Umfrage "Anecken" (nur an diagnostizierte Autisten)

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    • FrankMatz wrote:

      Worin besteht die Auffälligkeit denn?
      Mir wird gesagt ich laufe komisch z.B. manchmal laufe ich immer noch mal wieder auf Zehenspitzen und es fällt mir nicht auf. Manchmal ist das auch so eine motorische Herausforderung, dass es ungewöhnlich aussieht.
      Teilweise fällt mir auch mein Stimming nicht auf bzw. manchmal kann ich es auch nicht sein lassen ohne das mir alles zu viel wird. Dann schaukle ich im Sitzen vor und zurück oder von einem Bein auf das andere.
      Teilweise habe ich Probleme zu Antworten und die Fragen zu verarbeiten. In manchen Situationen setzt auch meine Sprache mal einfach aus.
      Wenn ich nicht sehr aufpasse und darauf achte, dass ich es nicht tue passiert es mir schon mal, dass ich draußen hüpfe oder mit den Händen flattere.
      Meine Mimik und Körperhaltung wird oft als Auffällig betitelt. Meine Versuche nach Blickkontakt machen laut Aussagen anderer Menschen ihnen Angst und wirken aggressiv. Ist eh unglaublich schwer für mich also lasse ich es und gucke ggf. ab und zu auf die Nasenwurzel wenn ich die Energie dafür habe.
      In Gesprächen ist es für mich sehr schwer zu wissen, wann ich dran bin. Ich übe das aber ich rede immer noch oft rein, besonders wenn Menschen sehr viel reden und wenig Pausen machen.
      Auch habe ich sehr schnelle Themenwechsel die in Gesprächen für andere oft nicht nachvollziehbar sind.
      Wenn man ehrlich und freundlich auf rhetorische Fragen antwortet, kommt das auch nicht immer gut an.

      Und dann kommt halt noch die Tic-Störung dazu. Aber auch in den Jahren in denen die sehr unauffällig und "harmlos" war hatte ich solche Probleme. Die ist mehr das Sahnehäubchen damit ich mich gar nicht mehr verstecken kann mit meinen motorischen und verbalen Tics.
    • Tuvok wrote:

      Ich sehe es allerdings weder als Schauspielerei noch als Kompensationsstrategie an, wenn ich mich bemühe, Kommunikation so zu gestalten, dass sie sowohl für mich selbst als auch für alle anderen Beteiligten durchgehend angenehm ist.
      Wenn du dabei autismusbedingte Schwierigkeiten ausgleichst, dann ist es aber schon Kompensation. Schauspielerei nicht unbedingt. Eher das Anwenden von erlernten Techniken und Strategien im Rahmen einer Anpassung.

      Dr. L84 wrote:

      Es stellt sich ja niemand vor mit "mir geht's zum Kotzen und ich würde gerade lieber meine Ruhe haben, ich lächle nur aus Höflichkeit und wenn ich gleich sage, dass ich noch dringend was erledigen gehen muss ist das gelogen, ich wollte das nur sicherheitshalber erwähnen, nicht dass ihr mich falsch einschätzt".
      Das bewegt sich meiner Meinung nach auf einem anderen Level. Die Schwierigkeiten bei Autismus/Asperger beginnen bei grundlegenderen Dingen. Wie eben beim Achten darauf, was man wie sagt, wie man sich bewegt, dass man Dinge richtig versteht u.ä.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      Blickkontakt, Satzmelodie, Körpersprache, dass man überhaupt was sagt, in der richtigen Geschwindigkeit (Reaktionszeit) und inhaltlich auch das Richtige (z.B. immer schnell registrieren, ob gerade ein Witz gemacht wurde oder etwas ernst zu verstehen ist), nicht zu oft mit den Gedanken woanders hindriften
      Stimmings, würde ich noch hinzufügen - ja, das alles bestreite ich gar nicht. Mein Einwand ging nur dahin, dass ich nicht glaube, dass jeder, der auch nur eine eine Viertelstunde lang mit einem Autisten in der S-Bahn sitzt, sofort sagt: "Der Typ muss aber auch irgendeine Diagnose haben." Das klang mir so hochdramatisch. Denn...

