Gedanken und Austausch über „Aspie Criteria“, das Spektrum, autistische(?) Eigenschaften und Bewertungen

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    • Gedanken und Austausch über „Aspie Criteria“, das Spektrum, autistische(?) Eigenschaften und Bewertungen

      Ausgehend von den Diskussionen, die im Forum aktuell in verschiedenen Threads (z. B. hier oder hier) ,geführt werden, habe ich versucht meine Gedanken, zu den im Titel genannten Themen, zu verbinden und Thesen (weiter) zu entwickeln.

      Dass Menschen mit bestimmten Syndromen, bestimmte Eigenschaften vermehrt zugeschrieben werden, ist kein Novum. Das bedeutet jedoch weder, das alle Menschen mit diesem Syndrom auch tatsächlich die Eigenschaft X haben noch heißt es ebenso wenig, dass Menschen ohne das Syndrom die Eigenschaft nicht auch aufweisen können. Jeder Mensch bleibt Individuum.


      Aspie Criteria

      In Abgrenzung zu der defizitorientierten Beschreibung des Asperger-Syndroms durch die medizinischen Klassifikationsmanuale ICD und DSM haben T. Attwood und C. Gray mit „The Discovery of Aspie Criteria“ den Fokus nicht auf Einschränkungen und Mängel gerichtet, sondern Eigenschaften aufgelistet, die mit dem Asperger-Syndrom als typischerweise einhergehend angesehen und gewöhnlich eher positiv konnotiert sind. So werden beispielsweise Attribute wie Ehrlichkeit und Loyalität genannt.

      Was der eine Leser als „gesehen werden“, als „Wertschätzung an seiner Art zu sein“ versteht, mutet dem anderen als nicht ernstnehmbare Hybris an. Der immer ehrliche Aspie, stets rational und logisch, loyal und tiefgründig. Ein neuer Mensch?


      Aspie: Defizitär oder Übermensch?

      Manche Leser kritisieren an Attwood, dass er versuche einen positiven Prototypen eines „Ideal-Aspergers“ zu zeichnen und dabei den Blick für die klinischen Einschränkungen verliere. Allerdings: Man muss den Bogen gar nicht so weit spannen (RW), um z. B. von Subtextschwäche und dem Fehlen intuitiv verstandener sozialer Spielregeln zu „ehrlich“ zu gelangen und von dem Bedürfnis nach Routine und der Angst vor Veränderungen zu „loyal“.

      Ich denke nicht, dass Eigenschaften an sich immanente Werte haben. Vielmehr denke ich, dass es wenig sinnvoll ist, eine Eigenschaft isoliert bewerten zu wollen. Ein und dieselbe Eigenschaft kann sich schließlich in unterschiedlichen Settings und bei wechselnden Rahmenbedingungen als nützlich oder schädlich erweisen. Sie kann positive, neutrale oder negative Effekte auf das Individuum und die Spezies haben.

      Oft werden Menschen nach ihren Stärken und Schwächen gefragt. Ich frage mich: Warum nicht (wert-)neutraler nach Eigenschaften fragen? Warum schon unbedingt eine Bewertung vorwegnehmen? Würde ich nach einer meiner größten Stärken befragt werden, so antwortete ich sicherlich: „Loyalität“. Wäre die Frage die, nach einer meiner größten Schwächen, so bliebe die Antwort mittlerweile die Gleiche. Es ist eine Eigenschaft von mir, sehr loyal zu sein. Diese Eigenschaft kann eine große Stärke sein und positive Resultate bewirken. Sie kann mir (und anderen) aber (potentiell) auch schaden – dann, wenn ich loyal dableibe, obwohl es besser wäre zu gehen.

      Ich bin keine (Evolutions-)Biologin. Ich glaube aber, dass es sinnvoll ist, anzunehmen, dass eine Spezies über einen langen Zeitraum besonders erfolgreich existieren kann, wenn sie möglichst viele Nischen besetzen und sich anpassen kann. Ich sehe die Menschheit als eine solche Spezies an. „Neurotypie“ sehe ich als menschliches neuronales Default-Programm. Es ist der „Allrounder“ im weiten Feld der Neurodiversität*. Der typische „neuronale Code“ ist am weitesten verbreitet. Eine große Anzahl neurotypischer Menschen im allgemeinen Genpool hat zumindest bislang nicht zum Aussterben der Spezies geführt.

