"Mein Telefonat mit Sonja" oder "Wie ich es heute schaffte einen Beitrag zu posten"

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    • Epidiokontas wrote:

      Die Krone setzt dir dann FrankMatz auf – und damit eigentlich sich selbst -, indem er dir sogar Talent zum Schreiben zuerkennt
      Einer muss mich ja loben.

      Ich hab mich wieder amüsiert.
      "Hast Du aber Deinen Dämon gefunden, dann bist Du nicht mehr allein auf der Welt." (Oskar Panizza, Der Illusionismus und die Rettung der Persönlichkeit.)
    • ...das war wieder sehr toll zu lesen - richtig spannend :)
      Danke für das Beantworten der Fragen, auch wenn sich der Dialog dann sehr sehnsüchtig liest.
      Ich kenn´und kann das übrigens auch und mache dies auch immer wieder gerne - mir "im Kopf" Dialoge mit Menschen vorstellen...diese fiktiven Dialoge können mich dann mitunter auch richtig "davon tragen" (RW).
      Dialoge imaginieren klappt bei mir jedenfalls bedeutent besser, als mir Menschen bildlich vorzustellen.
      Ich bin schon gespannt wie es weiter geht und was du überhaupt noch so ins Forum bringen wirst!
      Schön, dass du her gefunden hast!
    • Ich habe mal eine Zeit lang Tagebuch geschrieben in der Form eines Gesprächs mit einem Freund. Aber der war nicht so gesprächig wie Sonja :)
      Ich habe mich beim ersten Post gefragt ob es Dich verletzt wenn sie (Dich aus-)lacht. Aber wenn Du sie so vermisst ist es wohl nicht so.
    • Es ist heiß. Die Nacht war erneut wenig erholsam. Das Chaos in meiner Wohnung schreit mich in einer unaufhörlichen Kakophonie an [Metapher]. Meine lärmenden Nachbarn fahren gegenwärtig dankenswerterweise nur 1/3 ihrer gewöhnlichen Lärms – vermutlich hat der Kindergarten wieder auf. Endlich endlich endlich mal ein Tag, wo ich nicht „vor’s Loch“ [gemeint ist meine Wohnung zu verlassen] muss. Mein Energieniveau entspricht dem eines weißen Zwergs [Analogie zur Physik/Astronomie: Endzustand eines ausgebrannten Sterns mit denkbar minimalem Energieniveau]. Trotz der Hitze in meinem Entropie-Endlager [humorvoller Ausdruck, um erneut das belastende Post-Umzugs-Chaos in meiner Wohnung zu beschreiben] läuft der PC. Dieser wiederum erzeugt nebenher Unmengen an Hitze. Ich überlege ihn alleine deswegen auszuschalten. Zwei Pop-Up-Meldungen eines eingehenden Videoanrufs erscheinen. Ich zögere. Bin unsicher, ob ich flüssig sprechen kann. Meine Gesichtsmuskulatur fühlt sich eingerostet an [humorvolle Umschreibung des Ungeübtseins]. Es klingelt weiter. Sonja wartet darauf, dass ich auf annehmen drücke. Das ist wieder so ein Moment, wo ich überhaupt keine Lust habe. Das betrifft nicht sie, sondern ist einfach in mir eine Art Bilanzierung, wie viel Energie ich gerade zur Verfügung habe und ob ich mir „ein Gespräch“ leisten kann. Für die, die spät eingestiegen sind: ich bin ein Verdachts-Autist [das soll zynischer Humor sein]. Rein rational weiß ich, dass ich durch den Austausch mit manchen Menschen – insbesondere Sonja – auch Energie dazugewinnen kann. Ich empfinde es wie Schwungscheiben und Zahnräder einer sehr großen, schweren und komplizierten mechanischen Maschine [mein Innenleben], welche durch den Kontakt an Schwung gewinnen oder verlieren können. Huch, kein Anruf mehr. Wie lang hat dieser kleine Monolog in Echtzeit gedauert? Ist Sonja nun verstimmt? Zurückrufen? Lieber schreiben, dass ich gerade „unpässlich“ bin? Braucht sie was von mir? Hat sie einen Notfall…? Textnachricht-Signal von der von mir aus unerfindlichen Gründen gekauften mobilen Überwachungsanlage [zynische Metapher für mein Mobiltelefon] erklingt.

      Sonja schreibt: „Hallo du Schlonz [vermutlich liebkosende Abwertung]! Du hockst in deiner warmen Butze [Wohnung], hast nachweislich deinen Computer an und gewährst mir keine Audienz: was erlaube [Fußballer-Zitat, falsche Grammatik ist gewollt]!!! Wenn ihro Gnaden denn die Güte fänden mit mir zu parlieren, so wäre ich wärmstens [tolles Adjektiv bei der Hitze, Sonja] verbunden!

