Authentizität oder Maske?

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    • Authentizität oder Maske?

      Hallo an alle!

      Meine Frage richtet sich vor allem an die etwas älteren unter uns mit mehr Lebenserfahrung. Ich würde gerne wissen was sich auf Dauer mehr bewährt hat. Nicht um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden oder sowas, nein, um sich am wohlsten zu fühlen. Wie viel „echt“ ist noch gut für einen Selbst?
      Ich selbst bin im Privatleben so wie ich wirklich bin, ich verstelle mich weder vor Eltern und Geschwister, noch vor meinem Sohn. Vor meinem Ehemann trau ich mir manchmal nicht ganz so sehr kindisch zu sein, aber auch da bin ich schon meistens ich selbst.
      In der Öffentlichkeit schwanke ich noch zwischen Maske und authentisch sein. Vor allem auf der Arbeit. Einerseits wäre es eventuell nicht sehr vorteilhaft mit Kindern und Ämtern/Institutionen zu arbeiten und da irgendwie in Black Metal Klamotten auzutauchen oder manche Meinung rauszuhauen, jedoch bin ich im Gruppendienst Bewohnern gegenüber offen und meist schon „echt“(Privatleben sollte man mit Kunden sowieso nicht diskutieren, also bleibt mir da die Maske erspart), sobald Erwachsene mit ins Spiel kommen schaffe ich es noch nicht so. Oft denke ich da wieder alles für mich aber es kommt nichts raus. Wie sind da eure Erfahrungen? Traut ihr euch eure Meinung offen zu sagen und ist dies wenn ja besser für euch? Oder passt ihr euch einfach an und seht das als leichter?

      Vielen Dank

      ADD83
      Selbstdiagose...
    • Ich habe es abgelegt, mich im Privatleben zu verstellen. Einige haben sich dann halt "aussortiert".

      Auf der Arbeit spiele ich eine Rolle. Da maskiere ich mich also sehr stark. Da ich aber nicht unauffällig sein kann, werde ich etwas exzentrisch wahrgenommen. Ich werde mich auf der Arbeit niemals so zeigen, wie ich wirklich bin, da ich in meinem Beruf dann nicht mehr ernst genug genommen werden würde.

      Privat und beruflich sage ich überwiegend meine Meinung, wenn es keine negativen Folgen hat. Nicht aus Angst, sondern aus dem Grundsatz heraus, immer Positives für alle zu bewirken. Manchmal sage ich meine sich negativ auswirkende Meinung, wenn es um etwas geht, das weitreichende Folgen hat.

      Ich passe mich beruflich also oft an. Weil das Gegenteil keinen positiven Effekt hat.





      Optische Auffälligkeit ist in einigen Berufen kein Problem, in einigen ein echtes Problem. Das muss man also individuell abwägen.
      mitten im Burnout - aber alles wird gut :nerved:
    • Ich komme mit einer authentischen Linie sehr gut in den meisten Lebensbereichen durch. Dazu muss ich sagen, dass durch eine Anpassung in bestimmten Lebenssituationen, also z.B im Job, es eigentlich nicht erforderlich ist, eine Maske aufzusetzen. Es erscheint hingegen zielführend, sich in seine Rolle hineinzuversetzen und diesen Persönlichkeitsteil dann authentisch zu leben. Ich bin ja nicht nur ausschließlich Privatmann sondern habe auch andere Seelen in der Brust. Sich auf diverse Situationen in richtiger Weise einzustellen ist daher auch ohne Verlust seiner wahren Persönlichkeit möglich, so sehe ich das.
    • Tom70 wrote:

      Ich komme mit einer authentischen Linie sehr gut in den meisten Lebensbereichen durch. Dazu muss ich sagen, dass durch eine Anpassung in bestimmten Lebenssituationen, also z.B im Job, es eigentlich nicht erforderlich ist, eine Maske aufzusetzen. Es erscheint hingegen zielführend, sich in seine Rolle hineinzuversetzen und diesen Persönlichkeitsteil dann authentisch zu leben. Ich bin ja nicht nur ausschließlich Privatmann sondern habe auch andere Seelen in der Brust. Sich auf diverse Situationen in richtiger Weise einzustellen ist daher auch ohne Verlust seiner wahren Persönlichkeit möglich, so sehe ich das.
      Kannst du das an einem Beispiel erklären wie du das genau meinst?
      Selbstdiagose...
    • Ich habe z.B. Freunde, die sehr unterschiedlich sind. In Freundesrunde Nr. 1 fühl ich mich in legerer Kleidung wohl, rede wie mir der Schnabel gewachsen ist und hemmungslos. In Freundesrunde 2 verzichte ich auf zerrissene Jeans, dafür kann ich ausgiebeig philosophieren und über andere Themen als in Runde 1 sprechen. Da wird ein anderer Teil meiner Persönlichkeit aktiviert, ohne dass ich mich verstellen muss. Vielleicht liegt es nicht jedem, hier eine gewisse Anpassung vorzunehmen. Über mangelnde Authentizität hat sich in meinem unterschiedlichen Freundeskreis jedenfalls noch niemand beklagt.
    • Ich finde es auch teilweise schwierig die Maske fallen zu lassen (RW) obwohl ich das eigentlich will. Es ist ja nicht immer nur das Verhalten oder nur Worte/Wortwahl an sich. Wenn ich zum Beispiel mit Menschen und deren Verhaltensweisen nicht klarkomme, dann tue ich mir schwer dies nach außen zu artikulieren. Also nicht nur mit Worten. Es ist als ob sich der "Autopilot" nicht abschalten lässt. Ich kann mein Verhalten dann nicht an meine Gefühls- und Wahrnehmungslage anpassen. Weiß nicht ob das am jahrzehntelange Masking oder etwas anderem liegt, das Ergebnis ist dann meistens ein emotionaler Zusammenbruch im Zusammenhang mit dem Stress.
      Wie sollte ich das auch teilweise mündlich kommunizieren? Soll ich halbfremden Menschen, (für mich sind eigentlich alle Menschen halbfremde) direkt sagen "ich komme mit deinem Verhalten/mit der Situation so nicht klar" und bin deshalb jetzt mal richtig autistisch? Die Reaktionen wären wohl wenig positiv. Ich denke daher, dass die Maske (RW) auch ein Stück Authenzität ist, denn sie gehört ja auch zu meinen Verhalten. Auch wenn es ja meistens doch irgendwie antrainiert ist.
    • @ADD83 Du hast gerade die für mich richtige Frage zur richtigen Zeit gestellt. Das hab ich schon seit Tagen im Kopf, also nicht nur mit dem Masking, sondern auch wie ich welche Situationen/zwischenmenschliche Verhaltensmuster einordne und mich dementsprechend verhalte. Mit was ich zurecht kommen kann und welche Dinge ich vermeiden muss. Quasi Maskingleitfäden. Irgendwie. Da gehen mir viele Dinge durch den Kopf, aber ich bin gerade froh irgendwas schreiben zu können. Was eigentlich auch ein Stück Masking ist, denn auch wenn ich mich gerade in einen dunklen, leeren und stillen Raum (ohne Reize besonders soziale) einschließen will, es ist ja lebensfern.
    • @platzhalter

      Was davon ist für dich Masking, wenn du feoh bist zu schreiben, aber eigentlich alleine/in Ruhe sein willst? Klingt für mich eher nach Überwindung, weil du gerne zwei Dinge gleichzeitig hättest. Deine Ruhe, um abzuschalten und Antworten auf Fragen, um dich weiter zu entwickeln. Klingt jedenfalls gerade für mich sehr nach einer Entwicklung, die ihrerseits natürlich auch anstrengend ist und somit „Opfer“ verlangt, aber dann einen Schritt weiter bringt :)
      Selbstdiagose...
    • Gutes Thema!
      Ich arbeite in einem fast reinen Frauenberuf und alle die mit Frauen arbeiten wissen, dass Frauen einzeln meist nett sind, im Rudel aber sind sie das ABSOLUTE GRAUEN!!!!!! :shake:
      Ich wurde früh damit konfrontiert, dass ich eigentlich nichts richtig machen kann, sie hatten immer was auszusetzen, teilweise hat das auch an Mobbing gegrenzt.
      Ich musste daher eine Strategie finden damit klar zu kommen.
      Ich sage eigentlich immer meine Meinung. Ich habe einen bösen Humor. Ich verteidige nicht anwesende Kolleginnen vor Lästerattacken. Ich versuche viel in Bewegung zu bleiben und spring heimlich rum wenn mich keiner sieht.
      Ich versuche Teamsitzungen zu vermeiden, da ich das tatsächlich nicht kann.
      Also ich denke ich bin schon so gut es geht, authentisch.
      Ich habe allerdings große Probleme beim zusammenreißen am Dienstende.
      Wenn andere Leute noch bleiben und sich unterhalten, spring ich sofort auf und verabschiede mich, häufig in dem ich die anderen unterbreche :roll: ( Das geht aber noch, da es niemanden schadet)
      In stressigen Situationen, wenn viel los ist und ich weiß ich muss jetzt funktionieren ist es eigentlich am schwersten. Va wenn das noch mit dem Dienstende zusammenfällt und ich sowieso schon müde bin. Da hab ich oft das Gefühl, dass ich nur noch Tunnelblick und weißes Rauschen wahrnehme, da spule ich nur noch auswendig Gelerntes ab und versuche zu überleben :m(: .
      Deswegen ist mir sowas wie Kleidung gar nicht so wichtig, das würde ich jetzt nicht als Teil meiner Persönlichkeit betrachten. Im Krankenhaus gibt es sowieso Berufskleidung und privat muss ich nicht immer meine pinken Kleidchen tragen um mich authentisch zu fühlen. :)

