Wenn es eine Pille geben würde, die Autismus heilt, würdet ihr diese nehmen?

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    • Die Frage erinnert mich einn bisschen an einen Text von Arno Gruen, den ich gestern las:

      Arno Gruen wrote:

      Ein Patient, dem seine Empfindsamkeit gegenüber seinen eigenen und wirklichen Bedürfnissen zur Last wurde - weil sie sein Anpassungsvermögen störten - drückte diesen Sachverhalt folgendermaßen aus: "Meine Empfindsamkeit bringt mir nichts ein ..., sie belästigt mich nur ... Jener Mann (ers prach von einem Industriellen, den er in den Ferien getroffen hatte und den er bewunderte) spielt Tennis und baut sich sein Imperium auf. Was tut's, wenn er keine Gefühle hat? (!) Ich habe nicht den Eindruck, daß der weiß, was Magenschmerzen sind. Ja, ich bewundere ihn, weil es sein Ziel im Leben ist, weder Empfindsamkeit zu besitzen noch darunter zu leiden... Er und andere, die so sind wie er, müssen sich gar nicht um die Wirklichkeit kümmern." Dieses Beispiel zeigt, daß manche Patienten in die Therapie kommen, um von ihrer Menschlichkeit befreit zu werden, weil sie sie als "Behinderung" empfindenund nicht etwa, um diese Empfindungen zu bewahren.
      Achtung, eigene Sprache!
    • Veronika wrote:

      Hallo,
      auf keinen Fall (Tablette nehmen). Was wäre dann noch von mir übrig? Asperger ist alles was ich habe und was ich bin!

      Und wie kannst du oben schreiben, Asperger beeinflusst nicht die Persönlichkeit? @WannaChangeMyself ??
      Was denn sonst? Asperger beeinflusst alles, jeden Tag, 24h. Es gibt kein "Teilzeit Asperger". Oder siehst du das etwa anders?
      Gibt es Asperger, die auf der Arbeit/ in der Öffentlichkeit Asperger sind und zu Hause/ hinter verschlossenen Türen "normal" werden/ keine autistischen Verhaltensweisen mehr zeigen?
      Ich kenne keine und ich bin auch nicht so ein rares Exemplar... bitte zeige mir eins, solltest du je so eines finden/ sehen.
      (Das ist nicht böse gemeint, ich frage aus Interesse/ kann es einfach nicht glauben!)


      Ich denke, wenn man Autismus/ Asperger aus einer Person "rauszieht/ löscht" (vorausgesetzt das wäre irgendwie möglich), dann verschwindet einfach alles:

      - Interessen (inklusive Spezialinteressen)
      - Detailblick
      - Fokus
      - Ehrlichkeit (die nicht immer angenehm für andere ist/ gebe ich zu!)
      - Loyalität
      - persönliche Stärken (und auch Schwächen)/ alles was einen Menschen ausmacht
      - Gefühle (wie man fühlt/ wie stark/ wie schwach/ wann/ verzögert/ sofort/ impulsiv... einfach alles...)
      ...

      Die Liste ist lang und es gibt so viele Punkte, wie es Menschen gibt. Jede/r ist anders. Und jede/r darf sein, wie er/ sie ist.
      Punkt! Asperger ist gut so. Da muss man nix löschen. Keine Tablette dagegen nehmen/ erfinden (finde ich) und anscheinend viele andere auch.
      Komorbiditäten sind unschön- ja, das stimmt. Die Umwelt versteht oft nicht, reagiert nicht gut oder falsch. Das tut weh/ gehört geändert. Ja! Aber dafür muss nicht der Mensch mit Asperger eine Tablette nehmen und SICH ändern und Asperger löschen.
      Nein! Das ist nicht nötig und wäre sehr schade um den Menschen und die ganze Persönlichkeit. Denn die geht damit verloren!

      Also- wenn du das überlegst- schau lieber, dass dein Umfeld für dich passt/ du deine Bedingungen verbessern kannst. Und du dein "eigenes, kleines Reich" zu Hause hast/ einen sicheren Ort zum Ausruhen.