      Dr. L84 wrote:

      Es ist aber auch nicht so, dass Nicht-Autisten sich nicht anpassen würden. Die stellen sich auch auf die Situation ein wenn nötig, setzen auch eine Maske auf, "reißen sich zusammen".
      ... es gibt ja nicht nur sofort jedem auffallende Autisten in einer Welt von total unauffälligen Nicht-Autisten.Wer in unserer Medienwelt auffällt, Politiker, Stars aller Art usw., muss nicht sofort irgendeine Diagnose haben. In diesem Zusammenhang: Ich glaube auch nicht, dass jedes Einstellen auf eine Situation gleichbedeutend ist mit "Maske aufsetzen" oder "sich zusammenreißen".

      Tuvok wrote:

      Ich finde, eiine Bewertung aus dem ADOS trifft es sehr gut:
      Die Interaktion war zeitweise angenehm, aber nicht durchgehend.
      Das ist wohl eine vorgegebene Bewertung zum Ankreuzen. Ich verstehe nicht, wie eine Interaktion "zeitweise angenehm" sein kann, "aber nicht durchgehend". Denn "nicht angenehm" heißt für mich, dass sich jemand unangemessen verhalten hat: mal in der Nase gebohrt, mal provozierend aus dem Fenster oder dauernd auf die Uhr gekuckt, mal auf eine Frage auch nach Wiederholung hartnäckig geschwiegen. Dann aber ist doch die gesamte Situation unangenehm.

      Oder gibt es da sonstige Kategorien von "angenehm/unangenehm", die ich nur noch gar nicht mitgekriegt habe? Für mich ist soziale Interaktion unangenehm, wenn mich jemand nicht zu Wort kommen lässt, wenn er mich verbal beleidigt, wenn ich im weitesten Sinn bloßgestellt werde - oder wenn ich eben von mir aus das Gefühl habe, ich passe da nicht hin, ich bin da nur Außenseiter.
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • MangoMambo wrote:

      Und dann kommt halt noch die Tic-Störung dazu.
      (Danke für deine lange Liste übrigens.) Tics sind ja nun oft sehr auffällig. Nur ist die Frage: Stören sie wirklich im sozialen Miteinander? Ich habe in meinem Lehrerleben immer wieder Schüler*innen mit Tics gehabt und ich habe mich immer schnell daran gewöhnt, auch an Stottern und an Beeinträchtigungen des Seh- und Hörsinns. Und ich habe übrigens nie erlebt, dass solche Einschränkungen zu Mobbing geführt hätten.

      Ich will damit deine Erfahrungen in keinem Fall in Abrede stellen. Mir kommt nur so in den Sinn, dass es auch eine Rolle spielen kann, welchen Blick der*die Betroffene selbst auf seine Einschränkung wirft.
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • FrankMatz wrote:

      Stören sie wirklich im sozialen Miteinander?
      Das weiß ich nicht wirklich. Da beeinträchtigt mich der Autismus auf jeden Fall mehr.
      Ein Problem ist halt, dass viele Menschen von meinen Tics sich genervt fühlen.
      Und wenn sie sehr stark werden dann fällt mir das schwer mich auszudrücken und das nervt mich sehr, weil ich dann Wörter und Sätze ganz oft wiederholen muss bevor ich weitersprechen kann und wenn es zu anstrengend wird lasse ich es dann teilweise bleiben. Was ich absolut nicht mag ist wenn andere Menschen dann mich deshalb unterbrechen, weil es ihnen zu lange dauert.

      Mein Blick darauf war auf jeden Fall nicht die Ursache für das Mobbing. Dieses fing schon im Kindergarten an und setze sich dann in der Grundschule fort. Meine Grundschullehrerin sagte, nach Erzählungen meiner Mutter, auch offen, dass sie mich für verrückt/behandlungsbedürftig hielt. Und dem entsprechend war auch der Umgang leider. Es ist aber gut zu hören, dass andere Kinder da auch andere Erfahrungen machen durften bei dir. Das freut mich sehr.

      Ich denke auch, dass jedes Kind gemobbt werden kann, nur Autismus kann da z.B. ein verstärkender Faktor sein und besonders eben die Billigung des Verhaltens durch Autoritätspersonen. Ich habe niemand in die Augen gesehen, unpassende Sachen gesagt und in der Pause bin ich oft alleine auf und ab gelaufen und dabei gehüpft etc. einen erfolgreichen sozialen Kontakt mit Gleichaltrigen herzustellen fiel mir sehr schwer und ich war nicht integriert in der Klassengemeinschaft. Die Tics und mein auffälliges Stimming waren da nur das i-Tüpfelchen.