      Ich seufze. Nicht nur, dass sie insistiert, nein, sie scheint auch noch gute Laune zu haben. Das bedeutet, dass ihr eh schon mächtiges Hirn heute noch ein paar Knoten [seemännischer Ausdruck für Geschwindigkeit] schneller unterwegs ist als das eh schon immer der Fall ist. Mein Gehirn hat sprichwörtlich die Rolläden runtergelassen, die Gehwege hochgeklappt, Sperrstunde(n) verhängt, Schilder in die Schaufenster mit „Wir sind nicht da – lassen sie uns in Ruhe und kommen sie nicht wieder.“ gehängt und den Strom abgestellt. Dennoch besteht kein Zweifel: ich werde sie nun zurückrufen. Warum? Eine meiner verhaltenstherapeutischen Regeln, nach welcher ich seit mindestens 15 Jahren lebe. „Wenn ein*e Freund*in Kontakt zu mir aufnimmt, so muss ich diesen so zeitnah wie möglich erwidern, um ein Existenzminimum an sozialen Kontakten aufrecht erhalten zu können.“ Diese Regel hat in mir vermutlich mehr Gewicht als die Steintafel, welche Moses flux auf Geheiß Gottes angefertigt hat [humorvolle Referenz der biblischen 10-Gebote; keine Herabsetzung von religiösen Gefühlen beabsichtigt]. Anders ist nicht zu erklären, dass ich das Videokonferenzprogramm maximiere und auf „anrufen“ klicke.

      Sonja: „Hey, du lebst ja. Und dein Outfit heute – ein Hauch von nichts! Sehr sexy!“

      Mir wird bewusst, dass ich mit nacktem Oberkörper vor dem PC sitze.

      Sonja spricht gefühlt sehr schnell: „Deine Muckis schwinden nach dem Umzug aber zusehends. Schade, stand dir ganz gut. Vielleicht solltest du umsatteln und professioneller Umzugshelfer werden! Wie geht’s denn meinem Lieblings-Verdachtsautisten so? Haben schon länger nicht telefoniert. Wieso rufe ich eigentlich immer an und du so selten?! Und jetzt komm mir nicht mit Kinkerlitzchen [zu vernachlässigende Kleinigkeiten] wie Post-Umzugs-Stress, Überreizung, Burn-Out, klinische Depression und diese läppische kleine Identitätskrise [sie grinst breit und wirft mir gestisch einen Kussmund zu]!“

      Ich fühle mich etwas überrollt und geplättet. So, jetzt suche ich in meinem Gehirn das Areal unter Strom zu setzen, welches Reden ermöglicht. Mimik oder gar ein Hemd anziehen sind Luxus, auf den ich jetzt verzichten muss.

      Ich: „Hallo Sonja [hey, das klingt wie menschliche Sprache]. Prinzipiell ist es ja schön von dir heimgesucht zu werden aber geht das vielleicht mit ein kleinwenig-weniger guter Laune und Esprit? Sagen wir [Kunstpause, keine Ahnung ob die Länge stimmt…] 95%?“

      Sonja lacht: „Epi, komm, du weißt doch, dass dein charmantes Leiden meine gute Laune nur befeuert! Und wenn Du großer starker Mann so oben ohne und mit diesem undurchdringlichen Blick quasi vor mir sitzt, dann erst recht [Sonja hält dieses merkwürdige Flirten zwischen uns aufrecht, obwohl wir hinreichend geklärt haben, dass wir uns sexuell und romantisch nicht anziehend finden; es scheint eine Art soziales Vehikel für Humor zu sein]! Also: what’s new in Epi-Town [Pseudo-Slang für ‚was ist los bei dir?‘]?“

      Ich: „Ich bin müde, antriebsarm und leide unter den von dir treffend benannten „Kinkerlitzchen“. Zudem mag ich diesen ambivalenten Zustand des Verdachts-Autisten überhaupt nicht! Ich möchte gefälligst Klarheit haben! Meine Psyche interessiert die voraussichtliche restliche Wartezeit von ca. 68 Wochen einen Scheiß – das automatische Infragestellen von Allem und Jedem läuft unaufhaltsam in mir ab! Wenn der Andrang bei den Spezial-Ambulanzen so hoch ist, wieso zur Hölle bilden die keine Filialen aus?! Ein McAspie mit Drive-In, ein Dunkin’Autism mit ruhigen Testzellen, eine Dan Akroyd Klinik für arme, alte Verdachtsapies, die ihr Leben unwissent- und unwillentlich vergeigt haben und endlich eine Art Bedienungsanleitung für sich und diese miese Welt haben wollen!“

      Sonja ist irgendwann wohl lachend vom Stuhl gefallen. Habe nicht mitbekommen wann. Den Geräuschen von ihrem Headset-Mikrofon nach zu urteilen holt sie zu wenig Luft.

      Ich: „Geht’s dir gut?“

      Sonja macht ein glucksendes Geräusch und setzt sich wieder auf ihren Drehstuhl: „Herr-lich! Aber du bist sowas von old-school: seit der Pandemie ist doch alles in Richtung Online-Handel verschoben. Aber ein McAspie ist schon sehr weit vorn [sie meint, dass sei eine witzige Idee]! Aber Deine Klinik hieße eher „Greta Thunberg Klinig für arme ambiguitätsintolerante Aspies“! Den zugegebenermaßen tollen Dan Akroyd kennt doch heute kaum einer mehr. Du bist also frustriert und haderst mit deinem Schicksal. Was ist denn damit, dass es nach mehr als vier Jahrzehnten in deinem Leben begründete Hoffnung besteht, dass du ein passenderes Erklärungsmodell an die Hand bekommst, warum du dein Leben als einen einzigen Kampf empfindest? Das ist doch toll, oder?“

