Autismus - Behinderung oder Krankheit?

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    • Es ist eigentlich eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, das ist nochmal etwas spezieller als Krankheit oder Behinderung.
      Krankheit passt als Begriff nicht so gut, weil das etwas ist, was man bekommen kann im Laufe des Lebens. Behinderung passt etwas besser, ist aber eigentlich nur dann richtig, wenn ein Grad der Behinderung vorliegt. Wobei allein viele Einschränkungen des Autismus per se behindernd sind und daher der Begriff Behinderung schon gerechtfertigt wäre. Aber es gibt Autisten, die sich dagegen wehren.
      Es gibt Autismus-Fälle, bei denen sich die Frage gar nicht stellt ob man es als eine Behinderung ansehen würde (aufgrund der Schwere). Aber du fragst ja nach Asperger-Autismus, da kann das sehr unterschiedlich sein.
    • phantom wrote:

      ist Autismus und ich meine im besonderen Asperger-Autismus nun eine Krankheit oder eine Behinderung?

      2hoch8 wrote:

      Krankheit passt als Begriff nicht so gut, weil das etwas ist, was man bekommen kann im Laufe des Lebens.
      In der Alltagssprache wird das gelegentlich so gesehen. Aber es gibt auch Krankheiten, die man nicht erst im Laufe des Lebens bekommt, sondern schon bei Geburt hat. Oder Erbkrankheiten, die man sogar eigentlich bereits vor der Geburt hat.

      In der medizinischen Fachsprache grenzt man ab:

      Pschyrembel wrote:

      Krankheit
      Störung der Le­bens­vorgän­ge in Or­ganen oder im ge­samten Or­ganismus mit der Folge von subjektiv emp­fun­de­nen und/oder ob­jektiv feststell­baren kör­per­lichen, geistigen oder see­li­schen Ver­än­de­run­gen. Krankheit wird von der Be­find­lich­keitsstörung oh­ne ob­jektivier­ba­re medizinische Ur­sache ab­ge­grenzt.

      Pschyrembel wrote:

      Störung
      Komplex von Symptomen und Ver­haltens­weisen, der meist zu subjekti­vem Leid und Beeinträch­tigung in versch. Funktions­bereichen führt.
      Hat den Be­griff Krankheit in den ak­tu­el­len Klassifikati­ons­systemen wie ICD-10 ab­gelöst.

      Pschyrembel wrote:

      Behinderung
      Kör­per­liche, see­li­sche, geistige oder Sin­nes­beeinträch­tigun­gen, die Men­schen in Wechsel­wirkung mit einstellungs- und um­welt­bedingten Bar­rie­ren an der gleich­berechtigten Teil­habe an der Ge­sellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit län­ger als sechs Mona­te hin­dern kön­nen.

      Der Begriff Krankheit passt hier vor allem deshalb nicht, weil man (noch?) keine objektivierbare medizinische Ursache kennt.

      Von einer Krankheit könnte man erst dann sprechen, wenn es eine objektivierbare medizinische Ursache gäbe, die einheitlich auf alle Fälle zuträfe.

      Der Stand der Forschung ist, dass zu wenig über die Ursachen bekannt ist, um es Krankheit nennen zu können.

      Die Vermutungen gehen auch eher dahin, dass bei Fortschritten in der Ursachenforschung das Spektrum in mehrere Untergruppen mit unterschiedlichen Ursachen zerfallen würde. Diese Untergruppen könnte man dann als Krankheiten im Sinne der medizinischen Fachsprache bezeichnen.

      Der Begriff Störung passt hier optimal, weil Autismus oder speziell Asperger-Autismus über die Syptome definiert ist.
      Jede Krankheit ist immer auch eine Störung, aber nicht jede Störung auch eine Krankheit.
      Störung kann auch ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheiten sein. So ist "Diabetes mellitus" zum Beispiel eine Störung, weil es verschiedene Typen von Diabetes mit unterschiedlicher Ursache gibt. Dagegen wäre "Diabetes mellitus Typ I" eine Krankheit, weil es dafür eine einheitliche objektivierbare medizinische Ursache gibt.

