Umfrage "Anecken" (nur an diagnostizierte Autisten)

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    • @Abendstern @Pechblende
      Eure Rückmeldungen finde ich interessant. Möglicherweise bin ich eher "blind", was die Wahrnehmung meiner eigenen Schwierigkeiten betrifft bzw. ordne ich diese oft nicht direkt dem Autismus zu. Oft denke ich nämlich, dass auch viele Nichtautisten diese Schwierigkeiten haben. Oder gibt es da irgendwelche konkreten Dinge, auf die ihr euch bezieht?
    • Also ich ecke auch höchst selten mal an. Und wenn, dann nehme ich auch meist in Kauf. Ist ja nicht das Schlechteste, auch Anecken zu können, wenn bestimmte Aspekte der Umgebung (auch aus objektiver Sicht) schwer zu ertragen sind.

      Ich würde sogar sagen, dass Autismus auch ein guter Schutz vor dem Anecken sein kann, und jenes hier vielleicht einige- wie Sonnenseele- betrifft.

      Man ist einfach nicht so sehr Teil des sozialen Gefüges, eher neutraler unterwegs. Wer weniger bzw. auf viel sachlicherer Ebene mit anderen Menschen interagiert, wem das auch nicht so viel bedeutet, der provoziert kaum. Allerdings ist es damit natürlich auch schwer, positiv aufzufallen und Freundschafen/Beziehungen aufzubauen.
    • Abendstern wrote:

      Sei dir bewusst, dass du, wenn du nichts sagst und dich unauffällig verhältst, automatisch in eine Rolle schlüpfst, nämlich die des "NT"s.
      "Echte NTs" stellen sich ja auch nicht vor und sagen "Hallo, ich bin normal", sie sagen einfach nichts dazu. D. h. wenn du nichts zu deiner neurologischen Beschaffenheit sagst (und dich auch sonst unauffällig verhältst), dann machst du genau das, was ein "NT" machen würde. Ergo, du spielst "NT". (Wenn auch nicht bewusst. Aber du baust die (falsche) Erwartung auf, dass du "NT" bist.)
      Ich bekomme deine Logik nicht ganz auf die Reihe. Der NT sagt nichts zu seinem NT-Sein - und das ist okay. Der Autist sagt auch nichts zu seinem Autistisch-Sein - und soll dann nicht okay sein, weil es "genau das (ist), was ein NT machen würde"? Ich glaube, dass der ganze Vorgang ja viel unbewusster abläuft (das versuchst du in deinem ersten Satz in der Klammer noch hinzubiegen).

      Wenn ein Mensch irgendwo ist, dann verhält er sich i.d.R. so, wie es die soziale Situation verlangt. Und zwar automatisch, ohne sich bewusst für eine Rolle zu entscheiden. Würde ich mich meiner "neurologischen Beschaffenheit" entsprechend verhalten, zum Beispiel bei einer Teambesprechung im Job, dann würde das für mich spätestens nachher auch jede Menge Stress bedeuten (Erklärungen nämlich, das Aushalten von gut gemeinten Tipps usw.), genauso wie wenn ich eben diese neurologische Beschaffenheit unterdrücke.

      Ganz klar: Ich möchte die Kontrolle darüber behalten, wie ich mich in jeder Situation verhalte. Das halte ich übrigens auch für psychisch gesund, solange ich mich dabei nicht verbiege. Aber in der schon erwähnten Teambesprechung bestimmte Stimmings nicht zu machen (ich sage auch bewusst jetzt nicht: zu unterdrücken, weil das gleich wieder so etzwas Krankhaftes hat), kann einfach auch ein sinnvoller Selbstschutz sein. Zu Ehrlichkeit ("wie "ehrlich" es ist, nichts zu sagen", schreibst du oben) sehe ich den Bezug nicht.

      Sonnenseele wrote:

      Wäre es dann nicht besser, überhaupt keine "Rolle zu spielen"?
      Dass das meiner Meinung nach nicht geht, habe ich grade versucht zu erklären.

