Autismus mit 50. Langes Leben, viel gelernt...viel versäumt ?

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    • Gerit wrote:

      Ja, ich habe viel Glück gehabt, bis vielleicht darauf, daß meine erste Tochter durch einen Geburtsfehler schwerbehindert war und ich dadurch mein Studium, meine Freunde und meinen ersten Mann verloren habe, und 12 Jahre später, als sie verstorben ist, wieder meinen "Beruf", alle Freunde aus dem Behindertenbereich und einiges mehr verloren habe, das war etwas schwer zu ertragen. Wie gesagt, das Leben hat mich Demut gelehrt.
      Heftig - und gut, wenn Du da eine optimistische, lebensbejahende Haltung bewahren konntest.

      Natürlich, es gibt viele Gründe, weshalb ein Leben schwierig verlaufen kann und man unter seinen Möglichkeiten bleibt, das hat längst nicht immer mit Autismus zu tun. Das spezifische Problem bei Autismus, das es schwer machen kann, die Situation zu akzeptieren, ist aber wohl häufig, dass es auf den ersten Blick gar keine Gründe gibt, weshalb alles so "holprig" gelaufen ist. Dass man im Kindes- und Jugendalter eventuell sogar vielfach als im positiven Sinne "besonders", als Mensch mit viel Potenzial, gesehen wurde. Und sich unter Umständen gerade wegen seiner sozialen Schwierigkeiten auch selbst so sah, das etwas zum Trost nahm (vielleicht auch vom Umfeld dazu ermutigt wurde). Die Erfahrung, dann quasi "gar nichts aus sich gemacht" zu haben, kann ziemlich schmerzen. Ebenso wie die Erfahrung, grundsätzlich quasi "vom Leben abgehängt" zu sein, wenn man ohne Partner und Familie dasteht. Klar gibt es auch nichtautistische Menschen, denen es so geht. Aber ich glaube, wegen der "Unsichtbarkeit" der Probleme - auch und gerade für einen selbst - kann das noch einmal auf eine eigene Weise schmerzhaft sein, die sich beispielsweise von der klassischen "Midlifecrisis" unterscheidet.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • HCS wrote:

      Aber die Grundhaltung, dass man sich auch gegen Widerstände (nicht nur äußere!) durchsetzen muss, die ist heute mE unterentwickelt - immer im Allgemeinen, nicht bei jedem Individuum natürlich
      Diese Grundhaltung ist bei mir auch unterentwickelt. Ich war schon immer sehr impulsgesteuert und bin es leider immer noch. Das hat Vor- und Nachteile.

      Ich sehe die Welt heute als viel enger als bei uns damals, sie ist ja auch viel voller. Es gibt weniger Freiraum. Das macht es für die jetzigen Jugendlichen schwerer, etwas auszuprobieren, zu risikeren.

      Und als Eltern bin ich sehr konfliktvermeidend. Ich will keinen Streit, warum auch? Ich finde die Vorstellung, meinem Kind meinen Willen aufzuzwingen gegen seinen, absurd. Deshalb kann mein Kind natürlich auch selten zornig auf mich werden oder sich abnabeln. Ich hoffe, auf diese Weise mehr von meinen Erfahrungen weitergeben zu können, so dass das Kind sie nicht nochmal machen muss.
    • lakritz wrote:

      Ich überlege oft was aus mir geworden wäre, wenn ich schon von Kind an um meine Diagnose gewusst hätte (wie mein Sohn).
      Es mag auch seine Vorteile gehabt haben und der Umgang damit ist von Person zu Person sicherlich verschieden.

      Ich kann aber aus eigener Erfahrung als Frühdiagnostizierter sagen, dass das Wissen um mein AS zumindest für mich persönlich nicht zu mehr Selbstakzeptanz oder Erleichterung geführt hat. Teilweise ist eher das Gegenteil passiert - d. h. Gefühle der Minderwertigkeit wurden dadurch sogar verstärkt, die womöglich vermeidbar gewesen wären.

