Empathievermögen

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    • Empathievermögen

      Servus Leute,

      Ich habe erst seit Kurzem die Diagnose Asperger-Syndrom bekommen und möchte über den Austausch mit euch noch einiges darüber lernen.

      Wie sieht es mit der Empathiefähigkeit bei euch aus? Ich finde es erschreckend wie viele falsche Fakten im Netz und in den Medien kursieren.

      Ich selber würde mich als sehr empathischen Menschen bezeichnen. Sonst hätte ich logischerweise ja keinen Freundeskreis. Es fällt mir nur extrem schwer mein Einfühlungsvermögen auch zu zeigen, weil ich ein sehr reichhaltiges Innenleben habe und eher dann länger brauche, um die Sachen zu verarbeiten und darüber zu reflektieren.

      Mich würde interessieren wie das bei euch ausschaut mit der Empathiefähigkeit,

      Liebe Grüße aus Graz,

      Euer Maeki
      Musik ist die Kunst die Zeit zu dekorieren.
    • Hallo Maeki,

      ich habe mich auch länger mit dem Thema Epathiefähigkeit von Autisten befasst. Ich glaube, dass die meisten Autisten genauso stark empathiefähig sind wie neurotypische Menschen (und auch dort gibt es eine große Schwankungsbreite), Autisten es oft aber auf eine etwas andere Art sind und deshalb für wenig empathiefähig gehalten werden.

      Um Empathie, die man empfindet, zeigen zu können, muss man sich bis zu einem bestimmten Grad dem anderen offnen können und Gefühle zeigen können. Dazu brauchen viele Autisten oft deutlich länger als viele neurotypische Menschen und werden dann oft voreilig als empathielos abgestempelt.

      Außerdem denke ich, dass man Empathie vor Allem in Lebensbereichen Zeigen kann, in denen man eigene Lebenserfahrung hat.

      Wesentlich ist noch, dass sich die meisten Autisten sehr schwer damit tun, die unausgesprochenen Sozialen Regeln intuitiv zu erfassen und sich dann dementsprechend zu verhalten. Deshalb haben sich wohl schon die meisten Autisten schon in bestimmten Situationen nach Sicht von neurotypischen Menschen "ziemlich danebenbenommen", ganz einfach weil sie es nicht besser wussten, "wie man sich in solch einer Situation zu verhalten hat". Auch das kann dazu führen, als gefühllos und empathielos abgestempelt zu werden.
      Jede Jeck is anders
    • Die Empathie muss man erst mal aufteilen.
      Affektive Empathie: (die ist bei Autisten nicht beeinträchtigt)

      Kognitive Empathie: da haben Autisten große Probleme. Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme bzw sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Gefühle, Handlungsintentionen und Motive anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen.
      Zudem besteht häufig eine Beeinträchtigung, seine Gefühle und Motive angemessen in sich selbst zu erkennen und auszudrücken.

      Mit diesen beiden Komponenten habe ich große Probleme.
    • Hallo Maeki,

      Maeki wrote:

      Es fällt mir nur extrem schwer mein Einfühlungsvermögen auch zu zeigen, weil ich ein sehr reichhaltiges Innenleben habe und eher dann länger brauche, um die Sachen zu verarbeiten und darüber zu reflektieren.
      Mir geht es ähnlich, wenn ich es richtig verstehe. In mir sind einige Emotionen vorhanden. Aber ich kann sie nicht nach außen tragen, auch wenn ich es gerne würde. Die Situation zieht einfach an mir vorbei. Dann heißt es, dass ich emotionslos und kalt bin.


      Georg_obb wrote:

      Ich glaube, dass die meisten Autisten genauso stark empathiefähig sind wie neurotypische Menschen (und auch dort gibt es eine große Schwankungsbreite), Autisten es oft aber auf eine etwas andere Art sind und deshalb für wenig empathiefähig gehalten werden.


      Um Empathie, die man empfindet, zeigen zu können, muss man sich bis zu einem bestimmten Grad dem anderen offnen können und Gefühle zeigen können. Dazu brauchen viele Autisten oft deutlich länger als viele neurotypische Menschen und werden dann oft voreilig als empathielos abgestempelt.

      Außerdem denke ich, dass man Empathie vor Allem in Lebensbereichen Zeigen kann, in denen man eigene Lebenserfahrung hat.