      Nicht DU bist das Problem (kenne dich persönlich jetzt nicht- ist generell gemeint/ Asperger- spezifisch).
      Vielleicht (!) sind viele Dinge für dich schwierig. Daran kann man aber arbeiten. Das muss man wollen.
      Es tut manchmal "weh" (im übertragenen Sinne), aber es ist möglich. Gib nicht auf!

      Viel Glück! LG Veronika. :)
      "Asperger ist alles was ich habe und was ich bin!"


      Es ist ein Teil von dir, aber definitv nicht alles. Du bist immer noch ein Mensch, auch wenn du Asperger hast.


      "Ich denke, wenn man Autismus/ Asperger aus einer Person "rauszieht/ löscht" (vorausgesetzt das wäre irgendwie möglich), dann verschwindet einfach alles:
      - Interessen (inklusive Spezialinteressen)
      - Detailblick
      - Fokus
      - Ehrlichkeit (die nicht immer angenehm für andere ist/ gebe ich zu!)
      - Loyalität
      - persönliche Stärken (und auch Schwächen)/ alles was einen Menschen ausmach
      - Gefühle (wie man fühlt/ wie stark/ wie schwach/ wann/ verzögert/ sofort/ impulsiv... einfach alles...)""

      Woher weiss man, was durch das Asperger bedingt ist, und was nicht. Warum sollte alles verschwinden? Auch NT's haben Interessen, Stärken, Gefühle etc. Ich persönlich identifiziere mich nicht als Asperger, sondern als Mensch. Mein Asperger macht mich nicht weniger zu einem Menschen. Mein Asperger zudem stellt in meinem Leben oft eine Schwierigkeit dar. Wie ein Feind, der gegen mich arbeitet, und versucht mich daran zu hindern, dass ich glücklich bin. In Anbetracht der Tatsache, dass Autisten häufig gemobbt werden, unter großen Stress leiden und Selbstmordgedanken haben, wage ich zu bezweifeln, dass man das als etwas gutes bezeichnen kann, was zur Persönlichkeit gehört.

      Ein Problem, dass ich bspw. habe ist, dass ich nicht gestikulieren kann, auch wenn ich mir wünsche es zu können. Ich wünschte, ich könnte mit Gestik meine Persönlichkeit besser ausdrücken, nur leider arbeitet meine Störung gegen mich, und verhindert das. In solchen Situationen stellt mein Asperger Syndrom ein Feind dar, den es zu bekämpfen gilt. Damit meine ich nicht, dass ich mich selbst hasse. Ich hasse nicht mich, sondern meine Störung.

      "Nein! Das ist nicht nötig und wäre sehr schade um den Menschen und die ganze Persönlichkeit. Denn die geht damit verloren!"


      Wo hast du gelesen, dass Asperger eine andere Persönlichkeit haben? Das steht nicht in den Diagnosekriterien.
    • Melanie84 wrote:

      molle66 wrote:

      Ja soziale Kompetenzen wie ein älterer Herr mit Demenz. ;)

      Leider nur vorübergehend. Asperger ist ein Ausschlusskriterium für Alzheimer weil das Gehirn zu plastisch ist.
      Von mir aus können die Normalos Tabletten nehmen, damit ich mit ihnen sachbezogen und logisch kommunizieren kann.
      Aber da gilt ja DBDDHKP

      Display Spoiler
      Doof bleibt Doof da helfen keinePillen
      Man muss die Schuld auch mal bei den Anderen suchen
    • @Sonnenseele Zumindest nicht so schnell, wegen der vielen und anderen Verknüpfungen im Gehirn.
      Die Kenntnis mehrerer Fremdsprachen soll ja auch hilfreich sein,um einen vorzeitigen Ausbruch der Krankheit zu verhindern.
      Ein weiterer Grund ist die statistisch geringere Lebenserwartung. Leider...
      Man muss die Schuld auch mal bei den Anderen suchen
    • Veronika wrote:

      Ich denke, wenn man Autismus/ Asperger aus einer Person "rauszieht/ löscht" (vorausgesetzt das wäre irgendwie möglich), dann verschwindet einfach alles:

      - Interessen (inklusive Spezialinteressen)
      - Detailblick
      - Fokus
      - Ehrlichkeit (die nicht immer angenehm für andere ist/ gebe ich zu!)
      - Loyalität
      - persönliche Stärken (und auch Schwächen)/ alles was einen Menschen ausmacht
      - Gefühle (wie man fühlt/ wie stark/ wie schwach/ wann/ verzögert/ sofort/ impulsiv... einfach alles...)
      Das glaube ich gerade nicht, weil alle diese Dinge nicht der Autismus sind. Auch Nichtautisten haben Interessen, können einen Detailblick haben, können ehrlich und loyal sein und persönliche Stärken und Gefühle haben.