      Ob es mir schlechter gehen würde, wenn ich meine Diagnose nicht so früh bekommen hätte, kann ich nicht beurteilen. Im Endeffekt glaube ich aber, dass das Endergebnis mehr oder weniger gleich ausgefallen wäre. Früher oder später hätte ich mich sowieso um soziale Anpassung/Kompensation bemühen und gewisse Regeln lernen müssen.

      Es ist aber müßig, sich über das "Was wäre, wenn...?" ausführliche Gedanken zu machen.

      The post was edited 1 time, last by Axel_Rocket ().

    • Tom70 wrote:

      In die 70er Jahre würden sich wohl alle hier gerne hinbeamen.
      Nein...
      Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe.
      Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.
    • Zur Ausgangsfrage:
      Ein Versäumnisgefühl kommt bei mir manchmal auf, wenn es um das andere Geschlecht (Frauen) geht.

      Ich bezeichne mich aus optischer Sicht als eher unauffällig, auf den 2. Blick sind jedoch so manche Damen angesprungen, vielleicht nach dem ersten sinnlichen Gespräch über das wunderbare Leben. Ich habe es jedoch nur sehr selten geschafft, aus eigener Initiative und Kraft auf andere Frauen zuzugehen, daraus hat sich das Gefühl entwickelt, viel zu versäumen.

      Wahrscheinlich spielen hierbei auch manch gelegentlich negative Erfahrungen mit, da ich ein Mensch bin, der sich beim Ersteindruck wohl etwas schlecht verkaufen kann. Nach dem ersten Kuss war dann das Spinnennetz meist geschlossen, bis dahin war es aber gar nicht so einfach. Dadurch sind mir gefühlt viele schöne Erlebnisse entgangen oder auch die zu mir passende Frau. Im Grunde genommen darf ich mich aber nicht beklagen, ich habe mit Frauen vieles Schöne erlebt. Ich war jedoch auch ein bisschen als Frauenverletzer abgestempelt, weil ich die Beziehungspartnerinnen immer auf Distanz gehalten habe und zumeist ich derjenige war, der den Schlussstrich gezogen hat. Nur einmal war dies anders, ich habe mich unwissend und nicht erkennend mit einer an Borderline leidenden Person eingelassen, jeder Normalsterbliche hätte die Schwierigkeit der Person erkannt und rechtzeitig von ihr abgelassen. Sie hat den Spieß umgedreht und mir das Fürchten gelehrt, mich aber auch irgendwie an der Stange gehalten. Für mich ist nach Erkenntnis dieser vergifteten und durch vorgetäuschte Liebe gekennzeichneten Beziehung doch eine Welt zusammengebrochen und ich gehe an das Thema Frauen nun anders heran.

      Ich bin mir noch nicht sicher, inwiefern bzw. ob Asperger und Borderline in Zusammenhang stehen, also ob Aspies ein klassisches Opfer von Borderlinern darstellen, vielleicht mache ich einen thread hierzu auf.
    • @Tom70:
      Ich glaube, viele Leute mit Autismus haben das Problem, dass sie "naiv" sind und daher Beziehungen eingehen und lange führen, die ihnen schaden, und lange nicht kapieren, daß das Gegenüber einiges nicht kommuniziert oder selbst nicht gewußt hat, was essentiell wichtig gewesen wäre zu wissen... andererseits gibt man damit Menschen eine Chance, eine Beziehung einzugehen, die in der Gesellschaft schon abgestempelt sind als "unvermittelbar".

      Mein erster Ehemann war, als wir uns als Studenten kennenlernten, mit 23 noch in keiner Beziehung gewesen, trug noch Norweger-Pullis und hatte furchtbare Akne, war aber ein witziger, intelligenter Mensch mit Persönlichkeit und mit vielen Interessen. Ich war mit ihm einkaufen, habe ihn zum Friseur geschleppt und zum Hautarzt, und wir waren 7 Jahre zusammen. Danach hatte er gar keine Probleme mehr mit Frauen, er ist jetzt mit einer sehr schönen, netten Frau verheiratet und recht zufrieden mit seinem Leben.