      Der Begriff Behinderung passt auf jeden Fall auch. Jede Krankheit oder Störung kann eine Behinderung sein, wenn sie die Teilhabe nur lange genug in ausreichendem Maße einschränkt.

      Alle drei Begriffe sind unter Betroffenen umstritten, weil sie teilweise in abfälliger Form gebraucht werden.
      Im englischsparchigen Raum wird daher anstelle von "autism spectrum disorder" (Autismus Spektrum Störung) oft von "autism spectrum condition" gesprochen. Eine gute und gebräuchliche deutsche Übersetzung dafürf habe ich noch nicht gefunden.

      Ich persönlich finde, dass man sich weder für eine Krankheit noch für eine Störung noch für eine Behinderung schämen muss. Wer diese Begriffe als geeignet ansieht, andere herabzusetzen und zu beleidigen, hat aus meiner Sicht selbst eine Sinnesbeeinträchtigung.

      Als "gestört" möchte ich trotzdem nicht bezeichnet werden, nur weil ich eine Störung habe. Das ist einfach völlig falsch hergeleitet. Ich bin ja auch nicht "gerechnet", nur weil ich neulich eine Rechnung gekriegt habe.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Tuvok wrote:


      Der Begriff Krankheit passt hier vor allem deshalb nicht, weil man (noch?) keine objektivierbare medizinische Ursache kennt.
      Meines Wissens wird das Asperger-Syndrom genau deshalb als "Syndrom" bezeichnet. flexikon.doccheck.com/de/Syndrom

      phantom wrote:

      Hallo, ist Autismus und ich meine im besonderen Asperger-Autismus nun eine Krankheit oder eine Behinderung?
      Wie ist nun der Stand der Medizin?
      Meines Wissens ist es rein medizinisch als "Krankheit" definiert, weil meines Wissens nur Krankheiten eine ICD-Diagnose(-Schlüssel) haben.
      Toleranz ist, wenn Toleranz kein Thema sein muss.

      The post was edited 1 time, last by Several ().

    • Several wrote:

      nur Krankheiten eine ICD-Diagnose(-Schlüssel)

      Das ICD ist die:
      Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme.

      Sie (ICD-10) führt psychische und Verhaltensstörungen im Kapitel V auf. Dort sind auch Störungen der psychischen Entwicklung enthalten.

      Also auch hier stellt sich wieder die Frage, bzw. trifft die Erklärung aus dem Beitrag von Tuvok Autismus - Behinderung oder Krankheit? zu.

      Per Definition ist ASS eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, also keine Krankheit, daher auch die Bezeichnung Phänotyp.
      ASS kann allerdings oftmals mit Komorbidität einhergehen, die wiederum krankhaft sein können, müssen es aber nicht, Komorbidität kann auch ein weiteres abgrenzbares Syndrom sein, welches nicht unbedingt krankhaft sein muss

      Krankheit als solches wird immer auch und erst durch den sog. Leidensdruck definiert, sowie durch sozio-kulturelle, sozio-biologische Kriterien.
      Was in einer Kultur als krankhaft bezeichnet wird, muss es in einer weiteren Kultur nicht unbedingt sein.

      Tuvok wrote:

      "autism spectrum condition" ... Eine gute und gebräuchliche deutsche Übersetzung dafür habe ich noch nicht gefunden

      Die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung, wird manchmal bereits in englischsprachigen Ländern als Autism-Spectrum-Condition bezeichnet, also als eine Zustandsbeschreibung statt einer Störung (engl. disorder) betrachtet.

      Am Stimmigsten hört sich für mich Autism-Spectrum-Phenotype, also Autismus-Spektrum-Phänotyp an.