      Sonnenseele wrote:

      Nicht jeder Nichtautist macht "Klatsch- und Tratschgespräche".
      Dass du dich da nicht täuschst! Wenn Oma Müller und Oma Meyer vom 3. Stock über die junge Tänzerin in der Dachwohnung reden, z. B., wie oft sie Männerbesuch kriegt, dass sie nie die Treppe putzt usw., dann ist das landläufig Klatsch und Tratsch. Bloß: Worüber sollen die beiden denn sonst reden? Und wenn zwei Mediziner auf einer Party über ihre OP-Erfolge reden, dann ist das Interesse am wissenschaftlichen Gegenstand? Da muss ich lachen, denn ich glaube, die reden wie die beiden Omas aus einem sehr menschlichen Redebedürfnis. Autist*innen haben das, in abgemilderter Form, wohl auch... siehe dieses Forum. Ich meine: Wir alle tratschen schonmal, Aspies vielleicht ein bisschen weniger, weil sie insgesamt weniger reden. Aber was ist denn ein stundenlanger Fachvortrag über, Beispiel jetzt, Platons Höhlengleichnis, den die meisten aus der Zuhörerschaft gar nicht hören wollen bzw. nicht verstehen - bloß Aspie merkt es nicht?
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • Abendstern wrote:

      Sei dir bewusst, dass du, wenn du nichts sagst und dich unauffällig verhältst, automatisch in eine Rolle schlüpfst, nämlich die des "NT"s.
      Das ist der Grund, weshalb ich das inzwischen nicht mehr so machen möchte. Outen ist für mich die erste Voraussetzung für Authentizität, aber nicht die einzige. Auch nach dem Outen muss ich noch aufpassen, dass ich mich nicht unverändert weiter fürs Kompensieren verausgabe, einfach aus Gewohnheit oder weil ich nicht negativ auffallen will. Ich muss mir das immer wieder bewusst machen. Aber ich bringe das für mich auch nicht mehr unter einen Hut, authentisch (auch: befreit) sein zu wollen und dann die Diagnose zu verschweigen.

      FrankMatz wrote:

      Der NT sagt nichts zu seinem NT-Sein - und das ist okay. Der Autist sagt auch nichts zu seinem Autistisch-Sein - und soll dann nicht okay sein, weil es "genau das (ist), was ein NT machen würde"?
      Nicht nicht okay, aber es weckt falsche Erwartungen (dass man NT wäre), und dann eckt man schneller an, wenn man sich nicht entsprechend verhält. Mit dem Outen ändert man die Erwartungen, und dann auch die Reaktionen auf das eigene Verhalten.
      Alles wird galaktisch gut.
    • FrankMatz wrote:

      Ich bekomme deine Logik nicht ganz auf die Reihe. Der NT sagt nichts zu seinem NT-Sein - und das ist okay. Der Autist sagt auch nichts zu seinem Autistisch-Sein - und soll dann nicht okay sein, weil es "genau das (ist), was ein NT machen würde"?
      Ich möchte hier ausdrücklich nicht werten, also nicht irgendetwas "nicht okay" nennen o.ä., sondern bloß Dinge feststellen.

      Was ich sagen will, ist: Wenn ich nix zu meinem Autismus sage und auch ansonsten vordergründig unauffällig auftrete, dann tue ich genau das, was ich tun müsste, wenn ich explizit vorhätte, einen NT zu spielen.
      Daher verstehe ich nicht, wieso man nun nur das eine "Schauspiel" nennen sollte und das andere nicht. Effektiv ist es doch exakt das gleiche?
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal
    • Abendstern wrote:

      Was ich sagen will, ist: Wenn ich nix zu meinem Autismus sage und auch ansonsten vordergründig unauffällig auftrete, dann tue ich genau das, was ich tun müsste, wenn ich explizit vorhätte, einen NT zu spielen.

      Verstehe ich nicht. Dass ich über meinen Autismus nicht spreche und auch mein Persönlichstes nicht „nach außen kehre“, bedeutet doch nicht, dass ich einen NT spiele. Was auch immer das sein soll, denn die sind ja auch alle sehr verschieden.

      Wenn ich beispielhaft über meine Leidenhaft für einen bestimmten Fußballverein nicht rede, weil das einfach kein Thema in der gegebenen sozialen Situation ist- da kann man doch auch nicht daraus schließen, dass ich mich nicht für Fußball interessiere? Ich würde nur dann „unauthentisch“ und schauspielern, wenn ich auf einmal vorgeben würde, ein Fußballhasser zu sein, oder wenn ich gar einen anderen Verein hochloben lassen würde, weil ich glaube, das kommt besser an.