      [...] Wesentlich ist noch, dass sich die meisten Autisten sehr schwer damit tun, die unausgesprochenen Sozialen Regeln intuitiv zu erfassen und sich dann dementsprechend zu verhalten.
      Zum ersten Punkt verhält es sich bei mir so, dass ich meine Gefühle oder gedachten Gefühle (die ggf. erwünscht werden, z.B. "Erstaunen") so darstelle, wie ich es bei anderen Personen zuvor schon einmal gesehen habe. Das soll dann oft "gekünstelt" wirken. Bei "Erstaunen" ist es meist ein "Ooh", oder "OHA!"

      Zum Punkt, ich muss einer Person erst vertrauen können, um wirkliche Emotionen zulassen zu können (beidseitig). Zum Beispiel Zuneigung zeigen, oder angefasst werden. Da brauche ich oft mehrere Jahre. Obwohl ich das Konzept von Liebe noch nicht zu 100% nachfühlen kann.

      Das mit der Lebenserfahrung unterstreiche ich zu 100%. Situationen im Moment für mich zu entschlüsseln fällt mir jedoch immer noch sehr schwer. Meist "fällt der Groschen" erst retrospektiv. Wenn andere mich nach einem Rat zu einer Situation fragen, fällt es mir komischerweise leicht.

      Im direkten Hinblick auf unausgesprochene soziale Regeln passiert es mir sehr oft, dass mir jemand etwas erzählt und ich schaue in der Gegend herum, sehe etwas, dass mich im Moment fasziniert und rufe los "Guck mal da fliegt ein Helicopter / schwimmt eine gescheckte Ente!" oder "Mhm, weißt du, was ich gestern gesehen / geschaut habe?" Dann heißt es, dass ich mich für das Gespräch nicht interessiere.

      Oder ich jemand kocht etwas, dass ich noch nie gegessen habe und ich verziehe das Gesicht und sage "Das ist mir zu speziell." Dann heißt es, dass ich gemein bin.


      Niklas22 wrote:

      Die Empathie muss man erst mal aufteilen.
      Affektive Empathie: (die ist bei Autisten nicht beeinträchtigt)

      Kognitive Empathie: da haben Autisten große Probleme. Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme bzw sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Gefühle, Handlungsintentionen und Motive anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen.
      Zudem besteht häufig eine Beeinträchtigung, seine Gefühle und Motive angemessen in sich selbst zu erkennen und auszudrücken.
      Das mit der affektiven Empathie und kognitiven Empathie unterstreiche ich.

      Affektive Empathie empfinde ich, obwohl ich sie eher als eine "Korrektur" von einem Missstand ansehe. Zum Beispiel, wenn sich jemand verletzt und dadurch geschockt ist, versuche ich den Zustand zu verbessern, in dem ich ihn versorge. Ich nehme den Schock des anderen wahr, in mich aber viel zu verstärkt auf, kann die Emotion dann nicht zuordnen und handle hektisch auf den "Missstand", um ihn zu korrigieren.

      Kognitive Empathie wie im Zitat definiert, kann ich 1:1 so übernehmen. Vor allem den ersten Teil. Manchmal habe ich eine Ahnung, dass das, was gerade geschieht, nicht gut sein kann, kann mich aber nicht dagegen durchsetzen oder sagen. Oder denke mir "Der wird schon nichts machen, was mir / anderen schaden könnte." Daher sagen immer einige, dass ich ein "naiver Gutmensch" bin. Mir muss erst ein Außenstehender sagen, dass ich reingelegt oder angelogen worden bin.

      The post was edited 2 times, last by Tristan ().

    • Der Vorurteil, Autisten seien Roboter, stimmt wahrscheinlich bei mir. Bei mir wurde Alexithymie festgestellt und laut Arztbrief wirken meine Mimik und Gestik starr (+Affektstarrheit). Zuneigung zu anderen Menschen empfinde ich nicht (nur zu meinem Hund, also bin ich nicht ganz ein Roboter), und es fällt mir auch schwer meine eigenen Empfindungen zu beschreiben. Ich fühle mich meist leer und müde.
    • Maeki wrote:

      Mich würde interessieren wie das bei euch ausschaut mit der Empathiefähigkeit,
      Hallo,

      mir kam heute der Gedanke, dass das vielleicht verwechselt wird. Autisten sollen ja Defizite bei Theory of Mind haben, mit Perspektivwechseln, erahnen was im Gegenüber vorgehen könnte, usw. Ich vermute, dass das fälschlich synonym mit Empathie verwechselt wird weil viele Menschen Empathie auch pauschal mit "sich in den Gegenüber hineinversetzen" beschreiben. Für mich und mein Erleben bestehen Unterschiede zwischen Theory of Mind und Empathie.