      (Dies kann auch in Anlehnung an den gängigen Begriff des sog. Broader Autism Phenotype sehr wohl Sinn machen).
    • Tuvok wrote:

      Der Begriff Krankheit passt hier vor allem deshalb nicht, weil man (noch?) keine objektivierbare medizinische Ursache kennt

      Several wrote:

      Meines Wissens wird das Asperger-Syndrom genau deshalb als "Syndrom" bezeichnet.
      Zu Zeiten von Asperger nannte man das Syndrom.
      Die Unterscheidung zwischen Krankheit und Störung im Sinne der oben angegebenen Definitionen aus Pschyrembel ist eine neuere Entwicklung.
      In der 255. Auflage des Pschyrembel von 1986, die mir in Papierform vorliegt, steht es noch nicht so drin. Dafür ist aber die Steinlaus mit einem Eintrag vorhanden :d .

      maksa wrote:

      Per Definition ist ASS eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, also keine Krankheit
      Dass es in der Definition als Störung benannt wird, schließt noch nicht aus, dass es außerdem auch eine Krankheit sein könnte.
      Aber um es als Krankheit im Sinne der Definition nach Pschyrembel bezeichnen zu können, wäre es erforderlich, dass es für alle Fälle von AS eine einheitliche, objektivierbare medizinische Ursache gäbe.
      Eine solche ist bislang nicht gefunden worden und es ist zweifelhaft, dass es eine einheitliche Ursache gibt.

      maksa wrote:

      Die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung, wird manchmal bereits in englischsprachigen Ländern als Autism-Spectrum-Condition bezeichnet, also als eine Zustandsbeschreibung statt einer Störung (engl. disorder) betrachtet.

      Am Stimmigsten hört sich für mich Autism-Spectrum-Phenotype, also Autismus-Spektrum-Phänotyp an.

      (Dies kann auch in Anlehnung an den gängigen Begriff des sog. Broader Autism Phenotype sehr wohl Sinn machen).
      Der broader aututism phenotype bezeichnet aber gerade die Fälle, wo es eben gerade nicht für eine Diagnose Autismus-Spektrum-Störung reicht.
      Das mag zwar irgendwie zum Autismus-Spektrum dazugehören, aber eine Störung ist es in dem Fall eben nicht.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • @Tuvok

      Tuvok wrote:

      Dass es in der Definition als Störung benannt wird, schließt noch nicht aus, dass es außerdem auch eine Krankheit sein könnte
      d. h. ?

      maksa wrote:

      Per Definition ist ASS eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, also keine Krankheit, daher auch die Bezeichnung Phänotyp.
      ASS selbst wird medizinisch als Phänotyp bezeichnet. Somit kann es sowohl den nicht-medizinischen Broader Autism Phenotype geben als auch einen medizinischen Autism Spectrum Phenotype. Dies impliziert keinen Krankheitsbegriff.
      Ich spreche von einem Autism-Spectrum-Phenotype und nicht vom Broader Autism Phenotype.
      Die Übergänge sind fließend.

      Vom Autismus Spektrum Phänotyp spreche ich als stimmige Übersetzungsmöglichkeit zum engl. Begriff Autism Spectrum Condition auf den von Dir weiter oben hingewiesen wurde. Diese Übersetzung ist nicht mit BAP zu verwechseln.

      siehe auch den Thread Gibt es Nicht-Autisten?
      ab Beitrag 106 ff.
    • maksa wrote:

      d. h. ?
      Ich weiß jetzt nicht, was ich da noch zur Erläuterung hinzufügen sollte.
      Wir haben beide die gleiche Störung (AS), aber es ist eben nicht gesagt, dass es bei uns beiden die gleiche Ursache hat.
      Aber wenn das der Fall wäre, dann könnte man auch sagen, dass wir die gleiche Krankheit haben.
      Mit einer Störung ist man nicht grundsätzlich gesunder als mit einer Krankheit.

      So gesehen könnte man vielleicht auch sagen: Autismus ist eine Art Ungesundheit.

      maksa wrote:

      Vom Autismus Spektrum Phänotyp spreche ich als stimmige Übersetzungsmöglichkeit zum engl. Begriff Autism Spectrum Condition auf den von Dir weiter oben hingewiesen wurde.
      Ich habe das ja nicht zu entscheiden, ob man das nun so nennt oder nicht. Ich sehe nur die Verwechslungsgefahr mit dem broader autism phenotype.

