Blickkontakt und Mimik...

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    • Blickkontakt und Mimik...

      Hallo!

      Es gibt da was, was ich noch nicht so ganz verstanden habe, bzw nicht weiß ich ob es richtig interpretiere, daher hätte ich gerne eure Meinungen und Erfahrungen dazu.
      Man liest ja praktisch überall, dass Autisten keinen Blickkontakt halten KÖNNEN, dass sie Mimik weder deuten noch selbst großartig welche haben, etc.
      Ich hätte da gerne ne klarere Aussage dazu.

      Ich habe den Baron Cohen-Augenpartietest nun schon mehrmals gemacht, Punkzahl ist so durchschnitt bei mir 14 von 36.
      Also ich schaue Menschen schon in die Augen. Bzw ich schaue wo sie hinschauen, beobachte sie, schau mir die Farbe an, die Form, etc, also eigentlich lenken sie mich sehr ab und ich kann nicht mehr wirklich zuhören. Aber reinschauen kann ich schon. Was ist also damit gemeint.
      Ebenso geht es mir mit der Mimik. Ich werde stark von Auffälligkeiten abgelenkt, auch sehr von Piercings im Gesicht, draufschauen tu ich schon, manchmal wohl zu sehr.
      Ich erkenne schon, wenn jemand weint oder lacht oder böse schaut, aber ich behaupte das wars auch.
      Ich kann Gesprächen nicht lange folgen, verpasse oft das Wesentliche und kann auch kaum ein Gespräch aufrecht erhalten, wenn ich es überhaupt schaffe eins zu führen, wenn ich nicht gerade mit einer Liste von Teamordnungspunkten im Team sitze und alles nacheinander abhake. Sonst ist das bei Gesprächen völlig anders. Also eigentlich steh ich eher stumm daneben. Außer es handelt sich um Familie oder enge Arbeitskollegen, da ist es dann anders und ich unterhalte mich auch schon mal etwas länger.
      Durch Ausbildung, Beruf und Videos/Bücher hab ich zwar viel gelernt, behaupte aber immer noch Menschen einfach nicht ordentlich durchschauen zu können. Also eigentlich gar nicht :oops:
      Weiß nicht wie meine Mimik ist. Habe als Kind lange vor dem Spiegel deswegen gestanden. Ich behaupte meine Mimik ist übertrieben, ich schneide oft Grimassen.

      Also was genau müsste man können und was kann man als Autist nicht? Ich dachte immer nur ich sei nur schüchtern, bin ich aber tatsächlich nicht wirklich. Ich weiß nur einfach nicht was sagen, wie antworten, wie mich auch sinnlose Gespräche zu konzentrieren, wenn andere Dinge viel interessanter sind, weiß nie was jemand überhaupt von mir im Gespräch als Antwort "erwartet" (allein der Gedanke daran finde ich schon unnormal), etc...

      Danke,
      LG

      ADD
      Selbstdiagose... oder einfach nur komisch?!
    • ADD83 wrote:

      Man liest ja praktisch überall, dass Autisten keinen Blickkontakt halten KÖNNEN, dass sie Mimik weder deuten noch selbst großartig welche haben
      Niemand behauptet seriös, dass Autisten generell keinen Blickkontakt halten können, und bei der Mimik das Gleiche. Beides ist zwar häufig, aber eben nicht immer vorhanden (und auch nicht Diagnosevoraussetzung).
      Die Sache mit dem Blickkontakt ist wohl auch für Fachleute nicht immer einfach festzustellen - mancher hat da ausgefeilte Techniken entwickelt, um ihn zu simulieren. Ich dachte auch immer, da wäre ich untypisch (sagte der Psychiater auch - um gleich hinterherzuschieben, dass das wohl antrainiert sei, und ihn der Tat gehöre ich zu einer Generation, wo in der Erziehung sehr darauf geachtet wurde), bis ich dann mal gemerkt habe, dass ich zumindest bei einem Teil der Leute zeitweilig haarscharf über den Scheitel an die Wand schaue. Und wenn ich mit zwei Leuten gleichzeitig spreche, läuft der Wechsel des Blicks vom einen zum anderen ganz rational ab: "jetzt wird es Zeit, auch mal den anderen anzuschauen".
      Und starre Mimik gibt es in meiner Familie nicht (3 diagnostizierte AS, 2 VAs), kenne ich auch von Aspie-Treffen nicht wirklich. In Mimik lesen bin ich unterdurchschnittlich (22 Treffer im Augenpartientest) aber gerade noch im Normalbereich, meine Tochter ist unauffällig. Da liegst Du mit Deinen 14 schon recht weit unten, weit unterhalb des Normalen.
      Das ist so ähnlich wie mit der Sprachmelodie, die ja auch als mitunter auffällig genannt wird - da kenne ich nur einen Aspie, bei dem ich das wirklich auffällig finde, meinen Neffen.
    • @HCS