      Und wenn mein Gegenüber Empathie hat, kann er sich ja in mich einfühlen und das verstehen (Ironie).
    • Maeki wrote:

      Ich selber würde mich als sehr empathischen Menschen bezeichnen. Sonst hätte ich logischerweise ja keinen Freundeskreis. Es fällt mir nur extrem schwer mein Einfühlungsvermögen auch zu zeigen, weil ich ein sehr reichhaltiges Innenleben habe und eher dann länger brauche, um die Sachen zu verarbeiten und darüber zu reflektieren.
      Ich denke auch, dass ich sehr empathisch bin. Oft überfordert mich das, was ich da mitfühle auch viel zu sehr. Aber zu einem Freundeskreis verhilft mir das nicht, ich denke dazu braucht man auch noch andere Fähigkeiten.

      HolyDiver wrote:

      Der Vorurteil, Autisten seien Roboter, stimmt wahrscheinlich bei mir. Bei mir wurde Alexithymie festgestellt und laut Arztbrief wirken meine Mimik und Gestik starr (+Affektstarrheit). Zuneigung zu anderen Menschen empfinde ich nicht (nur zu meinem Hund, also bin ich nicht ganz ein Roboter), und es fällt mir auch schwer meine eigenen Empfindungen zu beschreiben. Ich fühle mich meist leer und müde.
      Ich habe wohl auch Alexithymie, da ich meine Gefühle schwer bestimmen und mitteilen kann. Aber ich fühle mich deshalb in der Regel nicht leer und müde. Das würde ich eher als depressive Verstimmung oder Depression bezeichnen.
      Glaub nicht alles, was du denkst.
    • Zwischenmensch wrote:

      Autisten sollen ja Defizite bei Theory of Mind haben, mit Perspektivwechseln, erahnen was im Gegenüber vorgehen könnte, usw.
      Mir fällt in letzter Zeit immer öfters auf, dass ich bei anderen Autisten (bspw in einer Selbsthilfegruppe) diese Probleme nicht habe. Da kann ich mir meistens sehr gut in andere Autisten hineinversetzen, da ich meine Gedanken und Erfahrungen (von ein paar Abweichungen abgesehen) gut auf andere übertragen kann. Gleichzeitig merke ich auch, dass andere Autisten meine Probleme wirklich verstehen. Bei NTs passiert mir beides eher nicht.
    • ich finde auch nicht das ich Empathielos bin, der Begriff wird glaube ich auch oft falsch verstanden.
      Empathie ist ja das instinktive erkennen der Gefühle des gegenüber, anhand von zb mimic, nicht das generelle Unvermögen sich in andere hineinzuversetzen. (Dann wäre man wohl ein Soziopath) Ich tu mich auch oft schwer richtig zu deuten, die Informationen die man als Autist benötigt sind irgendwie andere.
      Es gibt dazu eine Versuchsreihe vom Max Plank Institut des beweist das Autisten, wenn sie die richtigen Informationen erhalten genauso viel Mitgefühl empfinden wie jeder andere
    • Sehr interessante Diskussion.

      Der "Berufsautist" Peter Schmidt (dr-peter-schmidt.de/) hat auch dazu einen interessanten Gedanken geäußert: Empathie ist keine Einbeinstraße (Redewendung).
      Das heißt, Empathie benötigt auch das Sich Öffnen des Gegenübers. Wenn das Gegenüber vorwirft, nicht empathisch zu sein, dann hat das einen Selbstanwendungsfehler, weil das Gegenüber in diesem Moment auch nicht empathisch ist.
    • Maeki wrote:

      Ich selber würde mich als sehr empathischen Menschen bezeichnen. [...] Es fällt mir nur extrem schwer mein Einfühlungsvermögen auch zu zeigen, weil ich ein sehr reichhaltiges Innenleben habe und eher dann länger brauche, um die Sachen zu verarbeiten und darüber zu reflektieren.
      Damit triffst du ziemlich exakt mein eigenes Erleben.
      Ich kann mich in andere reinversetzen, tue das (meinem Erleben nach) vielleicht sogar häufiger als andere, aber die Ergebnisse dieses "Sich-Hineinversetzens" dringen nicht automatisch nach außen. Ich zeige nicht unmittelbar irgendeine reflexhafte Reaktion.
      Wer korrekt "bewerten" will, wie viel oder wenig Empathie ich habe, muss daher seinerseits so viel Empathie haben, dass er das verstehen (bzw. sich vorstellen) kann. :roll: (Was dann auch wieder zu dem Peter-Schmidt-Zitat mit der "Einbahnstraße" im Post über mir passt. :) )
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal
      "Der Kluge lernt aus allem und von jedem, der Normale aus seinen Erfahrungen und der Dumme weiß alles besser." ~ Sokrates
    • Kai wrote:

      ich finde auch nicht das ich Empathielos bin, der Begriff wird glaube ich auch oft falsch verstanden.
      Empathie ist ja das instinktive erkennen der Gefühle des gegenüber
      Das gehört zur Empathie, insofern bist du tatsächlich nicht empathielos.

      Kai wrote:

      nicht das generelle Unvermögen sich in andere hineinzuversetzen.
      Doch, das gehört eben zur Empathie auch dazu.

      Kai wrote:

      Es gibt dazu eine Versuchsreihe vom Max Plank Institut des beweist das Autisten, wenn sie die richtigen Informationen erhalten genauso viel Mitgefühl empfinden wie jeder andere
      Da gibt es einige Untersuchungen zu. Das nennt man affektive Empathie, und da sind Autisten (im durchschnitt) genau so gut oder schlecht wie Nichtaustisten.
      Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die sich hier selbst für empathisch oder sogar sehr empathisch halten, dabei in erster Linie affektive Empathie meinen.

      Zur affektiven Empathie muss aber noch die kognitive Empathie hinzukommen, die darin besteht, die soziale Situation richtig einzuschätzen.

      Zwischenmensch wrote:

      Autisten sollen ja Defizite bei Theory of Mind haben, mit Perspektivwechseln, erahnen was im Gegenüber vorgehen könnte, usw. Ich vermute, dass das fälschlich synonym mit Empathie verwechselt wird weil viele Menschen Empathie auch pauschal mit "sich in den Gegenüber hineinversetzen" beschreiben. Für mich und mein Erleben bestehen Unterschiede zwischen Theory of Mind und Empathie.
      Unterschiede bestehen sicherlich, aber Theory of Mind gehört auch mit zur Empathie.

      Und bei Perspektivwechsel reicht es nicht, dass man nur versucht, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Wenn man die soziale Situation ganz anders wahrnimmt, versetzt man sich ja dadurch in eine ganz andere soziale Situation. Also kommt an dieser stelle auch die kognitive Empathie ins Spiel, ohne die man sich nicht erfolgreich in die situation des anderen hineinversetzen kann.

      Mr. Winterbottom wrote:

      Der "Berufsautist" Peter Schmidt (dr-peter-schmidt.de/) hat auch dazu einen interessanten Gedanken geäußert: Empathie ist keine Einbeinstraße
      Wohl eher: keine Einbahnstraße.

      Mr. Winterbottom wrote:

      Das heißt, Empathie benötigt auch das Sich Öffnen des Gegenübers. Wenn das Gegenüber vorwirft, nicht empathisch zu sein, dann hat das einen Selbstanwendungsfehler, weil das Gegenüber in diesem Moment auch nicht empathisch ist.
      Ich würde soweit zustimmen, dass eine empathische Kommunikation eine gewisse Offenheit auf beiden Seiten voraussetzt.
      Aber es würde zu weit gehen, wenn ich selbst nicht offen dafür bin, meine Gefühle in die Kommunikation einzubringen, meinem Gegenüber auch noch zu sagen: "Ätsch. Du bist jetzt (auch) nicht empathisch."

      Ich selbst war lange Zeit einfach nicht offen dafür, Gefühle in die Kommunikation einzubringen, weder in dem ich sie zeige, noch indem ich darüber rede. Dann kann ich aber nicht meinem Gegenüber einen Vorwurf daraus machen, dass keine empathische Kommunikation zustande kommt, sondern muss schon die Verantwortung bei mir selbst sehen.

      Ich sehe aber grundsätzlich das Problem, dass die meisten Empathie Tests auf Selbst- oder Fremdeinschätzungen beruhen. Beides ist meiner Meinung nach kein gutes Maß für die tatsächliche Empathie, obwohl ich zustimmen würde, dass man grundsätzlich nur dann empathisch ist, wenn man auch von außen als empathisch wahrgenommen wird.

