Autismus - Behinderung oder Krankheit?

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    • wenn Autismus mit unterbliebenem "neural pruning" assoziiert ist, kann man das naturgemäß erst feststellen, wenn dieses "neural pruning" regulär dran ist.
      (Aus einer allseitigen Vernetzung aller Gehirnbereiche wird durch Kappung von überflüssigen/wenig benutzten Nervenbahnen erst das "leistungsfähige" Gehirn.)
    • MangoMambo wrote:

      Man kann aber im Nachhinein prüfen und sagen x% der autistischen Kinder hatten schon vor der Diagnose ab Geburt an Auffälligkeiten. Daher gehen wir stark davon aus, dass Autismus angeboren ist und ab Geburt vorliegt.
      Es ging aber doch um die Frage 'Autismus - oder Symptome durch etwas anderes verursacht'... da nützt es einem doch gar nichts zu wissen, dass das Kind bereits als Kleinkind Auffälligkeiten hatte die nunmal völlig unspezifisch sind.
    • Als Krankheit oder "condition" würde ich etwas bezeichnen, das auch wieder weggehen kann, zumindest theoretisch. Das trifft auf Autimus nicht zu. Ich zitiere mal aus Willey "Ich bin Autistin - aber ich zeige es nicht" ihre Symptome:
      mangelnde Flexibilität der Denkprozesse, ungenügende Modulation des sprachlichen Ausdrucks, Störung, soziale Beziehungen einzugehen, Echolalie, sensorische Integrationsstörung, und auditorische Diskriminationsstörung.
      Ganz treffend, finde ich. Ich sehe Autismus als Behinderung.
    • Illi wrote:

      Ich sehe Autismus als Behinderung.
      Das sehe ich auch so. Ich bin AS, habe keine Komorbidität entwickelt und fühle mich nicht krank, brauche aber in manchen Bereichen Hilfe.

      Siehe auch die Beiträge am Anfang dieses Threads zu Störung, Syndrom, Krankheit und zum Thema 'condition' und Bedeutung im autistischen Kontext.
    • Illi wrote:

      Als Krankheit oder "condition" würde ich etwas bezeichnen, das auch wieder weggehen kann, zumindest theoretisch. Das trifft auf Autimus nicht zu.
      In dem Video weiter oben in diesem Thread erklärt Simon Baron-Cohen in welchem Sinne er den Begriff "autism spectrum condition" meint. Eine heart-condition oder lung-condition kann sowohl angeboren sein wie auch später im Leben erworben werden und kann sowohl vorübergehend (behandelbar) als auch permanent (unbehandelbar) sein. Wenn man nur das Wort "condition" hat weiß man noch nicht ob es sich bei dieser "condition" um Angeborenes, Erworbenes, Behandelbares oder Unbehandelbares handelt. In welche Kategorie "autism spectrum conditions" gehören hängt von den klinischen Tatsachen ab und nicht von dem Wort "condition".

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    • Unbewohnte Insel wrote:

      Illi wrote:

      Als Krankheit oder "condition" würde ich etwas bezeichnen, das auch wieder weggehen kann, zumindest theoretisch. Das trifft auf Autimus nicht zu.
      In dem Video weiter oben in diesem Thread erklärt Simon Baron-Cohen in welchem Sinne er den Begriff "autism spectrum condition" meint. Eine heart-condition oder lung-condition kann sowohl angeboren sein wie auch später im Leben erworben werden und kann sowohl vorübergehend (behandelbar) als auch permanent (unbehandelbar) sein. Wenn man nur das Wort "condition" hat weiß man noch nicht ob es sich bei dieser "condition" um Angeborenes, Erworbenes, Behandelbares oder Unbehandelbares handelt. In welche Kategorie "autism spectrum conditions" gehören hängt von den klinischen Tatsachen ab und nicht von dem Wort "condition".
      Zitat aus: autism.org.uk/advice-and-guidance/what-is-autism

      "What is autism?
      Autism is a lifelong developmental disability which affects how people communicate and interact with the world. One in 100 people are on the autism spectrum and there are around 700,000 autistic adults and children in the UK.
      "



      Zitat aus: cdc.gov/ncbddd/autism/facts.html

      "What is Autism Spectrum Disorder?
      "Autism spectrum disorder (ASD) is a developmental disability that can cause significant social, communication and behavioral challenges. "



      Ich habe mich gefragt, ob vielleicht im englischsprachigen Raum Autismus nicht als Behinderung gesehen wird, um keine Nachteilsausgleiche anbieten zu müssen. Es ist aber anscheinend nicht so. Sogar in den Vereinigten Staaten gibt es Berufsintegration für Erwachsene und Geld und Therapieangebote für Kinder. In den zitierten Seiten wird Autismus als "disability" bezeichnet.
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      HCS wrote:

      Aber selbst dann ganz klar ein evolutiver Nachteil. Deshalb sind diese ganzen Versuche, sich zur Krone der Schöpfung zu stilisieren (denn nichts anderes sind diese Spekulationen) schlicht Unfug.
      Konzepte, die Autisten zur nächsten Stufe der Evolution erklären wollen, halte ich auch für Blödsinn. Gleichzeitig ist Autismus beziehungsweise zumindest Neurodiversität meiner Vermutung nach evolutionär aber durchaus sinnvoll. Eine Minderheit mit einer - in unterschiedlicher Ausprägung - "anderen" Wahrnehmung nutzt der gesamten Gruppe. Dazu passt auch, dass offenbar sehr viele Gene an der Entstehung von Autismus beteiligt und die betroffenen Gene für sich selbst erst einmal keineswegs "krank" oder defekt sind.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
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      Leonora wrote:

      Dazu passt auch, dass offenbar sehr viele Gene an der Entstehung von Autismus beteiligt und die betroffenen Gene für sich selbst erst einmal keineswegs "krank" oder defekt sind.
      Das sehe ich auch so. Hochfunktionaler Autismus ist m.A. keine Krankheit und im hochfunktionalen Bereich vielleicht sogar nicht mal eine Behinderung. Das Problem sehe ich vielmehr darin, dass der größere Teil der Menschheit eben ein nicht -autistisches Gehirn und eine nicht- autistische Wahrnehmung hat. Autisten fühlen sich somit nicht zugehörig und werden oft auch nicht reingelassen in die Gesellschaft, weil alles, was anders ist, eben erstmal ausgeschlossen wird. Auch ein evolutionsbiologischer Überlebensmechanismus. Und DAS ist es, was Komorbiditäten, wie Depressionen, macht und was hf.- autistische Menschen krank machen kann.

      Im niederfunktionalen Bereich sieht es anders aus. Da sind die individ. Problematiken oft so groß, dass die Betroffenen allein schon darunter leiden. Und weil sie sich noch mehr vom Gesamtbild abheben, sind sie vermutlich noch angreifbarer und öfter ausgeschlossen. Trifft sicher auch nicht auf alle zu, aber doch auf viele.
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      Leonora wrote:

      Gleichzeitig ist Autismus beziehungsweise zumindest Neurodiversität meiner Vermutung nach evolutionär aber durchaus sinnvoll.
      Das habe ich vor längerer Zeit auch schon mal geschrieben. Ein Punkt ist auch, dass offenbar Spontanmutationen keine entscheidende Rolle spielen - wäre eine kleine Zahl von Autisten Schizophrenen nicht nützlich, wäre beides deshalb schon längst "rausgemendelt", wenn es zu schädlich wäre. Geht man von einem Anteil irgendwo Richtung 1% aus, gäbe es pro durchschnittliche Gruppe Menschen in "Freilandhaltung", also als Jäger und Sammler, etwa je einen Autisten und Schizophrenen (man nimmt Gruppengrößen von 100-200 Leuten an). Spekulativ gesagt: der Schizophrene ist für die Verbindung zum Übernatürlichen zuständig (als Schamane), der Autist für die strikte Bewahrung und Tradierung der Regeln, um das Gleichgewicht der Welt nicht zu stören.
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      In der Evolution setzt sich aber nur durch, was sich fortpflanzt. Da kann der Neurodiverse noch so nützlich für die Gesellschaft sein, wenn er keine Kinder bekommt, ist er raus.

      Oft sind die Eltern ja nicht selbst autistisch/schizophren, sondern tragen zwar die Gene, aber ohne dass diese zur Geltung kamen. Daher denke ich, dass solche Störungen eher eine ungewollte "Nebenwirkung", von ansonsten nützlichen Genen sind.
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      Leonora wrote:

      Gleichzeitig ist Autismus beziehungsweise zumindest Neurodiversität meiner Vermutung nach evolutionär aber durchaus sinnvoll.

      HCS wrote:

      Das habe ich vor längerer Zeit auch schon mal geschrieben.
      Ich habe die Quelle leider nicht mehr, aber ich habe mal gelesen, dass es tatsächlich eine Art Neurodiversitätsgen gibt, das dafür sorgt, dass bestimmte andere Gene beim Menschen anfälliger für Veränderungen sind, als bei anderen Primaten, und zwar insbesondere solche Gene, die auch am Autismus beteiligt sind.