      Sehr interessant, danke!

      Ja, stimmt, in der Erziehung habe ich das auch oft gesagt gekriegt „schau mich an wenn ich mit dir rede“ vergleichbar mit „gib mal einen ordentlichen Händedruck“ und „auf der Straße immer schön grüßen“, wobei das mit dem Händedruck sich ja schonmal erstmal erledigt hat ;)
      Selbstdiagose... oder einfach nur komisch?!
    • @Tux

      Interessant. Das passiert(e) mir früher wenn ich jemanden toll fand. Einfach mal ewige Zeit direkt angestarrt. Konnte aber auch kaum weggucken. Nix mit flirten hin und wieder weg oder wie das geht. Gottseidank fand mein Mann das anscheinend nicht aufdringlich oder komisch :lol:

      Woher weißt du wie dein Blick wirkt, wird dir das gesagt?
      Selbstdiagose... oder einfach nur komisch?!
    • Fremden Menschen kann ich nur schwer bis gar nicht in die Augen sehen. Wenn ich Menschen dann besser kennenlerne, z.B. Therapeut, Arzt, dann starre ich oft, so wie ich es mir in der Schule antrainiert hatte. Ich schaue auch nicht wirklich in die Augen, ich schaue drauf. Mimik etc. des Gegenübers nehme ich nur wahr wenn sie extrem ausgeprägt sind. Mir wurde schon ein paarmal gesagt das ich nicht "spiegele", d.h. wenn der andere z.B. lacht, was im gemeinen dazu führt das NT "mitlachen", dann passiert bei mir gar nichts. Das ist scheinbar unangenehm für die anderen.
      Das "auf der Strasse grüssen" war ein Riesenproblem für mich weil für mich alle Gesichter nahezu gleich aussehen. Am Anfang als Kind habe ich dann oft Fremde gegrüsst, die mich nicht kannten. Das hatte ich dann wegen der Peinlichkeit abgestellt und es kamen als Folge Beschwerden warum ich denn z.B. den Nachbarn nicht grüsse.
      Den Augenpartietest kann ich nicht durchführen, bei mir baut sich bei den vielen Augenpaaren ein so unangenehmes Gefühl im Nacken/Kopfbereich auf das ich das fast als Schmerz empfinde.
      Loyaulté me Lie
    • Ich kann fremden Menschen nicht in die Augen schauen. Bei flüchtigen Bekanntschaften kann ich nicht einmal die Gesichter erkennen. Und bei den engsten Familienmitgliedern neige ich dazu, sie anzustarren. Sogar Blickkontakt halten mit meinen neuen Kollegen fällt mir verdammt schwer. Das geht so weit, dass ich nicht ihre Augenfarben kenne.
    • @Randfigur

      Ich sollte immer alle grüßen, das machte es mir etwas einfacher.
      Sind solche Gesichter für dich einfach alle gleich, oder kannst du sie nur nicht zuordnen?