      Ich brumme mehr denn zu sprechen: „Das ist total super [Zynismus].“

      Sonja: „Aber im Ernst: stell dir mal die Millionen Aspies vor, die vor unserer Moderne geboren sind und überhaupt gar keine Chance auf Diagnostik, Erklärungsmodelle und so einen neumodischen Firlefanz [humorvoll: Tand] hatten! Dagegen bist du gesegnet! Und die Millionen Autisten in Entwicklungsländern haben auch heute keine reelle Chance [vervollständige: diagnostiziert zu werden]!“

      Ich antworte bewusst monoton und langsam: „Oh, Sonja, wie recht du doch hast. Ich habe mich geirrt. Jetzt ist alles besser. Vielen Dank [alles zynisch gemeint].“

      Sonja lächelt und zwinkert: „Ich kann dich gut verstehen und das ist sicherlich unangenehm für dich. Ich wollte dir nur vor Augen führen, dass das Ganze auch was Gutes hat. Und eine deiner Stärken ist meiner Meinung nach, dass du neben deiner Neigung alles zu rationalisieren einen erstaunlich ausgeprägten und feinsinnigen Humor besitzt. Das ist fantastisch, ehrlich! Und die Wartezeit kannst und musst du doch auch nutzen. Es ist ja nicht so, als wärst du nun auf einem Abstellgleis, oder?“

      Ich: „Schon, aber dieses Infragestellen und Neuordnen von nahezu allem Identitätsrelevanten könnte vollkommen umsonst sein! Was, wenn ich einfach kein Autist bin?! Dann gehöre ich wieder nirgendwo dazu und bin der kauzige Außenseiter und Einzelkämpfer. Dann habe ich mich gehörig blamiert und die Pferde umsonst Scheu gemacht [Redewendung: ein soziales System rückblickend ohne triftigen Anlass in Aufregung versetzt]: Nadine, Saîfex, dich und meine Mutter…“.

      Sonja kommt der Kamera näher: „Du hast es deiner Mutter erzählt??? Und du sagst mir nichts davon? Wie hat sie reagiert?“

      Ich: „Ähm, naja, sehr unterstützend. So ein bisschen wie eine Mutter, die vielleicht ahnt, dass ihr Sohn homosexuell ist und trotz der eigenen inneren Neubewertungsprozesse das Annehmen und die Unterstützung betont.“

      Sonja: „Deine Mama ist und bleibt einfach klasse. Aber es ist für sie sicherlich auch schwierig, vertu’ dich da nicht.“

      Ich: „Ja, ich weiß. Tut mir auch irgendwie Leid. Durch die ganzen Unterlagen, welche die Autismus-Ambulanz von mir zugeschickt haben wollte…“.

      Sonja: „Was?! Das ist weiter gegangen? Und du sagst keinen Pieps davon?! Was ist da denn jetzt der Stand? Muss ich dir wieder alles aus der Nase ziehen [Metapher für: mühsam unbekannte Informationen erfragen]?!“

      Ich: „Äh, ja, ich bin wohl eine Runde weiter. Die eingeschickten Testbögen haben trotz meiner Sorge zu sozial-erwünscht geantwortet zu haben ausgereicht, um mich halt in nunmehr 17 Monaten zur Diagnostik einzuladen. Dann wollten die halt alles an Psychodiagnostik seit meiner Geburt in Kopie haben. Auch Grundschulzeugnisse seien interessant. Habe alles mühsam kopiert und dabei natürlich mit anderen Augen gesichtet. Das mit dem Asperger-Autismus erscheint mir erdrückend-wahrscheinlich.“

      Sonja: „Interessant! Warum meinst du das sei „erdrückend“"?

      Ich: „Naja, das ist ja nun keine wünschenswerte Lebenszeitdiagnose, oder? Da ich mit diesem Aspie-Pride nicht warm werde [Umgangsdeutsch für: nicht annehmen kann] und ich seit der Asperger-Verdacht aufkam die Zukunft durch erwartbaren Wegfall der Eltern und meinem chronischen Ressourcenmangel als zunehmend bedrohlich wahrnehme - - -. Bekomme den Satz nicht grammatikalisch-korrekt geschlossen. Weißt du, was ich meine?“

      Sonja nickt: „Verstehe ich gut. Aber es gibt doch einen Grund, warum du das Ganze angestoßen hast… .“

      Ich gucke und warte kurz. Ich begreife, dass sie ihren Satz nicht vollenden wird.

      Ich: „Ja, ich möchte einfach, dass mein Leben sich nicht nonstop wie ein Gewaltmarsch ohne Ziel anfühlt. Letztlich möchte ich vermutlich, was alle Menschen wollen: Leid vermeiden und Freude erleben. Mir fehlt einfach zunehmend die Kraft.“

      Sonja: „Okay, dann ist dein eingeschlagener Weg doch die beste Option zurzeit. Mehr kannst du nicht tun.“

      Ich: „Mmhh, danke dass du das so siehst. Es lindert halt meine Spannung nicht. In meinem Kopf erscheint alles in Mengenlehre abgebildet zu sein. Überschneidungen von Objekten mit mehreren Kreisen ist zwar Normzustand, aber es gibt eben Kreise, welche definitorisch nicht überlappen dürfen beziehungsweise können! Daraus resultieren dann an der Stelle quasi zwei unabhängige Universen im Denken und es ist anstrengend beide parallel zu unterhalten, zumal es ja noch andere parallel gibt.“

