Schulbildung

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      mal so aus Neugier
      Von vielen lese ich hier das sie trotz der üblichen Probleme eine gute Schulbildung hatten und viele in wissenschaftlichen und höheren Positionen arbeiten.

      Ich (Jahrgang 1969) kam mit der 3. Klasse auf eine Sonderschule
      In meinen frühen Zeugnissen wird hauptsächlich lesen und Rechtschreibung bemängelt. Glaube das mit der Rechtschreibung hat sich gebessert und lesen viel mir eigentlich noch nie schwer wenn ich für mich selber lese. Nur beim vorlesen verhaspel ich mich nich immer.

      Zu meinen Hintergrund, meine Eltern waren geschieden und meine Mutter hat damals hauptsächlich als Bedienung gearbeitet,

      Bei meiner Musterung wurde damals auch sowas wie ein IQ Test gemacht bei dem ich wohl doch weit über dem durchschnitt lag
      Bei selbsttests im Internet liege ich meisten so um die 120
      Ob die verlässlich weiss ich aber nicht.

      Mitte/Ende der 70er gab es "Asperger" natürlich noch nicht , glaube auch über Autismus wusste man noch nicht wirklich viel.

      Manchmal denke ich rückwirkend das es damals wohl das einfachste war mich auf eine Sonderschule zu stecken.

      Gibt es noch mehr in meiner Generation mit ähnlichem Hintergrund und Bildung
      Mich würde auch der familiäre Hintergrund interessieren, Arbeiter oder Akademiker?
      Und wie das bei eurem Werdegang eine Rolle gespielt hat
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      Ich habe immer Probleme mit der Schule gehabt. Ich hatte keine Probleme mit Mathematik, Physik, Chemie oder Biologie. Aber die Sprachlichen Fächer fand ich unglaublich anstrengend. Englisch fiel mir sehr schwer (später auch Französisch, und ich weiß heute kein einziges Wort mehr). Auch Deutsch mochte ich nicht, weil ich mit den ganzen Interpretieren wenig anfangen konnte. Sport andererseits hat mir wieder sehr gefallen.

      Ich war erst auf einem Gymnasium, bin dann auf ein anderes Gymnasium gewechselt aufgrund eines Umzuges. Dort war ich bis zur 7. Klasse, bin dann auf meine alte Grundschule gewechselt, die auch eine Haupt- und Realschule war. Auch dabei hatte ich keine Probleme mit dem Lehrstoff, sondern mit den schulischen Rahmenbedingungen (mir fiel das frühe aufstehen immer schwer, die Hausaufgaben aber auch dieser stündliche Themenwechsel).

      Ich habe also dann meinen Realschulabschluss gemacht, aber auch dort hatte ich zum Ende hin sehr viele Fehlzeiten. Es konnte niemand wirklich erklären. Ich hatte in den Naturwissenschaften überall meine 1, in den Sprachen meist 3-4.

      Später habe ich noch zweimal versucht, mein Abitur nachzuholen, aber immer wieder abgebrochen. Zuletzt hatte ich nach 1,5 Jahren abgebrochen, auch dort hatte ich wieder unglaublich viele Fehlzeiten. Die Lehrer hatten wirklich darum gekämpft, dass ich dort bleibe, besonders wegen meiner guten Noten im Mathe und Physik Leistungskurs. Sie hatten mir angeboten, erstmal nur für ein paar Tage die Woche in die Schule zu kommen usw. Aber das half mir in dem moment nicht, ich war völlig ausgebrannt.

      Und damit habe ich dann meine schulische Laufbahn auch beendet. Eigentlich wollte ich immer Physik studieren mit Schwerpunkt auf Astrophysik. Aber die schulischen Hürden konnte ich nie überwinden. Ich darf mir das noch immer von Freunden vorwerfen lassen, die alle nicht verstehen, wieso ich nicht ein berühmter Wissenschaftler geworden bin, da waren sich alle meine Freunde aus der Kindheit sicher ;)
      Hätte ich dort schon von Autismus gewußt, oder was ich für Probleme habe, dann hätte ich vielleicht anders gehandelt oder Hilfe bekommen. Wer weiß das aber schon. Aber selbst heute, 20 Jahre später, träume ich immer noch oft von der Schulzeit, und davon dass ich die Schule abbreche. Das wird mich sicher noch lange verfolgen.