      Mutationen (die nicht zum Ausscheiden aus dem Genpool führen) und Vererbung bringen [immer mal wieder] andere, atypische neuronale Codes hervor und ggf. in den Genpool ein, die dann unter Namen wie Schizophrenie, Borderline, ADHS oder eben Autismus klassifiziert und bekannt werden.

      Ich gehe davon aus, dass eine neurodiverse Spezies auf längerer Sicht bessere Aussichten auf Fortbestand hat als eine neurohomogene. „Neuro-Atypien“ bergen einerseits große Chancen, neue Nischen zu besiedeln oder besser mit neuen Problemem umgehen zu können. Andererseits stellen sie aber auch ein Risiko dar und gefährden schlimmstenfalls die Spezies. Abweichungen von der Norm können positive, neutrale und negative Auswirkungen haben, sowohl für das Individuum als auch die ganze Art.

      Die Sichtweise, das Asperger-Syndrom als nächsten Evolutionssprung der Spezies Mensch zu betrachten, teile ich nicht. Sie scheint mir weder naturwissenschaftlich noch ethisch haltbar zu sein. Für manch einen Autisten, der große Schwierigkeiten hat, in seinem Alltag zurechtzukommen oder Angehörige „schwer Betroffener“ samt SbA, Betreuung und Erwerbsunfähigkeit mag diese Interpretation wie Hohn erscheinen. Die Bezeichnung „Autismus“ war vor nicht allzu langer Zeit, jenen vorbehalten, die von frühster Kindheit an auffällige Manierismen aufweisen, größtenteils nonverbal sind und sogar zu einem nicht unerheblichen Teil geistig behindert. Erst nach und nach kam die Idee eines autistischen Spektrums auf, das heute eine Spanne von Autisten mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten bis hin zu Autisten, die sich nie allein versorgen werden können, umfasst. Asperger-, Kanner-, und atypische Autisten werden Teil einer gemeinsamen Störung, der „Autismus-Spektrum-Störung“.


      Im Spektrum

      Der Spektrums-Gedanke ist nicht nur ein besseres Modell zur Wiedergabe des aktuellen Kenntnisstandes, sondern auch ein inkludierender: Soll er doch Menschen innerhalb des Spektrums verbinden und nicht länger separieren. Alle sitzen im gleichen Spektrum. Doch nicht allen gefällt das Konzept. Aber warum nicht? Könnte es an autistischen Kerneigenschaften liegen, sich schwer zu tun mit einem Konzept, das naturgemäß unscharf ist?

      Eine Eigenschaft autistischen Denkens ist es, Schwierigkeiten in der Perspektivübernahme zu haben und [stattdessen] von den Inhalten der eigenen Gedanken und Gefühle, auf die des anderen zu schließen. Wer im klinischen Sinne „nur“ leicht oder mittelstark eingeschränkt ist, gut kompensieren kann (z. B. durch hohe Intelligenz, Therapien), und ein günstiges, unterstützendes Umfeld hat, wird seinen Autismus womöglich weniger als Krankheit und/oder Behinderung wahrnehmen als eine Person, die sehr massive Alltagseinschränkungen durch ihren Autismus erfährt. Nur invalidiert das Erleben des einen Autisten das Erleben des anderen nicht. Das Spektrum reicht vom äußeren Rand eines BAP bis zum nonverbalen „Kanner-Autisten“. Die Kernsymptome überlappen sich, aber die Ausprägung und die Stärke der Einschränkungen kann innerhalb des Spektrums stark variieren. Die ICD-11 will diesem Umstand durch eine Unterteilung in drei Schweregrade gerecht werden.

      Eine Eigenschaft autistischen Denkens ist die Präferenz für klare, eindeutige Regeln und eine Vorliebe für Kategorisierungen. Eine andere Eigenschaft autistischen Denkens ist das Denken in Polaritäten. Dieses Denken kennt keine Zwischenstufen, nur schwarz oder weiß. Das autistische Spektrum hat aber keine klare Grenze (mehr) und dafür umso mehr Grauzonen und unterschiedliche Schattierungen.