      Autismus ist für mich nur die Wahrnehmungsstörung (als vermutliche Ursache) für alles. Eine Pille dagegen wäre dann wie eine Befreiung von dieser Wahrnehmungsstörung. Ich selbst wäre aber noch gleich, könnte nur plötzlich viel leichter mit anderen interagieren, ohne diese langsame Wahrnehmung, und ich könnte plötzlich verstehen, was in anderen vorgeht, weil ich nicht währenddessen 50 Reize nacheinander verarbeiten müsste usw.
      Natürlich würden alle Erfahrungen aus der Vergangenheit nicht weggehen, deshalb würde auch immer noch einiges bleiben, Gutes (positive Überzeugungen) wie Schlechtes (negative Erfahrungen und die Lehren daraus).

      Aber ich glaube, die Frage nach der Pille ist zu theoretisch, um sie wirklich beantworten zu können. Man müsste mehr Details wissen, um abwägen zu können, ja oder nein, was ist besser. Theoretisch, wenn es eine Pille gäbe, die ausschließlich den Autismus wegmacht und ansonsten keine Nebenwirkungen hat, dann würde ich sagen, sofort, her damit. Ich könnte mein gleiches Leben weiterführen ohne die Einschränkungen, meine Performance in Gesprächen würde sich verändern, Geräusche würden mich nicht mehr stören und ablenken, ich könnte besser verhandeln und vieles mehr. Es ist schwer vorstellbar, was alles anders wäre und was nicht. Aber das was ich gut und wichtig finde (Überzeugungen), das würde vermutlich bleiben. Das löscht ja nicht plötzlich jemand weg. Ich würde der Mensch bleiben, der ich bin, nur ohne die autistischen Schwierigkeiten, d.h. Änderungen, die durch die Pille eintreten, wirken sich erst auf die Zukunft aus, und an der kann ich so arbeiten, wie ich es für richtig halte.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • @Axel_Rocket Asperger= als Behinderung sehen- das tun nicht alle.

      @WannaChangeMyself Ja, sicher bin ich ein Mensch. Aber Asperger+ich= Mensch. Nicht eins ohne das andere!

      Ja, auch NTs haben Interessen etc. Verstehe und weiß ich alles. Aber weiter oben schrieben auch andere User, dass sie besorgt seien, alle ihre "wichtigen Dinge" zu verlieren/ die sie ausmachen. Darüber würde ich (persönlich) mir Sorgen machen.

      Asperger macht auch mein Leben nicht gerade leichter, nein. Aber als "Feind" sehe ich die Diagnose nicht. Das wäre eine sehr problematische Herangehensweise für mich. Wenn ich jeden Tag "dem Feind ins Auge blicken müsste" (RW).

      Autismus= Hindernis, glücklich zu sein? Das kann ich nicht so ganz nachvollziehen/ verstehen.
      (Habe ich dich da richtig verstanden/ weiter oben?)

      Ich habe auch viel "Schlechtes" (sagen wir jetzt mal ein Wort, das kein Schimpfwort ist) erlebt, ich kann verstehen, was du schreibst (Mobbing, Selbstmordgedanken, Außenseiter sein...etc.) Ist mir alles nicht fremd!

      Aber (auch im beruflichen Kontext/ bei Kindern) sehe ich Autismus oft "als Chance". Dieser "öffnet ein Türchen", wo noch was bleibt. Wo man sich noch an etwas "speziellem" freuen kann. So geht es mir zum Beispiel.
      Darum würde ich (persönlich) nicht sagen, dass mich mein Autismus daran hindert, glücklich zu sein!
      Er "öffnet eher ein Türchen", dass ich mich auf meine Art ein bisschen freuen kann/ mir helfen kann, wenn auch die Umwelt noch so schlimm/ schädlich ist.