      Ohne Abitur und Studium bringt einem ein ausgeprägtes wissenschaftliches Verständnis leider nicht viel. Alles was mich interessiert, benötigt diverse Studiengänge. Darum habe ich mich immer mit Programmieren "abgegeben", das ist so das wissenschaftlichste, was man als Nicht-Abiturient machen kann.
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      ich denke der familiäre Hintergrund war damals entscheidend. Ich bin Jg. 1970, also ein Jahr jünger als @Kai, beide Eltern sind Akademiker: Dr. iur. und Lehrerin.
      Mein Verhalten war zeitweise so, dass das retrospektiv eine 'besondere' Behandlung 'verdient' haben kõnnte, aber ... doch nicht mit den Eltern.
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      Kai wrote:

      Gibt es noch mehr in meiner Generation mit ähnlichem Hintergrund und Bildung
      Mich würde auch der familiäre Hintergrund interessieren, Arbeiter oder Akademiker?
      Und wie das bei eurem Werdegang eine Rolle gespielt hat
      Meine beiden Eltern haben studiert, mein Vater mit Abschluss, bei meiner Mutter war wohl ich der Grund für den Abbruch. In der Schulzeit war klar: Der FM geht auf das Gymnasium, er macht Abitur, dann studiert er. Andere Möglichkeiten wurden nicht einmal angedacht, es sei denn negativ: Wenn du sitzen bleibst, gehst du raus und wirst Klempner. Ob meine Eltern das wirklich auch so durchgezogen hätten, wage ich aber zu bezweifeln. Dabei gab es nie richtigen Druck, es wurde mehr als Selbstverständlichkeit vermittelt, Abi und Studium.

      Heute weiß man, dass in Deutschland der Schritt, aus einem nichtakademischen Elternhaus heraus eine akademische Laufbahn einzuschlagen, mit am schwierigsten in Europa ist. Es ist die große Schande unseres dreigliedrigen Schulsystems, das trotz Gesamtschule und ganz zaghaften Versuchen mit so etwas wie Gemeinschaftsschulen ja immer noch existiert, dass wir es nicht wirklich hinkriegen, junge Menschen entsprechend ihren Begabungen zu fördern. Die Einteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium hat dies zwar behauptet, in Wahrheit aber immer nur eine Einteilung nach Klassenzugehörigkeit gemacht.

      Eigentlich hilft nur, sich politisch dafür einzusetzen, dass sich die Situation ändert. So ganz langsam scheint ein Bewusstsein dafür zu entstehen, dass die derzeitige Situation nicht nur sozial ungerecht ist, sondern auch eine große Ressourcenverschleuderung darstellt.
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
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      Ich bin einige Jahre jünger (in den 80er Jahren geboren). Meine Eltern haben die mittlere Reife und eine Berufsausbildung gemacht. Ich bin aufs Gymnasium gegangen und habe studiert. Themen, die mich interessiert haben, sind mir eigentlich immer leicht gefallen. Das, was mich nicht interessiert hat oder worin ich damals keinen Sinn erkannte, habe ich auch nicht (erfolgreich) gelernt. Einiges habe ich mir später autodidaktisch beigebracht.
      "in truth, only atoms and the void" Sean Carroll (paraphrased Demokritos)
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      Dennis82HH wrote:

      Ich hatte keine Probleme mit Mathematik, Physik, Chemie oder Biologie.
      Mathe fand ich immer etwas langweilig, aber Physik, Chemie und Biologie fand ich immer sehr Interessant, leider wird gerade auf Sonderschulen auf diese Fächer nicht gerade viel Wert gelegt.
      Bildung ist ja nicht das Selbe wie Intelligenz, aber ohne die Entsprechende Bildung kommt man da halt nicht weiter, dann lässt man das Interesse irgendwie einschlafen.
      hab mich hin und wieder gefragt ob das hätte anders laufen können, aber ich will auch nicht meckern, es ist halt wie es ist und das ist auch ok.
      Wenn mich etwas interessiert beschäftige ich mich intensiv damit, auch wenn ich durch mangelnde Bildung oft nicht alles verstehe und durch mein Hobby Macro Fotografie hab ich mein Interesse für Insekten entdeckt
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      Kayt wrote:

      Das, was mich nicht interessiert hat oder worin ich damals keinen Sinn erkannte, habe ich auch nicht (erfolgreich) gelernt.
      Ja genau so war es auch bei mir, wenn mich etwas nicht Interssiert hat hab ich mich irgendwie geistig mit anderen dingen beschäftigt. Darum wohl auch so vermerke im Zeugnis wie "eine gewisse Verträumtheit"
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      @Kai Ich bin Jahrgang 64 und in prekären Verhältnissen aufgewachsen. Habe von Sonderschule, Schule für schwer Erziehbare es bis zur Hauptschule geschafft und dann in der Abendschule mittlere Reife.

