Mangelnde Empathie und was daraus folgt

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    • Mangelnde Empathie und was daraus folgt

      Ich hatte gestern meinen zweiten Termin, zwecks Differentialdiagnose. Bei der Auswertung der Testung hat sich vor allem (für mich relevant) ergeben, dass ich in Bezug auf Empathie sehr niedrig abgeschnitten habe. Daraus ergibt sich, dass ich wenig bis kein Empathievermögen habe. Obwohl mir dies von anderer Seite auch schon bescheinigt wurde, war mein Selbstbild doch immer ein anderes. Mich deprimiert diese Einschätzung, aber inzwischen sehe ich es genau so, da sich daraus viele Verhaltensweisen meinerseits erklären lassen. Auch ergibt sich für mich daraus, dass ich mich immer vom "Aussen" wie abgeschnitten fühle. Wie auf einem großen Meer treibend, ohne Verbindung zu anderen, oder überhaupt jemand in Sichtweite. Es deprimiert mich, weil ich mich frage, wie ich etwas lernen, verstehen soll, was ich nicht erfassen kann. Ich habe sehr wohl das Bedürfnis, mich anderen zugehörig zu fühlen, und gerade in Hinsicht auf meinen Sohn, möchte ich empathisch sein. Es ist nicht so, dass ich ein Psycho-/ Soziopath bin. Mangelnde Empathie führt auch zu Einsamkeit, da es furchtbar anstrengend ist, den anderen immer kognitiv einschätzen zu müssen. Außerdem ist es für den jeweiligen Gegenüber auch bescheiden, wenn er seine jeweiligen Bedürfnisse immer sehr klar kommunizieren muss. Daran ist wohl zum Teil auch meine Ehe gescheitert. Ich sitze jetzt hier in meiner Wohnung und bin deprimiert darüber, dass ich das Aussen, nie so erfassen kann, wie ich es mir wünsche. Das ganze ist nur ein Teil der Differentialdiagnostik, und kann auch andere Ursachen haben als ASS. Die Diagnose bekomme ich nächste Woche, auf meinen Wunsch hin telefonisch. Habt ihr Ideen, wie ich aus diesem Dilemma raus kommen kann?
      Das Leben ist zu komplex um eine festgelegte Meinung zu haben.
    • Ich habe neulich gelesen, dass die Unfähigkeit, Gefühlslagen anderer zu erkennen, mit Alexithymie zu tun hat, das kommt etwa bei der Hälfte der Autisten vor. Es müsste getrennt diagnostiziert werden.

      Des Weiteren ist wichtig, dass Autisten häufig vermeintlich wenig Empathie haben, weil sie Gefühle aufgrund dessen, dass sie zu nahe gehen, blitzschnell wegdrücken und ganz sachlich erscheinen. Dass die Gefühle zu nahe gehen, hängt damit zusammen, dass die Abgrenzung zu Gefühlen anderer schwer fällt, also zu trennen, was eigene und was Gefühle von anderen sind. Die Gefühle anderer fühlen sich wie eigene an, das kann zu schmerzhaft sein.

      Und auch die Autisten, die Schwierigkeiten haben, Gefühlslagen anderer anhand von Mimik etc. zu erkennen, verfügen dennoch über ein normal ausgeprägtes Mitgefühl.

      Ich hatte nie das Gefühl, dass Beziehungen bei mir wegen mangelnder Empathie scheitern, sondern eher daran, dass ich zu viel Zeit für mich selbst brauche und mich nicht unbedingt leicht gefühlsmäßig anderen gegenüber öffne.

      Ich finde, du musst dir kein schlechtes Gewissen oder Vorwürfe machen. Erwachsenen Menschen in deinem Umfeld kannst du zumuten, ihre Bedürfnisse klar zu äußern, und gegenüber deinem Kind hast du auch sicher schon viel Übung, seine Bedürfnisse zu erkennen, oder hast Techniken entwickelt, sie herauszufinden, z.B. häufiger nachfragen. Wichtiger ist der gute Wille und das Bemühen, weniger ob es in jedem Fall Erfolg hat. Kinder können kleine Fehler verzeihen, wenn sie erkennen, dass das Interesse trotzdem da ist und die Kinder einem wichtig sind.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Shenya wrote:

      verfügen dennoch über ein normal ausgeprägtes Mitgefühl.
      Aber wie unterscheide ich das? Ich denke schon das ich Mitgefühl habe, bin aber meist immer Lösungsorientiert, auch wenn es manchmal keine Lösung gibt.
      Das Leben ist zu komplex um eine festgelegte Meinung zu haben.
    • Bei Empathie gibt es doch das erkennen von Gefühlen einerseits und das mitfühlen, das , sich in den anderen hinein zu versetzen ' andererseits. Gefühle und Stimmungen zu erfassen, ist mir auch nahezu unmöglich... Habe ich mir Gefühle erklären lassen, geht es etwas besser...
    • Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass es einem großen Unterschied gibt zwischen der Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und dem ehrlichen Interesse, Gefühle anderer zu verstehen und auf diese einzugehen.

      Das erkennen von Gefühlen ist bei mir auch stark gemindert, was mir erst im Rahmen der Diagnostik bewusst wurde. Zugleich werde ich regelmäßig als sehr freundlich, höflich und fürsorglich beschrieben. In dieser Beschreibung enthalten ist aber auch, dass mein Umfeld anerkennt, wenn ich versuche, fürsorglich zu sein oder auf eine Gefühlslage anderer einzugehen, auch wenn ich das falsche Gefühl beim Gegenüber wahrnehme und somit eigentlich nicht hilfreich reagiere.

      Was zu großen Verbesserungen geführt hat, ist meine Offenheit gegenüber meinem Umfeld, meine Schwierigkeiten beim Erkennen fremder und ausdrücken eigener Gefühle transparent zu erklären. Und mein Umfeld sagt mir nun ganz konkret, ob die Person traurig, verzweifelt, etc. ist und/oder spricht mich direkt an mit dem Hinweis, dass die Person aufgrund ihrer Gefühlslage z.B. Trost oder aufmunternde Worte braucht.

      Am Anfang fühlte sich das für mein Umfeld und mich merkwürdig an. Aber mittlerweile klappt das für beide Seiten gut. Bestimmte emotionale Bedürfnisse habe ich mittlerweile in Routinen integrieren können, wie etwa meine Frau regelmäßig zu drücken und zu küssen. Ich liebe sie sehr, aber wir haben eben ein unterschiedlich großes Bedürfnis nach körperliche Nähe und Zärtlichkeit. Mit und für sie daher Routinen zu entwickeln, um auch ihren Bedürfnissen besser gerecht zu werden, hat daher für mich nichts mit dem Erfüllen lästiger Pflichten, sondern mit liebevollem Miteinander in der Partnerschaft zu tun.
    • Ich nehme Stimmungen auf, mitunter sogar recht stark. Merke, dass etwas sich komisch anfühlt, im Extremfall so, als könne man die Ladung in der Atmosphäre als Knistern spüren. Nur bleibe ich dann an dem Punkt stehen, weiß also nicht, wie es einzuordnen ist, womit dieses schwammige Körpergefühl korreliert. Da bin ich dann ganz stark auf offene Kommunikation angewiesen. Ich kann dann aber zum Beispiel nicht gut genug herausfinden, ob ich belogen werde oder wer von zwei Personen lügt, wenn es verschiedene Versionen gibt.

      Mitgefühl kann ich sehr stark empfinden, wenn ich mich auf die Situation einlasse (und ausreichend Informationen habe). Tröstend zu agieren kann ich nicht gut, ich bin auch eher lösungsorientiert, aber ich sehe das gar nicht als Mangel. Wenn jeder gleich reagieren würde, würden doch einige Ebenen fehlen. Wenn Person A ganz empathisch, im Sinne von "Ich spiegel dir deine Gefühle" reagiert, dann fühlt sich Person B vermutlich angenommen und verstanden und die meisten (Nicht-Autisten) scheinen das irgendwie zu brauchen. Aber: Dadurch ist ja noch kein Problem auf der Sachebene gelöst. Somit ist es doch gut, wenn es auch noch Person C gibt, die sagen kann: "Nenn mir deine Probleme, ich analysiere und biete Lösungsoptionen". Es muss doch nicht eine Person alles können.
      "Auf der Metaebene lässt sich Abstand gewinnen zum Geschehen. [...] Und dabei zeigt sich, dass es andere Perspektiven, andere Erlebensweisen und viel mehr Möglichkeiten für Lösungen gibt, als sich der Mensch in seiner alten kleinen Welt hatte träumen lassen." (Brit Wilczek)
    • Back wrote:

      Habt ihr Ideen, wie ich aus diesem Dilemma raus kommen kann?
      Ich glaube fast, wenn man wirklich über zu wenig Empathie verüft, ist es schwierig, dies zu verändern. Wenn es nur darum geht, diese stärker zu zeigen, kann man durch Training (vielleicht in einer Therapie) sicherlich daran arbeiten.

