Fehlendes Selbst

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    • FrankMatz wrote:

      Denn eigentlich dient ein solches Konstrukt doch nur dazu, sich gegen andere abzugrenzen: Ich bin ich und so ganz anders als du. Worin besteht aber der Sinn einer solchen Abgrenzung? Eigentlich führt er nur zu Konflikten auf der Welt.
      Ich habe schon im Gespräch mit einem anderen Zen-Praktizierenden gelernt, dass das Ich oder Selbst dort anders gesehen / definiert wird als es tue. Abgrenzung des Selbst heißt für mich nicht zwingend "ich bin so ganz anders als du", sondern dass ich ein Individuum bin und du ein Individuum bist. Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind gleichermaßen ok. Manche führen zu Konflikten, andere zu einer Bereicherung. Ich gehe so weit zu sagen, dass man sich vielleicht sogar eher auf zufriedenstellende Kompromisse einlassen kann, wenn man die unterschiedlichen Wünsche zweier Individuen klar herausarbeiten kann. Um sich der eigenen Wünsche klar zu sein, braucht es die Abgrenzung: Ich bin ich und in Kontakt, aber nicht verschmolzen mit meiner Umwelt.

      (Ergänzung) Was Schönes aus dem Kinderfernsehen zum eigenen Ich:
      Ich bin Ich

      Das Lied über mich

      Rabe Socke - Ich bin wie ich bin

      The post was edited 3 times, last by Turtle ().

    • FrankMatz wrote:

      Worin besteht aber der Sinn einer solchen Abgrenzung? Eigentlich führt er nur zu Konflikten auf der Welt.
      Noch eins hatte ich vorhin vergessen: Ich denke, dass auf übergeordneter Ebene "auf der Welt" gerade nicht die individuelle Abgrenzung des Selbst, sondern dieses Gruppenzugehörigkeitsdingens (was man meiner Ansicht nach als Teilverschmelzung des Selbst mit einer Gruppe sehen kann) und die damit einhergehende Abgrenzung von Gruppen zueinander Konflikte befeuert.
    • Turtle wrote:

      auf übergeordneter Ebene "auf der Welt" gerade nicht die individuelle Abgrenzung des Selbst, sondern dieses Gruppenzugehörigkeitsdingens (was man meiner Ansicht nach als Teilverschmelzung des Selbst mit einer Gruppe sehen kann) und die damit einhergehende Abgrenzung von Gruppen zueinander Konflikte befeuert.
      Das empfinde ich auch so.
    • Turtle wrote:

      Um sich der eigenen Wünsche klar zu sein, braucht es die Abgrenzung: Ich bin ich und in Kontakt, aber nicht verschmolzen mit meiner Umwelt.
      Dass es manchmal Abgrenzung braucht, bestreite ich in gar keinem Fall, wenn Abgrenzung bedeutet, dass ich nicht alles tue, was andere tun. Rückzug ist sozusagen ein Menschenrecht.

      Beim zweiten Teil deiner Aussage ("in Kontakt, aber nicht verschmolzen mit meiner Umwelt") meine ich, dass wir alle schon mehr als nur "in Kontakt" mit der Umwelt sind. Wir sind Teil von Familie, Teil einer Region (deren Dialekt ich spreche, deren Kulutr ich pflege), dann Teil einer deutschsprachigen Kultur, einer mitteleuropäischen usw. - viele andere Gruppen sind denkbar, über den Beruf definiert, über das politische Denken usw. Aus all diesen Gruppen / Bereichen können wir uns auch nicht so einfach ausklinken; selbst dann nicht, wenn Aspie nicht zum Betriebsausflug oder zur Weihnachtsfeier geht, er/sie bleibt trotzdem Teil einer Arbeitsplatz-Umwelt (beim Maurer anders als beim Krankenpfleger), die den einzelnen prägt und die nicht einfach abgelegt werden kann.

      Turtle wrote:

      Ich denke, dass auf übergeordneter Ebene "auf der Welt" gerade nicht die individuelle Abgrenzung des Selbst, sondern dieses Gruppenzugehörigkeitsdingens (was man meiner Ansicht nach als Teilverschmelzung des Selbst mit einer Gruppe sehen kann) und die damit einhergehende Abgrenzung von Gruppen zueinander Konflikte befeuert.
      Das sehe ich auch so. Denn die Gruppe wird dann, was eine Ebene drunter das Selbst, das Ego, das Individuum ist und grenzt sich von anderen Gruppen ab und befeuert oftmals damit - leider - Konflikte.