      War in der Schule permanent gelangweilt, entweder weil unterfordert oder einfach Desinteresse am Unterrichtsstoff Auf Grund der Langeweile Verhaltensauffällig usw. Hauptschulabschluss habe ich übrigens

      in der Kinder-und Jugendpsychiatrie Schleswig gemacht. Klassengröße: 5 Personen einschließlich mir.

      Was Bildung und Wissen außerhalb der schule angeht, waren meine Pflegeeltern sehr hilfreich ( beide Oberstudienräte/Mathe und Physik ). War dort von meinem 11ten bis 14ten Lebensjahr.
      Das Leben ist zu komplex um eine festgelegte Meinung zu haben.
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      Kai wrote:

      Gibt es noch mehr in meiner Generation mit ähnlichem Hintergrund und Bildung
      Mich würde auch der familiäre Hintergrund interessieren, Arbeiter oder Akademiker?
      Und wie das bei eurem Werdegang eine Rolle gespielt hat
      Ich bin auch eine spätere Generation, aber von schulischer Seite war zeitweise angedacht, dass ich einen anderen Weg gehen solle, als ich schlussendlich gegangen bin. So sollte ich nach der Grundschule trotz ausreichend guter Noten keine (notwendige) Gymnasiumsempfehlung bekommen, weil meine Hauptlehrerin der Meinung war, dass ich nicht strukturiert genug sei für das Gymnasium (hatte bestimmt auch nichts damit zu tun, dass ich gerne mal in ihrem Unterricht anspruchsvollere Sachen heimlich gelesen habe) Gerettet haben mich meine Eltern, weil für sie eben klar war, dass ich auf das Gymnasium gehöre und sie sich das nicht haben ausreden lassen von einer Lehrerin. Es ist dann nicht so gewesen, dass bei uns Eltern das einfach entscheiden können, aber es gab bei uns die Möglichkeit dann durch eine Aufnahmeprüfung zu beweisen, dass man gut genug fürs Gymnasium ist, die hab ich auch ohne Probleme bestanden.

      Ich bin heilfroh, dass meine Eltern so entschieden haben, sonst wäre mein Leben ganz anders verlaufen und ich könnte nicht das machen beruflich, was ich gerne tue. Ich halte es für nicht unüblich, dass wenn man selber vom Mainstream abweicht, man eher Schwierigkeiten bekommt und ein Umfeld, also vor allem Eltern braucht die einen stützen, damit man doch den eigenem Können entsprechend beschult wird. Und ja meine Eltern sind beides Akademiker und ohne diesen Hintergrund hätten sie sich vielleicht eher was von den Lehrern vormachen lassen. Hinzu kommt, mein Vater hatte ähnliche Probleme wie ich in der Schule und der hat nachher auch erfolgreich studiert, von daher wußten meine Eltern auch dadurch, dass solches Verhalten kein Grund ist, nicht aufs Gymnasium zu gehen.
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      Ich bin Jahrgang 1982. Meine Mutter hat Abitur, mein Vater nicht. Aber ich selber war in der Schule einfach immer relativ gut, auch wenn ich einzelne Problemfächer hatte. Mir wurde relativ früh gesagt, dass ich wohl aufs Gymnasium kommen würde, und so ist es dann auch gekommen.

      Damals sind aus meiner Klasse von vielleicht 20 Schülern (so ganz genau weiß ich das nicht mehr) vier aufs Gymnasium gekommen. Davon war eine die Tochter vom Schulleiter, wir anderen hatten aber keine Akademikereltern, obwohl bei dem einen einer seiner Opas früher der Lehrer bei uns an der Dorfschule war. Bei den beiden anderen kenne ich ihren Hintergrund aber nur, weil die bei mir aus dem Dorf kamen. Ich habe das nie verstanden, wenn sich früher Mitschüler über die Berufe ihrer Eltern unterhalten haben. Auch heute finde ich es komisch, wenn Leute sich über ihren eigenen Beruf definieren. Ob ich vielleicht Mitschüler mit Akademikereltern hatte, die nicht aufs Gymnasium gekommen sind, oder wie viele später auf dem Gymnasium Akademikereltern hatten, weiß ich also gar nicht. Eigentlich hatte ich aber immer das Gefühl, dass man entsprechend seiner Leistungen benotet worden ist.