      Mir wurde als Kind immer gezeigt, dass ich mit den Verhaltensweisen nicht erwünscht war in der Nähe anderer Menschen. Wenn ich gebeten wurde damit aufzuhören und es nicht konnte ging ich halt einfach weg, wohin wo ich alleine war und es niemand störte. Leider wurde meiner Mutter auch nicht geglaubt, dass meine "touretteartigen" Bewegungen ein Problem sein könnten.
    • Shenya wrote:

      Das bewegt sich meiner Meinung nach auf einem anderen Level. Die Schwierigkeiten bei Autismus/Asperger beginnen bei grundlegenderen Dingen. Wie eben beim Achten darauf, was man wie sagt, wie man sich bewegt, dass man Dinge richtig versteht u.ä.
      Unbestritten.

      Ich sagte ja, dass ich nicht sage, dass es Nicht-Autisten und Autisten gleich schwerfiele.

      Ändert aber an meiner Aussage nichts.

      Das Spektrum ist m.M.n. zu groß um so sehr verallgemeinern zu können wie es hier getan wird.

      Wenn sich jemand erklärungsbedürftig verhält liegt es natürlich nahe, eine Erklärung zu geben. Damit fährt man vermutlich auch besser, als ein Fragezeichen zu hinterlassen.

      Wenn bei jemandem erst im Erwachsenenalter der Verdacht auftritt, möglicherweise Autist zu sein, ist das schon wieder ein ganz anderes Thema. Würde er sich so derart auffällig verhalten dass es sinnvoller wäre, sich zu outen, wäre der Verdacht, möglicherweise Autist zu sein nicht erst im Erwachsenenalter aufgekommen. D.h. eventuelle Fragezeichen entstehen möglicherweise erst durch ein Outing.
    • Dr. L84 wrote:

      Würde er sich so derart auffällig verhalten dass es sinnvoller wäre, sich zu outen, wäre der Verdacht, möglicherweise Autist zu sein nicht erst im Erwachsenenalter aufgekommen.
      So einfach ist das auch nicht. In manchen Fällen kam vorher einfach niemand auf die Idee, dass das was da heraussticht Autismus sein könnte.
      Ich war ein auf Zehenspitzen laufendes, mit den Händen flatterndes Kind, was stundenlange Monologe hielt und niemand in die Augen sehen konnte und Wörter und Sätze ewig wiederholte. Niemand kam auf die Idee bei mir eine Diagnostik zu machen in der Richtung. (Hatte wohl einfach richtig Pech mit den Ärzten und Therapeuten, denn jeder Screening Fragebogen hätte geschrien.)
    • MangoMambo wrote:

      So einfach ist das auch nicht.
      Nein, es ist eben nicht einfach, das war meine Aussage. Ich habe zwei Extrembeispiele gegenübergestellt um zu zeigen, dass das Spektrum viel zu groß ist, um m.M.n. pauschal solche Aussagen treffen zu können.

      Wenn bei Dir "irgendwas" heraussticht und Du lieber vorsorglich klarstellen möchtest, um was es sich dabei handelt ist das ja etwas anderes als wenn bei jemandem erst nach längerer Kennenlernzeit möglicherweise irgendetwas komisch wirkt. Das soll nicht heißen, dass man es auf ewig für sich behalten soll, um was es sich da handelt. Möglicherweise ergibt sich dafür aber ein sozial adäquaterer Zeitpunkt als die Vorstellung, bei dem es vielleicht sogar auch die Möglichkeit gibt zu erklären, was Autismus (in dem Fall) überhaupt bedeutet.

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    • FrankMatz wrote:

      Das ist wohl eine vorgegebene Bewertung zum Ankreuzen. Ich verstehe nicht, wie eine Interaktion "zeitweise angenehm" sein kann, "aber nicht durchgehend". Denn "nicht angenehm" heißt für mich, dass sich jemand unangemessen verhalten hat: mal in der Nase gebohrt, mal provozierend aus dem Fenster oder dauernd auf die Uhr gekuckt, mal auf eine Frage auch nach Wiederholung hartnäckig geschwiegen. Dann aber ist doch die gesamte Situation unangenehm.
      Ich kann die Alternativbewertungen auf Englisch angeben:

      0 Punkte= Comfortable interaction between the participant and examiner that is appropriate to the context of the ADOS assessment.