      Leonora wrote:

      Eine Minderheit mit einer - in unterschiedlicher Ausprägung - "anderen" Wahrnehmung nutzt der gesamten Gruppe.
      Genau. Wo wäre die Menschheit heute ohne die Leistungen von Newton und Einstein? Ob Einstein wirklich Autist war und Newton schizophren, kann man vielleicht heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, aber neurodivers waren definitiv beide.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
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      Ani wrote:

      Hochfunktionaler Autismus ist m.A. keine Krankheit und im hochfunktionalen Bereich vielleicht sogar nicht mal eine Behinderung. Das Problem sehe ich vielmehr darin, dass der größere Teil der Menschheit eben ein nicht -autistisches Gehirn und eine nicht- autistische Wahrnehmung hat

      Das glaube ich nicht. Auch HFA ist immer noch eine Behinderung, und sie ist unabhängig davon, wie andere Menschen funktionieren. Was du meinst, ist vielleicht BAP, oder einzelne autistische Züge.
      Alles wird galaktisch gut.
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      @Ani ich bin normal bis überdurchschnittlich intelligent (und habe einen Job auf dem 1. Arbeitsmarkt und eine Beziehung), aka hochfunktional, und dennoch in vielen Bereichen meines Lebens auf Hilfe angewiesen und kann viele Dinge nicht so wie man sie als Erwachsener idR kann. Damit sehe ich mich als hochfunktional und behindert. 8o
      Und ich würde mir Sorgen machen, wenn der Großteil der Menschen meine Wahrnehmung hätte, da mich meine spezielle Wahrnehmung sowohl durch Über als auch Unterempfindlichkeiten stark im Alltag einschränkt.
      Auch meine Probleme mit der Theory of Mind, die aus meinem autistischen Gehirn resultieren möchte ich keinesfalls auf den größeren Teil der Menschheit übertragen.
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      Pechblende wrote:

      eigentlich kann doch jede*r selbst entscheiden, ob er*sie es als 'Behinderung' sehen will, indem er*sie einen GdB beantragt und bekommt
      Eigentlich kann auch jeder entscheiden, ob er überhaupt etwas sehen oder sich die Augen verbinden möchte.
      Man ist nicht weniger behindert, wenn man die Behinderung nicht behördlich bestätigen lässt.
      Wer es partout nicht wahr haben will, kann es natürlich ignorieren. Es ändert aber nichts daran, dass es -objektiv betrachtet- eine Behinderung ist.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
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      Pechblende wrote:

      welche Instanz betrachtet es denn objektiv ?
      Der Gesetzgeber:

      §2 Abs. 1 SGB IX wrote:

      Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können. Eine Beeinträchtigung nach Satz 1 liegt vor, wenn der Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht.
      Per definitionem hat damit jeder, der eine ASS-Diagnose hat, eine Behinderung im Sinne von §2 SGB IX.

      Pechblende wrote:

      ich will eben auf einen individuellen Freiheitsgrad bei der Frage nach einer 'Behinderung' aufmerksam machen.
      Den individuellen Freiheitsgrad hattest du vor allem, bevor du zur Diagnostik gegangen bist.
      Aber es ist inkonsequent, wenn man zunächst zur Diagnostik geht, weil man eine entsprechende Beeinträchtigung sieht, und dann später versucht, sie wegzudiskutieren.

      Als VA bist du (noch?) in dem Stadium, wo keiner weiß, ob du behindert bist oder nicht. Du kannst es meinetwegen auch unterlassen, das abzuklären. Das ist allein deine Entscheidung.

      Und mit einer Diagnose bist du nicht gezwungen, die Behinderung irgendwem offen zu legen oder auf die behördliche Feststellung eines GdB zu drängen.

      Aber wenn du dich dann als nichtbehindert einstufst, belügst du dich selbst.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
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      Tuvok wrote:

      Aber wenn du dich dann als nichtbehindert einstufst, belügst du dich selbst.
      Das sehe ich genauso. Wozu die Diagnose, wenn man sie hinterher leugnet (denn definitionsgemäß keine Behinderung=kein AS, sondern z.B. BAP)? Ich komme mir zwar schon auch etwas komisch vor bei dem Gedanken behindert zu sein, weil man zunächst v.a. einen Rollstuhlfahrer oder sonstwie offensichtlich körperlich (oder geistig) Behinderten mit dem Begriff verbindet, aber es ist einfach so. Vor vielen Jahren, lange bevor AS überhaupt auf meinem Radar erschienen ist, habe ich mich in einer schlechten Phase schon mal selbst als "Sozialkrüppel" bezeichnet, eben wegen der sozialen Schwierigkeiten, nur nicht realisiert, dass diese wahrgenommene Behinderung auch einen Namen und einen ICD-Code hat. Und ich wäre nicht auf die Idee gekommen, zum Psychiater zu gehen, wenn ich keine Einschränkungen wahrgenommen hätte.

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