      Zum Thema "sich nicht selbst hassen/ "nur" die "Störung" hassen":
      Immerhin schon mal gut, dass du dich nicht selbst hasst! Du arbeitest "gegen" den Feind/ die Störung. Hm- problematisch. Wer gewinnt da? Denk mal drüber nach...

      @"Asperger hätten eine andere Persönlichkeit":
      Das habe ich nirgendwo gelesen/ es geht auch nicht um Diagnosekriterien.
      Weiter oben wird beschrieben, wenn man eine "Pille" gegen Autismus nehmen könnte- was wäre dann? Was bliebe übrig? Das war die Frage, die bei manchen Usern aufkam. Auch bei mir!
      Ich persönlich glaube, dann bliebe nicht mehr viel vom Menschen (und dessen Persönlichkeit) übrig. Mehr sagte/ schrieb ich nicht.

      Liebe Grüße, Veronika.
      Man sieht nur mit dem Herzen gut.
      Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
      (Antoine de Saint-Exupéry)

      "Was ist falsch an sonderbar?"

      "Das Ende der Störung ist derzeit nicht absehbar."

      The post was edited 1 time, last by Veronika ().

    • Shenya wrote:


      Autismus ist für mich nur die Wahrnehmungsstörung (als vermutliche Ursache) für alles. Eine Pille dagegen wäre dann wie eine Befreiung von dieser Wahrnehmungsstörung. Ich selbst wäre aber noch gleich, könnte nur plötzlich viel leichter mit anderen interagieren, ohne diese langsame Wahrnehmung, und ich könnte plötzlich verstehen, was in anderen vorgeht, weil ich nicht währenddessen 50 Reize nacheinander verarbeiten müsste usw.
      Natürlich würden alle Erfahrungen aus der Vergangenheit nicht weggehen, deshalb würde auch immer noch einiges bleiben, Gutes (positive Überzeugungen) wie Schlechtes (negative Erfahrungen und die Lehren daraus).
      Es wirkt sich aber schon auch auf einige Bereiche aus und ich weiß auch nicht ob ich die gleichen Interessen hätte wenn es bei mir keine autistischen Züge gegeben hätte. Da gab es in meiner Kindheit und Jugend so viele Situationen in denen andere draußen waren und ihre Erfahrungen gemacht haben und ich in der Zeit zu Hause meinen Spezialinteressen nachgegangen bin und mich für so manche Sachen total begeistert habe und darin vertieft war. Ohne diese Verhaltensweisen hätte ich doch wahrscheinlich genau das gemacht was alle anderen auch gemacht haben. Ich wäre vielleicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden weil ich mich möglicherweise zu einem gewissen Durchschnitt hin entwickelt hätte und so wie es jetzt ist falle ich in vielen Bereichen aus dem Rahmen und für bestimmte Leute, die abseits vom Mainstream sind bin ich dann viel interessanter durch meine ungewöhnliche Art. Also eine Pille würde ich nicht nehmen wollen - eine Gebrauchsanleitung wie ich in so manchen Situationen des Lebens hätte mich verhalten sollen wäre mir lieber gewesen.
    • Ich glaube, ich würde die Pille nicht nehmen. Erstens nehme ich nur sehr ungern etwas ein, das mich verändern könnte. Zweitens hoffe ich, dass meine Art der Wahrnehmung mich irgendwie noch nützlich macht, irgendeinen Sinn hat.... Da ich immer außerhalb der Mehrheit stehe und alles anders beurteile als alle anderen, gebe ich vielleicht manchmal einen Anstoß, aus festgefahrenen Denkweisen herauszukommen.
      Außerdem würde ich ja in meinem Alter dann wie ein neugeborener NT dastehen und müsste alles trotzdem noch lernen.
      Interessieren würde es mich schon, ich stelle mir schon lange vor, wie interessant es wäre, wenn man mal für 5 Minuten in die Wahrnehmung von jemand anders schlüpfen könnte, mit seinen Ohren hören usw. , ob alles anders wäre....
      Wenn ich mein ganzes Leben ohne Autismus nochmal leben könnte, vielleicht ja. Es waren schon sehr viele schmerzliche Erfahrungen dabei.
      Ich ernähre mich seit einiger Zeit ohne Gluten, Casein und Zucker und bilde mir ein, ein kleines bisschen mehr zu spüren. Das ist sehr schön. Wenn die Pille so wirken würde, würde ich sie zwar trotzdem nicht nehmen, aber empfehlen.
    • Ich kann in meiner extremen Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit, wie man es auch "drehen und wenden" mag, nichts nutzbringendes sehen. Es ist eine enorme Last und Beeinträchtigung der gesamten Lebensqualität/Lebensentwicklung. Etwaige positive Seiten einer solch "reichhaltigen" Sensibilität gehen da angesichts der Schattenseiten völlig unter.