      1 Punkt = Interaction sometimes comfortable, but not sustained (e.g., sometimes feels awkward or stilted, or the participant's behavior seems mechanical or slightly inappropriate).

      2 Punkte = One-sided or unusual interaction resulting in a consistently mildly uncomfortable session or a session that would have been difficult if the examiner had not continuously modified the structure of the situation beyond the standard activities in the ADOS evaluation.

      3 Punkte = The participant shows minimal regard for the examiner, OR the session is markedly uncomfortable for a significant proportion of the time.

      Bei der 1 Punkt-Wertung, die ich bekommen habe, war es wohl nicht so ausgeprägt, dass man sagen würde, es war insgesamt unangenehm. Aber es gab wohl Auffälligkeiten bei einigen einzelnen Aufgabenteilen, wie Smalltalk o.ä.

      FrankMatz wrote:

      Oder gibt es da sonstige Kategorien von "angenehm/unangenehm", die ich nur noch gar nicht mitgekriegt habe? Für mich ist soziale Interaktion unangenehm, wenn mich jemand nicht zu Wort kommen lässt, wenn er mich verbal beleidigt, wenn ich im weitesten Sinn bloßgestellt werde - oder wenn ich eben von mir aus das Gefühl habe, ich passe da nicht hin, ich bin da nur Außenseiter.
      Wenn Du den Untersucher nicht zu Wort kommen lässt, ihn verbal beleidigst oder ihn im weitesten Sinne bloßstellst, und ihm das Gefühl gibst, dass ER da nicht hinpasst, dann bekommst DU die 3-Punkte-Wertung.
      Wenn du durchgehend bei allen Aufgaben so einseitig oder eigenwillig interagierst, dass es für den Untersucher ungemütlich wird oder er die Aufgabenstellung variieren muss, wäre es die 2 Punkte Wertung.
      Wenn du zwar bemüht bist, aber ungeschickt agierst und nicht in angemessenem Umfang auf das eingehst, was der Untersucher sagt oder mit dir macht, wird das wohl als zeitweise angenehm, aber nicht durchgehend bewertet und gibt einen Punkt.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • @Tuvok: Danke für deine Erklärungen. Ein bisschen klarer ist mir die Sache geworden. Ich hatte zu wenig an die Test-Situation gedacht. Mich interessiert jetzt aber trotzdem Folgendes:

      Tuvok wrote:

      Wenn du zwar bemüht bist, aber ungeschickt agierst und nicht in angemessenem Umfang auf das eingehst, was der Untersucher sagt oder mit dir macht, wird das wohl als zeitweise angenehm, aber nicht durchgehend bewertet und gibt einen Punkt.
      Glaubst du, dass das (siehe Fettdruck) auch für Situationen außerhalb des Tests gilt? Der Untersucher und du, ihr seid bildungsmäßig auf gleichem Niveau (beide mit Hochschulabschluss); wenn du jetzt mit deinem Zahnarzt sprichst, mit einem Rechtsanwalt, einem Abgeordneten aus deinem Wahlkreis, sonst jemand, mit dem du ein ernstes Gespräch führst, tritt dann ungeschicktes Agieren und nicht angemessenes Eingehen auf den Gesprächspartner auch auf?

      Bei mir glaube ich schon, dass jemandem etwas auffallen kann (Blickkontakt, Körpersprache, Bewegungen vor allem), nur dass das gleich die Wertung "ungeschickt" verdient, möchte ich hinterfragen; vielleicht hätte ja auch "anders" oder "vom Durchschnittsverhalten abweichend" gereicht. Und "nicht in angemessenem Umgang auf den Gesprächspartner eingehen" scheint mir ja fast ein kognitives Problem zu sein - ich meine aber schon i.d.R. zu verstehen, was Leute von mir wollen (solange mir nicht jemand einen Vortrag über Quantenphysik hält ;) ).
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • Dr. L84 wrote:

      Würde er sich so derart auffällig verhalten dass es sinnvoller wäre, sich zu outen, wäre der Verdacht, möglicherweise Autist zu sein nicht erst im Erwachsenenalter aufgekommen.
      Die Grenze, ab wo ein Outen sinnvoll ist, würde ich nicht daran festmachen.
      Das muss jeder selbst entscheiden, und manchmal entscheidet man später auch anders. Ich hatte mich z.B. erst gegen das Outen entschieden und ein paar Jahre später dafür, und bisher bereue ich das auch nicht. Man lebt befreiter, mit weniger Druck, und der Weg ist offen, um auch authentischer zu werden, auch wenn das nicht einfach so von jetzt auf nachher klappt.
      Alles wird galaktisch gut.
    • @Shenya kannst Du mir ein oder zwei Beispiele für Situationen geben, in denen Du das machst? Bzw. machst Du das tatsächlich von Anfang an? "Hallo ich bin Shenya, ich bin Autist"?

      Zweifel an Sinnhaftigkeit eines Outings habe ich nicht. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass damit jemand überhaupt etwas anzufangen weiß, besonders wenn Du unauffällig wirkst.

      Ich hatte einmal Outing versucht und es bereut, weil es für den anderen eine Null-Information war und ich dann erst erklären musste, was das bedeutet und warum ich das überhaupt sage.
    • FrankMatz wrote:

      Glaubst du, dass das (siehe Fettdruck) auch für Situationen außerhalb des Tests gilt? Der Untersucher und du, ihr seid bildungsmäßig auf gleichem Niveau (beide mit Hochschulabschluss); wenn du jetzt mit deinem Zahnarzt sprichst, mit einem Rechtsanwalt, einem Abgeordneten aus deinem Wahlkreis, sonst jemand, mit dem du ein ernstes Gespräch führst, tritt dann ungeschicktes Agieren und nicht angemessenes Eingehen auf den Gesprächspartner auch auf?
      Grundsätzlich eigentlich schon. Die Situationen, die du jetzt beschreibst, sind schon ein bisschen speziell. Der Zahnarzt hat zum Beispiel die Praxis voll mit Patienten sitzen, und wird schon deshalb nicht unbedingt mit jedem Patienten aus eigenem Interesse Smalltalk machen wollen. Wenn er es doch tut, dann eher, weil er hofft, dass es dem Patienten hilft, die etwas ungewohnte und vielleicht belastende Situation besser zu bewältigen.

      FrankMatz wrote:

      Bei mir glaube ich schon, dass jemandem etwas auffallen kann (Blickkontakt, Körpersprache, Bewegungen vor allem), nur dass das gleich die Wertung "ungeschickt" verdient, möchte ich hinterfragen; vielleicht hätte ja auch "anders" oder "vom Durchschnittsverhalten abweichend" gereicht. Und "nicht in angemessenem Umgang auf den Gesprächspartner eingehen" scheint mir ja fast ein kognitives Problem zu sein - ich meine aber schon i.d.R. zu verstehen, was Leute von mir wollen (solange mir nicht jemand einen Vortrag über Quantenphysik hält ).
      Das "ungeschickte" in deiner Interaktion besteht darin, dass du dich zu sehr an dem Inhaltlichen orientierst. Abgesehen vom rein inhaltlichen wird der Andere aber immer auch persönliche Befindlichkeiten kommunizieren und zum Beispiel plötzlich in Smalltalk abdriften, was der Untersucher beim ADOS sogar gezielt tut, um zu sehen, wie du in diesen Situationen reagierst. Und da finde ich -für mein eigenes Verhalten- das Wort "ungeschickt" nicht unpassend.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Dr. L84 wrote:

      kannst Du mir ein oder zwei Beispiele für Situationen geben, in denen Du das machst? Bzw. machst Du das tatsächlich von Anfang an? "Hallo ich bin Shenya, ich bin Autist"?
      Es gibt unterschiedliche Situationen.
      Bei Ärzten sage ich es in der Regel beim ersten Gespräch oder schreibe es in den Aufnahme-Fragebogen, den man in manchen Praxen ausfüllen muss. Künftig werde ich hoffentlich öfter eine Begleitperson dabei haben, die das dann übernehmen kann. Ich werde immer wieder bei Ärzten falsch oder gar nicht verstanden, und wenn ein Arzt sich, weil er von einer Diagnose weiß, etwas mehr Zeit nimmt oder öfter mal nachfragt als normal, dann ist das schon ein Gewinn. Eine Garantie gibt es dafür zwar nicht, aber ich habe schon hin und wieder gute Erfahrungen gemacht.