      Ich persönlich habe sowieso nichts gegen die Bezeichnung Störung und sehe eigentlich nicht, warum man die um jeden Preis vermeiden sollte. Wenn man irgendwlche Hilfen in Anspruch nehmen will, klingt Störung viel drstischer als die lasche Formulierung Phenotyp, wird aber genau deshalb einen Entscheidungsträger vielleicht eher überzeugen, dass die beantragten Hilfen tatsächlich erforderlich sind. Dann kehr ich doch nicht 5 Minuten später das Sensibelchen raus und fordere, jetzt statt Störung bitte Phenotyp zu sagen, weil ich das Wort "Störung" nicht ertragen kann.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Tuvok wrote:

      Im englischsparchigen Raum wird daher anstelle von "autism spectrum disorder" (Autismus Spektrum Störung) oft von "autism spectrum condition" gesprochen. Eine gute und gebräuchliche deutsche Übersetzung dafürf habe ich noch nicht gefunden.
      Meine 'gute gebräuchliche' Übersetzung wäre Autismus-Spektrum-Phänotyp oder hast Du doch selbst ein Vorschlag? Es ist einfach mein Übersetzungsvorschlag, da Du keinen parat hattest.

      Tuvok wrote:

      Autismus ist eine Art Ungesundheit.
      Also wären nach deiner Definition Behinderungen ungesund?

      Zurück zum Titel: Ist Autismus eine Krankheit oder eine Behinderung, eine Beeinträchtigung, oder beides, eine Störung oder ein Phänotyp, oder kann Autismus beides sein? ...

      Tuvok wrote:

      Wir haben beide die gleiche Störung (AS), aber es ist eben nicht gesagt, dass es bei uns beiden die gleiche Ursache hat.
      Aber wenn das der Fall wäre, dann könnte man auch sagen, dass wir die gleiche Krankheit haben.
      Kann man nur dann von einer Krankheit sprechen, wenn es die gleiche Ursache hat ... ansonsten wäre es eine Störung, warum dann nicht einfach ein Syndrom (wie früher) oder ein Phänotyp, insofern wäre ja die Begrifflichkeit völlig egal, denn das 'Phänomen' ändert sich ja nicht durch den Begriff, der Krankheitsbegriff ist immer auch eine sozio-kulturelle Definition.

      Tuvok wrote:

      das Sensibelchen
      Das war jetzt aber unsensibel :)
    • maksa wrote:

      Meine 'gute gebräuchliche' Übersetzung wäre Autismus-Spektrum-Phänotyp oder hast Du doch selbst ein Vorschlag? Es ist einfach mein Übersetzungsvorschlag, da Du keinen parat hattest.
      Ich habe keinen Übersetzungsvorschlag und brauche keinen, weil ich nicht vorhabe, Texte zu übersetzen, in denen die Formulierung autism spectrum condition vorkommt.
      Ich habe nichts dagegen, wenn von einem Autismus-Spectrum-Phänotypen gesprochen wird. Aber wir haben im deutschspachigen Raum keine Kultur, die darauf ausgerichtet ist, das Wort Störung partout zu vermeiden und durch etwas anderes zu ersetzen, und wir brauchen auch meiner Meinung nach keine. Insofern wird also jeder Übersetzungsvorschlag daran scheitern, dass die deutschsprachige Formulierung deutlich weniger gebräuchlich ist, als die englischsprachige autism spectrum condition.

      maksa wrote:

      Ist Autismus eine Krankheit oder eine Behinderung, eine Beeinträchtigung, oder beides, eine Störung oder ein Phänotyp, oder kann Autismus beides sein?
      Fünf Möglichkeiten anzugeben und dann zu fragen, ob es vielleicht beides sein kann, macht nur begrenz Sinn.
      Die Möglichkeiten schließen sich nicht gegenseitig aus, insofern
      Behinderung: ja
      Beeinträchtigung: ja
      Störung: ja
      Phänotyp: ja
      Krankheit (im Sinne der aktuellen Definition von Pschyrembel): nein.
      Although it can be a problem, I wouldn't swap my autism for anything. It makes me, who I am. I just wouldn't be the same without it.
      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Tuvok wrote:

      Aber um es als Krankheit im Sinne der Definition nach Pschyrembel bezeichnen zu können, wäre es erforderlich, dass es für alle Fälle von AS eine einheitliche, objektivierbare medizinische Ursache gäbe.
      Dann wären Depression und Schizophrenie aber auch keine Krankheiten. Ich glaube, das kann nicht stimmen.