      Die sozialen Ängste und die Neigung zur Depressivität stellen ebenfalls nichts dar, was für mich erhaltenswert wäre.

      Daß ich parallel mehrere Sprachen lerne, sehe ich nicht als etwas, was nur Autisten tun würden oder wozu nur sie befähigt wären - das können meines Erachtens auch sogenannte NTs (mag diese Einordnung überhaupt nicht), nämlich diejenigen mit Interesse und Talent für Sprachen.

      Ich denke, daß gut in die Gesellschaft integrierte "NTs" von der psychisch stabilen und intelligenten Sorte mit all ihren gemeinschaftlichen Aktivitäten, Affären, ihrem Small Talk, ihren beruflichen Fähigkeiten und Ambitionen etc. etc. unter dem Strich ein befriedigenderes Leben führen. Ist ja jetzt nicht so, daß das einfach nur "Hohlköpfe" wären ohne Sinn und Verstand und Interessen. Ein 08/15-Leben ist ja keineswegs bei jedem dieser Menschen die automatische Folge davon.
    • da_hooliii wrote:

      Ich wäre vielleicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden weil ich mich möglicherweise zu einem gewissen Durchschnitt hin entwickelt hätte und so wie es jetzt ist falle ich in vielen Bereichen aus dem Rahmen und für bestimmte Leute, die abseits vom Mainstream sind bin ich dann viel interessanter durch meine ungewöhnliche Art.

      Wenn ich nur für mich spreche: Ich will nicht interessant sein für irgendwelche Leute jenseits des Mainstreams. Ich will nur von ein paar Leuten, die gerne völlig durchschnittlich sein können oder auch nicht, gemocht werden. Und, was mir auch wichtig wäre, ich würde gerne mein Potenzial für irgendwas nutzen, und das gelingt mir nicht. Auch wenn ich nicht weiß, ob ohne AS etwas anders wäre in der Hinsicht (ich denke, Erziehung spielt auch noch eine Rolle), aber ich könnte jedenfalls völlig und ersatzlos auf AS verzichten nach derzeitigem Stand. Ich wüsste nicht, warum ich mir wünschen sollte, auf diese Weise anders zu sein. Exzentrisch sein kann man auch ohne AS, wenn man das möchte. Ich brauche und will das aber nicht. Ich hätte gern die Chance, mich selbst irgendwie zu verwirklichen.

      Möglicherweise stecke ich bei diesem Gedankenexperiment zu viel Hoffnung in diese Pille, aber trotzdem, ich denke, ich würde mich, wenn es sie gäbe, genau informieren und sie dann sehr wahrscheinlich nehmen, wenn die Nebenwirkungen akzeptabel wären und die Pille auch wirklich hält, was sie verspricht.