      Als ich mal im Schlaflabor war, habe ich es auch vorab schon gesagt. Dann kam es vielleicht auch nicht so seltsam rüber, dass ich meine eigene Decke und Kissen mitgebracht habe.

      In meiner Spielegruppe, wo ich vor Corona war, habe ich es irgendwann gesagt, als sich mal die Gelegenheit ergeben hat. Zum Beispiel wollte eine, dass ich ihr meine Telefonnummer gebe, und ich sagte, dass ich nicht gern telefoniere und lieber mailen würde. Zur Begründung sagte ich, dass ich Asperger habe und mir deshalb das Telefonieren schwer fällt. Den anderen habe ich es bei einer anderen Gelegenheit gesagt. Ich erkläre nicht viel dazu, googeln können die Leute selbst, aber wenn jemand Fragen hat, dann antworte ich.
      Wenn ich heute neu in so eine Gruppe käme, würde ich es wahrscheinlich am ersten Abend irgendwann erwähnen. Ich will damit erreichen, dass ich mir nicht in jeder Situation mehr Gedanken machen muss, ob ich wieder was falsch gemacht habe und dadurch dann freier bin. Wenn ich selbstsicher bin, wirke ich sogar weniger autistisch, als wenn Unsicherheit mich noch zusätzlich ausbremst. Und die anderen müssen sich nicht umständliche Gedanken machen, wieso ich in einer Situation so geschaut habe oder dies und jenes gesagt oder nicht gesagt habe.

      Am Arbeitsplatz war ich ursprünglich nicht geoutet. Dann habe ich es 2014 zuerst meinem Chef gesagt, und später hat es sich ergeben, dass einige weitere Kollegen es erfahren haben. Grundsätzlich würde ich es jetzt jedem sagen, wenn sich im Gespräch mal die Gelegenheit ergibt. Aber da manche mich seit Jahren ohne Diagnose kennen, hat es hier keine Dringlichkeit.
      Wenn ich Außendiensttermine habe, sage ich nichts, da spiele ich meine Rolle, ziehe das mit viel Energie durch und bin hinterher k.o. Aber eine Diagnose hat da nichts verloren, wenn man dienstlich irgendwo ist. Ich würde es nur Leuten sagen, mit denen ich ständig oder oft zusammenarbeite.

      Ich glaube, das Outen fällt leichter, wenn man akzeptiert hat, dass die Diagnose zu einem dazugehört und man auch gar nichts daran ändern kann. Dann ist es eben so, und warum soll man dann noch Versteckspiel mit den anderen machen? Obwohl ich in einem Gespräch gut kompensieren kann und keiner bisher mir auf den Kopf zu gesagt hat, ich wäre doch wohl Autist, so gibt es aber trotzdem Auffälligkeiten. Eine meiner Kolleginnen sagte mir nach dem Outen, dass sie schon immer gedacht hatte, ich wäre anders als die anderen. Andere Kollegen sagten mir, ich sei so unkommunikativ oder man würde so wenig von mir mitbekommen. Das liegt daran, dass ich all die Gelegenheiten, die es im Alltag gäbe, das Gespräch mit anderen zu suchen, nicht nutze. Die Anwesenheit anderer Menschen ist für mich nicht automatisch eine Aufforderung, ein Gespräch zu beginnen. Ich muss schon irgendwas zu sagen haben. Solche Dinge fallen dann auf. Ich denke auch, dass die Zusammenarbeit mit mir nicht immer ganz einfach ist, weil wenig von mir kommt, wo andere Leute viel schneller den Kontakt suchen und miteinander reden.