      Das menschliche Gehirn versucht sich fortwährend ein aktuelles Bild von der Zukunft zu machen (Bayesian Updating). Das Gehirn muss sämtliche neu eingehenden Reize mit den vorherigen Vergleichen, um zu einem Status-Update zu gelangen. Dieser Loop läuft ständig im Gehirn: Die Welt interpretieren und Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft berechnen. Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass Autisten Probleme mit der Integration neuer sensorischer Reize und dem Abgleich mit den alten Informationen haben. Das macht die Welt für Autisten im Vergleich zu neurotypischen Nicht-Autisten unvorhersehbarer und damit auch unsicherer und fordernder. Der Wunsch nach Eindeutigkeit, klaren Regeln, Sameness kann somit als Versuch verstanden werden, die Welt berechenbarer zu machen.

      Eine Eigenschaft autistischen Denkens ist die Fokussierung auf Details und die Schwierigkeit das Gesamtbild zu erfassen/herzustellen. Nicht alle Autisten haben in den gleichen Bereichen Einschränkungen. Nicht jeder hat ein Spezialinteresse oder folgt sehr rigiden Routinen. Möglicherweise vergleichen einige Autisten autistische Verhaltensweisen zu sehr auf der Detailebene, wodurch sie mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten feststellen. Der Autismus des anderen wird vielleicht richtig aberkannt, da er nicht richtig erkannt wird.

      Mir persönlich gefällt der Gedanke eines großen Spektrums, das die Kernkriterien vereint, aber Raum für individuelle Ausprägungen und unterschiedliche Schweregrade lässt. Dass der Begriff „Aspie“ zur Selbsterhöhung und Degradierung von „Nicht-Asperger-Autisten“ genutzt wird, war mir nicht bekannt. Ich kann auch nicht beurteilen, wie viele Autisten mit Asperger-Diagnose wirklich so denken, aber ich konnte noch nie das Bedürfnis verstehen, sich überhaupt als „wertiger“ als andere Menschen zu betrachten. Ich verstehe unter „Aspie“ eine sprachliche Verniedlichung, die teilweise innerhalb des Spektrums zur Selbst- oder Fremdbezeichnung genutzt wird, ohne damit einen Status manifestieren zu wollen. Ich verbinde mit dem Begriff „Asperger/Aspie“ keine Ideologie und auch nicht Hans Asperger als Person.

      In der Beibehaltung des Asperger-Begriffs sehe ich hingegen auch keinen Mehrwert. Die geschaffenen Kategorien erwiesen sich als weniger geeignet als früher angenommen wurde. Wenn sich beispielsweise ein „frühkindlicher Kanner-Autist“ und ein „Asperger-Autist“ in der konkreten Ausgestaltung ihres Autismus (in späteren Jahren) ähnlicher sein können als zwei „Kanner-“ oder zwei „Asperger-Autisten“, scheinen mir die Kategorien zur Unterscheidung ungeeignet und teilweise gar irreführend zu sein.

      Ich habe schon häufiger von der Angst gelesen, dass die Annahme eines breites Spektrums dazuführen könnte, dass schwer betroffene und sehr eingeschränkte Personen in ihrem Leiden und mit ihren Einschränkungen möglicherweise nicht mehr ausreichend anerkannt werden und weniger Hilfeleistungen erhalten - was offensichtlich problematisch wäre. Ich glaube aber nicht, dass der Grundgedanke eines breiten Spektrums dazuführen würde, sondern eben das Nicht-Sehen der Vielfalt innerhalb des Spektrums. Ich bin der Ansicht, dass stets das Individuum mit seinen spezifischen Bedürfnissen wahrgenommen werden sollte und idealerweise jeder Mensch genau die Hilfe erhält, die er zum Leben braucht. Wenn nicht eine Diagnose, sondern der tatsächliche Bedarf des einzelnen Menschen als Grundlage für Hilfeleistungen dient, verliert niemand seine Hilfe (oder den Anspruch) durch weitere Hilfsempfänger (sofern kein Mangel an Ressourcen besteht).

      Generalisierungen und Kategorisierungen können Orientierung und Vereinfachung bieten. Sicherlich ist das ein Grund, weshalb sie häufig genutzte Tools des Menschen sind. Generalisierungen sind aber sehr selten unter allen Umständen gültig und eindeutige Kategorien können zwar einen schnellen und groben Überblick geben, aber neigen dazu, im Grenzbereich zu versagen.


      Meine Gedanken für ein Leben in einem Spektrum

      - Der eigene Standpunkt ist immer nur der eigene Standpunkt.
      - Fuzzy borders sind spektrenimmanent.
      - Im Spektrum ist es vielfältig (und außerhalb dessen auch).
      - Jeder Mensch gehört unterschiedlichen Spektren an. Die Koordinate im Autismus-Spektrum ist nur eine mögliche Verortung von vielen.