      Sonja zieht die Stirn in Falten: „Ich bin nicht sicher, ob ich das auf Anhieb verstehe: Du musst also quasi pausenlos Energie aufwenden, um verschiedene Historien weiterzuführen, anzupassen und auf Integrität zu überprüfen?! Wenn das stimmt wundere ich mich, wie du so weit gekommen bist und überhaupt deinen Alltag schaffst!“

      Ich: „Im Grunde stimmt das. Allerdings mache ich natürlich Fehler und schaffe es nicht diese „Welten-Bälle“ ununterbrochen zu jonglieren [Metapher].“

      Sonja: „Du hast also Pausen zwischendurch?“

      Ich: „Nein, nicht wirklich. Wenn ich eine Art Zusammenbruch habe und nur noch mit Migräne oder Reizüberflutung im Bett liege, dann ist irgendwie kurz Pause. Oder es ist ins Unbewusste verlagert. Überhaupt habe ich die Vermutung, dass die semi-permeable Trennlinie zwischen meinem Bewusstsein und dem Unbewussten im Vergleich zu anderen Menschen in Richtung Unbewussten verschoben ist.“

      Sonja: „Das verstehe ich nicht. Du nimmst also Unbewusstes wahr?“

      Ich: „Nein, das geht ja per Definition nicht. Bei einem „normalen“ Gehirn sei gegeben, dass das Bewusstsein etwa 10% der gesamten Kapazität unterhält und die restlichen 85% das Unbewusste. Und bevor du fragst: ich habe 5% für Reibungsverluste angenommen. Kein Informationssystem wird ohne Reibungsverluste arbeiten können. Vermutlich sind 5% eine peinliche Untertreibung – aber es soll ja nur ein Arbeitsmodell sein. So und nach meiner Hypothese – und jetzt wird’s vielleicht kompliziert – ist die Arbeitslast ungleich verteilt: vielleicht müssen die neuronalen Strukturen, welche überwiegend für das Bewusste zuständig sind 15% leisten. Eine Art Überlastung oder Übertaktung. In Wirklichkeit nehme ich an, dass irgendwas mit synaptischen und/oder elektrischen Schwellenpotenzialen nicht stimmt. So wie Widerstände bei elektrischen Schaltungen essentiell wichtig sind und es ohne zu zahlreichen Fehlschaltungen bzw. ‚false alarms’ [vgl. Signalendeckungs-Theorie] kommt, welche nur durch extrem komplexe und ressourcenhungrige Software-Fehlerkorrektur halbwegs am Laufen gehalten werden kann.“

      Ich bemerke, dass Sonja die Stirn runzelt und konzentriert wirkt.

      Sonja: „Hast du jetzt wieder irgendwelche Fachliteratur gelesen oder ist das auf deinem Mist gewachsen [sie meint, ob es meine eigene Idee sei]?“

      Ich: „Mein Mist. Allerdings sicherlich unbewusst durch Gelesenes inspiriert und womöglich einfach eine Spinnerei auf der Suche nach Ursache und Sinn.“

      Sonja redet schneller und irgendwie mehr zu sich als zu mir: „Interessant ist es allemal. Aber ohne gute Operationalisierung lässt sich deine Hypothese kaum testen. Außerdem müsste jemand ein Forschungsinteresse daran haben. Hochfunktioneller Autismus erscheint volkswirtschaftlich eher unbedeutend und es ließen sich auch kaum Profite erwirtschaften. Allerdings hat die Forschung anhand von Abweichungen von der Norm sehr häufig wichtige Erkenntnisgewinne ableiten können. Und obwohl die Allgemeinpsychologie – übrigens ein hartes, ungesäuertes und trockenes Brot im Studium [sie meint in etwa: nur mit Mühe interessant zu finden] – in Zusammenarbeit mit der bildgebenden Neurologie erstaunlich-detailreiche Einblicke in unseren Gedächtnisprozesse aufdecken konnte: wir stehen eigentlich immer noch am Anfang zu begreifen, wie unser Gehirn funktioniert beziehungsweise wie überhaupt ein Bewusstsein entstehen kann!“

      Pause. Keiner sagt was und wir scheinen beide unseren Gedanken nachzuhängen. Mir wird klar, dass das Gespräch mit Sonja wieder anregend ist und ich froh bin zurückgerufen zu haben.

      Sonja: „Sag’ mal…, dieses Fortschreiben unserer Dialoge im Forum…, ich glaube, dass das eine nette Idee ist, aber nur, wenn es dich nicht davon abhält direkt mit den anderen zu kommunizieren.“

      Ich bin in Gedanken noch woanders und muss Sonjas Satz noch mal meiner phonologischen Schleife [Gedächtnis-System, hier falsch verwendet, da die phonologische Schleife nur vglw. kurz ist; korrekter: Kurzzeitgedächtnis] entnehmen.