      Man nimmt bei Autismus wie auch bei Depression und Schizophrenie eine abgrenzbare Krankheitsursache bzw. mehrere an, man kennt sie nur noch nicht so genau. Auch Depresssion oder Schizophrenie können verschiedene Ursachen haben, es kommt nur darauf an, dass es eine Ursache gibt (im Gegensatz zu keine objektivierbare Ursache).
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      Dann wären Depression und Schizophrenie aber auch keine Krankheiten.
      Die sind ja auch in ICD als "Störungen" klassifiziert.

      Die Abgrenzung zwischen Krankheit und Störung in diesem Sinne ist auch nicht ganz unwichtig für die Forschung. Wenn ich eine Gruppe von depressiven Probanden mit einer Kontrollgruppe vergleiche, muss ich mir dessen bewusst sein, dass die Depression vielleicht nicht bei allen die gleiche Ursache hat und dass es möglicherweise Teilgruppen gibt, die sich erheblich unterscheiden.

      Das Wort Störung schließt ja nicht aus, dass es medizinische Ursachen gibt. Wenn ich eine Gruppe von Diabetikern untersuche, dann hat auch jeder einzelne davon eine Krankheit, aber wahrscheinlich haben nicht alle die gleiche Krankheit (verschiedene Diabetestypen, die sich sehr deutlich unterscheiden). Deswegen kann ich der Gesamtgruppe nur die Störung Diabetes zuordnen.

      Bei psychischen Störungen weiß ich meistens noch nicht einmal, wie viele verschiedene Typen mit unterschiedlichen Ursachen es sind, deswegen passt da grundsätzlich Störung am besten.
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      Obwohl er Probleme machen kann, würde ich meinen Autismus gegen nichts in der Welt tauschen. Er macht mich zu der, die ich bin. Ich wäre einfach nicht dieselbe ohne ihn. (Rosie King)
    • Tuvok wrote:

      "autism spectrum condition" ... Eine gute und gebräuchliche deutsche Übersetzung dafür habe ich noch nicht gefunden.

      Tuvok wrote:

      Ich habe keinen Übersetzungsvorschlag und brauche keinen, weil ich nicht vorhabe, Texte zu übersetzen, in denen die Formulierung autism spectrum condition vorkommt.
      In der obigen Situation hast Du eine Übersetzung gebraucht und die Formulierung 'noch nicht' verwendet, dies hat mich zu meinen Überlegungen angeregt. Vielleicht wäre es dann einfach auch sinnvoller von Dir gewesen die Formulierung 'noch nicht' und den Begriff Autism Spectrum Condition nicht zu verwenden, weil Dich eine Übersetzung, die von einer dieser Formulierung suggeriert wurde gar nicht interessiert.

      Nun mich hat die Übersetzung Autismus-Spektrum-Phänotyp sehr gefreut, da ich dadurch vieles erkennen durfte und dazugelernt habe und er auch hin und wieder in Studien Verwendung findet, dort allerdings als Autismus Phänotyp, also so ganz abwegig ist mein Übersetzungsvorschlag nicht.

      Mir geht und ging es nie in meiner Formulierung um die Vermeidung und Negierung des Begriffes 'Störung', mir geht es eher um die (kreative menschliche) Erweiterung, sei es hinsichtlich starrer Formulierungen, Toleranz, dem Abbauen verhärteter Abgrenzungen. Das im deutschsprachigen Raum hierzu keine Kultur vorhanden scheint, wie von Dir bemerkt, finde ich auch bemerkenswert, bzw. bedenklich.
      Es hält mich allerdings nicht ab mir selbst kreative Gedanken zu machen.

      Tuvok wrote:

      Die Möglichkeiten schließen sich nicht gegenseitig aus, insofern
      Behinderung: ja
      Beeinträchtigung: ja
      Störung: ja
      Phänotyp: ja
      Krankheit (im Sinne der aktuellen Definition von Pschyrembel): nein.
      Danke für Deine Geduld bei der Beantwortung meiner Fragestellung und Erörterung zum Thema Autismus-Phänotyp :)
    • Die Beantwortung der anfangs gestellten Frage hängt vom Standpunkt ab.
      Mediziner sehe es als Krankheit, Psychologen als Störung, Behörden als Behinderung, Soziologen als Exzentrizität ... etc.
      Letztlich ist es "nur" eine angeborene andere Verschaltung von Nervenbahnen im Gehirn (ohne Umwege durchs Limbische System), somit eine "Normvariante".