      Liebe hat einfach so viele Facetten, und es gibt so viele Möglichkeiten, sich die Finger zu verbrennen....es deswegen sein zu lassen, kann aber auch nicht die Lösung sein, oder ? ;)

      Hast Du ja auch nicht, hast Du ja schon erzählt, daß Du trotz der schmerzhaften Erfahrungen weiter am Ball geblieben bist.

      The post was edited 1 time, last by Gerit ().

    • Gerit wrote:



      Liebe hat einfach so viele Facetten, und es gibt so viele Möglichkeiten, sich die Finger zu verbrennen....es deswegen sein zu lassen, kann aber auch nicht die Lösung sein, oder ? ;)

      Hast Du ja auch nicht, hast Du ja schon erzählt, daß Du trotz der schmerzhaften Erfahrungen weiter am Ball geblieben bist.
      Man braucht schon eine gehörige Portion an der Fähigkeit zu Resilienz, um mit AS Strukturen in meinem Alter das Schöne an zwischenmenschlichen Beziehungen ohne Beziehungsschaden genießen zu können. Ehrlich gesagt ist mir das etwa 10 Jahre lang nicht gelungen, ich bin aber derzeit auf einem guten Weg der Besserung. Ich habe auch ein Alter erreicht, wo ich damit auskomme und es schätze, dass jemand treu an meiner Seite bleibt, trotz meiner dauernden Fluchttendenzen und meiner speziellen Anwandlungen.
    • Gerit wrote:

      @Tom70:
      Ich glaube, viele Leute mit Autismus haben das Problem, dass sie "naiv" sind
      Ich denke, dass man es nicht unbedingt immer mit Naivität bezeichnen muss. Man kann es auch den "Glauben an das Gute im Menschen", "Ehrlichkeit", "Authentizität" etc. nennen, das sehe ich nicht unbedingt als Problem. In vielen Bereichen wären kindlich einfache Herangehensweisen auch durchaus von Vorteil, das würde vielleicht allerhand Leid ersparen.
    • Tom70 wrote:

      Ich habe auch ein Alter erreicht, wo ich damit auskomme und es schätze, dass jemand treu an meiner Seite bleibt, trotz meiner dauernden Fluchttendenzen und meiner speziellen Anwandlungen.
      Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Jemanden an seiner Seite zu haben, ist viel wert in unserem Alter. Früher hatte ich nie Angst, später komplett alleine dazustehen, aber je älter ich werde, desto mehr bin ich bereit, dafür auch Kompromisse einzugehen.
    • Das Szenario war, wieder 20 zu sein und dann nur die Wahl zwischen 70ern und heute. Kein Plan, was ich dann tue - der Ausgangspunkt war ja ein ganz anderer, nämlich dass es in 70ern besser war jung zu sein als heute, mehr nicht.
    • Der Thread läuft zwar schon eine Weile, gleichwohl eine Antwort auf die Ausgangsfrage:

      1. Ich bin schon deutlich älter als 50
      2. Diagnose bekam ich vor vier Jahren, Diagnose HB bekam ich vor 10 Jahren
      3. Stolz auf irgendwas: Ich hab mich vom Schulversager zum Fachhochschulabsolventen hochgearbeitet,
      immer meinen Weg gemacht, mich nie vor Entscheidungen gedrückt, rechtzeitig die Reißleine gezogen,
      wenn es eng wurde und mir therapeutische Hilfe gesucht, bin seit 30 Jahren glücklich verheiratet, habe
      zwei tolle Kinder und habe in den den letzten zehn Jahren 45 kg abgenonmmen.