      In meiner Familie wissen es jetzt auch alle, auch wenn wir erstaunlicherweise seit meiner Mitteilung nicht mehr weiter darüber gesprochen haben.
      Alles wird galaktisch gut.
    • FrankMatz wrote:

      Bei mir glaube ich schon, dass jemandem etwas auffallen kann (Blickkontakt, Körpersprache, Bewegungen vor allem), nur dass das gleich die Wertung "ungeschickt" verdient, möchte ich hinterfragen
      Da habe ich ein Beispiel aus eigener Erfahrung: in meiner ersten Woche bei der Bank, als ich im Schalterbereich die Standardabläufe kennenlernen sollte, kam eine Kundin, die irgendetwas relativ simples wollte, wo ich aber - ganz neue Umgebung, neue Tätigkeit, unbekanntes Gegenüber - nicht sofort und souverän reagieren konnte. Daraufhin wandte sich die Kundin an einen Kollegen, der ein paar Meter weiter stand "Der junge Mann (ich war immerhin schon 34) scheint mir etwas unbeholfen, könnten Sie bitte...". Doch, in der entsprechenden Situation kann das schon ungeschickt wirken, und der ADOS zielt ja genau darauf ab, solche Situationen herbeizuführen, um dem Diagnostiker ein Urteil zu ermöglichen.
    • Tuvok wrote:

      Der Zahnarzt hat zum Beispiel die Praxis voll mit Patienten sitzen, und wird schon deshalb nicht unbedingt mit jedem Patienten aus eigenem Interesse Smalltalk machen wollen. Wenn er es doch tut, dann eher, weil er hofft, dass es dem Patienten hilft, die etwas ungewohnte und vielleicht belastende Situation besser zu bewältigen.
      Eine Smalltalk-Situation meinte ich genau nicht. Da wird natürlich schnell sichtbar, dass das nicht / kaum geht bei mir. Aber nehmen wir an, der Zahnarzt redet mit mir über Implantate, so eine Viertelstunde lang (an Implantaten verdient er so viel, dass er die 15 min investiert), ich frage nach, äußere mich mal kritisch, mal positiv - wird dann auch schon sichtbar, dass ich "ungeschickt" oder "nicht angenehm" (um diese Begriffe ging es ja) kommuniziere? Beim Beratungsgespräch beim Rechtsanwalt? Bei der Bank? Ich denke nämlich, dass Nichtautisten so intuitiv nach dem Gespräch mit mir keine Lust haben, privaten Kontakt auf- oder auszubauen (was auch meine wenigen privaten Kontakte erklärt, obwohl ich soziale Kontakte immer wieder habe). Nur, ich bin hartnäckig: Ob sie wirklich bewusst feststellen "Der Typ kommuniziert aber ungeschickt" (oder "unbeholfen", wie @HCS in seinem Beispiel sagt), das ist für mich nicht so sicher. Ich glaube, da läuft vieles unbewusst ab. Aber okay, der Diagnostiker, von dem du weiter oben ausgangen bist, sieht natürlich mehr.

      Tuvok wrote:

      Das "ungeschickte" in deiner Interaktion besteht darin, dass du dich zu sehr an dem Inhaltlichen orientierst.
      Klar, das tue ich. Und ich habe es gerade heute bei zwei Beispielen bei der telefonischen Planung einer Veranstaltung erlebt. Beide Gesprächspartner sind mehrfach aufs Wetter ("so sonnig und warm Anfang März") zu sprechen gekommen - ich kann das dann immer nur bestätigen mit "ja super", aber eigentlich stört es mich, das es von der Sache ablenkt. Wahrscheinlich merkt man das selbst am Telefon. Tja.
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • FrankMatz wrote:

      nehmen wir an, der Zahnarzt redet mit mir über Implantate, so eine Viertelstunde lang (an Implantaten verdient er so viel, dass er die 15 min investiert), ich frage nach, äußere mich mal kritisch, mal positiv - wird dann auch schon sichtbar, dass ich "ungeschickt" oder "nicht angenehm" (um diese Begriffe ging es ja) kommuniziere? Beim Beratungsgespräch beim Rechtsanwalt? Bei der Bank?
      Das kann ich dir aus der Ferne nicht beantworten.

      Ich wollte auch nicht sagen, dass jeder Autist unbedingt in jedem noch so kurzen Gespräch unbedingt als 'nicht durchgehend angenehm' auffällt.

      Beim Zahnarzt falle ich wahrscheinlich nicht besonders auf, allenfalls wenn seine Assistentin petzt (die war nämlich mal meine Schülerin). Aber ich hoffe, sie hat mich nicht in unangenehmer Erinnerung.
      Als Lehrer in der Schule bin ich sicherlich etwas außergewöhnlich, aber es ist ganz bestimmt nicht so, dass das jedem Schüler unangenehm wäre.