      Mit der zunehmenden Zahl der Diagnosen von AS stellt sich die Frage, was ist (noch) die Norm? Die Mehrheit? Bis 2050 sollen schon 50 % der Schulkinder als "im Spektrum" diagnostiziert sein (US-Studie), die dann folgende Generation hat dann mehrheitlich die eine oder andere Form von Autismus, stellt also die Mehrheit, die Norm dar. Ab dann sind dann die NTs die Normvariante! Wird dann NT-Sein eine Krankheit/Störung/Behinderung genannt? (Oh, ich wünschte, ich wäre dabei, das wird spannend!)
    • Vera-Stolze wrote:

      die dann folgende Generation hat dann mehrheitlich die eine oder andere Form von Autismus,
      Hat vielleicht eine Diagnose (falls die Kriterien immer weiter aufgeweicht werden), aber das hat dann nichts mehr mit dem zu tun, was heute als Autismus gilt, damit besteht nicht die Gesellschaft mehrheitlich aus wirklichen (im Sinne der Diagnosekriterien) Autisten. Bei solchen "Schätzungen" wird einfach die mit der breiteren Bekanntheit von Autismus zunehmende Wahrscheinlichkeit, dass ein Autist auch als solcher erkannt wird, und die daraus resultierende ansteigende Zahl von Diagnosen unbegrenzt linear fortgeschrieben, ohne zu berücksichtigen, dass diese (bei gleichbleibenden Kriterien) durch die Zahl der tatsächlich vorhandenen Autisten begrenzt wird. Verlängert man das weiter, gibt es irgendwann im nächsten Jahrhundert 110% Autisten...
    • @HCS
      So sehe ich das auch. Heute werden doch bereits Dinge wie "Kompensationsstrategien" oder "Social Masking" bei der Diagnostik berücksichtigt (bei den professionellen Diagnostikstellen zumindest), dadurch werden auch die scheinbar "Unauffälligen" diagnostiziert (was ich gut finde). Eine weitere Aufweichung der Diagnosekriterien würde daher aus meiner Sicht keinen Sinn machen. Die möglichen Folgen einer weiteren Aufweichung könnten fatal sein, z.B. könnten einem Großteil der diagnostizierten Autisten wichtige Hilfen verwehrt werden, Versorgungsämter würden sich permanent querstellen, da Autismus als Beeinträchtigung nicht mehr ernst genommen würde.
    • Vera-Stolze wrote:

      Letztlich ist es "nur" eine angeborene andere Verschaltung von Nervenbahnen im Gehirn (ohne Umwege durchs Limbische System), somit eine "Normvariante".
      Genau.

      Grübler_1988 wrote:

      Die möglichen Folgen einer weiteren Aufweichung könnten fatal sein, z.B. könnten einem Großteil der diagnostizierten Autisten wichtige Hilfen verwehrt werden, Versorgungsämter würden sich permanent querstellen, da Autismus als Beeinträchtigung nicht mehr ernst genommen würde.
      Stimmt, das findet ja bereits in manchen Teilen Deutschlands beunruhigenderweise so statt.

      Vera-Stolze wrote:

      Mit der zunehmenden Zahl der Diagnosen von AS stellt sich die Frage, was ist (noch) die Norm?
      Es wird ja nicht eine unendlich ansteigende Zahl von ASS Diagnose geben, die hohe Zunahme die momentan zu beobachten ist, resultiert auch aus der Diagnose von älteren AS (z. B. über vierzig) über die bisher hinweg gesehen wurde und auch aus der Zunahme von Diagnosestellen, sowie einer breiteren Information zum Thema ASS in der Bevölkerung.