      Ich: „Ich bin mir nicht sicher, was du meinst.“

      Sonja: „Diese Dialogform ist ja sehr nett und erlaubt auch vieles auszudrücken, was in regulären Beiträgen vielleicht nicht so gut rüberkommt. ABER [sie betont dies gedehnt]: es kommt nicht zu einem direkten Austausch zwischen dir und den Anderen.“

      Ich: „Mmhh, okay. Aber was genau kommt an Mehrwert dabei rum, wenn ich direkt interagiere? So liest jede*r, wenn sie oder er mag, diesen Thread und entnimmt idealerweise Anregungen und hinterlässt konstruktive Rückmeldungen. Das läuft doch ganz gut, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit und Energie ich derzeit habe.“

      Sonja lächelt: „Schatz [tadelnde Liebkosung], das ist – wie formuliere ich das nun… - wenig interaktiv. Dreh mal deinen Nähe-Distanz-Regler im Forum für Asperger-Autisten ein wenig mehr auf ‚Nähe‘ [sie lacht auf]!“

      Ich: „Es ist nicht so, dass ich deinen Punk nicht verstünde, aber wenn ich andere Forenbeiträge lese, dann antworten Andere schon und meistens kann man meine mögliche Erwiderung aus den Beiträgen der anderen zusammenbasteln. Das wäre kein Informationszugewinn.“

      Sonja: „Epi, ich bin mir nicht sicher, ob du dich nun aufgrund der möglichen Diagnose nicht ein wenig stark in die autistische Richtung gehen lässt. Der Unterschied ist: DU schreibst, teilst mit und reagierst. DAS ist die Information. Capiche [verstehst du]?“

      Ich: „Verstehe. [kurze Pause] Was machst du so? Wie geht es dir?“

      Sonja: „Ich erhole mich von Maja und Patrick. Ich liebe die beiden ja über alles aber es ist wichtig, dass Patrick seinen Gottkomplex da in seiner Klinik ausleben kann und ich ihn dann hier wieder zurechtstutze – das ist der Kreislauf des Lebens [Sonja lächelt verträumt und bildet mit den Händen eine Raute]. Und Maja ist ein Wissens-Parasit, wie du es dir kaum vorstellen kannst. Ein Wikipedia-Junkie auf Speed ist nichts im Vergleich zu ihrem Wissensdurst! Manchmal höre ich mich bei meinen stümperhaften Erklärungsversuchen selber reden und stelle fest, dass meine Tochter in ihrem Alter wesentlich-intelligentere Fragen stellt als ich in ihrem Alter. Das macht mich stolz und ich finde es fantastisch die Welt durch sie noch mal ganz anders zu durchleuchten. Dennoch: wenn die beiden nicht regelmäßig weg wären, würde ich hier durchdrehen!“

      Ich: „Sprichst du mit Maja denn überwiegend Polnisch oder Deutsch?“

      Sonja: „Das ist ganz interessant: Maja wechselt die Sprachen anscheinend kontextabhängig. Von der Grundschule und vom Unterricht spricht sie eigentlich immer Deutsch aber wenn es um Träume oder Fantasien geht, sprechen wir Polnisch. Aber kein Mischmasch – immer abgeschlossene Sätze. Das ist wirklich faszinierend!“

      Ich: „Das finde ich auch. Ich beneide euch sehr. Wenn es eine slawische Sprache gibt, die ich gerne gelernt hätte, dann ist es Polnisch.“

      Sonja lächelt und sagt: „So, nun ist gut mit Videotelefonat! Ich bereite hier was für den Elternbeirat vor und du siehst zu, dass du direkten Kontakt mit den peoples [sie meint Menschen im Aspie-Forum] unterhältst! Liebe Grüße! Ach: und ich habe nichts dagegen, dass du weiter oben ohne mit mir telefonierst. Es wäre aber schön, wenn du wieder mehr Sport machen würdest [sie zwinkert].“
      "People will always take the long way around
      Before you know it you'll be lost and found
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      (Eagle-Eye Lanoo Cherry)
    • Meine Empfehlung an dich wäre, dass du an einem (oder ggf. mehreren) "Aspie-Treffen" teilnimmst.


      Sonja wrote:

      Aber kein Mischmasch – immer abgeschlossene Sätze. Das ist wirklich faszinierend!“

      Mh. Ich finde es eher schwer zu glauben. Code-Switching (im Gegensatz zum Code-Mixing) ist eigentlich einer der großen Vorteile bilingualer Kinder im Spracherwebsprozess und cCode-Switching wird in der Regeln zielführend genutzt (da der Spracherwerbsverlauf sich in den beiden Zielsprachen unterscheidet).
      "Auf der Metaebene lässt sich Abstand gewinnen zum Geschehen. [...] Und dabei zeigt sich, dass es andere Perspektiven, andere Erlebensweisen und viel mehr Möglichkeiten für Lösungen gibt, als sich der Mensch in seiner alten kleinen Welt hatte träumen lassen." (Brit Wilczek)
    • Sonja liest also nicht mit. Gut. Fühlte sich etwas komisch an. (Ist aber keine Kritik gegen deinen Text, das ist eine kreative Idee und mutig und offen geschrieben).

      Du solltest dich vielleicht mal melden bei deiner Sonja, damit du weiterkommst. Sonst verharrst du ewig in Traumvorstellungen, und die Realität ist wahrscheinlich ganz anders.