      Ich würde da etwas bevorzugen, wo die Empathie tatsächlich anhand des Erfolges bei Aufgaben bewertet wird, die man nur mit Empathie richtig lösen kann.
      Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anderswerden, wenn es besser werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)
      Veränderungen führen deutlich öfter zu Einsichten, als dass Einsichten zu Veränderungen führen. (Milton H. Erickson)
      Morgen werde ich mich ändern, gestern wollte ich es heute schon. (Christine Busta)
    • Georg_obb wrote:





      Wesentlich ist noch, dass sich die meisten Autisten sehr schwer damit tun, die unausgesprochenen Sozialen Regeln intuitiv zu erfassen und sich dann dementsprechend zu verhalten. Deshalb haben sich wohl schon die meisten Autisten schon in bestimmten Situationen nach Sicht von neurotypischen Menschen "ziemlich danebenbenommen", ganz einfach weil sie es nicht besser wussten, "wie man sich in solch einer Situation zu verhalten hat". Auch das kann dazu führen, als gefühllos und empathielos abgestempelt zu werden.
      Ja..da gab es bei mir in der Vergangenheit sehr viele Misstverstänisse weil ich manche Sachen nicht erkannt habe, die für andere selbstverständlich waren.


      Georg_obb wrote:



      Um Empathie, die man empfindet, zeigen zu können, muss man sich bis zu einem bestimmten Grad dem anderen offnen können und Gefühle zeigen können. Dazu brauchen viele Autisten oft deutlich länger als viele neurotypische Menschen und werden dann oft voreilig als empathielos abgestempelt.
      Und leider gibt es auch hier Probleme weil das bei mir einfach nicht so schnell geht - es dauert eine ganze Weile bis ich mich öffnen kann. So viel Geduld haben die meisten Menschen aber nicht um so lange zu warten.
    • Maeki wrote:

      Es fällt mir nur extrem schwer mein Einfühlungsvermögen auch zu zeigen, weil ich ein sehr reichhaltiges Innenleben habe und eher dann länger brauche, um die Sachen zu verarbeiten und darüber zu reflektieren.
      Das Problem kenne ich auch. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, bei manchen Menschen zu sagen: "Ich freue mich für dich. Ich kann es nur nicht so zeigen". Oder irgendetwas andere, auch mit dem Zusatz: "Ich kann es nur nicht so zeigen."
      Das hat ganz gut funktioniert, aber natürlich nicht bei jedem.
      Auch habe ich solche Sachen schon überbetont: "Ich freue mich für dich. Also wirklich!"
      Das ist ganz interessant, denn ich möchte, dass mein Gegenüber weiß, dass ich das nicht einfach so sage. Viele verstehen meiner Erfahrung nach dabei sowas in die Richtung "Ja, ja, hör auf zu reden!"
      Wenn ich das dann so überbetone, stocken die meisten und freuen sich.

      Tristan wrote:

      Affektive Empathie empfinde ich, obwohl ich sie eher als eine "Korrektur" von einem Missstand ansehe. Zum Beispiel, wenn sich jemand verletzt und dadurch geschockt ist, versuche ich den Zustand zu verbessern, in dem ich ihn versorge. Ich nehme den Schock des anderen wahr, in mich aber viel zu verstärkt auf, kann die Emotion dann nicht zuordnen und handle hektisch auf den "Missstand", um ihn zu korrigieren
      Das kenne ich auch. Ich suche immer nach einer Lösung, um das Problem zu beheben. Mir geht es sehr schlecht, wenn ich sehe, dass es anderen schlecht geht. Manchmal wird mir geradezu übel vor lauter Emotionen, die ich verspüre.
      Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen das gar nicht wollen. Die wollen ein "Das war aber richtig schlimm für dich" hören. Ich hatte mal ein Management-Seminar, in dem wir oft über Empathie geredet haben (Ich wollte was über SCRUM lernen, aber stattdessen kam sowas). Die Dozentin hat eine Geschichte über einen ganz schrecklichen Urlaub erzählt und wollte, dass wir "empathisch zuhören" und demenstprechend hinterher Fragen stellen. Ich habe Fragen gestellt mit dem Hintergrund, dass vielleicht doch nicht alles schlimm war und man sich vielleicht an wenigstens etwas Schönes erinnern kann, um doch noch etwas Positives aus dem Erlebnis zu ziehen. Das kam gar nicht gut an. Ich hatte sogar das Gefühl, dass sie fast ein bisschen sauer auf mich war.