      Es hätte ja auch Vorzüge, in der eigenen Wohnung nicht nonstop Ohrstöpsel zu brauchen, an blinkender Werbung oder blinkenden Autos nicht dauernd zu verzweifeln oder wenn nicht jeder Termin mit unendlich viel Stress verbunden wäre.
      Historisch gesehen waren die schrecklichsten Dinge wie Krieg, Genozid oder Sklaverei nicht das Ergebnis von Ungehorsam, sondern von Gehorsam.
      (Howard Zinn)
    • Auf viele Schwierigkeiten, die mein Leben geprägt haben, könnte ich ebenfalls gut verzichten. Dabei würde ich kein vollkommen anderer Mensch sein wollen - was ja gleichbedeutend damit wäre, als der Mensch, der ich bin, gar nicht zu existieren. Dennoch wäre ich gerne gelassener, optimistischer, geschickter, organisierter, hätte gerne nicht so stark kommunikative Probleme. Eine derartige Pille würde ich wohl trotzdem nicht nehmen. Zumindest nicht, wenn der Effekt unumkehrbar und/ oder starke Nebenwirkungen zu erwarten wären. Ich hätte Zweifel, ob ich mit einem plötzlich ganz anders konstituierten Nervensystem zurecht käme. Und da die "Folgeschäden", mein "holprig verlaufener Weg und die daraus resultierenden Probleme, ja nicht verschwinden würden, wäre ich mit einem "NT-Nervensystem" und entsprechenden Bedürfnissen vielleicht mit meinem Leben noch unzufriedener.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Hätte man mir die Frage mit Anfang 20 gestellt, hätte ich vielleicht mit Ja geantwortet. Wenn ich damals überhaupt gewusst hätte, dass ich Asperger habe und welche Probleme das bereiten kann.
      Jetzt mit über 50 nicht mehr. Dafür habe ich schon viel zu viel Energie in ein Leben gesteckt, in welchem ich versucht habe, so normal zu sein, wie alle anderen.
      - Allein unter Menschen -
    • Ich habe die Frage mit "Nein" beantwortet.

      Ich habe im Bezug auf das ADHS bei der Einführung von Medikinet (damals, als es noch keine Adult Variante davon gab) eine interessante Erfahrung machen dürfen. Für einige Wochen hat das Medikinet so gut gewirkt, dass ich das Gefühl gehabt habe, dass die Auswirkungen des ADHS beinahe komplett im Griff gewesen sind.

      So jedenfalls habe ich mir immer vorgestellt, dass die NTs die Welt wahrnehmen.

      Nach einiger Zeit hat sich die Wirkung von Medikinet bei mir aber ins Gegenteil verkehrt und die Auswirkungen des ADHS noch verstärkt. Mut anderen Medikamenten und auch später nicht mir Medikinet Adult habe ich das ADHS je wieder so in den Griff gekriegt (rw) wie damals in diesen wenigen Wochen.

      Meine Ärzte haben mich später gefragt, ob ich diesen Wochen hinterhertrauere. Ich habe ihnen gesagt, dass es eine interessante Erfahrung gewesen ist und ein Teil von mir sie gerne als Dauerzustand hätte. Aber ein anderer Teil von mir erinnert mich stets daran, dass ich in diesen Wochen wohl so wenig ich selbst gewesen bin, wie nie zuvor und niemals wieder.

      Übertragen auf das Asperger bedeutet das für mich, dass ich zwar neugierig darauf wäre, die Welt als NT wahrzunehmen, ich mir aber zugleich sicher bin, dass ich das auf Dauer nicht durchstehen würde. So sehr mich ADHS und Asperger auch in vielen Punkten behindern, so sehr sind sie Teil meiner Persönlichkeit und haben so meine Lebenserfahrungen entscheidend mitgeprägt.

      Das ist anstrengend gewesen und wird immer anstrengend sein. Aber die Welt dauerhaft aus der Wahrnehmung eines NT zu erleben, ich glaube das wäre nach all den Jahren noch viel schwerer und die Vorstellung macht mich zwar neugierig, aber sie macht mir auch Angst. Denn mittlerweile kenne ich mich ganz gut und komme mit meinen Defiziten und Stärken relativ gut klar. Zwar nicht ohne viel Unterstützung meines Umfelds, aber immerhin.

      Bis zu diesem Punkt zu kommen, hat mich viel Kraft gekostet. Ich hätte einfach Angst, dass ich bei einem "Neustart" als NT nicht mehr die Kraft hätte, alle diese Erfahrungen aus einer neuen Perspektive erneut zu machen.

      Von daher: So eine Pille würde ich mir wünschen, wenn ich irgendwann Vater werde und sie mein Kind direkt nach der Geburt bekommen könnte, damit es sicher als NT aufwachsen kann. Aber für mich selbst wünsche ich sie mir nicht.
    • Nein, ich würde die Pille nicht nehmen wollen, denn das wäre eine Entscheidung gegen mich selbst als Person.

      Für mich hat alles im Leben seinen tieferen Sinn, ob ich als Autistin geboren werde oder als neurotypischer Mensch. Wenn ich nicht als Autistin hätte geboren werden sollen, dann wäre es nicht so. Wer nicht an Schicksal glaubt, versteht das wahrscheinlich nicht. Aber das macht nichts, denn es ist ja auch nur meine Überzeugung.