      Ich verfüge oft über zu viel Empathie, aber es wird nicht so wahrgenommen wie bei NTs, da mein Gesichts erstens kaum Gefühle widerspiegelt und ich zweitens wie von Shenya beschrieben aus Selbstschutz meine Gefühle verschließen muss, da es mich (im negativen Sinn) überwältigt.
    • Back wrote:

      Aber wie unterscheide ich das? Ich denke schon das ich Mitgefühl habe, bin aber meist immer Lösungsorientiert, auch wenn es manchmal keine Lösung gibt.
      Vielleicht würdest du nicht gleich merken, wenn dein Sohn traurig aus der Schule zurückkommt, aber wenn du erfahren würdest, dass er gemobbt wird, würdest du mit ihm fühlen und ihm helfen wollen.
      Das Trösten liegt Autisten oft nicht so sehr, und das Mitgefühl zeigt sich eher im praktischen Helfen. Weil für's Trösten braucht man Körperkontakt und muss Gefühle zeigen, dafür gibt es halt manchmal Barrieren. Aber praktisch helfen kann man einfacher. Manchmal hilft auch ein Gespräch statt der Umarmung.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Shenya wrote:

      Ich habe neulich gelesen, dass die Unfähigkeit, Gefühlslagen anderer zu erkennen, mit Alexithymie zu tun hat, das kommt etwa bei der Hälfte der Autisten vor. Es müsste getrennt diagnostiziert werden.

      Des Weiteren ist wichtig, dass Autisten häufig vermeintlich wenig Empathie haben, weil sie Gefühle aufgrund dessen, dass sie zu nahe gehen, blitzschnell wegdrücken und ganz sachlich erscheinen. Dass die Gefühle zu nahe gehen, hängt damit zusammen, dass die Abgrenzung zu Gefühlen anderer schwer fällt, also zu trennen, was eigene und was Gefühle von anderen sind. Die Gefühle anderer fühlen sich wie eigene an, das kann zu schmerzhaft sein.
      Dass ist eine grundlegende Unterscheidung. Da wäre meiner Meinung nach übrigens noch eine: Wenn man sehr stark empfindet oder in Gedanken versinkt, gerät man in einen Tunnel, sodass man nichts von den Empfindungen anderer mitbekommt. Auch das hat erst ein Mal nichts mit Unfähigkeit zum Mitgefühl zu tun.

      Back wrote:

      Aber wie unterscheide ich das? Ich denke schon das ich Mitgefühl habe, bin aber meist immer Lösungsorientiert, auch wenn es manchmal keine Lösung gibt.
      An Deiner Stelle ließe ich die Frage des Mitgefühles erst ein Mal unbeantwortet und würde versuchen, herauszufinden, ob ich eher zur Alexithymie neige oder vielleicht ganz im Gegenteile Hochempfindsamkeit mich besser beschreibe oder auch ob keines von beiden zutreffe. Hast Du heftige Gefühle und falls ja, wann? Erst ein Mal herausfinden, wie es um Deine Gefühle bzw Empfindungen allgemein bestellt sei, und dann die Frage nach dem Mitgefühl wieder aufgreifen.
      Achtung, eigene Sprache!
    • Shenya wrote:

      Das Trösten liegt Autisten oft nicht so sehr, und das Mitgefühl zeigt sich eher im praktischen Helfen. Weil für's Trösten braucht man Körperkontakt und muss Gefühle zeigen, dafür gibt es halt manchmal Barrieren. Aber praktisch helfen kann man einfacher. Manchmal hilft auch ein Gespräch statt der Umarmung.
      Das ist auch meine Erfahrung. Viele möchten "einfach" nur Mitgefühl spüren und sind zumindest am Anfang nicht an einer Lösung interessiert, sondern wollen nur ihr Leid klagen.
      Da kann es helfen einfach nur still zuzuhören und da zu sein. Oder auch ganz einfach auch fragen: "Was kann ich für dich tun? Wie kann dich trösten/unterstützen?". Das setzt allerdings voraus, dass man erkannt hat, dass Mitgefühl/Empathie gerade angebracht wäre. Aber das scheint wohl nicht dein (Haupt-) Problem zu sein?
    • Back wrote:

      Bei der Auswertung der Testung hat sich vor allem (für mich relevant) ergeben, dass ich in Bezug auf Empathie sehr niedrig abgeschnitten habe. Daraus ergibt sich, dass ich wenig bis kein Empathievermögen habe.
      Wie wurde das denn getestet?
      Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anderswerden, wenn es besser werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)
      Veränderungen führen deutlich öfter zu Einsichten, als dass Einsichten zu Veränderungen führen. (Milton H. Erickson)
      Morgen werde ich mich ändern, gestern wollte ich es heute schon. (Christine Busta)
    • Keine Ahnung wie die Test heißen. Hat 4 Stunden gedauert, mit den Augen, dann noch so eine Art Multiple Choice, in dem man, wenn man etwas angekreuzt hat nochmal dann was ankreuzen musste. 1 Stunde Gespräch im Vorweg, mit der Psychiaterin.
      Multiple Choice waren paar mehr. Hat nach erster Auswertung ergeben: schizoide Persönlichkeitsstörung, Vermeidend, Borderline, Zwanghaft; ich glaube das wars. Ist noch keine Diagnose, sondern nur was zunächst die Testung ergeben hat.
      Das Leben ist zu komplex um eine festgelegte Meinung zu haben.

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    • Shenya wrote:

      Ich hatte nie das Gefühl, dass Beziehungen bei mir wegen mangelnder Empathie scheitern, sondern eher daran, dass ich zu viel Zeit für mich selbst brauche und mich nicht unbedingt leicht gefühlsmäßig anderen gegenüber öffne.
      Das finde ich sehr treffend zusammengefasst und kann dem für mich genauso zustimmen. Lange Zeit glaubte ich eher, mehr Empathie als andere zu haben. Für wirklich falsch halte ich das noch immer nicht, auch wenn ich die Stimmung meines Gegenübers nicht immer erkenne und nicht unbedingt "passend" darauf reagieren kann.

      Kayt wrote:

      Ich nehme Stimmungen auf, mitunter sogar recht stark. Merke, dass etwas sich komisch anfühlt, im Extremfall so, als könne man die Ladung in der Atmosphäre als Knistern spüren. Nur bleibe ich dann an dem Punkt stehen, weiß also nicht, wie es einzuordnen ist, womit dieses schwammige Körpergefühl korreliert.
      Auch das kenne ich. Ist einer der Punkte, wo meine unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen im Grunde schlecht miteinander kommunizieren, denn zuordnen kann ich ein solches Gefühl oft ebenfalls nicht.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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    • Eurich Wolkengrob wrote:

      Mittlerweile schon, allerdings zu oft im Nachhinein.
      Ja, das kenne ich auch. Oft erst, wenn es schon zu spät ist, um adäquat zu reagieren. Schon allein, weil ich in komplexen sozialen Situationen häufig nicht schnell genug "mitkomme", da sind viel zu viele Informationen in zu kurzer Zeit.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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    • Empathie hat nicht nur etwas mit Mitgefühl zu tun, sondern auch damit, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden bzw. dazu bereit zu sein, dies zu tun.

