Neuro-atypisch als alternativ-Diagnose

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Aldana wrote:

      Neuroatypisch mögen jetzt vielleicht noch wenige sofort richtig verstehen. Wenn der aber erstmal eingeführt und etabliert ist
      Ich hoffe, dass er nicht etabliert wird.

      Wenn man so wenig eingeschränkt oder auffällig ist, dass man den eigentlichen Diagnosebegriff für sich ablehnt und es einem irgendwie peinlich ist, zu sagen, dass man Autismus oder Asperger hat, dann könnte man auch einfach sagen, ich bin in dem und dem Punkt etwas anders als der Durchschnitt. Das würde dann auch viel weniger Nachfragen auslösen.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Shenya wrote:

      dass man den eigentlichen Diagnosebegriff für sich ablehnt
      Zumindest mir persönlich gehts hier überhaupt nicht um Ablehnung des Diagnosebegriffs, sondern darum, dass ich in bestimmten Situationen, in denen mir die Nennung meiner konkreten Diagnose einfach zu privat ist, auf einen Oberbegriff zurückgreifen kann, der keine negativeren Assoziationen hervorruft als meine konkrete Diagnose es würde.

      Shenya wrote:

      ich bin in dem und dem Punkt etwas anders als der Durchschnitt.
      Das klingt für mich wiederum zu verharmlosend und eher mit etwas veränderlichen wie z.B. "ich habe eine andere Meinung als der Durchschnitt" als mit einer unveränderlichen, abweichenden körperlichen Konstitution assoziiert.

      The post was edited 1 time, last by Aldana ().

    • Aldana wrote:

      dass ich in bestimmten Situationen, in denen mir die Nennung meiner konkreten Diagnose einfach zu privat ist, auf einen Oberbegriff zurückgreifen kann
      Das wird dir nicht helfen, denn entweder musst du danach erklären, was neuroatypisch sein soll, dann kommst du um eine nähere Beschreibung oder vielleicht sogar konkrete Benennung auch nicht herum. Oder die Leute kennen sogar das Wort und wissen, dass sich Krankheiten wie Asperger oder ADHS oder Schizophrenie dahinter verstecken. Dann bist du auch nicht weiter, und wenn du Pech hast, werden schlimmere Dinge als nur Asperger vermutet.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Shenya wrote:

      Es weiß aber niemand, was neuroatypisch sein soll, d.h. gerade bei diesem Begriff wird es viele Nachfragen geben.
      Asperger hingegen, oder auch Autismus, hat inzwischen wohl fast jeder schon mal gehört.
      Dass fast jeder vielleicht schon Mal irgendwas über Autismus gehört hat, sehe ich mir gegenüber nicht als Vorteil. Eben, dass sich kaum jemand etwas unter neuro-atypisch vorstellen kann, finde ich (für mich) gerade als gewollt. Wenn ich es als nötig/hilfreich empfinden sollte, mitzuteilen dass ich ein Bisschen anders ticke, aber gleichzeitig nicht sagen möchte dass ich Autist bin oder was ich genau habe.

      Für mich ist das mehr, wie eine Auskunft komplett vorn vorne herein abzulehnen "darüber will ich nichts sagen" aber auch weniger, wie meine genaue Diagnose offen zu legen.
      Für mich ist das genau richtig. :)

      Dr. L84 wrote:

      Neuro-atypisch klingt stark verwandt oder angelehnt an das Konzept einer Neurodiversität,
      Damit verlässt man den ICD-Rahmen ohnehin,
      Das Konzept der Neurodiversität nennt dieselben Diagnosen als Beispiele, die auch im ICD 11 zu den neurologischen Entwicklungsstörungen zählen.
      Alle Worte die etwas neurologisches beschreiben, fangen nunmal mit Neuro- an. ;)

      Shenya wrote:

      dann könnte man auch einfach sagen, ich bin in dem und dem Punkt etwas anders als der Durchschnitt.
      Einerseits hoffst du, dass neuro-atypisch sich nicht etabliert weil du es für dich nicht passend findest. Gleichzeitig gibst du aber vor, wie andere die ihren Autismus nicht in jeder Situation offen nennen möchten, sich stattdessen bezeichnen sollten. Hauptsache bloß nicht neuro-atypisch. Es kann aber jeder für sich entscheiden, genau so wie du neuro-atypisch für dich nicht verwenden musst.