      Schwierigkeiten sind nicht nur Hindernisse, sondern auch Chancen zu wachsen und kreativ zu sein.

      Ja, manchmal leide ich darunter, dass ich Dinge nicht hinbekomme, die ich gerne hinbekäme. Aber ich erlebe auch, dass das bei neurotypischen Menschen genauso ist. Denn nobody is perfect. Und auch neurotypische Menschen sind nicht immer glücklich und mit sich selbst im reinen.

      Und außerdem leide ich wesentlich weniger unter mir selber als unter den Lebensumständen in einer neurotypisch geprägten Welt. Deshalb ist es im Grunde am wichtigsten, dass ich mir die Welt so gestalte, dass ich möglichst oft mit mir im reinen sein kann. Das ist für mein Verständnis wesentlich sinnvoller, als eine Pille zu nehmen, die vielleicht auch noch Nebenwirkungen hat.
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d
    • Ich bin zwar noch nicht offiziell zu Ende diagnostiziert aber möchte dennoch antworten

      Es ist eine schwierige Frage.
      Eine Pille gegen Reizüberflutung wäre toll!
      Aber wo Licht- da auch Schatten- die ganzen Einschränkungen resultieren zB aus Detailwahrnehmung (Empfindlichkeit gegen Geräusche und sowas).
      Dies kann beizeiten jedoch auch sehr hilfreich sein.

      Ich bin unentschlossen - bis vor kurzem hätte ich noch „ja“ gesagt, bis mir andere Menschen und diverse Ratgeber aufzeigten , dass es auch Stärken, Talente und Vorteile gibt.

      Dass ich für mich seit Beginn des diagnostischen Verfahrens zu 100% (vorher : sag niemals nie) beschlossen habe, keine Kinder zu bekommen, zeigt aber doch mehr die Tendenz der Ablehnung (der noch nicht gänzlich beendeten Diagnose).

      Nicht falsch verstehen... aber ich weiß , was ich erlebt habe , bei Mobbing fängt es an....

      Also : Jein. ...
    • Kurzform: Nein.

      lange Ausführung:

      Ich hätte mehr davon wenn ich in meinem Leben früher diagnostiziert worden wäre. Da es sich sogenannte Fachleute :sarcasm: relativ einfach gemacht haben und mir alle möglichen psychischen Störungen unterstellt haben, mit denen Auswirkungen ich heute noch zu tun habe, wäre es sicherlich besser medizinische Fachleute (wieder :sarcasm: ) mehr in die Verantwortung für Fehldiagnosen zu nehmen. Es müsste eher so sein, dass diese Leute beweisen müssen, dass ihre Diagnose richtig ist und nicht ich als Geschädigter. Erst dann, und in Verbindung mit gesellschaftlicher Akzeptanz für das "anders sein" braucht man nicht mehr über eine Pille gegen Autismus und damit gegen das was die eigene Persönlichkeit ausmacht zu philosophieren.
    • Mit meinen 51 Jahren will ich so bleiben wie ich bin. Wenn ich die Pille nehmen würde, müsste ich noch versuchen, die versäumen Anteile an Lebenserfahrung nachzuholen. Das geht aber schlecht für die Bereiche, wo ich schon zu alt für bin. Ich könnte durch die Pille die Zugehörigkeit zum "Behinderten-Bereich" mit WfbM und betreuten Freizeitgruppen verlieren. Andererseits könnte ich die Fähigkeiten zur kompletten Zugehörigkeit zum "NT-Bereich" mit erstem Arbeitsmarkt und gesellschaftlicher Konversation auf meine alte Tage nicht mehr hinreichend erüben.
    • Joerg71069 wrote:

      Wenn ich die Pille nehmen würde, müsste ich noch versuchen, die versäumen Anteile an Lebenserfahrung nachzuholen.
      Damit habe ich auch immer meine Probleme bei diesen Gedankenspielen: Bleibt die bisherige Lebensgeschichte bestehen oder wird die mit der Pille gleich "mitgeheilt"?
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal
      "Der Kluge lernt aus allem und von jedem, der Normale aus seinen Erfahrungen und der Dumme weiß alles besser." ~ Sokrates