      kim wrote:

      Oft überfordert mich das, was ich da mitfühle auch viel zu sehr.
      Das kenne ich auch. So mit 17 habe ich oft gesagt: "Ich habe einen Berg an Gefühlen, ich habe keine Ahnung, was sie meinen, aber es soll aufhören." Grundsätzlich finde ich es ganz schlimm, wenn jemand richtig weint, weil es mir dann auch sehr schlecht geht. Allerdings mag ich überhaupt keine starken Emotionen. Selbst wenn ich sehr glücklich bin, finde ich das ab einer gewissen Intensität ganz unangenehm, weil sich Freude und Angst in manchen Ausprägungen sehr ähnlich anfühlen. Das habe ich aber nicht, wenn ich das bei anderen "mitfühle". Da habe ich nur mit negativen Emotionen Probleme, dass sie mich überfordern.

      Mr. Winterbottom wrote:

      Das heißt, Empathie benötigt auch das Sich Öffnen des Gegenübers. Wenn das Gegenüber vorwirft, nicht empathisch zu sein, dann hat das einen Selbstanwendungsfehler, weil das Gegenüber in diesem Moment auch nicht empathisch ist.
      Das glaube ich auch. Ich habe schon häufiger Situationen erlebt, in denen die eine Gruppe/Person der anderen vorgeworfen hat, unempathisch zu sein, weil sie (meiner Interpretation nach) nicht "hellsehen" konnten, wie die andere Person/Gruppe das aufnimmt. In solchen Situationen verhalte ich mich normalerweise neutral, um nicht das neue Ziel zu sein und versuche zu vermitteln, denn ich kann meistens beide Seiten verstehen. Oft hatte ich aber den Eindruck, dass diejenigen, die am lautesten mangelnde Empathie des Gegenübers anmahnten, ebendemjenigen überhaupt keine Empathie entegegenbrachten.


      Mir geht es auch oft so, dass, gerade wenn ich eine Situation noch nie erlebt habe, ich erst alle Einzelheiten wissen will, um den Gefühlsgang des Erzählers nachvollziehen zu können. In dem oben schon angesprochenen Seminar sollten wir uns in Kleingruppen irgendeine emotionale Geschichte erzählen und dann "empathische Fragen" stellen. Als wir hinterher unser Vorgehen besprachen und ich meinte, dass ich eben verstehen will, was passiert ist, da ich doch überhaupt nicht verstehen könne, wie sich die Person fühlt, wenn ich nicht alle Einzelheiten kennen würde, wurde das ganz brüsk mit der Ansage, ich solle doch einfach nur Mitgefühl haben, abgetan. Wie soll das gehen? Ich kann doch gar nicht sagen, wieso jemand traurig ist, wenn ich nicht weiß, dass z.B. seine Mutter vor drei Tagen gestorben ist, aber er sich in der akuten Situation gerade einmal in den Finger geschnitten hat? (Das war nur ein Beispiel, das leider ziemlich schlecht ist)
    • Rubixxy wrote:

      Ich hatte mal ein Management-Seminar, in dem wir oft über Empathie geredet haben (Ich wollte was über SCRUM lernen, aber stattdessen kam sowas). Die Dozentin hat eine Geschichte über einen ganz schrecklichen Urlaub erzählt und wollte, dass wir "empathisch zuhören" und demenstprechend hinterher Fragen stellen. Ich habe Fragen gestellt mit dem Hintergrund, dass vielleicht doch nicht alles schlimm war und man sich vielleicht an wenigstens etwas Schönes erinnern kann, um doch noch etwas Positives aus dem Erlebnis zu ziehen. Das kam gar nicht gut an. Ich hatte sogar das Gefühl, dass sie fast ein bisschen sauer auf mich war.
      Ein schönes Beispiel.

      Reaktion A: Warst du enttäuscht, weil die Aufgabe deiner Meinung nach nichts mit dem eigentlichen Thema der Fortbildung zu tun hatte und du zu wenig über SRUM (was immer das sein mag) gelernt hast?

      Reaktion B: Vielleicht kannst du ja doch auch etwas Positives aus dem Erlebnis ziehen. "Empathisches Zuhören" kann schließlich nie schaden. Freu dich doch darüber, dass du üben konntest.