      Epidiokontas wrote:

      Ich traue mich aus verschiedenen Gründen nicht: (1.) Ich weiß nicht wo ich stehe: bin ich ein Aspie und gehöre dazu oder bin ich keiner und bringe meine Probleme, Erlebniswelt und Ansichten da ein, obwohl ich da nichts zu suchen habe? (2.) Ich habe Angst vor Kritik und Zurückweisung. Habe seit ich denken kann das Gefühl ein Alien auf dem falschen Planeten zu sein. Wenn das nun „Menschen wie ich“ wären, so wären meine Hoffnung und Erwartung zwangsläufig überhöht. Entsprechend vulnerabel würde ich auf Kritik und Zurückweisung reagieren. (3.) Ich kann meine Fragen überhaupt nicht sinnvoll ordnen und sie sind vermutlich hoffnungslos naiv. Und vor dem Hintergrund womöglich am Ende doch kein Asperger-Autist zu sein traue ich mich nicht hundert Fragen zum Abgleich der Übereinstimmung da hin zu posten.

      Zu 1) Menschen mit Verdacht sind auf jeden Fall Zielgruppe dieses Forums.

      Zu 2) "Habe seit ich denken kann das Gefühl ein Alien auf dem falschen Planeten zu sein. Wenn das nun „Menschen wie ich“ wären, so wären meine Hoffnung und Erwartung zwangsläufig überhöht. Entsprechend vulnerabel würde ich auf Kritik und Zurückweisung reagieren."

      Man stelle sich ein Forum für Depressive vor: würde man eine Seelenverwandschaft zu allen Menschen mit Depressions-Diagnose erwarten? Wohl kaum.

      Asperger ist keine einheitliche Krankheit übrigens, wo bei allen das selbe im Hirn anders ist, sondern es ist ein Syndrom = ein Sammelbecken. Das ist bei allen psychischen Störungen so, aber das weiß kaum jemand.
      Den Menschen, die eine Asperger-Diagnose bekommen, und sich dann -aspergertypisch- in das Thema reingraben und immer mehr und mehr Wissen darüber anhäufen, fällt bald auf, dass die nicht alle das selbe haben.
      Also ja, du wirst enttäuscht werden, wenn du hier deine Alien-Familie suchst. Vielleicht findest du ein paar, wo du meinst, dass sie genauso wahrnehmen, aber beim Großteil sind es nur oberflächliche Ähnlichkeiten im Verhalten.

      Zu 3) Du weißt es ja schon selbst: lese hier, beteilige dich, stelle deine Fragen. Siehe Punkt 1) das Forum ist auch eine Anlaufstelle für die Fragen der Leute mit Verdacht. Und wer eine Frage nicht beantworten will, der tut es eben einfach nicht, du zwingst ja niemanden dazu, nur indem du sie stellst.
      Du kannst auch hier im Thread fragen.



      Epidiokontas wrote:

      Schon, aber dieses Infragestellen und Neuordnen von nahezu allem Identitätsrelevanten könnte vollkommen umsonst sein! Was, wenn ich einfach kein Autist bin?! Dann gehöre ich wieder nirgendwo dazu und bin der kauzige Außenseiter und Einzelkämpfer. Dann habe ich mich gehörig blamiert und die Pferde umsonst Scheu gemacht [Redewendung: ein soziales System rückblickend ohne triftigen Anlass in Aufregung versetzt]
      Ich kenne deine Symptome, Beschwerden und Probleme nicht, gehe aber mal davon aus, dass da nicht "nichts" ist - wenn es kein Asperger ist, kann es etwas anderes sein. Der ganze Aufwand ist also nicht umsonst, auch wenn es nicht Asperger ist.

      Diese komische Zweigleisigkeit der Indetität während der Verdachtsphase würde ich übrigens als normal einstufen, ging mir auch so, und liest man oft. Ganz auflösen lässt sich das erst mit einer vernünftigen Diagnostik, aber immerhin, auch an diese Ambivalenz kann man sich etwas gewöhnen, also man kann sich an den Verdacht gewöhnen, so dass das nicht so heftig intensiv bleibt wie ganz am Anfang die ersten Tage/Wochen.
    • Kayt wrote:

      Meine Empfehlung an dich wäre, dass du an einem (oder ggf. mehreren) "Aspie-Treffen" teilnimmst.
      Hallo Kayt,

      danke für deine Rückmeldungen. Die Anregung an Aspie-Treffen teilzunehmen findet bei mit Gehör, allerdings muss ich bis dahin noch etwas Kräfte sammeln, denke ich. Dennoch werde ich mich erkundigen, wo es in meiner Region solche Treffen gibt.



      Neoni wrote:

      Man stelle sich ein Forum für Depressive vor: würde man eine Seelenverwandschaft zu allen Menschen mit Depressions-Diagnose erwarten? Wohl kaum.


      (...)
      Also ja, du wirst enttäuscht werden, wenn du hier deine Alien-Familie suchst. Vielleicht findest du ein paar, wo du meinst, dass sie genauso wahrnehmen, aber beim Großteil sind es nur oberflächliche Ähnlichkeiten im Verhalten
      Auch Dir danke für deine Rückmeldungen, Neoni.
      Du hast zweifelsohne Recht mit der Heterogenität innerhalb von Asperger. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto differenzierter und breiter erscheint mir dieses Syndrom. Nichtsdestotrotz bleibt eine Hoffnung, dass die "Ausbeute" bei Kontakten höher ist, als es sich für mich in der Allgemeinbevölkerung bisher darstellt. Statistisch sollte das eigentlich so sein, wenn ich jetzt die sprichwörtliche Messlatte nicht so hoch wie "Seelenverwandschaft" legen wollte. Wie ist deine Erfahrung bisher in puncto überdauernde und anregende Kontakte durch ASS-Kontakte?