      The post was edited 1 time, last by Melanie84 ().

    • Für mich stellt sich da zu allererst die Frage, wo fängt Maskierung an? Das ich eben nicht im Freizeitlook auf Arbeit gehe, sondern dort "Dienstkleidung" trage, ist für mich keine Maskierung, sondern einfach nur Etikette / "gute" Manieren.

      I. d. R. sag ich immer meine Meinung, auch wenn ich dafür gerne mal ordentlich Gegenwind erhalte, was auch nicht immer angenehm ist. Ich würde mich in diesen Situationen aber noch unwohler fühlen, wenn ich meine Meinung nicht offen geäußert hätte, weil sich das für mich wie Selbstbetrug angefühlt hätte. Offen zu meiner Meinung zu stehen tut mir definitiv gut und es fördert wohl auch mein Selbstwertgefühl. In meiner älteren Kindheit und Jugend habe ich mich da viel mehr zurückgehalten und in der Nachbetrachtung glaube ich, dass das einer der Gründe für mein damals mangelndes Selbstwertgefühl war, das ist nämlich Stück für Stück zurückgekommen als ich später in Studium und Beruf nach außen hin zunehmend mehr zu mir und meiner Meinung stand (dort kam allerdings auch begünstigend hinzu, dass ich dazu regelrecht aufgefordert wurde/war).
      Allerdings gibt es auch Situationen, bei denen ich auch selbst der Meinung bin, dass es besser wäre die Klappe zu halten, da halte ich mich dann auch bedeckt (bzw. versuch es, immer klappt das (noch) nicht). Und das fühlt sich dann meist trotzdem authentisch an, eben weil ich ja bewußt für mich die Entscheidung getroffen habe, dass es besser ist nichts zu sagen.
      Alles in allem würde ich sagen, ich betreib eine für mich gesunde Mischung aus beidem (vorausgesetzt ich bin nicht in einem mich überlastenden Umfeld)
    • Tom70 wrote:

      Dazu muss ich sagen, dass durch eine Anpassung in bestimmten Lebenssituationen, also z.B im Job, es eigentlich nicht erforderlich ist, eine Maske aufzusetzen.
      Ja, ich würde auch nicht jede Anpassung an eine Situation außerhalb meiner Wohnung jetzt gleich Maske bzw. maskieren nennen. Alle Menschen passen sich ihrem jeweiligen Umfeld an, mal mehr, mal weniger.

      ADD83 wrote:

      Traut ihr euch eure Meinung offen zu sagen und ist dies wenn ja besser für euch? Oder passt ihr euch einfach an und seht das als leichter?
      Die Frage ist, ob ich in einer konkreten Situation durch meine Anpassung leide. Ich leide zum Beispiel, wenn soziale Situationen (Treffen mit Freunden, Verwandten) nach zwei, zweieinhalb Stunden ausgereizt sind, ich nicht mehr reden mag, mich nicht mehr konzentrieren kann und merke, dass mein ganzer Körper sich unwohl fühlt (genauer kann ich es nicht sagen, es ist kein Kopfweh, sondern etwas, das ich mein "Ich-will-hier-weg-Gefühl" nenne). Früher habe ich oft versucht länger auszuhalten, aus sozialer Anpassung oder meiner Frau zuliebe, heute tue ich das nicht mehr.