      Ähnliches mit der politischen Einstellung, Religion, sexuelle Orientierung...
    • Willowtree wrote:

      Dass ich über meinen Autismus nicht spreche und auch mein Persönlichstes nicht „nach außen kehre“, bedeutet doch nicht, dass ich einen NT spiele.
      Aber da steht doch "UND auch ansonsten vordergründig unauffällig auftrete". Wie soll das denn gehen, ohne NT zu spielen?
      Man ist ohne Kompensationsstrategieen als Autist normalerweise nicht unauffällig.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      Willowtree wrote:

      Dass ich über meinen Autismus nicht spreche und auch mein Persönlichstes nicht „nach außen kehre“, bedeutet doch nicht, dass ich einen NT spiele.
      Aber da steht doch "UND auch ansonsten vordergründig unauffällig auftrete". Wie soll das denn gehen, ohne NT zu spielen?Man ist ohne Kompensationsstrategieen als Autist normalerweise nicht unauffällig.


      So, wie ich es doch in meinem Beitrag geschildert habe. Ich muss doch nicht von meinen Spezialinteressen, meinen Routinen oder davon, wie ich meine privaten Beziehungen gestalte (bzw. dass ich sehr oft alleine bin), in jeder sozialen Situation reden. Ich streite es aber auch nicht ab, wenn jemand danach fragt. Würde ich einen NT spielen wollen, müsste ich mir dann Erklärungen zurechtlegen, die eben nach "Normalität" klingen. Deswegen sehe ich in Antwort auf Abendstern eben schon einen Unterschied zwischen „nicht über den Autismus reden und vordergründig unauffällig sein“ und „einen NT spielen“.


      Vordergründig unauffällig ist im Übrigen so ziemlich jeder mit Asperger-Diagnose.
    • Willowtree wrote:

      Verstehe ich nicht. Dass ich über meinen Autismus nicht spreche und auch mein Persönlichstes nicht „nach außen kehre“, bedeutet doch nicht, dass ich einen NT spiele.
      Was würdest du denn anders machen, wenn du einen Nichtautisten spielen wolltest?

      Willowtree wrote:

      Wenn ich beispielhaft über meine Leidenhaft für einen bestimmten Fußballverein nicht rede, weil das einfach kein Thema in der gegebenen sozialen Situation ist- da kann man doch auch nicht daraus schließen, dass ich mich nicht für Fußball interessiere?
      Ich denke, hier liegt der Knackpunkt - ein Interesse für Fußball, das lässt sich in vielen Situationen einfach "ausklammern" und ist dann nicht weiter von Belang.

      Aber die Tatsache, dass man völlig anders auf soziale Gruppendynamiken und -mechanismen anspringt, die lässt sich nicht ausklammern. Das macht sich in sozialen Situationen zu schnell bemerkbar. Man kann es "zugeben" oder überspielen. Aber nicht ausklammern.

      (Und wo du die sexuelle Orientierung anführst: Die lässt sich m. E. auch oft nicht "ausklammern": Wenn bspw. in der Jungsumkleide über irgendwelche angeblich "heißen" Mitschülerinnen oder Lehrerinnen geredet wird und einer schweigend dasitzt und auf Fragen immer ausweichend antwortet - dann gilt der ab sofort als "schwul". (Was nicht unbedingt ganz korrekt sein muss, es könnte z. B. auch sein, dass er einfach nur weniger Wert auf Äußerlichkeiten legt - aber die Tatsache, dass seine sexuelle Orientierung von der "aussehensfixiert-heterosexuellen" Orientierung der anderen abweicht, die kann er so nicht erfolgreich verschweigen.)
      Ähnlich der Fußballer, von dem niemals eine Lebensgefährtin auf der "Spielerfrauen"-Tribüne zu sehen ist, oder der Geschäftsmann, der seit Jahrzehnten nicht mit einer Frau auf der Weihnachtsfeier zu sehen war, obwohl das in der Firma so Usus ist...)

      Willowtree wrote:

      Vordergründig unauffällig ist im Übrigen so ziemlich jeder mit Asperger-Diagnose.
      Oh nein.
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal

      The post was edited 4 times, last by Abendstern ().

    • Abendstern wrote:

      Was würdest du denn anders machen, wenn du einen Nichtautisten spielen wolltest?
      Dann müsste ich versuchen, Lebensentwürfe von Leuten zu kopieren, die ich für ganz typische NTs halte. Da es, wie geschildert, ja auch dort große Unterschiede gibt, wäre das auch nicht leicht und schon daher in der Umsetzung fehlerbehaftet.