      Über einen konstruktiven Austausch und neue Gedanken dazu würde ich mich freuen :)




      *Ich meine mit der Verwendungen des Begriffs Neurodiversiät KEINE ideologische Bewegung.
      "in truth, only atoms and the void" Sean Carroll (paraphrased Demokritos)

      The post was edited 1 time, last by Kayt ().

    • Das sind ja meine Gedanken 8o aber ich hätte sie NIE so professionell und vollständig ausdrücken konnen :m(:

      Danke für dieses tollen Text!
      Corona ist dem Ring ähnlich.
      Der Ring in "Der Herr der Ringe" zeigt die Intensität der dunklen Seite der Wesen. Corona auch...
    • Danke für deinen Text. Es hat Spaß gemacht, ihn zu lesen.
      Ich werde einfach mal meine Gedanken formulieren. Das kann ich leider nicht so schön und strukuriert wie du, @Kayt, aber ich hoffe, es wird verständlich.

      Eine Frage hätte ich: Was ist ein BAP?

      Ich teile deine Gedanken zur Evolution und dass die neurotypische Mehrheit vermutlich notwendig ist, um zu überleben. Andernfalls hätte die Evolution schon einen anderen Weg gefunden. Wobei man Neurotypie ja auch nur als Spektrum beschreiben kann. Die Menschen sind alle so unterschiedlich in ihrer Art und auch in ihrem sozialen Miteinander. Es gibt ja auch in der Neurotypie intro- oder extravertierte, intrinsische oder extrinsische, empathische, rationale, uvm. Menschen, die aus einer bunten Mischung vieler Eigenschaften mit positiven und negativen Auswirkungen bestehen. Wie wäre es also, wenn wir nicht nur den Autismus als Spektrum, sondern auch die "Normalität" als Spektrum einordnen könnten?

      Ich denke, dass sich viele Menschen nicht "normal" (also der der Breiten Masse zugehörig) fühlen und aufgrund äußerer und/oder innerer Aspekte ausgegrenzt werden. Möglicherweise sind gerade das Leute, die uns unseren "Status" als (wie auch immer benannter) missgönnen, da wir im Gegensatz zu ihnen eine Erklärung für unsere Andersartigkeit haben. Das damit auch andere Probleme und unter Umständen viel mehr negative Aspekte auftreten, sehen sie gar nicht. Frei nach dem Sprichwort "Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner." Man fokussiert sich immer nur auf die positiven Dinge, die man nicht hat.

      Ich weiß nicht, ob wir Autisten tatsächlich zu stärkerem Schwarz-Weis-Denken neigen, als die Mehrheit der Menschen. Mir kommt die Mehrheit meiner Gesprächspartner als überwiegend schwarz-weiß-denkend vor. Aber vielleicht habe ich auch einfach selbst noch nicht verstanden, wie man in Graustufen oder Farbe denkt und ordne deren Gedanken dann als schwarz oder weiß ein? Hm, das ist ein interessanter Punkt. Liegt das daran, dass ich nicht die Perspektive meines Gegenübers einnehmen kann und ihnen dadurch vielleicht sogar öfter als gewollt, autistische Merkmale aufdrücke, die gar nicht da sind?
      Eigentlich hatte ich für die Schwarz-Weiß-Denkerei eine funktionierende Lösung gefunden, nämlich dass ich akzeptiere, dass jeder sein eigenes Schwarz und Weiß hat, was auf der eigenen Wahrnehmung beruht. Wenn ich also Mal wieder mit jemandem anfange zu diskutieren, weil etwas aus meiner Sicht falsch gelaufen ist, dann sage ich mir, dass es aus seiner Sicht vielleicht nicht falsch war und kann die Differenz leichter akzeptieren. Jetzt Frage ich mich allerdings, ob das nicht auf einer Fehlannahme basiert und ob es wirklich immer so gut funktioniert. Darüber muss ich erstmal nachdenken. Andere Gedanken dazu sind mir willkommen.
    • @Asmus @Needle
      BAP ist die Abkürzung für Broader Autism Phenotype

      Da das Autismus-Spektrum beim Asperger-Syndrom nicht endet, sondern sich weit in die Normalität hinein erstreckt – zum Beispiel bis in die „ganz normale“ Schüchternheit oder Eigenbrötelei – wurde für Erscheinungsbilder mit schwach ausgeprägten autistischen Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen der Begriff Broader Autism Phenotype (BAP) geprägt. Dem entspricht im Deutschen am ehesten die Bezeichnung „autistische Züge“.
      siehe wiki de.wikipedia.org/wiki/Asperger…m#Verwandte_Bezeichnungen

      The post was edited 1 time, last by maksa ().