      Unter dem Strich bin ich zufrieden, mit dem was ich habe, hardere nicht mit dem, was ich nicht habe
      und bereue eigentlich nur das, was ich nicht getan habe, obwohl ich es hätte tun können.

      Die Diagnosen haben zwar anfänglich den üblichen Hätte-Wennste-Effekt ausgelöst, aus dem habe ich
      mich aber recht schnell befreit.

      Mich nerven eigentlich nur die Alltageinschränkungen, die damit einhergehen und die man nicht wegtherapieren
      kann, weil sie hart verdrahtet sind. Momentan etwa meine Scheu, endlich mal den GdB anzugehen, der mir
      immerhin sechs Monate weniger Arbeitszeit vor der Rente geben könnte.


      In die 70er Jahre würden sich wohl alle hier gerne hinbeamen.
      Also ich nicht. Ich war da mal, war nur mäßig spannend. Bis auf die geile Mucke. ;)
      Spontanität will wohlüberlegt sein.

      The post was edited 2 times, last by Fred Kasulzke ().

    • Leonora wrote:

      Oh ja, das ist die "dunkle Seiten" für Menschen, die in ihrer Ursprungsfamilie geliebt werden, aber nie wirklich "draußen" ankommen. Ich bin Einzelkind und das Thema ist für mich extrem angstbesetzt und der Hauptgrund, weshalb ich es bedaure, mir den Mut und die Entschlusskraft für einen Bilanzsuizid nicht wirklich zuzutrauen.
      Ich habe keine liebende Ursprungsfamilie, aber ich habe eine wunderbare erwachsene Tochter und eine langjährige liebevolle Partnerschaft. Mein Partner ist wesentlich älter als ich, meine Tochter lebt ihr eigenes Leben mit Partner und Familienwunsch. Vor dem Tod meines Partners habe ich große Angst, Suizid kommt alleine schon wegen meiner Tochter nicht in Frage.
      Wenn ich manche hier so lese mit ihren Sorgen bez. des Alters, dann merke ich, dass ich nicht alleine bin. Ein bisschen entlastet mich das, denn ich stelle mir vor, dass es dann in der fraglichen Situation vielleicht auch Möglichkeiten des Kontaktes geben kann. Ich kann mir nicht vorstellen, ausgerechnet dann erfolgreiche Kontakte zu NTs aufbauen zu können. Aber ich kann mir vorstellen, mit einem Menschen dann einen Kontakt aufzubauen, der auch im Spektrum und in einer vergleichbaren Situation ist. Derzeit ist mir ein weiterer Kontakt zu viel, und ich finde es sehr entlastend zu wissen, dass hier viele unterwegs sind, die genau verstehen, wie das ist und warum. Mir nimmt das etwas die Angst.
      Ich wollte das hier aufschreiben, weil der Gedanke vielleicht auch andere hier etwas entlasten kann?
    • Leonora wrote:

      Oh ja, das ist die "dunkle Seiten" für Menschen, die in ihrer Ursprungsfamilie geliebt werden, aber nie wirklich "draußen" ankommen. Ich bin Einzelkind und das Thema ist für mich extrem angstbesetzt und der Hauptgrund, weshalb ich es bedaure, mir den Mut und die Entschlusskraft für einen Bilanzsuizid nicht wirklich zuzutrauen.
      Es ist sehr traurig, das zu lesen. Übrigens ist es ein überaus gesunder Instinkt, der Dich daran hindert, und nicht ein vermeintlicher Mangel an Mut.
      Achtung, eigene Sprache!
    • @Fred Kasulzke:
      Hört sich an, als ob Du ein recht positives Resümee aus deinem bisherigen Leben ziehst, das ist schön zu hören ! Es ist für die anderen auch gut zu lesen, daß es auch Leute gibt, die sagen: ich bin Autist, und es ist okay... ich lebe damit.

      Wer weiß, vielleicht machen wir irgendwann mal ein Ü40-Treffen oder sowas ! :d

      Die Mucke bestimmst Du dann, okay ? :d