      Abendstern wrote:

      Ich denke, hier liegt der Knackpunkt - ein Interesse für Fußball, das lässt sich in vielen Situationen einfach "ausklammern" und ist dann nicht weiter von Belang.
      Tausche das Fußballinteresse durch autistische Spezialinteressen oder einfach die Gestaltung des Freizeitprogramms.

      Abendstern wrote:

      Aber die Tatsache, dass man völlig anders auf soziale Gruppendynamiken und -mechanismen anspringt, die lässt sich nicht ausklammern. Das macht sich in sozialen Situationen zu schnell bemerkbar.
      Mit welcher Folge? Die wenigsten sind Autismus-Experten oder Hobby-Kommunikationswissenschaftler.

      Und zur Vordergründigkeit:
      Ich glaube, „vordergründig“ müsste man dann auslegen. Für mich heißt vordergründig unauffällig, dass an der Person für den Laien erstmal keine Annahme besteht, die Person erfülle die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose. Menschliche Verschiedenheit ist für mich per se nicht auffällig. Aber das ist vielleicht auch eine Stadt-Land-Frage?
    • Willowtree wrote:

      Abendstern wrote:

      Aber die Tatsache, dass man völlig anders auf soziale Gruppendynamiken und -mechanismen anspringt, die lässt sich nicht ausklammern. Das macht sich in sozialen Situationen zu schnell bemerkbar.
      Mit welcher Folge? Die wenigsten sind Autismus-Experten oder Hobby-Kommunikationswissenschaftler.
      Außerdem hat auch nicht jede Gruppe die gleichen sozialen Dynamiken. Es gibt durchaus auch Gruppen, in denen man mit den typischen, autistischen Schwierigkeiten kein bischen auffällt und sogar integriert ist (leider die absolute Minderzahl, aber es gibt sie!).
    • Willowtree wrote:

      Vordergründig unauffällig ist im Übrigen so ziemlich jeder mit Asperger-Diagnose.
      Das ist einfach falsch.

      Willowtree wrote:

      Für mich heißt vordergründig unauffällig, dass an der Person für den Laien erstmal keine Annahme besteht, die Person erfülle die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose.
      Selbst dann.
      Grade in meiner Grund-Schulzeit, heute seltener, aber da habe ich auch ein anderes soziales Umfeld, wurde mir oft gesagt, dass ich verrückt wirke, weggesperrt werden sollte oder mein Gegenüber denkt, dass ich geistig behindert sei.
      Heute passiert es mir auch noch häufiger z.B. beim Einkaufen oder wenn ich irgendwo unterwegs bin, dass ich angesprochen werde, ob es mir gut geht und ich Hilfe brauche. z.B. war ich neulich Einkaufen und meine Begleitung wurde gefragt, ob ich sprechen kann.
      Ich wirke also scheinbar nicht immer so unauffällig. Grade wenn meine Tic-Störung dann noch dazu kommt, aber selbst als diese weniger Probleme gemacht hat, hatte ich solche seltsamen Situationen.

      Wenn ich in einem Umfeld bin, in dem viele ungewöhnliche Menschen sind oder generell die Toleranz sehr groß ist und ich nicht an meinem "Verhalten" gemessen werden, sondern an dem was ich kommuniziere und wie meine Fähigkeiten sind, sieht das natürlich ganz anders aus. Es hängt halt auch stark von der Umgebung ab, in der man sich bewegt.

      (Ich bin Asperger, in einer glücklichen Beziehung und auf dem 1. Arbeitsmarkt und dennoch, ich falle Menschen auf. Manchmal und manchmal auch öfter, würde ich das gerne verstecken. Inkognito durch die Welt gehen und ich genieße jeden Moment in dem es niemand um mich herum interessiert, dass ich anders wirke.)
    • Shenya wrote:

      Man ist ohne Kompensationsstrategieen als Autist normalerweise nicht unauffällig.

      Abendstern wrote:

      Willowtree wrote:

      Vordergründig unauffällig ist im Übrigen so ziemlich jeder mit Asperger-Diagnose.
      Oh nein.
      Worin besteht die Auffälligkeit denn? So dramatisch, wie das bei euch beiden klingt, müssten das ja Verhaltensweisen sein, die den meisten Menschen sofort als seltsam auffallen. Hochfunktionale Autisten laufen aber nicht auf Händen, legen sich an der Straßenbahnhaltstelle nicht auf die Schienen, und sie bespucken in Warteschlangen auch nicht andere Leute.