    • @Kayt
      Sehr gute und interessante Gedankengänge. :)

      Ich bin auch ein Befürworter des Spektrums, denn dadurch werden immer mehr hochfunktionale Autisten als solche erkannt, die sich jenseits des Klischees befinden. Der einzige Nachteil des Spektrumsgedankens ist meiner Meinung nach die relativ stark ausgeprägte Subjektivität der Diagnostik (Diagnostikstelle A stellt keine Autismus-Diagnose, Diagnostikstelle B stellt eine Autismus-Diagnose oder umgekehrt).

      Kayt wrote:

      Dass der Begriff „Aspie“ zur Selbsterhöhung und Degradierung von „Nicht-Asperger-Autisten“ genutzt wird, war mir nicht bekannt. Ich kann auch nicht beurteilen, wie viele Autisten mit Asperger-Diagnose wirklich so denken, aber ich konnte noch nie das Bedürfnis verstehen, sich überhaupt als „wertiger“ als andere Menschen zu betrachten.
      Das konnte ich bisher auch nicht verstehen, aber dies konnte ich immer wieder mal auch hier im Forum beobachten. Ich weiß nicht, was das soll. Eine Einteilung in "Übermenschen" und "Untermenschen" finde ich persönlich ziemlich abstoßend. Auch ich, obwohl ich eine AS-Diagnose habe, fühle mich davon teilweise angegriffen, da ich längst nicht alle AS-typischen Eigenschaften habe.

      @Needle
      BAP steht für "Broader Autism Phenotype", der Grenzbereich zwischen Autismus und Nichtautismus. Im deutschsprachigen Raum versteht man darunter "autistische Züge". Ob jemand nur "autistische Züge" hat (Diagnose wird nicht gestellt) oder sich im Autismus-Spektrum befindet (Diagnose wird gestellt), ist allerdings sehr vom subjektiven Eindruck des jeweiligen Diagnostikers abhängig.

      The post was edited 2 times, last by Grübler_1988 ().

    • Danke für Deinen Text, es hat mir viel Spaß gemacht, ihn zu lesen.

      Ich stimme in den meisten Punkten mit Dir überein.

      Kayt wrote:

      Ich habe schon häufiger von der Angst gelesen, dass die Annahme eines breites Spektrums dazuführen könnte, dass schwer betroffene und sehr eingeschränkte Personen in ihrem Leiden und mit ihren Einschränkungen möglicherweise nicht mehr ausreichend anerkannt werden und weniger Hilfeleistungen erhalten - was offensichtlich problematisch wäre. Ich glaube aber nicht, dass der Grundgedanke eines breiten Spektrums dazuführen würde, sondern eben das Nicht-Sehen der Vielfalt innerhalb des Spektrums.
      Ich habe eher vom Gegenteil gehört, nämlich dass durch die Abschaffung der einzelnen Diagnosen und die Reduzierung auf den Begriff ASS eventuell die Menschen am anderen Rand des Spektrums, nämlich die, die auf den ersten Blick nicht so augefällig eingeschränkt erscheinen, aus dem Spektrum fallen, weil die Diagnosekriterien für ASS "strenger" sein sollen als z.B. für das Asperger Syndrom. Wenn das dazu führen sollte, dass Menschen, die dringend auf Hilfen angewiesen sind, sie nicht mehr bekommen, wäre das auch fatal. Häufig ist das Leiden dieser Menschen durchaus sehr belastend, aber eben nicht so sichtbar.