      FrankMatz wrote:

      Ich denke nämlich, dass Nichtautisten so intuitiv nach dem Gespräch mit mir keine Lust haben, privaten Kontakt auf- oder auszubauen
      Kann sein, dass das so ist. Es kann aber auch sein, dass du einfach nur zu wenig Selbstvertrauen hast.

      FrankMatz wrote:

      ich habe es gerade heute bei zwei Beispielen bei der telefonischen Planung einer Veranstaltung erlebt. Beide Gesprächspartner sind mehrfach aufs Wetter ("so sonnig und warm Anfang März") zu sprechen gekommen - ich kann das dann immer nur bestätigen mit "ja super", aber eigentlich stört es mich, das es von der Sache ablenkt. Wahrscheinlich merkt man das selbst am Telefon.
      Gut möglich. Und so etwas wird dann oft als 'nicht durchgehend angenehm' wahrgenommen. Und die Leute hätten vielleicht viel mehr Lust, privaten Kontakt auf- oder auszubauen, wenn du an diesen Stellen mehr auf sie eingehen würdest.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Dr. L84 wrote:

      Zweifel an Sinnhaftigkeit eines Outings habe ich nicht. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass damit jemand überhaupt etwas anzufangen weiß, besonders wenn Du unauffällig wirkst.
      Entschuldige, wenn ich dazu auch noch etwas schreibe, aber ich musste bei Deinem Austausch mit @Shenya an meine vielen gescheiterten Stellenantritte denken. Ich weiß ja noch nicht, ob ich tatsächlich bzw. nach Meinung von Experten im Autismus-Spektrum bin, habe aber den ganz dringenden Verdacht. Auf den ersten Blick wirke ich wahrscheinlich auch unauffällig, aber spätestens auf den zweiten bzw. allerspätestens auf den dritten Blick werden die "merkwürdigen" Verhaltensweisen dann so offensichtlich, dass mich ganz viele Teams deshalb nicht in ihrer Mitte akzeptiert haben. Spätestens nach ein paar Monaten häuften sich die negativen und teils offen ablehnenden, teils auch regelrecht feindseligen Rückmeldungen bis hin zur Kündigung, so dass ich zuletzt völlig verzweifelt war und fest davon überzeugt, dass ich in diese Welt nicht hineinpasse.
      Ich denke schon, dass es bei vorliegender Diagnose hilfreich sein kann, direkt zu Anfang zu sagen, dass man autistisch ist, wobei man, um Missverständnisse zu vermeiden, auch immer kurz erklären sollte, mit welchen Merkmalen das so einhergeht, dass man z. B. auf viele Menschen etwas merkwürdig wirkt, dass man es nicht so mit Smalltalk hat und man eine ruhige Umgebung bevorzugt. Man muss dabei natürlich aufpassen, nicht zu defizitär zu wirken, was - zugegeben - wohl oft recht schwer sein kann, da wir ja (leider) in einer maximal leistungs- und schnelligkeitsorientierten Welt leben und bei vielen ein Hinweis auf eine Schwäche nicht als Stärke, sondern tatsächlich als Schwäche und somit als etwas Negatives aufgefasst wird.
      Das klingt vielleicht alles etwas naiv (bin ich in manchen Dingen auch), aber angesichts der Tatsache, dass es bei mir fast immer zu einer negativen Entwicklung in Zusammenhang mit den Berufskollegen kam (als ich noch keine Ahnung hatte, was mit mir los sein könnte), kann ich mir nicht vorstellen, künftig nicht zumindest einige ausgewählte Leute in meine Probleme einzuweihen, zumindest die, bei denen man das Gefühl hat, dass sie einem wohlgesonnen sind. Die könnten dann im Falle von Problemen als Vermittler fungieren, weil sie ja wissen, was los ist.
    • MonaLisa wrote:

      Das klingt vielleicht alles etwas naiv
      Aus meiner Erfahrung heraus ist das reichlich naiv. Kollegen, die einen so ausgrenzen, akzeptieren auch eine Diagnose nicht. Die machen sich eher lustig drüber oder richten das in anderer Form gegen einen.
      Deine negativen Erfahrungen im Kollegenkreis müssen auch überhaupt nichts mit Defiziten deinerseits zu tun haben, die können genauso gut allein aus charakterlichen Schwächen der Kollegen herrühren.