      Schwierig fand ich erst das Abitur, weil das in meinen Augen nicht nach den Regeln abgelaufen ist, die einem die ganzen Jahre zuvor beigebracht worden waren. Letztlich hat das aber geklappt. Danach hatte mir eigentlich eine betriebliche Ausbildung vorgeschwebt, weil Schule immer so theoretisch war. Irgendwie hat das aber gerade wegen der fehlenden Praxiserfahrung nie geklappt, so dass ich dann nach mehreren Jahren der erfolglosen Suche doch studiert habe.

      Auf der Uni war es dann wieder ähnlich wie in der Schule. Ich bin irgendwie so durchgekommen. Bei der Bachelorarbeit hatte ich wieder das Problem, dass sie irgendwie sehr wenig mit dem zu tun hatte, was in den Jahren davor im Studium gelaufen ist. Und auch nach dem Studium hatte ich Arbeitgebern weiter zu wenig Praxiserfahrung. Nach einigem Suchen habe ich dann zwar doch noch einen Job gefunden, aber so wirklich zufrieden bin ich damit nicht.


      Kai wrote:

      Bei meiner Musterung wurde damals auch sowas wie ein IQ Test gemacht bei dem ich wohl doch weit über dem durchschnitt lag
      Bei selbsttests im Internet liege ich meisten so um die 120
      Ob die verlässlich weiss ich aber nicht.
      Wenn dich das Thema interessiert: Bei Mensa kann man günstig einen IQ-Test machen.
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      Theta wrote:

      Ich habe das nie verstanden, wenn sich früher Mitschüler über die Berufe ihrer Eltern unterhalten haben. Auch heute finde ich es komisch, wenn Leute sich über ihren eigenen Beruf definieren.
      Nun der Habitus von Menschen ist aber sehr wichtig um sie zu verstehen und einschätzen zu können und der speist sich nun mal stark aus der sozialen Schicht aus der man kommt (was wiederum viel durch den Beruf der Eltern bestimmt wird) und in der man sich befindet (was wiederum viel durch den eigenen beruf bestimmt wird). Also der Beruf nimmt ja viel zeit ein und hat starke Auswirkungen auf die Perspektive die ein Mensch mitbringt. Von daher finde ich das sehr spannend und aussagekräftig wo jemand sozial her kommt und in welchen Kreisen er sich bewegt. Das hilft mir sehr, um Verhalten und Aussagen von Menschen besser einschätzen zu können.
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      Zodd wrote:

      Nun der Habitus von Menschen ist aber sehr wichtig um sie zu verstehen und einschätzen zu können und der speist sich nun mal stark aus der sozialen Schicht aus der man kommt (was wiederum viel durch den Beruf der Eltern bestimmt wird) und in der man sich befindet (was wiederum viel durch den eigenen beruf bestimmt wird). Also der Beruf nimmt ja viel zeit ein und hat starke Auswirkungen auf die Perspektive die ein Mensch mitbringt. Von daher finde ich das sehr spannend und aussagekräftig wo jemand sozial her kommt und in welchen Kreisen er sich bewegt. Das hilft mir sehr, um Verhalten und Aussagen von Menschen besser einschätzen zu können.
      Zu Habitus finde ich bei Wikipedia Folgendes: "Habitus (...) bezeichnet das Auftreten oder die Umgangsformen einer Person, die Gesamtheit ihrer Vorlieben und Gewohnheiten oder die Art ihres Sozialverhaltens."