      Ich kann Leute oft nach langem Gespräch (zB auf dem Amt) danach nicht beschreiben, oft sehe ich Menschen auf der Straße, weiß dass ich sie irgendwoher kenne, kann sie aber nicht zuordnen. Oder zB wohne ich seit 15 Jahren jetzt in einem Ort, wo ich wirklich nur die kenne, mit denen ich öfters was zu tun hatte, sonst kenne ich weder Namen, noch Gesichter dazu, obwohl es hier üblich ist, dass wirklich jeder über jeden redet und es kaum ein anderes Thema gibt. Davon abgesehen dass mich sowas nicht interessiert, kann ich einfach aus dem Grund schon nicht mitreden...
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    • @Tux

      das Gefühl hatte ich mal bei einer Kassiererin. Immer wenn sie abkassiert hat, hat sie einem beim "Tschüß, ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!" extrem fixiert, konnte man auch irgendwie nicht weggucken, sah etwas "zombiemäßig" aus, weil sie dabei so irgendwie künstlich gelächelt hat, keine Ahnung ob sie das absichtlich gemacht hat. Hat mich an eine Puppe erinnert und ich hasse Puppen (ich grusel mich teilweise dran vorbei zu laufen, weil ich nicht an ihren "Blicken" vorbeilaufen will). Vielleicht fanden das alle anderen ja sehr freundlich und aufmerksam und ich habs falsch interpretiert ;)

      Am liebsten rede ich im Auto mit Blick nach vorne, oder beim Laufen nebeneinander. Kann man fast nix falsch machen und es fühlt sich viel natürlicher an.
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    • Die Gesichter wirken alle auf mich gleich. Ich könnte jetzt nicht das Gesicht meiner Mutter en détail beschreiben, selbst wenn mein Leben davon abhängen würde. Ich würde sagen: "Augen, Nase, Mund, wohl auch Ohren und Haare."
      Zuordnen ist eher nicht das Problem. Der Kreis der Menschen die ich kenne ist sehr überschaubar, zumal ich das Haus auch meist nur 12-15x pro Jahr verlasse.
      Loyaulté me Lie
    • @Randfigur

      Ok, also meine nahen Verwandten könnte ich gut beschreiben, da ich dann doch sehr auf Details achte (liegt aber auch an meinem kategorisieren der Familienmitglieder, wer hat welche Augenfarbe, wer ähnelt wem, wie sind ihre Namen rückwärts ausgesprochen und was ist ihre Bedeutung, wer ist wann geboren, etc)
      Ich könnte bei Fremden eher sagen, ob sie gefärbte Haare haben (weil ich das nicht mag), wie sie reichen, wie sich ihre Stimme anhört, etc.

      Auf was achtest du denn dann bei anderen Menschen? Oder hast du das wegen Nicht-Notwendigkeit einfach "ausgeschalten"?
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    • Blickkontakt halten kann ich nicht. In Gesprächen wo ich emotional/thematisch konzentriert bin denke ich gar nicht dran. Ich würde/hätte gerne ein paar Menschen gerne mehr in die Augen geschaut, aber es ist mir nicht möglich. Mir kam auch schon die Idee das mal zu trainieren, aber dafür fehlt mir gerade der Rahmen (RW) bzw. Augen/Menschen die ich anstarren kann, wenn das komisch wirkt. Wenn ich, zum Beispiel, im Supermarkt bin dann habe ich ein gewisses Schema. Zuerst, also wenn ich an der Reihe bin, dann schaue ich kurz die Kassiererin an und dann packe ich die Waren in den Korb. Erst beim bezahlen schaue ich wieder die Kassiererin an. Alles für vielleicht ein zwei Sekunden, da ich sonst denke das mein Blick die Kassiererin durchbohrt. (RW) Und Blickkontakt gleichzeitig mit einem Lächeln geht überhaupt nicht. Der eine Kassierer, irgendwas um die Mitte zwanzig (keine Ahnung kann nicht gut das Alter schätzen) macht ab und zu nen lustigen Spruch und ich mache dann einen zurück, aber dabei kann ich keinen Blickkontakt aufbauen. (RW) Irgendwie komisch, eins geht nur, beides zusammen bekomme ich nicht hin. Das liest sich vielleicht einfach, aber ich habe ne Weile gebraucht um diese Routine zu beherrschen. Vorher habe ich gar nicht geschaut.
      Auch mit Gesichtern habe ich Probleme. Ich denke nicht, dass ich Gesichtsblind bin, aber ein einziges mir bekanntes Gesicht aus vielen innerhalb kurzer Zeit zu erkennen schaffe ich auch nicht. Mein Hirn ist da überfordert und ich merke den Stress regelrecht. Neulich bin ich mit dem Fahrrad langsam an einem Drachenboot vorbei gefahren (5m entfernt) und ich wusste das ein Bekannter im Boot saß, ich habe ihn aber nicht erkannt. Ich habe zwar die ganzen Gesichter gesehen, aber diese irgendwie nicht wahrgenommen. Also gedanklich oder so. Der zuständige Teil für die Gesichtserkennung des Hirns hat aufgehört zu arbeiten. (RW) Wenn ich die Person nun alleine oder in einer kleinen Gruppe (10er Drachenboot ist wohl schon zu groß) sehe, habe ich keine Probleme.