      Neoni wrote:

      Ich kenne deine Symptome, Beschwerden und Probleme nicht, gehe aber mal davon aus, dass da nicht "nichts" ist - wenn es kein Asperger ist, kann es etwas anderes sein. Der ganze Aufwand ist also nicht umsonst, auch wenn es nicht Asperger ist.
      Ja, mit Sicherheit stimmt auch das. Allerdings ist auch schon einiges an Psychodiagnostik und viel an Behandlung gelaufen. Und die Güte einiger Diagnostik, welche dann leider mittels Dokumentation "hängenbleibt", ist teilweise erbärmlich (v.a. Blickdiagnosen von Psychiatern). Aber mal abwarten. Der bisherige Kontakt und die Vorgehensweise dieser Spezialambulanz lässt hoffen.



      Neoni wrote:

      Diese komische Zweigleisigkeit der Indetität während der Verdachtsphase würde ich übrigens als normal einstufen, ging mir auch so, und liest man oft. Ganz auflösen lässt sich das erst mit einer vernünftigen Diagnostik, aber immerhin, auch an diese Ambivalenz kann man sich etwas gewöhnen, also man kann sich an den Verdacht gewöhnen, so dass das nicht so heftig intensiv bleibt wie ganz am Anfang die ersten Tage/Wochen.
      Das lässt mich hoffen, dass auch bei mir eine Spannungsreduktion erfolgen kann, danke.
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    • Epidiokontas wrote:

      Du hast zweifelsohne Recht mit der Heterogenität innerhalb von Asperger. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto differenzierter und breiter erscheint mir dieses Syndrom. Nichtsdestotrotz bleibt eine Hoffnung, dass die "Ausbeute" bei Kontakten höher ist, als es sich für mich in der Allgemeinbevölkerung bisher darstellt. Statistisch sollte das eigentlich so sein, wenn ich jetzt die sprichwörtliche Messlatte nicht so hoch wie "Seelenverwandschaft" legen wollte. Wie ist deine Erfahrung bisher in puncto überdauernde und anregende Kontakte durch ASS-Kontakte?
      Kann ich nur langatmig beantworten ;)

      Erstens hab ich einen Subtyp des Syndroms, der ziemlich selten ist. In den ersten Jahren habe ich öfter Kontakt zu Personen aufgenommenm, die auf dem Papier die selbe Diagnose haben wie ich, aber irgendwie war es immer anders. Erstmal klingt es oberflächlich verblüffend gleich, aber geht man in die Tiefe... irgendwann habe ich es dann gelassen. Anderen Personen mag es anders gehen, von Leuten mit Asperger liest man immerhin öfter, dass sie sich hier endlich verstanden fühlen.
      Zweitens ist aufgrund meiner Wahrnehmung das Verlassen der gewohnten Umgebung, und soziale Kontakte, sehr anstrengend für mich. Ich war deswegen nie bei Aspie-Treffen oder Selbsthilfegruppen. Zu den Aspies zu denen ich persönlich Kontakt hatte, schlief der Kontakt nach Jahren wieder ein. Ich traf auch welche in der Psychiatrie und Tagklinik für ASS damals, aber ihre Lebensgeschichten waren völlig anders, und sie hatten andere Problemschwerpunkte, und ich fühlte mich dort fremd.
      Im Forum gab es "überdauernde und anregende Kontakte". Im Allgemeinen ist das aber ein Forum für Fortgeschrittene Foren-Fans, weil die Leute haben alles mögliche, und manchmal bräuchte man wohl eine psychologische Ausbildung, um mit den schwierigen Eigenschaften klar zu kommen, oder auch um überhaupt zu wissen, wie einem geschieht. (Es geht im Internet allerdings nicht besser zu machen).
    • Neoni wrote:

      Erstens hab ich einen Subtyp des Syndroms, der ziemlich selten ist.
      Interessant. Magst du mitteilen, welcher das ist? Gegenwärtig bilden sich in meinem Hirn konkurrierende Autismus-Definitionsgebilde aus: einerseits scheint es Bestrebungen hin zur Subtypenbildung (im Sinne einer Varianzaufklärung) zu geben und andererseits geht der Trend anscheinend weg davon und hin zu einem riesigen "Sammelbecken" mit dem wiedererstarkenden Begriff von Autismus-Sprektrums-Störung. Persönlich würde ich ja Subtypen präferieren aber wenn der Ansatz (vorerst) nicht haltbar ist, dann sei das eben so.


      Neoni wrote:

      Tagklinik für ASS
      Interessant. Mir war nicht bekannt, dass es hierfür spezialisierte Einrichtungen gibt. In kritischen Lebensphasen droht bei mir auch teilstationäre Hilfe annehmen zu müssen. Ich sollte mich erkundigen, ob es in meiner relativen Nähe spezialisierte Tageskliniken gibt. Danke für den Hinweis.