      Diese Dinge kann man doch viel einfacher direkt beobachten oder erfragen, statt den Umweg über den Beruf der jeweiligen Person oder sogar von deren Eltern zu nehmen. Mein aktueller Job ist zum Beispiel einfach das, was ich gefunden habe. Vor dem hat es mich schon 33 Jahre gegeben und der hat es bisher nicht geschafft, mich umzukrempeln.
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      Theta wrote:

      Diese Dinge kann man doch viel einfacher direkt beobachten oder erfragen, statt den Umweg über den Beruf der jeweiligen Person oder sogar von deren Eltern zu nehmen. Mein aktueller Job ist zum Beispiel einfach das, was ich gefunden habe. Vor dem hat es mich schon 33 Jahre gegeben und der hat es bisher nicht geschafft, mich umzukrempeln.
      Nun vielen ist der eigene Habitus ja gar nicht bewusst. Also direkt erfragen halte ich eher für schwierig. Nach entsprechenden Merkmalen fragen geht shcon ja bzw. genau das ist das Fragen nach beruflichem Hintergrund der Eltern und der Person direkt eigentlich. Also insbesondere aus dem Beruf der Eltern lässt sich oft schon was ablesen in die Richtung, also Kinder von Ärzten sind eben anders sozialisiert worden als Kinder von Bauarbeitern (natürlich gibt es da immer Ausnahmen). Nicht umsonst ist die Wahrscheinlichkeit als Akademikerkind viel größer selber zu studieren als bei nicht Akademikerkindern. Und das geht noch weiter, Akademikerkinder sind überproportional oft in Sozialwissenschaften und Kulturwissenschaften zu finden.

      Und wie gesagt beruflicher Hintergrund der Eltern und so ist nur ein Teil, aber für zwei Fragen kriegt man da schon recht viel. Es sagt ja auch etwas über dich aus, dass du da reingerutscht bist und nichts anderes gefunden hast, das wäre dann natürlich die nächste Frage, wieso du das beruflich machst. Ich kenne es teilweise aus meinem Umfeld, dass je nach Hintergrund bestimmte Tätigkeiten nicht akzeptiert wurden und man viel Wert und Energie darauf gelegt hat, sich was Passendes zu suchen und auch in Kauf genommen hat, eine zeitlang gar nichts zu haben.

      Wobei ich ehrlich gesagt oft selber nicht nach dem frage was die eltern machen, in der Regel kann man sich das recht schnell selber zusammen denken. Aber wenn man es schnell haben will, hilft das.
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      FrankMatz wrote:

      Kai wrote:

      [...]
      [...]
      Heute weiß man, dass in Deutschland der Schritt, aus einem nichtakademischen Elternhaus heraus eine akademische Laufbahn einzuschlagen, mit am schwierigsten in Europa ist. Es ist die große Schande unseres dreigliedrigen Schulsystems, das trotz Gesamtschule und ganz zaghaften Versuchen mit so etwas wie Gemeinschaftsschulen ja immer noch existiert, dass wir es nicht wirklich hinkriegen, junge Menschen entsprechend ihren Begabungen zu fördern. Die Einteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium hat dies zwar behauptet, in Wahrheit aber immer nur eine Einteilung nach Klassenzugehörigkeit gemacht.


      Eigentlich hilft nur, sich politisch dafür einzusetzen, dass sich die Situation ändert. So ganz langsam scheint ein Bewusstsein dafür zu entstehen, dass die derzeitige Situation nicht nur sozial ungerecht ist, sondern auch eine große Ressourcenverschleuderung darstellt.
      Genau das. Und es ärgert mich zutiefst, als alleinerziehende und nicht fertig studierte Mutter von vier Kindern. Da wird noch einiges an Kämpfe auf mich zukommen.

      Auf mich selber trifft es auch zu. Mein Vater ('59 Jahrgang) wurde damals nach der Mittleren Reife zur Ausbildung (Kaufmann) gezwungen, dabei hätte er die Fähigkeiten zum Studium gehabt (aber das Geld...). Meine Mutter Hauptschulabschluss und Lehre, dann nur kurz im Job gearbeitet, weil ich zur Welt kam (und mit je 2J Abstand meine beiden Geschwister). Sie war lange zuhause und kam nie wieder in den Beruf rein, sondern arbeitet seitdem in der Gastronomie als Angestellte.