      Welche Reaktion empfindest du als empathischer? A oder B?
      Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anderswerden, wenn es besser werden soll. (Georg Christoph Lichtenberg)
      Veränderungen führen deutlich öfter zu Einsichten, als dass Einsichten zu Veränderungen führen. (Milton H. Erickson)
      Morgen werde ich mich ändern, gestern wollte ich es heute schon. (Christine Busta)
    • Tuvok wrote:

      Rubixxy wrote:

      Ich hatte mal ein Management-Seminar, in dem wir oft über Empathie geredet haben (Ich wollte was über SCRUM lernen, aber stattdessen kam sowas). Die Dozentin hat eine Geschichte über einen ganz schrecklichen Urlaub erzählt und wollte, dass wir "empathisch zuhören" und demenstprechend hinterher Fragen stellen. Ich habe Fragen gestellt mit dem Hintergrund, dass vielleicht doch nicht alles schlimm war und man sich vielleicht an wenigstens etwas Schönes erinnern kann, um doch noch etwas Positives aus dem Erlebnis zu ziehen. Das kam gar nicht gut an. Ich hatte sogar das Gefühl, dass sie fast ein bisschen sauer auf mich war.
      Ein schönes Beispiel.
      Reaktion A: Warst du enttäuscht, weil die Aufgabe deiner Meinung nach nichts mit dem eigentlichen Thema der Fortbildung zu tun hatte und du zu wenig über SRUM (was immer das sein mag) gelernt hast?

      Reaktion B: Vielleicht kannst du ja doch auch etwas Positives aus dem Erlebnis ziehen. "Empathisches Zuhören" kann schließlich nie schaden. Freu dich doch darüber, dass du üben konntest.

      Welche Reaktion empfindest du als empathischer? A oder B?
      Zu A: Das ist ein Managementkonzept. Wir haben leider überhaupt nichts zu Managementkonzepten oder überhaupt irgendetwas in die Richtung gelernt, sondern nur so wenig Greifbares.

      Zu B: Ja, ich habe viel über Menschen wie diese Dozentin gelernt. Allerdings halte ich ihre Einstellung zu "Empathie" für nicht korrekt. Ich habe viel nachgefragt, denn ich möchte natürlich was aus dem Semiar ziehen, wenn ich es denn besuche. Allerdings erwarte ich dann irgendwie auch Antworten und dass sie mir erklären kann, wieso sie sich was wie wünscht. Dann wäre das ja auch in Ordnung. Sie hat mir dann aber vor der gesamten Gruppe im vorletzten Termin gesagt, "nur weil mir wohl ein Gefühlsspektrum fehlen würde", ich das nicht verstehen würde. Erstens halte ich das für unempathisch, da man sich sowas vielleicht denken kann, aber nicht vor lauter Menschen sagt, die ich kaum kenne, zweitens wusste sie nichts von meinem Autismus. Jemand der sich so verhält, hat meiner Meinung nach selbst Deifzite beim Thema "Empathie". Aber ja, klar, wenn das ordentlich erklärt worden wäre, wäre das, auch wenn irgendwie am Thema vorbei, sehr spannend und hilfreich gewesen.
    • SCRUM ist ein begriff aus dem Projektmanagment, genauer dem "agilen Arbeiten". Im Grunde geht es um folgendes: Alle prozesse werden entschlackt, alles wird flexibler, damit man sich schneller an Änderungen des Marktes anpassen kann, kurze Kommunikationswege, flache Hierarchien. Unser Geschäftsführer hatte mal versucht, dass bei uns einzuführen, und hat das dann nach ein-zwei Jahren wieder aufgegeben und durch was anderes ersetzt. Mal ehrlich: agiles Arbeiten bei einem sozialen Träger? Da kommen nicht die Leute hin, die das machen wollen. Und die welche da sind kommen mit dem Konzept nicht klar.