      Wenn ich nicht leide, passe ich mich aber auch schon mal an. Legt jemand Musik auf, die ich nicht mag, ist das kein Grund, einen Aufstand zu machen. Auch beim Essen kann ich mich anpassen und mache nicht aus jedem Stück Fleisch vom Discounter, das ich eigentlich ablehne, eine Grundsatzdiskussion. Aber so etwas "maskieren" zu nennen, ist vielleicht auch zu hoch gegriffen.
      "Wir leben vermutlich zum ersten Mal. Wie soll da alles auf Anhieb klappen?"
      (Jürg Halter, Gemeinsame Sprache. Zürich, Dörlemann 2021)
    • ADD83 wrote:

      Traut ihr euch eure Meinung offen zu sagen und ist dies wenn ja besser für euch?
      An was für Situationen denkst du da z. B.?

      Meine Faustregel ist: Ich sage meine Meinung nur in solchen Situationen, wo ich - wenn ich auf der anderen Seite stünde - auch interessiert wäre, eine Meinung zu hören.
      Und, na ja, das ist ziemlich selten der Fall :oops: , also sage ich meistens nix. :roll:
      Das sehe ich allerdings weniger als "unauthentisches Maskieren", eher als eine Art Vertrag/Abkommen.
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal

      The post was edited 2 times, last by Abendstern: Letzten Satz ergänzt. ().

    • Als ich den Titel gelesen habe, musste ich erst an die Corona-masken denken und habe mich über den Titel gewundert aber dann im Text las ich das es um was anderes ging XD

      Ich habe schon öfter darüber geschrieben wie das bei mir ist, in anderen Threads.
      Scheinbar ist das Thema sich verstellen bei Autisten ein sehr zum nachdenken anregendes.

      Ich bin zwar noch nicht so alt, aber Gedanken habe ich mir darüber auch schon oft gemacht, vorallem weil ich bei anderen sah was sie taten und mich darüber gewundert habe wie man nur so sein kann.
      Dieses sich selbst belügen um anderen zu gefallen oder in einer Gruppe besser reinzupassen entspricht nicht meiner Natur.
      Bei meiner Lieblingsband kommen oft auch Textpassagen wo sowas angesprochen wird und es in Frage gestellt wird ob so ein sich selbst belügen richtig ist.
      Ich habe darum sowas so gut wie nie gemacht oder versucht.
      Einmal habe ich versucht mich meinem Vater und seiner Frau zu fügen weil ich keine Lust auf Schläge und Vorwürfe hatte aber das entsprach auch nicht meiner Natur.
      Ich weiß sehr gut wie es sich anfühlt jemand zu miemen der man nicht ist.
      Es fühlt sich so an als wäre man eine nach außen anders wirkende optische Hülle und innendrinn ist man hohl und leer, man weiß garnicht mehr wer man ist.
      Ich habe das nicht lange durchgehalten, es hat mich so traurig und klein und leise gemacht, ich habe kaum noch gesprochen und ich hatte irgendwann dann sogar Selbstmordfantasien.
      Ich vermute es ist was anderes wenn man von sich aus jemand darstellen will der man in echt nicht ist, weil man ein Ziel verfolgt, vielleicht geht es dann eher, als wenn man jemanden darstellen soll der man garnicht sein will. Ich denke aber das auch hier das auf die Dauer nicht gut ist.
    • Aldana wrote:

      Für mich stellt sich da zu allererst die Frage, wo fängt Maskierung an? Das ich eben nicht im Freizeitlook auf Arbeit gehe, sondern dort "Dienstkleidung" trage, ist für mich keine Maskierung, sondern einfach nur Etikette / "gute" Manieren.
      Maskierung ist für mich keine höfliche Zurückhaltung, sondern wenn ich mich so verstelle, dass ich mich nicht mehr wohl fühle.
      Ich könnte mit Freizeitlook auf die Arbeit gehen, ich weiß aber dass es unerwünschte wäre, nicht wegen der Arbeit sondern wegen dem was es ausdrückt. Ich fühle mich grundsätzlich in den „Arbeitsklamotten“ unwohl und ziehe sie sofort aus, wenn ich zu Hause abgekommen bin. Wobei meine Arbeitskleidung eben dem entspricht was andere als normale Alltagskleidung betrachten würden :roll:
      Selbstdiagose...
    • Das Thema hat mich früher mehr beschäftigt als heute, ich mache mir da heute noch immer manchmal Sorgen weil ich glaube immer irgendwie anders zu wirken selbst wenn ich versuche mich anzupassen aber ich glaube es hat sich heute etwas zwischen den Extremen eingependelt. Bis ich 14-16 war habe ich mich eigentlich nur angepasst, vor allem um die Kategorisierung als krank zu vermeiden und hatte niemanden dem ich so weit vertraut habe dass ich mit ihm über Dinge reden konnte die mich interessieren oder belasten und obwohl ich mich in der Zeit praktisch hundertprozentig unter Kontrolle hatte und sehr viel zumindest passive Disziplin hatte fiel ich doch immer mal wieder unangenehm auf durch Dinge die ich schlicht nicht bewusst beeinflussen konnte. Das waren vor allem meine allgemeine Körpersprache und etwas merkwürdig anmutende Ersatzbewegungen für Dinge die mir motorisch schwer fielen. Ich weiß zum Beispiel noch dass ich es vermieden habe meine Arme beim Laufen zu bewegen weil ich allgemein gelernt habe dass jede unnötige Bewegung als seltsam angesehen wird, was dann aber auch wieder falsch war und ich drauf angesprochen wurde, woraufhin ich mir das erst einmal wieder angewöhnen musste aber diesmal recht genau darauf geachtet habe wie intensiv andere das tun.