      Ja aber was ist (noch) die Norm?
      Das finde ich eine ganz wesentliche Frage.

      maksa wrote:

      denn es gibt eine subjektive und künstlich geformte kulturelle Norm, aber es kann keine ideelle objektive Norm geben. Der Normbegriff ist immer kulturrelevant und etwas künstlich Geschaffenes.
      Am Beispiel des Gehirns, kein Gehirn gleicht bei präziser Betrachtung einem anderen, d.h. das Ideal von Gehirn kann nur künstlich geschaffen werden durch vergleichende, wertende Maßstäbe.
      Mir selbst ist das zu wenig kreativ und unnatürlich.
    • Several wrote:

      Meines Wissens ist es rein medizinisch als "Krankheit" definiert, weil meines Wissens nur Krankheiten eine ICD-Diagnose(-Schlüssel) haben.
      Nein, da stehen auch Störungen drin.

      Die ICD ist in 22 Kapitel aufgeteilt und unterteilt nach Krankheiten und Störungen. Autismus ist im Kapitel V zu finden, dieses ist als "Psychische und Verhaltensstörungen" bezeichnet. Da es sich um ein Syndrom handelt, also einer Gruppe von Symptomen, nach denen es auch diagnostiziert wird und über die Lebensspanne persistiert, d.h. auch nicht heilbar ist, wird es nicht als Krankheit im engeren Sinne definiert.

      Prof. Vogeley hat in seinen Vorträgen dazu ausgeführt - u.a. auch sein Buch "Anders sein" - , dass diese Symptome einen gewissen Leidensdruck erzeugen müssten, damit auch eine Zuordnung zu den entsprechenden ICD-Diagnosen erfolgen kann. Selbst spricht er statt von "Krankheit" vom beigemessenen "Krankheitswert".
      Also ein Leiden an einer ASS, die ein gewisses Leiden ausdrückt. M.E. nachvollziehbar, da die ICD ja Störungen und Krankheiten umfasst und Diagnosen haben ja auch Konsequenzen: In erster Linie, dass "Hilfen ausgeschüttet werden". So Prof. Vogeley auf dem Autismus-Kongress in Lübeck dieses Jahr.

      Kann also durchaus sein, dass jemand autistisches Verhalten zeigt, dieses jedoch keinem Diagnoseschlüssel zugeordnet wird, sprich: Keine Diagnose i.S. der ICD erteilt wird, da entweder die Ausprägung zu "schwach" ist, nicht die Symptome erkennbar sind, die die Definition der ICD anzeigt und / oder kein Krankheitswert ermittelt werden kann, also kein Leidensdruck bzw. Einschränkungen vorliegen.

      Aus der Praxis: Mein Sohn erhält mit einer ASS / ADHS keinerlei auf diese Störungen bezogenen Hilfsmaßnahmen durch die Krankenkasse (nur durch die Pflegekasse, die bei der Krankenkasse angesiedelt ist. Das ist jedoch das Thema Pflegegrad). - Die Krankenkasse zahlt deswegen nicht, da Autismus eben nicht "heilbar" ist.
      So wurde es uns erklärt. Hilfsmaßnahmen erfolgen über die Eingliederungshilfe über die Definition einer "Behinderung".
      Sollten - was ich nicht hoffe - z.B. Depressionen aus der ASS entstehen, dann würde die KK i.d.R. z.B. eine Psychotherapie übernehmen. Das hängt natürlich auch noch vom Therapeuten selbst ab (Privat abrechnend oder über KK).

      Ich sehe für mich ganz persönlich "Behinderung" als zutreffend, da ich mich durch den Autismus an der Teilhabe behindert sehe. Jedoch möchte ich nicht von anderen so betrachtet oder gesehen werden, da der Begriff leider immer noch negativ behaftet ist. Kürzlich hat eine Freundin mir unterstellt, ich würde meinen Sohn als behindert und krank darstellen, da ich ihn mal als Autist bezeichnet habe. Das ist wieder so typisch an der Kommunikation von nicht-autistischen Menschen. Es wird alles vermischt.

      Mein Sohn wiederum sieht sich nicht als "behindert", wohl aber als "Autist".
      Stolzer Papa von Autinaut (HFA) :nod: - und einander irgendwie ähnlich... und doch anders...

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