      Shenya wrote:

      Oder die Leute kennen sogar das Wort und wissen, dass sich Krankheiten wie Asperger oder ADHS oder Schizophrenie dahinter verstecken.
      Die Leute können das Wort nicht kennen. Und Schizophrenie fällt nicht darunter.
      Es sind die leisen Töne, die das Leben tragen.
    • Zwischenmensch wrote:

      Gleichzeitig gibst du aber vor, wie andere die ihren Autismus nicht in jeder Situation offen nennen möchten, sich stattdessen bezeichnen sollten.
      "Man könnte" ist kein vorgeben, es zeigt nur eine aus meiner Sicht sinnvollere Alternative auf.
      Mit diesem Neurodiversitätskram ziehen einige hochfunktionale Autisten aber alle anderen mit ins gleiche Boot, und es ist einfach unsinnig, wenn man das ganze Spektrum betrachtet, das neurodivers oder neuroatypisch zu nennen.

      Zwischenmensch wrote:

      Und Schizophrenie fällt nicht darunter.
      Fast alle psychischen Krankheiten haben eine genetische/biologische Komponente. Und Schizophrenie soll mit Autismus sogar relativ eng verwandt sein.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)

      The post was edited 1 time, last by Shenya ().

    • Grundsätzlich sehe ich die Zunahme der Outings eher positiv, denn nur so können Vorurteile oder veraltete Vorstellungen von Autismus in der Allgemeinbevölkerung abgebaut werden. Ich finde es gut, dass Autismus als breites Spektrum immer bekannter wird, dass es also auch Fälle gibt, wo der Autismus eher "verdeckt", also nicht so offensichtlich ist (wie bei mir beispielsweise).

      Die "Kehrseite der Medaille" ist allerdings, dass sich auch vermehrt "Autisten" outen, deren einzige "Einschränkung" es ist, sich bewusst vom "Mainstream" abzugrenzen, weil sie etwas "Besonderes" sein wollen, ich denke da z.B. an die sogenannte "Hipster-Szene". Autismus "darf" dann natürlich keine Entwicklungsstörung sein, denn das ist unpopulär.

      Ich persönlich hatte mich bisher eher selten geoutet, dass ich das Asperger-Syndrom habe. Ich bin nicht jemand, der sowas an die große Glocke hängt. (RW)
    • Ich habe mal zwei Artikel zur genetischen Verwandtschaft psychischer Krankheiten herausgesucht:
      wissenschaft.de/gesundheit-med…en-verblueffend-verwandt/
      aerzteblatt.de/nachrichten/507…e-mit-gemeinsamen-Wurzeln


      Meiner Meinung nach ist damit auch die häufige Aussage, Autismus sei keine psychische Krankheit im Gegensatz zu Schizophrenie, Depression o.a., nicht haltbar. Die Forschung zu genetischen Ursachen ist erst am Anfang, es wird bestimmt noch viel Hin- und Her geben.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Zwischenmensch wrote:

      Dr. L84 wrote:

      Neuro-atypisch klingt stark verwandt oder angelehnt an das Konzept einer Neurodiversität,
      Damit verlässt man den ICD-Rahmen ohnehin,
      Das Konzept der Neurodiversität nennt dieselben Diagnosen als Beispiele, die auch im ICD 11 zu den neurologischen Entwicklungsstörungen zählen.Alle Worte die etwas neurologisches beschreiben, fangen nunmal mit Neuro- an. ;)
      Ja, die Bedeutung ist aber eine vollkommen andere. Wenn ich das, was dort unter Entwicklungsstörungen aufgelistet ist, nicht als Störung anerkenne, muss ich mich auch nicht nach der dortigen Kategorisierung richten, sondern kann eine ganz eigene machen. Wenn ich es aber als Störung anerkenne, sollte ich nicht einen Begriff wie neuro-atypisch wählen, da damit eine Nähe zur Neurodiversitätsbewegung hergestellt wird, die es wiederum nicht als Störung anerkennen.
    • Shenya wrote:

      Mit diesem Neurodiversitätskram
      einfach unsinnig, wenn man das ganze Spektrum betrachtet, das neurodivers oder neuroatypisch zu nennen.
      Mit neurodivers hat es nichts zu tun und neuro-atypisch ist nicht falsch.