      Neoni wrote:

      Im Allgemeinen ist das aber ein Forum für Fortgeschrittene Foren-Fans
      Meinst du damit, dass es vordergründig um das Forum als Selbstzweck und nur hintergründig um Asperger geht? Mir ist beim Lesen auch aufgefallen, dass in vielen Threads stark vom Thema abgewichen wird und der soziale Austausch im Vordergrund steht. Das finde ich nicht schlimm. Allerdings sind manche "sozialen Querelen" anstrengend zu lesen und lenken teils vom Thema ab. Wie du aber geschrieben hast, wüsste ich das auch nicht besser zu machen - weder Internet noch im persönlichen Kontakt.
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      (Eagle-Eye Lanoo Cherry)
    • Epidiokontas wrote:

      Interessant. Magst du mitteilen, welcher das ist? Gegenwärtig bilden sich in meinem Hirn konkurrierende Autismus-Definitionsgebilde aus: einerseits scheint es Bestrebungen hin zur Subtypenbildung (im Sinne einer Varianzaufklärung) zu geben und andererseits geht der Trend anscheinend weg davon und hin zu einem riesigen "Sammelbecken" mit dem wiedererstarkenden Begriff von Autismus-Sprektrums-Störung. Persönlich würde ich ja Subtypen präferieren aber wenn der Ansatz (vorerst) nicht haltbar ist, dann sei das eben so.
      Vor 10 Jahren oder mehr, herrschte im Forum (bzw einer seiner Vorgänger-Inkarnationen) noch der Gedanke vor, das Asperger-Syndrom sei etwas eigenständiges. Das hat sich vollkommen gewandelt. Inzwischen glauben die Leute, es sei alles das selbe. Die Leute sagen auch nicht mehr, sie haben Asperger oder seien Aspies/Asperger/Asperger-Autisten, sondern sie sagen nur noch, sie seien Autisten. Öfter mal kommt es auch vor, dass sie vom "niedrigfunktionalen" Autismus noch niemals gehört haben.

      Ich habe F84.0, bei hoher Intelligenz. Das nannte man früher "hochfunktionalen Autismus", inzwischen wurde der Begriff aber übernommen für Asperger. Ich nehme Unterschiede wahr, aber es ist die absurde Situation, dass einem jeder erzählt, es gäbe keine :)
      Inzwischen ist alles auch diagnostisch so verwaschen, dass es keine Garantie ist, dass jmd anderes, der dieselbe Diagnose hat, das selbe hat. Sehr viele Kinder haben heute Probleme beim Spracherwerb, Asperger noch dazu oftmals wegen motorischer Probleme oder der Hör-Verarbeitung, aber der Spracherwerb ist nunmal der Punkt, der zur Unterscheidung genutzt wird.


      Epidiokontas wrote:

      Interessant. Mir war nicht bekannt, dass es hierfür spezialisierte Einrichtungen gibt. In kritischen Lebensphasen droht bei mir auch teilstationäre Hilfe annehmen zu müssen. Ich sollte mich erkundigen, ob es in meiner relativen Nähe spezialisierte Tageskliniken gibt. Danke für den Hinweis.
      Als ich dort war, war das Zufall. Ich war in der Psychiatrie, und zufällig machte dann dort erstmalig in Deutschland so eine Tagklinik für ASS auf. Also ging ich anschließend dort hin (hat aber nicht geklappt und mir geschadet, und ich landete sehr schnell wieder in der Psychiatrie). Inzwischen gibt es dieses Angebot nicht mehr. Der Oberarzt der es machte, ist inzwischen in einer anderen Stadt. Derzeit gibt es so ein Angebot meines Wissens nicht. Allerdings gibt es an manchen Autismus-Ambulanzen inzwischen Gruppentherapien speziell für Erwachsene ASS (zb Köln, Freiburg, früher mal München) meist aber befinden sich die Angebote im Forschungsstadium. Aber immerhin man kommt weiter. Vor 10 Jahren gab es noch gar nichts in dieser Richtung.
      Meiner Erfahrung nach, ist das aber eher was für junge Menschen, die noch lernen müssen/wollen, mehr im Arbeitsleben/Sozialleben Fuß zu fassen. Nichts für jemanden, der das bereits "auf die harte Tour" in seinem Leben gelernt hat.

      Epidiokontas wrote:

      Meinst du damit, dass es vordergründig um das Forum als Selbstzweck und nur hintergründig um Asperger geht?
      Mir ja wenn du so willst. Das war ein Kommentar aus meiner Sicht. Foren waren mein heißes Interesse, früher. Dies hier war mein zweites. Es war anspruchsvoller als das erste, wegen den Psycho-Störungen der Leute. (Obwohl das erste schon schwer war)
      Aber ja, ich schätze, alle, die nach einigen Jahren hier bleiben, anstatt zu verschwinden (was die meisten tun), die bleiben dann als Selbstzweck und nicht mehr wegen Asperger. Weil das Asperger-Thema hat man irgendwann halt mal durch. Deswegen sind auch die Bereich Spielwiese und Kontroverse sehr beliebt.

      Epidiokontas wrote:

      Mir ist beim Lesen auch aufgefallen, dass in vielen Threads stark vom Thema abgewichen wird und der soziale Austausch im Vordergrund steht. Das finde ich nicht schlimm. Allerdings sind manche "sozialen Querelen" anstrengend zu lesen und lenken teils vom Thema ab. Wie du aber geschrieben hast, wüsste ich das auch nicht besser zu machen - weder Internet noch im persönlichen Kontakt.
      Das meinte ich in dem Zusammenhang nicht, sondern ich meinte: in einem offenen Internet-Forum kann man nicht gewährleisten, dass jeder eine Asperger Diagnose hat, der angibt, eine Asperger-Diagnose zu haben.