      Kayt wrote:

      Ich bin der Ansicht, dass stets das Individuum mit seinen spezifischen Bedürfnissen wahrgenommen werden sollte und idealerweise jeder Mensch genau die Hilfe erhält, die er zum Leben braucht. Wenn nicht eine Diagnose, sondern der tatsächliche Bedarf des einzelnen Menschen als Grundlage für Hilfeleistungen dient, verliert niemand seine Hilfe (oder den Anspruch) durch weitere Hilfsempfänger (sofern kein Mangel an Ressourcen besteht).
      Genau so sollte es sein. Soweit ist es aber leider zumindest in Deutschland (noch) nicht. Ohne eine offizielle Diagnose bekommt keiner Hilfen, vor allem angesichts leerer Kassen. Gerade erlebe ich mit, wie sogar schwer betroffenen Kindern mit frühkindlichem Autismus wichtige Hilfen gestrichen werden, weil sie eine Schule besuchen, die als autimus-geeignet gilt. Es wird auf Kosten der Kinder und ihrer Familien gespart. Die Eltern müssen jetzt die Maßnahmen vor Gericht erkämpfen. Bis zu einer Entscheidung können Jahre vergehen, in denen keine Hilfsmaßnahmen gewährt werden.

      Kayt wrote:

      In der Beibehaltung des Asperger-Begriffs sehe ich hingegen auch keinen Mehrwert. Die geschaffenen Kategorien erwiesen sich als weniger geeignet als früher angenommen wurde. Wenn sich beispielsweise ein „frühkindlicher Kanner-Autist“ und ein „Asperger-Autist“ in der konkreten Ausgestaltung ihres Autismus (in späteren Jahren) ähnlicher sein können als zwei „Kanner-“ oder zwei „Asperger-Autisten“, scheinen mir die Kategorien zur Unterscheidung ungeeignet und teilweise gar irreführend zu sein.
      Ich denke, dass die Begrifflichkeiten durchaus nebeneinander bestehen könnten. Es würde die Möglichkeit einer differenzierten Sichtweise M.E. eher erleichtern als erschweren. Wenn auf eine Person die Diagnose Asperger Syndrom, so wie sie bekannt ist, gut passt, finde ich, dass es Sinn macht, die Diagnose auch so zu stellen. Wenn eine Diagnose ASS mit einem Schweregrad gestellt wird, ist ja auch wieder eine Kategorisierung gegeben, die in gewisser Weise ja auch notwendig ist, um Hilfen entsprechend gewähren zu können. Auch beim Asperger Syndrom ist die Betroffenheit ja sehr unterschiedlich ausgeprägt, und es wird immer in JEDEM Einzelfall, egal welche Diagnose gestellt wurde, ganz genau geschaut werden müssen, in welchen Bereichen Schwierigkeiten bestehen und wie groß die Schwierigkeiten sind.
      Aber da es ja im ICD 11 bekanntlich ohnehin zu einer Vereinheitlichung kommen wird, werden wir uns damit, ob wir es für sinnvoll halten oder nicht, wohl abfinden müssen. Die Erfahrungen, die Betroffene und ihre Angehörigen mit dem Umgang und der Auslegung der neuen Diagnosekriterien durch diagnostizierende Fachleute und hilfegewährende Behörden in Zukunft sammeln werden, werden zeigen, ob die Neugestaltung für Menschen mit Autismus von Vorteil ist oder eher nicht.

      Kayt wrote:

      - Der eigene Standpunkt ist immer nur der eigene Standpunkt.
      - Fuzzy borders sind spektrenimmanent.
      - Im Spektrum ist es vielfältig (und außerhalb dessen auch).
      - Jeder Mensch gehört unterschiedlichen Spektren an. Die Koordinate im Autismus-Spektrum ist nur eine mögliche Verortung von vielen.
      :nod:
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d
    • Schneckentanz wrote:

      durch die Abschaffung der einzelnen Diagnosen und die Reduzierung auf den Begriff ASS eventuell die Menschen am anderen Rand des Spektrums, nämlich die, die auf den ersten Blick nicht so augenfällig eingeschränkt erscheinen, aus dem Spektrum fallen, weil die Diagnosekriterien für ASS "strenger" sein sollen als z.B. für das Asperger Syndrom.
      Die offizielle Beschreibung des ICD 11 für 'Asperger-Syndrom' lautet:

      6A02.0 Autism spectrum disorder without disorder of intellectual development and with mild or no impairment of functional language
      Description: All definitional requirements for autism spectrum disorder are met, intellectual functioning and adaptive behaviour are found to be at least within the average range (approximately greater than the 2.3rd percentile), and there is only mild or no impairment in the individual's capacity to use functional language (spoken or signed) for instrumental purposes, such as to express personal needs and desires.

      Nach dieser Beschreibung ist (zum Glück) nicht zu erkennen, weshalb die Diagnosekriterien für ASS 'strenger' sein könnten als bisher.