      Gut vielleicht war es mein Fehler, dass ich es anfangs als alternativ-Diagnose bezeichnete. Wobei selbst da das kommende ICD vergleichbare Ansichten hat. Ich denke aber, dass wir uns darin einig sind, dass sich jeder bezeichnen darf wie man es für sich selbst möchte. Wer es unsinnig, dumm, oder was auch immer findet, der kann das für sich selbst so finden. Deswegen ist es aber nicht allgemein unsinnig oder ähnliches, weil es auch Menschen gibt die es für sich passend finden.
      Es sind die leisen Töne, die das Leben tragen.
    • wer meint, der Begriff 'neuro-atypisch' bringt ihm*ihr wie auch immer geartete Entlastung oder Vorteile, kann den ja jetzt schon versuchsweise verwenden; ich bin tatsächlich etwas gespannt, wie der dann ankommt und welche Reaktionen es gibt; in den offiziellen Diagnosen-Katalog wird er es so schnell nicht schaffen, bei dem langjährigen Turnus der Neufassungen.

      ps erinnert mich irgendwie an die Ersetzung von 'Depression' durch 'Burnout'

      The post was edited 1 time, last by Pechblende ().

    • Mich erinnert es eher an "nein ich bin nicht fett, ich habe nur schwere knochen". Wenn ich einen Sonnenbrand oder Neurodermitis habe, würde ja auch keiner sagen, dass ich haut-atypisch bin.

      Auf ICD kann man sich jedenfalls nur schwerlich berufen, wenn man von neuro-atypisch spricht. Dort ist ganz klar die Rede von Störung. Wenn man ICD also nicht nur referenzieren möchte, um das Konzept von einer bunten Vielfalt des Seins seriöser wirken zu lassen, müsste man als Oberbegriff doch eigentlich schlicht sagen, dass man neurologisch gestört ist.
    • Aldana wrote:

      Dann sucht man einen Sammelbegriff für physische Folgeschäden aufgrund des Autismus, aber nicht für Autismus selbst, denn der ist eine neurologische Störung.
      Meiner ganz eigenen Meinung nach ist Autismus der seelische/psychische Entwicklungsschaden und keine neurologische Störung. Neurologisch sind die Eigenheiten (die ihrerseits krankhaft sein können, wie etwa im Falle geistiger Behinderung, aber nicht müssen), die unter ungünstigen Umständen (man könnte es auch Prädisposition des Umfeldes nennen) zur Entwicklungsstörung führen. Das bedeutet, dass neuroatypische Abweichungen an sich keineswegs krankhaft bzw autistisch sind, auch wenn sie oft so wahrgenommen werden. Doch wie gesagt ist dies nur meine Privatmeinung.
      Achtung, eigene Sprache!

      The post was edited 2 times, last by Eurich Wolkengrob ().

    • Zwischenmensch wrote:

      Ich denke aber, dass wir uns darin einig sind, dass sich jeder bezeichnen darf wie man es für sich selbst möchte. Wer es unsinnig, dumm, oder was auch immer findet, der kann das für sich selbst so finden. Deswegen ist es aber nicht allgemein unsinnig oder ähnliches, weil es auch Menschen gibt die es für sich passend finden.
      klassische Identitätspolitik. nein, diese Selbstbezeichnungen, die zunehmend in Willkür ohne wissenschaftliche Basis übergehen, müssen nicht einfach so akzeptiert werden und Gegenreden dürfen und müssen in den Diskurs eingebracht werden. was wer innerlich passend findet, ist letztendlich unanfechtbar; aber wer mit einem Konzept nach außen geht, muss sich dem möglicherweise kontroversen Diskurs stellen. zur Abwehr hilft freilich eine eigene moralisch bessere Position :irony:

      Shenya wrote:


      Mit diesem Neurodiversitätskram ziehen einige hochfunktionale Autisten aber alle anderen mit ins gleiche Boot, und es ist einfach unsinnig, wenn man das ganze Spektrum betrachtet, das neurodivers oder neuroatypisch zu nennen.
      in der Tat dürfte wohl nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Menschen mit ASS am hochfunktionalen Ende des Spektrums der Diskussion über die Identitätskonstruktion überhaupt folgen können; diese nehmen die Deutungshoheit für sich in Anspruch.
      ich bleibe dabei, dass Begriffe eher im wissenschaftlichen Diskurs von fachlichen Expert*innen mit Qualifikation geprägt werden sollen; Austausch mit Betroffenen mit dabei.

      Eurich Wolkengrob wrote:

      Aldana wrote:

      Dann sucht man einen Sammelbegriff für physische Folgeschäden aufgrund des Autismus, aber nicht für Autismus selbst, denn der ist eine neurologische Störung.
      Meiner ganz eigenen Meinung nach ist Autismus der seelische/psychische Entwicklungsschaden und keine neurologische Störung. Neurologisch sind die Eigenheiten
      :question: mich interessiert an dieser Stelle eine konkrete(re) Benennung der organischen Eigenheit bzw neurologischen Störung; etwas vage ist „andere Verdrahtung“, was hier öfter zu lesen ist

      The post was edited 1 time, last by Pechblende ().