      Meine beginnende "Rebellion" war dann mit 14 dass ich angefangen habe von mir aus Bücher zu lesen ohne dass diese mir von Eltern oder Schule "erlaubt" wurden und ich damit im Grunde dass erste Mal auf die Idee kam dass Sittlichkeit etwas ist das man auf Sinnhaftigkeit überprüfen darf und sollte, kein in jedem Detail selbstzweckhaftes Absolut sein sollte. Ich habs erst einmal beim Lesen belassen und die Ideen noch immer mit niemandem diskutieren können weil ich einfach nicht wusste wie man persönliches Interesse in ein Gespräch einbringt (ich glaube die Feinheiten habe ich heute noch nicht raus, ich neige, wenn auch nicht so stark wie im Forum, zum Monologisieren, habs aber zumindest einigermaßen raus wann es im echten Leben angemessen ist und gelegentlich entstehen so wenn ich auf jemanden treffe den das Thema auch interessiert sehr intensive und interessante Gespräche). Der Höhepunkt des Äußerns war dass ich mit 15 im Englischunterricht bei ziemlich freier Themenwahl ein Referat über Nietzsche gehalten hab für das ich ne 1- (weil ich die Länge falsch eingeschätzt habe) bekommen habe und im Anschluss ein wenig mit meiner Lehrerin diskutieren konnte, was das erste Mal war dass ich in der Richtung ermutigt wurde.

      Mag für Erwachsene etwas albern wirken aber einer meiner maßgeblichen Gedanken aus dem ich in der Zeit immer wieder Suizid erwogen habe und mit 16 dann auch in die Jugendpsychiatrie kam war das Gefühl sowieso nicht wirklich als Person zu existieren. Ich verwende hier häufig die Metapher dass ich Gedanken und Gefühle irgendwie vor dem "verloren gehen" bewahren möchte aber es ist für mich eben weniger eine Metapher als ziemlich direkt das damit verbundene Gefühl. Jeder Gedanke, jede Idee, jedes erworbene Wissen und jedes Gefühl sind im Grunde bedeutungslos und verlaufen im Nichts wenn man nicht irgendeine Möglichkeit hat sie anzuwenden (Kommunikation und schriftliches Erfassen sehe ich als Form der Anwendung) und wenn über lange Zeit alles im Nichts verläuft ist es schwer auszumachen was unter der "Maske" der oberflächlichen Funktionalität überhaupt übrig ist. Um da rauszukommen hat mir der Kontakt mit anderen Menschen mit psychischen Problemen sehr geholfen, weil ich das erste Mal das Gefühl hatte offen kommunizieren zu können ohne verurteilt zu werden und meine Perspektive dafür wie andere Menschen sind auch erstmals erweitert wurde, wenn man noch komplett von dem einem zugestandenen oberflächlichen schulischen Umfeld abhängig ist und im Grunde kein Außerhalb kennt sieht man dieses schnell als die ganze Welt an.

      So in der zwölften Klasse hatte ich eine Zeit lang das komplette Gegenteil, ich hatte den Drang alles zu diskutieren und hatte wenig Respekt vor Menschen die dazu nicht bereit waren. Ich war auch einfach wütend darüber wie viele Steine mir früher aus hauptsächlich sozialen Gründen in den Weg gelegt wurden und ich hatte das erste Mal das Gefühl diese mit Leistung, Aggressivität und gespieltem Selbstbewusstsein überwinden zu können. Im Nachhinein ist mir vieles aus der Zeit eher peinlich aber es hat zumindest was Schulnoten anging super funktioniert. Zum Beispiel wurde meine schriftliche Leistung früher immer durch meine mündliche stark runtergezogen und ich hatte das erste Mal raus wie einfach es eigentlich ist mündlich gute Noten zu bekommen wenn man nichts darauf gibt was andere denken. Bis heute so ziemlich das befriedigendste Gefühl überhaupt war dass mir einer meiner Lehrer im Zeugnis eine 1 gegeben hat obwohl er mir vorher vor der gesamten Klasse gesagt hat dass er mich nicht ausstehen kann.