      Schneckentanz wrote:

      Wenn das dazu führen sollte, dass Menschen, die dringend auf Hilfen angewiesen sind, sie nicht mehr bekommen, wäre das auch fatal. Häufig ist das Leiden dieser Menschen durchaus sehr belastend, aber eben nicht so sichtbar.
      In der Tat wäre das fatal. Denn 2/3 aller ASS sind HFA/Asperger. Das sind ca. 635.000 Menschen in Deutschland, die nach außen hin oftmals unauffällig sind.

      Kayt wrote:

      - Der eigene Standpunkt ist immer nur der eigene Standpunkt.
      - Fuzzy borders sind spektrenimmanent.
      - Im Spektrum ist es vielfältig (und außerhalb dessen auch).
      - Jeder Mensch gehört unterschiedlichen Spektren an. Die Koordinate im Autismus-Spektrum ist nur eine mögliche Verortung von vielen.
      :)

      The post was edited 1 time, last by maksa ().

    • maksa wrote:

      All definitional requirements for autism spectrum disorder are met
      Diese sind ja der interessante Teil. Hier mal eine Übersetzung davon:

      Übersetzung der Autismus Kriterien ICD11 von Autismus-Kultur.de wrote:

      Autismus-Spektrum-Störungen sind gekennzeichnet durch bleibende Defizite in der Fähigkeit, reziproke soziale Interaktion und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten, und durch eine Reihe von eingeschränkten, repetitiven und unflexiblen Mustern an Verhaltensweisen und Interessen. Die Störung beginnt im Entwicklungsalter, typischerweise in der frühen Kindheit, aber die Symptome werden möglicherweise erst später sichtbar, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Fähigkeiten übersteigen. Die Defizite sind so schwerwiegend, dass sie zu Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führt und meist eine tiefgreifende Besonderheit der Funktionsweise des Individuums darstellt, die in allen Lebensbereichen sichtbar ist, obwohl sie sich je nach sozialem, schulischem oder anderem Zusammenhang anders darstellen kann.
      Inwieweit das jetzt strenger sein soll als das ICD10 weiß ich nicht. Ich finde es gut, dass hier betont wird, dass Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen ein Diagnosekriterium sind und sich das unterschiedlich darstellen kann.
    • Danke für die zahlreichen Rückmeldungen.

      Die ICD-11 ist nicht "strenger" in der Kriterienerfüllung, aber das DSM-5 im Vergleich zum DSM-IV. Das DSM-5 wird/wurde teilweise auch in Deutschland angewendet, wegen der Veraltungder ICD-10.
      "in truth, only atoms and the void" Sean Carroll (paraphrased Demokritos)
    • Kayt wrote:

      Oft werden Menschen nach ihren Stärken und Schwächen gefragt. Ich frage mich: Warum nicht (wert-)neutraler nach Eigenschaften fragen? Warum schon unbedingt eine Bewertung vorwegnehmen? Würde ich nach einer meiner größten Stärken befragt werden, so antwortete ich sicherlich: „Loyalität“. Wäre die Frage die, nach einer meiner größten Schwächen, so bliebe die Antwort mittlerweile die Gleiche. Es ist eine Eigenschaft von mir, sehr loyal zu sein. Diese Eigenschaft kann eine große Stärke sein und positive Resultate bewirken. Sie kann mir (und anderen) aber (potentiell) auch schaden – dann, wenn ich loyal dableibe, obwohl es besser wäre zu gehen.
      Dieses kontextgeben fällt einem dann selber zu. Also ich wunder emich dann auch immer bzw. meine Stärken sind halt schon immer auch meine Schwächen gewesen, dementsprechend antworte ich dann so, aber ich kann ja auch nicht ausschließen, dass andere nicht Aspekte haben, die immer Schwächen oder immer Stärken sind oder ein anderer Aspekt eine größere Stärke oder Schwäche ist als der andere Aspekt, der eben die größte Stärke oder Schwäche ist. Eigentlich gibt die FRage einem ja schon den Kontext vor, weil man ja meist in bestimmten Situationen das gefragt wird und da das mitgedacht wird.
    • @MangoMambo
      Danke, genau diesen Teil (All definitional requirements for autism spectrum disorder are met) hab ich auch gesucht, aber konnte ihn nicht ausfindig machen. Für mich klingt das deckungsgleich mit den heutigen Diagnosekriterien und nicht strenger.