      In meinen zweieinhalb Jahren Therapie habe ich eine ganze Reihe Gruppensitzungen mitgemacht, oft mit wechselnden Besetzungen. Da kamen schon etliche Autist*innen zusammen, und die, die ich da traf, wären in keiner S-Bahn, in keinem Supermarkt, in keiner Kinowarteschlange irgendwie aufgefallen. Wenn mir etwas auffiel, dann an meinem eigenen Verhalten. Wenn alle anderen autistisch sind, brauche ich mein Blickverhalten nicht zu kontrollieren, kann im Sitzen meinen Drang nach Körperbewegungen einfach geschehen lassen, traue mich viel eher, lapidar zu sagen "nee, dazu sage ich jetzt nichts" und spare mir jede Begründung. Weil aber die anderen sich ja nicht genauso wie ich verhielten, sondern wenn, dann andere "Auffälligkeiten" zeigten, wäre jemandem, der zufällig zur Tür hereingekommen wäre, niemals aufgefallen, dass da lauter seltsame Typen rumsitzen.

      Abendstern wrote:

      Und wo du die sexuelle Orientierung anführst: Die lässt sich m. E. auch oft nicht "ausklammern": Wenn bspw. in der Jungsumkleide über irgendwelche angeblich "heißen" Mitschülerinnen oder Lehrerinnen geredet wird und einer schweigend dasitzt und auf Fragen immer ausweichend antwortet - dann gilt der ab sofort als "schwul".
      Ja, das ist auch meine Erfahrung, aber da ändert sich ja nun zurzeit ganz viel, und Fußball ist mit seiner Dumpfbackigkeit wohl der letzte Sport, wo Homosexualität - noch - verschwiegen wird. Schwuler Fechter? Lesbische Turnerin? Das ist heute im Verein und im Publikum kein Problem mehr. - Verbindung zum Thema "Auffallen": Unsere Sexualität ist leichter lesbar für andere als autistische Auffälligkeiten, sie ist ja auch interessant für andere Menschen auf Partnersuche, wird also bewusst gelesen, auch wenn die Zuordnung nicht immer stimmt, weil es ja nun femininer wirkende Männer gibt, die noch lange nicht schwul sind.
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • Ich ecke wohl öfter an, merke es aber meist selbst nicht. Manchmal kriege ich eine Rückmeldung, aber gerade von Arbeitskollegen bekam ich keine, sondern mir wurden Monate später durch Dritte Situationen aufgezählt, wo irgendwer sich von mir ignoriert, unfreundlich behandelt, abgebügelt o.ä. gefühlt hatte. Dabei war das gar nicht beabsichtigt gewesen. Manche Situationen aus der Kindheit und Jugend habe ich erst jetzt verstanden mit Hilfe meiner Therapeutin, nachdem wir sie vor dem Hintergrund des ASS analysiert haben. Ich habe mich nur extrem oft missverstanden und fehlinterpretiert gefühlt und mich bei allem in einem Erklärungs- und Rechtfertigungszwang gesehen.
    • Willowtree wrote:

      Vordergründig unauffällig ist im Übrigen so ziemlich jeder mit Asperger-Diagnose.
      Aber nur durch Kompensation, das ist doch grade der Punkt. Wenn ich mich nicht anstrenge, in jedem Gespräch normal zu wirken, dann tue ich es auch nicht.


      FrankMatz wrote:

      Worin besteht die Auffälligkeit denn? So dramatisch, wie das bei euch beiden klingt, müssten das ja Verhaltensweisen sein, die den meisten Menschen sofort als seltsam auffallen.
      Blickkontakt, Satzmelodie, Körpersprache, dass man überhaupt was sagt, in der richtigen Geschwindigkeit (Reaktionszeit) und inhaltlich auch das Richtige (z.B. immer schnell registrieren, ob gerade ein Witz gemacht wurde oder etwas ernst zu verstehen ist), nicht zu oft mit den Gedanken woanders hindriften, das geschieht alles durch Kompensation. Ohne Kompensation würde das doch ganz anders aussehen, und dann wären die meisten auch Asperger-Autisten nicht mehr so unauffällig.