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    • Lange vor meinem Autismus-Verdacht sah ich mal eine Dokumentation, in der es um nonverbale Kommunikation und speziell Blickkontakt ging. Dabei fiel mir dann auf, dass ich so gut wie keinen Blickkontakt halte in Gesprächen und fing an, es zu trainieren. Ich kann daher in Gesprächen meinem Gegenüber in die Augen schauen, aber ich bin heute noch unsicher und ständig am Überlegen, ob die Zeitspanne jetzt ok ist, wann ich hinschaue, wann ich wegschaue. Es ist jedesmal ein aktiver Prozess bei mir und ich glaube, Nichtautisten halten unbewusst Blickkontakt.
      So kann es eigentlich nicht weitergehen. Wird es aber.
    • @kim

      Unbewusst könnte gut sein. Ich glaube bei NA läuft viel unbewusst. Wie auch immer das funktioniert. Ich dachte immer ich bin nur zu langsam und krieg halt nix mit. War schon immer ein blödes Gefühl.

      Jetzt wo ich auch drüber nachdenke, ich kann auch nicht in beide Augen gleichzeitig gucken. Ich schau mal links, mal rechts, immer nur wenige Sekunden, dann wieder weg, weil ich denke dass es jemand merkt.
      Selbstdiagose... oder einfach nur komisch?!
    • @platzhalter

      Ok, also mit den Kassierern mache ich das genauso. Anschauen bevor sie abkassieren und dann nochmal beim Gehen. Und mehr als 1-2 Sekunden guck ich nie hin. Das Gesicht schaue ich nur an, wenn sie nicht schauen (also allgemein, nicht nur Kassierer).
      Dachte immer das wäre völlig normal. Also mir wäre dein Verhalten schonmal nicht auffällig oder würde es als komisch bewerten.
      Selbstdiagose... oder einfach nur komisch?!
    • Meine persönliche Strategie im Umgang mit anderen Menschen war/ist es sie zu vermeiden wo es nur geht. Für die paar Kontakte die mir aufgezwungen werden habe ich kleine Scripte, die ich durchlaufen lasse. Problematisch wird es nur wenn etwas unvorhergesehenes passiert. Das ist im Grunde das was du als deine Kassensituation beschreibst.

      Das was kim schreibt kenne ich auch zur Genüge. Man ist soviel damit beschäftigt irgendwelche vermeindlichen Erwartungshaltungen anderer Personen (Zeitspanne Augenkontakt z.B.) zu erfüllen, das man das was eigentlich wichtig ist, wie den Gesprächsinhalt, fast verpasst. War in der Schule besonders anstrengend. Durch die vielen Störungsquellen im Raum, wie Geräusche, Unterhaltungen im Geflüster, Gerüche konnte ich dem Unterricht nur schwer folgen. Dazu dann eben das Drumherum im Bezug auf die eigene Aussenwirkung. Starren, nicht starren, sitz ich richtig? Sind meine Füße richtig aufgestellt? Flattern meine Hände nicht zu sehr? Usw. usw. Wie ich das Abi geschafft habe ist mir bis heute schleierhaft.

      ad: harmonicfour, so wie du erkenne ich ebenfalls Personen. An Kleidung, natürlich auch Namen.
      Loyaulté me Lie