    • @Pechblende : Absolute Zustimmung meinerseits. Ich finde auch, dass die Namensgebung im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses erfgen sollte und nicht abhängig von den persönlichen Ansichten einzelner Betroffener, eben weil das sonst zur Verwässerung von Begriffen führt.

      Das man in die wissenschaftliche Erforschung Betroffene nicht nur als Studienobjekt, sondern auch als Diskutanten einbeziehen sollte, sehe ich auch so.

      Ich sehe meine Aufgabe bzw. Möglichkeit als Betroffener auch vielmehr darin, mein Umfeld aktiv aufzuklären, was Asperger in meinem Fall für Auswirkungen hat und mir umgekehrt auch schildern zu lassen, welche Auswirkungen meine Art des Seins auf mein Umfeld hat. Denn nur so kann meiner Ansicht nach Aufklärung schaffen und Verständnis erreichen. Das bringt meiner Ansicht nach deutlich mehr im Kampf gegen Vorurteile als dies ein verwässernder Begriff je können wird.
      Diagnose ADHS: 1996 ; Diagnose ASS/HFA: 02/2020
    • Es tut mir leid, falls es hier irgendwie Missverständnisse oder andere Probleme gab. Ich wollte damit auch niemanden verärgern oder Konflikte auslösen.

      Mein Bedürfnis nach einer alternativen, gewollt weniger aussagekräftigen, Bezeichnung hatte nur mit meinen Erlebnissen zu tun und ich hatte nicht bedacht, dass das ein rein subjektives Empfinden von mir war. Ich sah nur die (für mich) Vorteile in diesem Begriff und war deshalb so begeistert davon, dass ich scheinbar fälschlich davon ausging, dass es generell für alle eine nützliche Idee wäre.

      Ich hatte erst vermutet, dass manche vielleicht dagegen sind, weil ich mein Anliegen oder meine Beweggründe dahinter vielleicht nicht verständlich genug erklärt hatte. Deshalb die widerholten Erklärungsversuche und Argumente von mir. Weil es mir wirklich ein Rätsel und großes Fragezeichen war, wie man da etwas dagegen haben könnte, wenn das (aus meiner Sicht) doch nur Vorteile bringt.

      Es ist mir zwar nach wie vor nicht möglich mich dazu in andere hinein zu versetzen, aber mir wurde jetzt bewusst, dass ich das zu einseitig sah und meine Argumente deshalb teilweise auch hinfällig sind.

      Danke trotzdem für den interessanten Austausch darüber, und für das Mitteilen eurer Sichtweise dazu.
      Es sind die leisen Töne, die das Leben tragen.
    • @Zwischenmensch: Genaunsolche Diskussionen mit hoher Diskussionskultur :) , machen ein Forum aus.

      Von daher: Auch wenn bzw. gerade weil z.B. wir beiden in dieser Sache völlig unterschiedliche Positionen vertreten, an dieser Stelle meinen ernstgemeinten Dank für eine spannende Diskussion :) .
      Diagnose ADHS: 1996 ; Diagnose ASS/HFA: 02/2020
    • Pechblende wrote:

      mich interessiert an dieser Stelle eine konkrete(re) Benennung der organischen Eigenheit bzw neurologischen Störung; etwas vage ist „andere Verdrahtung“, was hier öfter zu lesen ist
      Eine typische Konstellation wäre die Verbindung verminderter (bis hin zu geistiger Behinderung) oder überdurchschnittlicher Intelligenz mit Hoch- oder Unterempfindsamkeit. Dieses Zusammenspiel führt zu einer Wahrnehmung, die stark genug von der Regel abweicht, um das jeweilige Erlebnis aus der Warte (Perspektive) der "neurotypischen" anderen regelmäßig nicht mit dem üblichen Aufwand nachvollziehen zu können. Dies in endloser Wiederholung führt zu der Entwicklungstörung.
      Achtung, eigene Sprache!

      The post was edited 4 times, last by Eurich Wolkengrob ().

    • Zwischenmensch wrote:

      Ich hatte erst vermutet, dass manche vielleicht dagegen sind, weil ich mein Anliegen oder meine Beweggründe dahinter vielleicht nicht verständlich genug erklärt hatte. Deshalb die widerholten Erklärungsversuche und Argumente von mir.
      Das ist interessant. Ich habe aus meiner Sicht mehrfach um ein Beispiel gebeten, in dem man solch einen Begriff nutzen will. Ich weiß immer noch keins.