      Ich selbst kann sehr gut kompensieren, sodass Laien wahrscheinlich gar nichts merken, aber das hat eben seinen Preis. Einfach abstellen geht aber auch nicht, da es sich in den Jahren eingebrannt hat. Dass ich nochmal völlig entspannt in Gesellschaft sein werde, glaube ich nicht. Das gilt auch für die Gesellschaft von Aspies, denn da gibt es auch immer noch einen Druck, nur anders. Auch nicht jeder Aspie wird mich einfach mögen oder so annehmen, wie ich bin, das wäre doch ein wenig zu viel Illusion.
      Alles wird galaktisch gut.

      The post was edited 1 time, last by Shenya ().

    • FrankMatz wrote:

      Worin besteht die Auffälligkeit denn?
      Ich finde, eiine Bewertung aus dem ADOS trifft es sehr gut:
      Die Interaktion war zeitweise angenehm, aber nicht durchgehend.

      Okay, das hat jetzt eine dafür ausgebildete Expertin aus den vorgegebenen Möglichkeiten so angekreutzt. Aber immerhin nach nur ca. 45 Minuten Beobachtung in Situationen, die mehr oder weniger alltäglich waren.
      Ein Laie hätte es vielleicht nicht exakt so formuliert, aber es wäre ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit auch aufgefallen, und zwar auch schon nach einem realativ kurzen Kontakt in einer Alltagssituation, die soziale Kommunikation und Interaktion erfordert.

      Unmittelbar nach der Diagnose, als ich diese Wertung zum ersten Mal gelesen habe, fand ich sie durchaus zutreffend und nachvollziehbar und war ganz zufrieden damit, dass die Interaktion zumindest zeitweise als angenehm eingestuft worden war. Inzwischen finde ich das wenig schmeichelhaft und frage mich, ob das schicksalhaft immer so bleiben muss, oder inwieweit es für mich erlernbar ist, die soziale Kommunikation und Interaktion von meiner Seite zu verbessern.

      Shenya wrote:

      da steht doch "UND auch ansonsten vordergründig unauffällig auftrete". Wie soll das denn gehen, ohne NT zu spielen?
      Man ist ohne Kompensationsstrategieen als Autist normalerweise nicht unauffällig.
      Ich sehe es allerdings weder als Schauspielerei noch als Kompensationsstrategie an, wenn ich mich bemühe, Kommunikation so zu gestalten, dass sie sowohl für mich selbst als auch für alle anderen Beteiligten durchgehend angenehm ist.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)

      The post was edited 2 times, last by Tuvok ().

    • Es ist aber auch nicht so, dass Nicht-Autisten sich nicht anpassen würden. Die stellen sich auch auf die Situation ein wenn nötig, setzen auch eine Maske auf, "reißen sich zusammen".

      Es stellt sich ja niemand vor mit "mir geht's zum Kotzen und ich würde gerade lieber meine Ruhe haben, ich lächle nur aus Höflichkeit und wenn ich gleich sage, dass ich noch dringend was erledigen gehen muss ist das gelogen, ich wollte das nur sicherheitshalber erwähnen, nicht dass ihr mich falsch einschätzt".

      Ich sage nicht, dass es beiden Gruppen gleich leichtfiele. Für gewöhnlich erwähnen Nicht-Autisten aber eben auch nicht ihre Schwierigkeiten oder Diagnosen, die ihr Verhalten besser erklären könnten ("Hallo ich bin L., ich habe gerade Weltschmerz und Liebeskummer und setze meine Medikamente ab, weil ich durch sie stark zugenommen habe, ich bin sonst eigentlich nicht übergewichtig"). Ich sage nicht, dass das nicht hilfreich sein könnte. Nur, dass man auch damit anecken könnte.
    • FrankMatz wrote:

      Worin besteht die Auffälligkeit denn? So dramatisch, wie das bei euch beiden klingt, müssten das ja Verhaltensweisen sein, die den meisten Menschen sofort als seltsam auffallen. Hochfunktionale Autisten laufen aber nicht auf Händen, legen sich an der Straßenbahnhaltstelle nicht auf die Schienen, und sie bespucken in Warteschlangen auch nicht andere Leute.
      Das sind sehr unpassende Beispiele, die du aufgeführt hast. Autistische Auffälligkeiten beziehen sich auf die soziale Interaktion und Kommunikation, auf repetitive Verhaltensweisen und darauf, wie auf bestimmte Reize reagiert wird. Aus Sicht des Laien kann das Verhalten eines hochfunktionalen Autisten stark variieren, von sehr auffällig bis scheinbar unauffällig. Erfahrene Diagnostiker können aber auch bei den scheinbar unauffälligen Autisten signifikante Auffälligkeiten erkennen.