      Ich habe das Ganze für mich so gelöst:
      Ich möchte empathisch sein. Als ich das erkannt habe, war die Hälfte schon getan. Für mich war auch wichtig, darüber nachzudenken, warum ich das möchte.
      Dananch habe ich darüber nachgedacht, wie ich den Vorgang, empathisch zu sein, logisch für mich erklären kann.
      Ich bin zu folgendem Schluss gekommen:
      Meine Definition von Emapthie ist, dass ich die grundlegenden Axiome (Grundannahmen, die keinen Beweis benötigen), nach denen eine Person handelt, herausfinden muss. Diese Axiome sind evtl. aus meiner Sicht nicht logisch, aber wenn ich sie herausgefunden habe und als Grundwahrheiten in dieser Situation akzeptiere, dann kann ich darauf ein "logisches Gerüst aufbauen" und damit sinnvoll begründen, warum eine andere Person so handelt, denkt und fühlt, wie sie es tut. Dafür habe ich auch die Definitionen von Emotionen auswendig gelernt, damit ich die Verhaltensweisen von anderen Menschen schnell zuordnen kann. Für den ganzen Vorgang muss man auch Informationen über die Person sammeln, damit man die richtigen Axiome herausfindet. Das geht am besten durch Kommunikation mit dieser Person.

      Wenn ich z. B. sehe, dass eine Person immer, wenn sie einen Hund sieht, die Straßenseite wechselt, dann kann ich fragen, wieso sie das tut, da es mir unlogisch erscheint. Dann sagt sie z. B, dass sie Angst vor Hunden hat. Ich kann das nicht nachvollziehen, da ich keine Angst vor Hunden habe.
      Nehmen wir an, sie sagt sonst nichts mehr dazu. Dann ist unser Axiom: Person X hat Angst vor Hunden. Was ist Angst? Besorgnis (um sich selbst oder andere) in bedrohlichen Situationen.
      D.h. Person X empfindet Hunde oder die Anwesenheit von Hunden als bedrohlich, was widerrum heißt, dass sie irgendwann die Erfahrung gemacht haben muss, das Hunde bedrohlich sind. Dann habe ich ihre Angst logisch erklärt, auch wenn ich nicht so denke oder empfinde. Dann kann ich entweder nach weiteren Informationen fragen oder mich entsprechen verhalten. Möchte ich, dass die Person Angst empfindet? Nein, denn es ist eine Situation, die Stress verursacht. Wie bringt man sich selbst oder jemand anderen dazu, keine Angst mehr zu emfpinden? Man schützt oder entfernt sich oder die Person aus der bedrohlichen Situation. Ich könnte dann z.B. nachfragen: Hättest du weniger Angst, wenn wir beim Spazieren gehen so laufen, dass ich zwischen dir und einem vorbeikommenden Hund gehe? Das kann dann ein Beispiel für empathisches Verhalten sein.

      Seitdem ich das tue, fällt es mir viel leichter, empathisch zu sein. Vielleicht hilft das ja jemandem hier.
    • Mein Mangel an Empathie hängt sicherlich damit zusammen, dass Gefühle anderer und auch meine eigenen, mich überwältigen. Ich habe dann meist keine adäquate Lösung damit umzugehen. Meine Art damit umzugehen ist, mich abzukapseln. Dies ist kein bewusster Vorgang. Auch kann ich meine Gefühle und die anderer nicht wirklich zuordnen. Wahrnehmen kann ich Gefühle anderer nur, wenn diese mir sehr deutlich gezeigt werden. Subtile Gefühlsänderungen nehme ich nicht wahr. In Gruppen bin ich sowieso total überfordert, es sei denn, ich kann mich auf eine einzelne Person fokussieren, was mir manchmal gelingt. Aber eigentlich besteht dieses Fokussieren daraus, das ich den anderen zutexte (RW). Gesprächsführung ist auch nicht einer meiner Stärken. Ich denke schon, dass der Mangel, bzw. der nicht angemessene Umgang mit Gefühlen, zu meiner sozialen Isolation führt. Wäre ich diesbezüglich kompetenter, wäre ich doch sicherer im Umgang mit dem Aussen. Bei meinem Sohn kann ich sehr viel seiner Probleme nachvollziehen, aber ich reagiere nicht immer (häufig) nicht adäquat. Das hat auch sicher damit zu tun, dass ich als Kind immer zu hören bekam, ich solle mich nicht so anstellen. Gerne hat man mir auch gesagt, ich müsse so oder so sein, bzw. mach das so oder so. Mach das so, wie z. B. , gib die Hand, schau mir in die Augen etc. Kurz gesagt: Pass dich an, sei wie die anderen. Das triggert bei mir immer noch im Kopf, und in Bezug auf meinen Sohn, kostet es mich große Anstrengungen, dies bei ihm zu unterdrücken. Ich sehe mich derzeit als NT mit autistischen Zügen, welche auf Grund meiner Kindheit sehr ausgeprägt sind.Mit meinen derzeitigen Depressionen, drehe ich mich noch mehr um mich selbst (RW). Mein Umgang mit Gefühlen, ist neben dem Ausblenden, dass ich versuche diese auf einer philosophischen, soziologischen oder psychologischen Ebene einzuordnen. Also rein kognitiv.
      Das Leben ist zu komplex um eine festgelegte Meinung zu haben.
    • Intuitive Empathie zu lernen halte ich für unmöglich. Ich tue mich da selbst schwer und mache das wie @Ant in Post 16 beschreibt. Im Umgang mit einem nahestehenden Personen kann es helfen, wenn man gezielt fragt: "Soll ich nur zuhören oder willst du Lösungsvorschläge hören?" Damit tröstest du zwar nicht besser, vermeidest aber die "falsche" Reaktion.