      Ich sehe diese Phase des aggressiven nach außen gehen Müssens, trotz etwas Scham, auch heute noch als notwendig für meine Entwicklung an und nehme sowas daher auch Menschen die heute in dem Alter sind nicht übel aber irgendwann stellt man fest dass Wut eben nur sehr kurzfristig ein guter Motivator ist. Ich versuche heute eher mir meine Kämpfe auszusuchen und auch dann respektvoll zu sein wenn ich die andere Position für schädlich halte und auch dumme Meinungen im Raum stehen lassen zu können wenn das Thema mich nicht genug betrifft. Ich erlaube mir, nur noch dann gegen an zu diskutieren wenn ich glaube dadurch irgendetwas gewinnen zu können und wenn ich nicht glaube dass die andere Person mir wirklich bei eigenen Themen weiterhelfen kann habe ich inzwischen auch den Wert darin erkannt andere einfach zu Ermutigen ihre eigene Meinung auszudrücken und diese zu begründen und andererseits aber auch dass man nicht jedem eine Diskussion schuldig ist, nur weil man seine Meinung ablehnt wenn diese in der konkreten Situation irrelevant ist. Was ich damit eigentlich nur sagen wollte ist dass man irgendwann lernt eher eine beobachtend-reaktive Grundhaltung zu haben ohne sich deshalb abzukapseln und das Gefühl zu bekommen gar nicht persönlich involviert zu sein, wenn man weiß dass man seine Meinung äußern kann wenn es einem persönlich wichtig erscheint aber dies nicht muss nur um sich selbst und anderen irgendetwas zu beweisen oder Fairness zu erkämpfen. Der letzte Punkt ist aber deutlich einfacher wenn man erwachsen ist und damit in seinen Möglichkeiten weniger durch Urteile anderer bestimmt wird, wobei das in gewissem Umfang natürlich immer der Fall ist aber es fühlt sich als Erwachsener nicht mehr so allumfassend an.
    • @Abendstern

      Es gibt viele Beispiele, zum Beispiel auch was @FrankMatz und @Melanie84 angesprochen haben, wenn man im Team sitzt oder bei Verwandtschaft und man merkt dass man einfach nicht mehr kann. Ich quäle mich meistens die letzte Stunde nur noch durch, am Ende, wenn ich froh bin es geschafft zu haben sitzen alle noch zusammen und quatschen ewig weiter. Ich erwähne dann immer mal, dass ich los muss/will, teilweise wird das tatsächlich überhört und die Leute reden einfach weiter. Selten schaffe ich es einfach tschüss zu sagen und zu gehen aber meist reden die dann alle wie Wasserfälle und unterbrechen traue ich mich dann auch nicht wirklich, da ich nicht weiß wie es wirkt. Die anderen scheinen sich da „auszukotzen“ und brauchen das, ich hab dann nur noch Kopfschmerzen und will weg. Wenn es heißt wie bleiben bis XX:YY Uhr, dann ist das für mich eigentlich ein Fakt und die Erlaubnis dann gehen zu dürfen. Andere würden wohl gerne bis in die Nacht da sitzenbleiben.
      Oder wenn sich welche um Nichtigkeiten streiten, am liebsten würde ich ihnen sagen, dass ihr Verhalten „Kindergarten“ ist, sie sollen sich aufs Wesentliche konzentrieren und ihr Arbeit machen und nicht private Machtspielchen treiben, stattdessen sehe ich mich aber gezwungen jeder Partei verständnisvoll zuzuhören, Gespräche zu führen, blabla. Meiner Meinung nach völlig nutzlos, da sie so das Verhalten nicht ablegen, weil es ihnen gar nicht klar ist, sondern nur, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen.
      Meine Antwort bei Kinder wäre da: „Du sollst ihn nicht heiraten, sondern nur klar kommen ohne das ihr euch haut, also reiß dich zusammen und sag wenn was ist!“. Selbst in extrem freundlich wüsste ich nicht wie ich das bei Erwachsenen ausdrücken sollte, also kommt wieder die Maske und ich mach den Mist mit.
      Selbstdiagose...