      Zuzm Thema:

      TV-Tropes wrote:

      Mangel an Kognitiver Empathie
      Noch so eine große Sache. Ein Asperger hat eine sehr gut ausgeprägte emotionale Empathie, also Mitempfinden. Er fühlt alles mit, was die Personen in seiner Umgebung als Emotionen aussenden, was sehr belastend sein kann. Größeren Gruppen kann das für den Aspi dann auch schon mal so viel werden, das die Empathie sich komplett abschaltet. Was aussieht wie ein komplettes Abwesend sein von Emotionen ist eher ein Zuviel davon. Zuwenig haben Asperger wiederum von kognitiver Empathie: sie können sich nur schlecht in andere hineinversetzen. Daher erkennen sie zwar die Gefühle des anderen, wissen aber nur mit viel Erfahrung, ob diese auch wirklich stimmen. Hilfreich ist eine emotionale Distanz zum Gegenüber; da hier die Gefühle nicht im Weg sind kann der Aspi sich besser auf das Gegenüber einstellen. Normalerweise muss man ihm aber explizit sagen, wenn die vordergründigen Gefühle nicht der Wahrheit entsprechen. Und selbst dann weiß er selten, was genau von ihm erwartet wird. Er versucht dann, dies mit Allgemeiner Hilfsbereitschaft zu kompensieren, was zwar häufig gut geht, aber auch peinlich werden kann. Denn in den meisten Fällen behandelt er die andere Person so, wie es für ihn selber korrekt wäre. Was leider nicht immer stimmt.
      Das führt alles zu einer „Behandle andere jeweils so wie Du selber behandelt werden möchtest“-Einstellung, was an sich nicht schlecht ist (und der Grund, warum viele Aspies so nett wirken), aber nicht immer angemessen. Menschen mit Asperger-Syndrom übersehen gerne soziale Normen oder verstehen sie nicht, während Menschen ohne Syndrom das ohne nachzudenken meistern. Z.B. kann es sein, dass ein Asperger in einer festen Beziehung nur einmal die Worte „Ich liebe dich“ sagt. Er nimmt diese Tatsache als gegeben hin, und es sollte ausreichen, wenn beide das am Anfang der Beziehung einmal geklärt haben.
      Ein weiteres Problem mit Empathie ist die Tatsache, dass der Asperger normalerweise keine oder nur wenig Emotionen zeigt. So wie er die Gefühle des Gegenübers selten richtig „lesen“ kann, so kann er sie auch nicht richtig „schreiben“. Wenn er das bemerkt, so versucht er meist, dass auf übermäßige Art auszugleichen: mit großen Gesten und vielen Worten beschreibt er dann, wie es ihm wirklich geht.

      Ein Asperger: „Und so etwas macht mich wirklich wütend!“
      Ein anderer Asperger: „Stelle mir eine ernstgemeinte Frage und ich gebe dir eineehrliche Antwort. Möchtest Du keine ehrliche Antwort, so sag Bescheid und erzähl mir, welche Antwort Du hören möchtest“ (Die Grundlage jeder festen Beziehung. Und leider auch eine der größten Schwierigkeiten).
      Natürlich flirten Autisten. Sie kriegen es nur nicht mit.
      Asperger Syndrome bei TVTropes (englisch)

      The post was edited 1 time, last by freebirth_one ().

    • Rubixxy wrote:

      Das glaube ich auch. Ich habe schon häufiger Situationen erlebt, in denen die eine Gruppe/Person der anderen vorgeworfen hat, unempathisch zu sein, weil sie (meiner Interpretation nach) nicht "hellsehen" konnten, wie die andere Person/Gruppe das aufnimmt.
      Ein gutes Beispiel und Ergänzung zur Theorie "Selbstanwendungsfehler". Danke fürs Teilen.
    • Marnie wrote:

      Mir fällt in letzter Zeit immer öfters auf, dass ich bei anderen Autisten (bspw in einer Selbsthilfegruppe) diese Probleme nicht habe.
      Da kann ich mir meistens sehr gut in andere Autisten hineinversetzen,
      Das stimmt, darüber hatte ich mal etwas auf einer Fachseite über Autismus gelesen. Und zwar, dass Autisten kein generelles Defizit hätten, sich in andere hineinzuversetzen, sondern nur im Bezug auf nicht-Autisten. Aber dass nicht-Autisten das selbe Defizit haben, sich in Autisten hinein zu versetzen. Nur dass es eben im Alltag häufiger gebraucht wird, sich in nicht-Autisten hineinversetzen zu können.

      Tuvok wrote:

      Unterschiede bestehen sicherlich, aber Theory of Mind gehört auch mit zur Empathie.
      Wikipedia beschreibt dass es zwischen Theory of Mind und Empathie eine Überschneidung gibt. Heißt für mich eher, dass beides ähnlich.