      Display Spoiler
      Als Kind war ich von der Problemlösungsmentalität meiner Mutter ziemlich genervt. Ich wurde gefragt, wie es in der Schule war, und wenn ich antwortete, dass ich mich über irgendwas geärgert hatte, bekam ich einen langen Vortrag, warum das so sei und wie ich mich ändern solle. Meist war das Thema für mich zu dem Zeitpunkt schon durch (RW). Die Lösungsvorschläge waren für mich so sinnvoll wie der Hinweis, dass man doch einen Regenschirm hätte mitnehmen sollen, nachdem man berichtet, dass man vom Regen überrascht wurde und nass geworden ist. (Also gar nicht.)
    • Back wrote:

      Mein Mangel an Empathie hängt sicherlich damit zusammen, dass Gefühle anderer und auch meine eigenen, mich überwältigen.
      Somit ließe sich Alexithymie als Ursache soweit ausschließen.

      Back wrote:

      Mein Umgang mit Gefühlen, ist neben dem Ausblenden, dass ich versuche diese auf einer philosophischen, soziologischen oder psychologischen Ebene einzuordnen. Also rein kognitiv.
      Um mit den Gefühlen anderer umgehen zu können, müsste man das erst Mal mit den eigenen hinkriegen - je heftiger diese sind, umso schwieriger ist es. Der erste Schritt dahin wäre meiner Meinung nach, sie zuzulassen und diesen Vorgang zunächst überhaupt auszuhalten; denn wie sollte man mit etwas umgehen, das einen überwältigt? Dies wäre die Voraussetzung dafür, Gefühle überhaupt richtig zu erleben und später auch bei anderen wiederzuerkennen. So einfach sich das auch lesen mag, leicht ist es gewiss nicht.

      Back wrote:

      In Gruppen bin ich sowieso total überfordert
      Das ist ja soweit auch eine Übung für Fortgeschrittene.

      Back wrote:

      es sei denn, ich kann mich auf eine einzelne Person fokussieren, was mir manchmal gelingt.
      Geht mir ähnlich. Was bei mir auch funktioniert, ist wenn ich den Ton mitangeben kann, indem zum Beispiel meine Gesprächsthemata Platz haben und ich nicht die üblichen Weichspühlungen ertragen muss. Gruppen sind wohl von ihrer Natur aus auf eine gewisse innere Harmonie ausgerichtet, da sie sonst zerstieben. Das führt oft dazu, dass der zulässige Gesprächskorridor auf den geringsten gemeinsame Nenner schrumpft, was sich für mich zuweilen wie geistige und emotionale Knebelung anfühlt, die starken innerlichen Stress auslöst.

      Leonora wrote:

      Schon allein, weil ich in komplexen sozialen Situationen häufig nicht schlecht genug "mitkomme", da sind viel zu viele Informationen in zu kurzer Zeit.
      Die Menge an Information, scheint mir nicht Ursache meiner Überforderung zu sein. Zum einen sind solche Situationen für mich oft wie der Anschluss an ein Strakstromnetz (vor allem wenn ich die Leute nicht gut kenne), was mein Denkvermögen stark einschränkt. Zum anderen fehlt mir das nötige Werkzeug, d.h. die geistigen und sonstigen Fertigkeiten, um mit solchen Situationen umzugehen. Ich bin innerlich (also geistig und emotional) schon lange auf Einzelkontakte ausgerichtet; in der Gruppe gelten aber andere Regeln, für deren zeitgerechte Anwendung mir (sehr vereinfacht) die Übung fehlt. Es ist aber sehr viel mehr als die Übung, das da fehlt; im Grunde genommen ist es eine ganze Entwicklung: Im Rudel lebt es sich nun Mal ganz anders.
      Achtung, eigene Sprache!