      Jedoch sind Formulierungen wie: 'bleibende Defizite', 'begrenzte Fähigkeiten', 'so schwerwiegend' zu präzisieren und dazu bedarf es eben der professionellen Diagnostik der Spezialambulanzen - und dort wiederum sind wiederum nicht alle Diagnostiker/innen deckungsgleich, ganz zu schweigen was jenseits der Spezialambulanzen diagnostiziert wird ...

      Vermutlich wird es durch das ICD 11 eher zu einem weiteren deutlichen Anstieg der Diagnose F84.5 / 6A02.0 (zukünftig) kommen, dies ist aber eher meine subjektive Sicht.

      Und es wird interessant sein zu beobachten, wie Asperger/HFA für sich damit umgehen, ob es dann zukünftig einfach heißen wird 'Ich bin autistisch' mit oder ohne 'hochfunktional' als definierendes Erklärungsmodell oder mit dem Zusatz 'früher hieß das Asperger', darin wird wohl für viele der mutige Schritt bestehen einfach zu sagen 'Ich bin autistisch'.
      Dies wiederum knüpft thematisch leicht an den Thread Gibt es Nicht-Autisten? von @L84 an
    • @Turtle

      maksa wrote:

      Georg Theunissen schreibt in Menschen im Autismus-Spektrum auf S. 16, 2014.
      Auch in Deutschland rechnen Experten mit etwa 1,16% Menschen im Autismus-Spektrum, davon werden 2/3 dem sogenannten Asperger-Syndrom oder hochfunktionalen Autismus zugeordnet.

      Wenn man davon ausgeht, dass von diesen 2/3 (ca. 635.000 Menschen), sagen wir mal 'nur' die Hälfte (ultra)hochfunktional sind, dann ist das eine bemerkenswert hohe Zahl an 'Unauffälligen'.
    • Turtle wrote:

      Hast du dazu eine Quelle? Ich hatte die ungefähre Verteilung eher andersherum im Kopf.
      Ich bin zwar nicht maksa und habe auch keine Quelle gerade zur Hand aber ich glaube es folgt aus der "normalen Verteilung" (normal distribution) dass es mehr HFA (oder "milder Betroffene") geben muss als MFA oder LFA, weil ausgeprägtere Eigenschaften seltener vorkommen als weniger ausgeprägte, statistisch gesehen. So wie es mehr Menschen gibt mit IQ 115 oder 85 als Menschen mit 150 oder 50.

      The post was edited 2 times, last by Unbewohnte Insel ().

    • Unbewohnte Insel wrote:

      Ich bin zwar nicht maksa und habe auch keine Quelle gerade zur Hand aber ich glaube es folgt aus der "normalen Verteilung" (normal distribution) dass es mehr HFA (oder "milder Betroffene") geben muss als MFA oder LFA, weil ausgeprägtere Eigenschaften seltener vorkommen als weniger ausgeprägte, statistisch gesehen. So wie es mehr Menschen gibt mit IQ 115 oder 85 als Menschen mit 150 oder 50.
      Das würde gelten, wenn man keinen "Cut" für das Autismusspektrum setzt, sondern alles, auch leichte autistische Züge, mit hineinnimmt. Aber es kann sein, dass ich veraltete Zahlen im Kopf hatte. Die Diagnose wird ja zunehmend auch für milder Betroffene gestellt (nicht, dass ich das für falsch halte, sondern schlicht erst einmal, da die Kenntnis darüber zunimmt).
    • maksa wrote:

      Turtle wrote:

      Die Diagnose wird ja zunehmend auch für milder Betroffene gestellt
      Die milde Form von Autismus ist Asperger-Syndrom und HFA. Das sind ja die sog. 'Unauffälligen' (s. o.).
      Naja, auch da gibt es Abstufungen. Es kommt auch darauf an, wo der "Cut" zwischen HFA und LFA gesetzt wird. Man kann HFA z.B. ab einem IQ von 70 definieren (da fallen dann auch nonverbale, intelligente Autisten hinein, die alles andere als unauffällig sind), oder generell ab dem Vorhandensein von verbaler Sprache, und auch da kann man noch sehr auffällig sein, zum Teil auch ohne intensive Hilfe nicht zurechtkommen. Die Gleichsetzung HFA/Asperger = per se unauffällig stimmt imo nicht. Das ist wieder eine Untermenge.