      Meine Schullaufbahn ist durchwachsen und von durchschnittlichen Erfolgen gekrönt (RW).
      Ein Schulwechsel wegen Mobbings sorgte für eine Kettenreaktion. Grundschule -> Realschule nach der 7. wegen Mobbings verlassen -> Hauptschule -> Hauptschule 2 (für mittlere Reife) -> 1 Jahr technisches Gymnasium, bis ich im Jahr darauf endlich in NRW an einer Schule mein Wunschfachabitur im Bereich Gestaltung machen konnte. Zwischen den beiden "Schritten" wurde damals mit 17 die Hochbegabung diagnostiziert (viel zu spät meiner Meinung nach, vieles wurde durch diese verschleiert, bzw. von mir kompensiert, obwohl ich bis dato und auch noch lang danach immer die Außenseiterin/Beobachterin/Stille war).

      Danach wollte ich eigentlich erst eine Ausbildung machen, weil ich nie das Selbstbewusstsein hatte, gut genug für ein Kunststudium zu sein. Ausbildungsstelle fand ich als Frau im Handwerk nicht, also doch Studium (Architektur - einziger artverwandter Studiengang, bei dem man keine Eignungsprüfung machen, sondern nur einen guten Schnitt haben musste). War aber nichts für mich und schwupp, in größter Selbstfindungsnot wurde ich schwanger. Seitdem (2008) drehte sich fast alles nur noch um die Kinder, (drei) schwierige Partnerschaften, meine psychischen Probleme.

      Mit viel Eigeninitiative und Unterstützung bin ich seit 2019 in einer Ausbildung in einem Berufsbildungswerk für beeinträchtigte/behinderte Menschen. Hier kann ich das erste Mal annähernd mein Potenzial ausschöpfen. Obwohl ich mich langfristig selbstständig machen, bzw. hauptsächlich von meiner Kunst und/oder von der Tätigkeit mich kreativ künstlerisch irgendwo einbringen zu können, leben möchte.

      Ergo: Es ist sehr schwierig. Ich weiß nicht, ob mein Leben grundlegend anders gelaufen wäre, wenn meine Eltern studiert hätten, aber zumindest wäre es vermutlich in finanzieller Hinsicht einfacher gewesen, mich zu unterstützen.
      Wobei man auch die mentale Unterstützung nicht unterschätzen sollte. Die fehlte mir Jahrzehnte ebenso. Erst vor einigen Wochen kamen meine Eltern zu dem Schluss, dass ich nach meiner handwerklichen Ausbildung doch etwas mit meiner Kunst anfangen sollte. Jetzt, wo sie sehen, dass ich mit meiner Kunst anfange Menschen zu erreichen...

      (Sorry für den langen Text.)

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      Theta wrote:

      Bei Mensa kann man günstig einen IQ-Test machen.
      Danke den werde ich auch mal machen :thumbup:

      HerzChaos85 wrote:

      Genau das. Und es ärgert mich zutiefst, als alleinerziehende und nicht fertig studierte Mutter von vier Kindern. Da wird noch einiges an Kämpfe auf mich zukommen.
      Das ist bestimmt nicht leicht, ich drück dir die Daumen für die zukunft :thumbup: :thumbup:

      HerzChaos85 wrote:

      Meine Mutter Hauptschulabschluss und Lehre, dann nur kurz im Job gearbeitet, weil ich zur Welt kam (und mit je 2J Abstand meine beiden Geschwister). Sie war lange zuhause und kam nie wieder in den Beruf rein, sondern arbeitet seitdem in der Gastronomie als Angestellte.
      Meine Mutter hat auch viel als Bedienung gearbeitet, dadurch waren meine Schwester und ich Abends oft allein, manchmal war meine Oma da, zumindest als wir definitiv zu klein zum allein bleiben waren.
      Meine Mutter hat denke ich alles gegeben was sie konnte, aber es war denke ich eben nicht das Hintergrundwissen da oder
      der Druck den man mit gut gebildeten Eltern hat, das aus einem doch was werden soll. es wurde halt so hingenommen.
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      Kai wrote:

      HerzChaos85 wrote:

      Genau das. Und es ärgert mich zutiefst, als alleinerziehende und nicht fertig studierte Mutter von vier Kindern. Da wird noch einiges an Kämpfe auf mich zukommen.
      Das ist bestimmt nicht leicht, ich drück dir die Daumen für die zukunft :thumbup: :thumbup:

      HerzChaos85 wrote:

      Meine Mutter Hauptschulabschluss und Lehre, dann nur kurz im Job gearbeitet, weil ich zur Welt kam (und mit je 2J Abstand meine beiden Geschwister). Sie war lange zuhause und kam nie wieder in den Beruf rein, sondern arbeitet seitdem in der Gastronomie als Angestellte.
      Meine Mutter hat auch viel als Bedienung gearbeitet, dadurch waren meine Schwester und ich Abends oft allein, manchmal war meine Oma da, zumindest als wir definitiv zu klein zum allein bleiben waren.Meine Mutter hat denke ich alles gegeben was sie konnte, aber es war denke ich eben nicht das Hintergrundwissen da oder
      der Druck den man mit gut gebildeten Eltern hat, das aus einem doch was werden soll. es wurde halt so hingenommen.

