Angst vor Gleichaltrigen, aber nicht vor Erwachsenen.
      Spannend, das war bei mir genauso. Ich war eh immer sehr auf Erwachsene fixiert.

      Das änderte sich allerdings mit der Einschulung, als man dann teilweise sehr aggressiven und unsensiblen Lehrern ausgeliefert war, die cholerisch wurden, wenn man merkwürdige, in ihren Augen nicht altersgerechte Fragen gestellt hat. Ich kann mich noch so genau an meinen ersten Schultag in der 1. Klasse als 7-jähriger erinnern und den Blick der Klassenlehrerin, weil ich eine harmlose Frage zur Führung des Hausaufgabenheftes gestellt habe, die sie scheinbar schon indirekt vorher beantwortet hatte, nur bei mir nicht ankam weil es eben zwischen den Zeilen kommuniziert wurde und keine explizite Aussage war. Ich kam mir in dem Moment wie das böseste Kind der Welt vor, aufgrund der Dreistigkeit meiner Frage, und habe mich unglaublich geschämt. Ich glaub das war einer von mehreren Schlüsselmomenten, die meine sozialen Ängste hervorgerufen haben.

      Gleichaltrige hatten mich als Kind entweder nicht interessiert oder waren mir suspekt und haben mich verängstigt.
    • Mon-Robbe wrote:

      Das änderte sich allerdings mit der Einschulung, als man dann teilweise sehr aggressiven und unsensiblen Lehrern ausgeliefert war, die cholerisch wurden, wenn man merkwürdige, in ihren Augen nicht altersgerechte Fragen gestellt hat.
      Vor manchen Lehrern hatte ich auch Angst, und manche mochten mich auch nicht und kritisierten mich immer wieder. Manchmal gab es auch Missverständnisse, wenn ich etwa eine rhetorische Frage wörtlich beantwortete (beispielsweise auf Frage, ob ich etwas jetzt machen möchte, tatsächlich "nein" sagte). Mit anderen Lehrern wiederum verstand ich mich sehr gut und wurde von ihnen für intelligent und originell gehalten. Gerade bei Lehrern habe ich sehr stark polarisiert. Meine Aussage zu Gleichaltrigen und Erwachsenen war tendenziell gemeint, bei einzelnen war es auch anders. Vor Gleichaltrigen, die ich besser kannte, hatte ich oft im Einzelkontakt keine Angst, und war dann umso irritierter, wenn sie sich in Gruppen völlig anders verhielten.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
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    • Mon-Robbe wrote:

      Leonora wrote:

      Als Kind hatte ich übrigens Angst vor Gleichaltrigen, aber nicht vor Erwachsenen.
      Spannend, das war bei mir genauso. Ich war eh immer sehr auf Erwachsene fixiert.
      Das änderte sich allerdings mit der Einschulung, als man dann teilweise sehr aggressiven und unsensiblen Lehrern ausgeliefert war, die cholerisch wurden, wenn man merkwürdige, in ihren Augen nicht altersgerechte Fragen gestellt hat. Ich kann mich noch so genau an meinen ersten Schultag in der 1. Klasse als 7-jähriger erinnern und den Blick der Klassenlehrerin, weil ich eine harmlose Frage zur Führung des Hausaufgabenheftes gestellt habe, die sie scheinbar schon indirekt vorher beantwortet hatte, nur bei mir nicht ankam weil es eben zwischen den Zeilen kommuniziert wurde und keine explizite Aussage war. Ich kam mir in dem Moment wie das böseste Kind der Welt vor, aufgrund der Dreistigkeit meiner Frage, und habe mich unglaublich geschämt. Ich glaub das war einer von mehreren Schlüsselmomenten, die meine sozialen Ängste hervorgerufen haben.

      Gleichaltrige hatten mich als Kind entweder nicht interessiert oder waren mir suspekt und haben mich verängstigt.
      Geht mir auch so. Ich kann noch heute nichts mit Gleichaltrigen anfangen, bis auf eine Ausnahme.
      Meine Kontakte (Freundschaften sind es keine) sind alle eher Ü40, ich bin Mitte 20. Ich fand das nie schräg, finde mich in deren Gesellschaft viel besser zurecht. Meine Freundin ist 10 Jahre älter, das passt auch perfekt. Mit allen darunter habe ich nie Gemeinsamkeiten gefunden, somit keinen Austausch.
      Frage hier in die Runde: Könnte es sein, dass wir aufgrund sozialer Unsicherheiten den Austausch mit Älteren bevorzugen, da wir dann eine Art "Welpenschutz" haben? :lol:
    • zzis wrote:

      Wenn ich im Supermarkt bin, achte ich immer darauf, dass jeder gut an mir vorbeikann und wenn ich was nachschauen muss stelle ich mich in eine Ecke, wo niemand hinmuss. Wenn meine Freundin dabei ist, nerve ich sie ziemlich damit, weil ich sie ständig aus dem Weg ziehe wenn sie rumsteht. Vielleicht ist das aber auch ein Flüchten vor dem Kontakt zu anderen? So dass mir bloß niemand zu nahe kommt...

      Das kenne ich auch. Für mich ist das eine selbstverständliche Rücksichtnahme, und kein Flüchten. Wobei das wohl nicht für alle so selbstverständlich ist und meine Angst vor Kritik da mitwirkt. Allerdings frage ich mich, ob das ein Widerspruch zu einer möglichen Autismusdiagnose ist. Denn für solche Überlegungen wie "Ich könnte Anderen im Weg stehen", braucht es doch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, oder nicht? Und angeblich müsste mir sowas, falls ich im Spektrum bin, schwer fallen.