      The post was edited 1 time, last by Eurich Wolkengrob ().

    • Tuvok wrote:

      Wie wurde das denn getestet?

      Back wrote:

      Keine Ahnung wie die Test heißen. Hat 4 Stunden gedauert, mit den Augen, dann noch so eine Art Multiple Choice, in dem man, wenn man etwas angekreuzt hat nochmal dann was ankreuzen musste. 1 Stunde Gespräch im Vorweg, mit der Psychiaterin.
      Multiple Choice waren paar mehr. Hat nach erster Auswertung ergeben: schizoide Persönlichkeitsstörung, Vermeidend, Borderline, Zwanghaft; ich glaube das wars. Ist noch keine Diagnose, sondern nur was zunächst die Testung ergeben hat.
      Die vier Stunden waren also nicht ausschließlich Empathie-Tests, sondern enthielten offenbar jede Menge andere Tests auf die genannten Merkmale.

      Es gibt eigentlich nicht viele Tests, die tatsächlich Empathie direkt messen können, ohne nur Selbst- oder Fremdeinschätzungen abzufragen. Deswegen war meine Frage, woran sie den Mangel an Empathie eigentlich festmachen.

      Ant wrote:

      Empathie hat nicht nur etwas mit Mitgefühl zu tun, sondern auch damit, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden bzw. dazu bereit zu sein, dies zu tun.

      Ant wrote:

      Ich möchte empathisch sein.
      Da kann ich mich voll anschließen, würde nur zu den Gedanken, Motiven und Persönlichkeitsmerkmalen noch die Gefühle der Person ergänzen.
      Es ist auf keinen Fall so, dass ich Empathie verweigern und den Eindruck erwecken möchte, dass mich die Gedanken und Gefühle meines Gegenübers nicht interessieren.
      Eine gewisse Offenheit, die auch nach außen gezeigt wird, gehört da wohl unbedingt dazu.

      Schwarze Katze wrote:

      Intuitive Empathie zu lernen halte ich für unmöglich
      Meine These wäre eher, dass ich vielleicht deswegen (zu) wenig empathisch wirke, weil ich (zu) viel rational denke, wo intuitives Denken besser geeignet wäre.
      Möglicherweise erfasse ich eine soziale Situation intuitiv ja eigentlich gar nicht so schlecht, aber dann schaltet sich bei mir der rationale Verstand ein und überlegt erst lange hin- und her, weil es ja auch sein könnte, dass ich die Situation inituitiv falsch beurteilt habe. Und da diese Möglichkeit natürlich letztlich nie ausgeschlossen werden kann, führt dieses rumüberlegen letztlich nicht wirklich zu einer passenden Reaktion. Da wäre es vielleicht besser, der Intuition einfach mal zu vertrauen und zu riskieren, dass ich mich intuitiv eben auch geirrt haben könnte.

      Letztlich glaube ich, dass Empathie nur intuitiv richtig funktioniert und dass mein Mangel an Empathie (oder auch nur der Eindruck, dass ich einen Mangel an Empathie hätte) vielleicht daher kommt, dass mein rationales Denken zu stark ausgeprägt ist und das intuitive Denken zu stark unterdrückt wird. Letztlich ginge es dann beim Erlernen von intuitiver Empathie darum, die zusammenarbeit zwischen bewusstem rationalen Denken und ubewusstem intuitiven Denken zu verbessern.

      Der Weg, den @Ant beschreibt, wäre dann nur der Anfang und würde irgendwann vielleicht dazu führen, dass man solche Überlegungen so weit verinnerlicht, dass man nicht mehr bewusst darüber nachdenkt.
      Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anderswerden, wenn es besser werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)
      Veränderungen führen deutlich öfter zu Einsichten, als dass Einsichten zu Veränderungen führen. (Milton H. Erickson)
      Morgen werde ich mich ändern, gestern wollte ich es heute schon. (Christine Busta)