      Danke dir! :)
      Mein Leben war noch nie leicht und wird es auch nie. Mit diesem Gedanken muss ich mich arrangieren.

      Meine Mutter arbeitet erst die letzten 10 Jahre alle Schichten und in allen Bereichen (Küche, Bedienung, Reinigung). Vorher halbtags. Wir hatten also schon eine Ansprechpartnerin, allerdings haben meine Geschwister Mittlere Reife und ich mit meinem Fachabitur einen höheren Abschluss und ab einem gewissen Punkt konnte sie uns nicht mehr groß helfen. Zu mir hat sie oft gesagt "so intelligent wie du war ich nie und werde ich nie sein" (später wurde daraus ein "wir wissen, dass du aus der Familie herausstichst mit deinem Intellekt"). Das fand ich immer sehr traurig, als wäre Wissen das Einzige, was einen liebenswürdigen Menschen ausmacht. Leider konnte ich mir bei ihr im Zwischenmenschlichen trotzdem nicht so viel abgucken, dass ich sagen würde, ich könnte gut Beziehungen knüpfen/halten*... ich kann es nicht (gut bis gar nicht).
      Das sie immer ihr Bestes gegeben hat, davon bin ich überzeugt.

      (*Wobei man hier RL und Online stark trennen muss.)
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      HerzChaos85 wrote:

      Wobei man auch die mentale Unterstützung nicht unterschätzen sollte. Die fehlte mir Jahrzehnte ebenso.
      Das halte ich für einen wichtigen Punkt. Das Problem auf geringere finanzielle Recourcen zu begrenzen ist verkürzt. Es gibt ja auch viele Handwerker die nicht schlecht verdienen und es gibt ja auch Bafög. Aber das hilft eben auch nichts, wenn beispielsweise das Umfeld einem ewig eingeredet hat, dass man nicht studieren sollte, weil man ja nicht direkt Geld verdient oder das ja nur Faule machen oder oder oder. Also es gibt da schon viele Hemmnisse ein soziales Umfeld zu verlassen, auch weil nicht selten das soziale Umfeld das nicht so toll findet, wobei das tatsächlich vom kulturellen Hintergrund abhängig sein kann, dazu gibt es interessante Studien. Und zu studieren, wenn die Eltern nicht studiert haben bedeutet eben in der Regel sich in ein anderes soziales Umfeld zu begeben.
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      Zodd wrote:

      HerzChaos85 wrote:

      Wobei man auch die mentale Unterstützung nicht unterschätzen sollte. Die fehlte mir Jahrzehnte ebenso.
      Das halte ich für einen wichtigen Punkt. Das Problem auf geringere finanzielle Recourcen zu begrenzen ist verkürzt. Es gibt ja auch viele Handwerker die nicht schlecht verdienen und es gibt ja auch Bafög. Aber das hilft eben auch nichts, wenn beispielsweise das Umfeld einem ewig eingeredet hat, dass man nicht studieren sollte, weil man ja nicht direkt Geld verdient oder das ja nur Faule machen oder oder oder. Also es gibt da schon viele Hemmnisse ein soziales Umfeld zu verlassen, auch weil nicht selten das soziale Umfeld das nicht so toll findet, wobei das tatsächlich vom kulturellen Hintergrund abhängig sein kann, dazu gibt es interessante Studien. Und zu studieren, wenn die Eltern nicht studiert haben bedeutet eben in der Regel sich in ein anderes soziales Umfeld zu begeben.
      Ja, da fließt einiges mit ein, obwohl vieles schon dadurch automatisch beeinflusst würde, wenn es einen einfacheren Zugang zu Bildung geben würde (und nicht primär über den finanziellen Aspekt). Dann wären gewisse Hemmnisse kein Thema mehr, die über Generationen gewachsen sind.
      Aber man sagt wohl leider nicht umsonst "Wissen ist Macht" (RW)...
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      FrankMatz wrote:

      Meine beiden Eltern haben studiert, mein Vater mit Abschluss, bei meiner Mutter war wohl ich der Grund für den Abbruch. In der Schulzeit war klar: Der FM geht auf das Gymnasium, er macht Abitur, dann studiert er. Andere Möglichkeiten wurden nicht einmal angedacht, es sei denn negativ: Wenn du sitzen bleibst, gehst du raus und wirst Klempner. Ob meine Eltern das wirklich auch so durchgezogen hätten, wage ich aber zu bezweifeln. Dabei gab es nie richtigen Druck, es wurde mehr als Selbstverständlichkeit vermittelt, Abi und Studium.
      bei mir war es auch eine Selbstverständlichkeit, es gab im Denken meiner Eltern keinen anderen Weg. ja mei, den Schulabschluss Abitur hab ich geschafft, den Hochschulabschluss nicht
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      Bei mir ist das so verlaufen dass ich mit vielen Dingen sehr früh dran war, also beispielsweise sehr früh lesen und rechnen konnte (schreiben fiel mir motorisch etwas schwer) und dementsprechend schriftlich recht gute Noten hatte (was aber später nachgelassen hat), welche aber durchgehend im Zeugnis durch meine nicht vorhandene mündliche Leistung runtergezogen wurde, was mich erstens ziemlich demotiviert hat wenn ich in einem Fach das ganze Jahr in jeder Arbeit ne 2 habe und dann wegen meiner sozialen Probleme trotzdem ne 3 im Zeugnis kriege und dass jedes Mal in mehreren Fächern passiert und zweitens auch einer der Gründe war aus dem ich trotz guter schriftlicher Noten an die Realschule gegangen bin.

      Es war an meiner Schule aber sowieso schlicht nicht üblich ans Gymnasium zu gehen, weswegen mich dass im Studium ziemlich überrascht hat wie selbstverständlich Gymnasium auf erstem Bildungsweg und die Erwartung später zu studieren für die meisten war. Studieren war für mich während der Realschulzeit etwas utopisches dass nur reiche Leute und geförderte Genies machen, kaum Teil meines gedanklichen Horizonts. Aus meiner damaligen Grundschulklasse sind von knapp 30 Schülern 2 Mädchen und ein Junge ans Gymnasium gegangen und dieser Junge war auch ganz zufällig die einzige Person die ich kannte die ein akademisches Elternteil hat.
      In der Realschule hatte ich ziemlich mittelmäßige Zeugnisnoten, auch zum Teil wieder wegen mündlicher Leistung, hab aber auch schriftlich nachgelassen, welche sich als ich danach weitergemacht habe schlagartig enorm verbessert haben obwohl man meinen sollte dass wegen schwierigerem Stoff das Gegenteil der Fall sein sollte.

      Ich sehe dass heute aber auch so dass die Einsortierung in Schulformen viel stärker nach sozialen Faktoren erfolgt als nach vermeintlichem Leistungspotenzial, im Grunde ist das dreigliedrige Schulsystem, obwohl natürlich eine gewisse Durchlässigkeit vor allem durch den zweiten Bildungsweg existiert, ein ziemlich starkes Instrument zum Generationen übergreifenden Klassenerhalt, sprich Aufstiegschancen zu reduzieren und Akademikerkindern gleich einen Startvorteil zu geben.

      Könnte jetzt noch viel zu meiner Schulzeit schreiben weil ich die, auch wenn es ein wenig armselig ist, heute noch für vieles verantwortlich mache und in vielen Bereichen grundlegend unfair und nicht auf mich ausgelegt fand aber dann schreib ich hier wieder nen halben Roman. Witzig war nur dass ich im Studium, obwohl da betont alles so inklusiv wie möglich sein sollte, das erste Mal richtig stark Klassenunterschiede gemerkt habe und mich deswegen auch ein wenig fehl am Platz gefühlt habe. Davor hatte man mit solchen Leuten einfach praktisch nie etwas zu tun und hat daher auch nie direkt von ihnen ihre für mich oft weltfremden Erfahrungen und Erwartungen ans Bildungssystem gehört, bzw wie viele aus meiner Erfahrung quasi utopische Ziele da schon als momentaner Ist-Zustand angenommen wurden.

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