      Ich hänge das ganze nochmal viel tiefer: Ich finde, wir haben heute eine das Individuelle überbetonende Kultur, befeuert von unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem, das Vorteile daraus zieht, dass wir möglichst viel kaufen, und wir kaufen dann mehr, wenn wir möglichst viel Wahlmöglichkeiten haben. Werde ich glücklicher mit meinem ganz individuell zusammengestellten "Style" (bei der Kleidung jetzt, als Beispiel), bei meinem sonstigen Erscheinungsbild von der Haarfarbe bis zu den Tattoos, mit meinen ganz individuellen Zielen fürs Leben, die heute oft schon Zehnjährige am Ende der Grundschule herunterbeten können? Für mich sind das alles Hüllen - sind sie weg, bleiben Menschen, deren "Individualität" gar nicht mehr so anders ist als die ihrer Mitmenschen.

      Klar weiß ich, dass nicht jeder einsachtzig groß ist, dass manche allergisch auf Bienengift sind und anderen schon mit 50 die Zähne ausfallen, manche sind anfälliger für Süchte als andere - aber ist das alles Elemente eines ganz besonderen Selbst?

      Wo das Lied "Ich bin wie ich bin, und das ist gut so" (siehe @Turtles Link oben) auf Inklusion zielt, da finde ich es prima: Jeder, egal wie er aussieht, muss "gut so" für die anderen sein, darf nicht ausgegrenzt und schon gar nicht gemobbt werden.
      Ich fände es halt noch besser, wenn es hieße "Du bist, wie du bist, und das ist gut so", wenn die Gruppe das zu jedem ihrer Mitglieder sagt. Das zu sagen, halte ich nämlich für verdammt viel schwerer. Selbst hier im Forum... ;)
      "Lies are just another way of telling the truth." (Paravadin Kanvar Kharjappali)
    • @FrankMatz
      Zustimmung und Ergänzung

      Ich bin wie ich bin und das ist gut so, muss, wenn einem als Kind kein "du bist gut wie du bist weil du bist, wie du bist" vermittekt wurde, erst mal für alle Aspekte des eigenen Seins nachgelernt werden.

      Und zwar über "Ich bin gut, wie ich bin, weil ich xy bin" woraus dann erst ein "ich bin gut wie ich bin" werden kann.

      Ist dieses "Ich bin gut, wie ich bin" nicht da, kann es auch nicht mehr von anderen geglaubt werden, wenn diese das sagen. Es widerspricht ja der eigenen inneren gefühlten Wahrheit zu sich selbst. Egal ob zu Teilidentitäten oder zum gesamten Ich.

      Sieht der anderes etwas, wozu ein eigenes "nicht gut" geglaubt wird, wird man mit dem eigenen "nicht gut" gefühlsmäßig konfrontiert.
      Das löst jetzt all die Gefühlserinnerungen aus, die mit früheren mal gehörten "nnicht gut" verbunden sind.
      Diese Überschwemmen dann das Denken.

      Diese Konfontation im eigenen Inneren sorgt dann dafür, dass beim anderen vermutet wird
      a) das absichtlich zu machen, um zu verletzen, (sonnst würde man sich nicht so unbehaglich fühlen, DER hat das ausgelöst)
      Wird das Gesehene sogar vom anderen positiv kommentiert, wird
      b) wird der andere wird für "blöd"/"naiv" gehalten (der sieht mich nicht richtig und wie schlecht ich bin)
      c) wird der andere für manipulativ gehalten (wenn der sieht, was Sache ist und trotzdem "gut" sagt, muss "was" dahinterstecken, weil die Wahrheit ist ja, das ist nicht gut
      und manchmal geht sogar alles drei los und wechselt sich ab.
      Die Reaktionen sind dann dementsprechend.

      Wer sich bzw die Teilidentitäten bei sich angenommen und für gut gefiunden hat und sich das glaubt, wird auf Feststellung durch Dritte mit "stimmt" reagieren, auf Abwertungen mit "ich bin halt so" und auf positive Haltung eines anderen dazu nur mit "Danke".
      Mehr wird das nicht auslösen.
      Keine Erklärung, keine Verteidigung, keine weiteren Erwartungen daraus ableiten.

      Ein Problem dabei ist, dass manche zwar so tun als ob sie eine Teilidenntität von sich angenommen haben, das aber nicht wirklich innerlich glauben -. diese brauchen dann Bestätigung von außen, immer wieder - bleibt diese aus, wird das als Kritik gewertet, also geht das abwehrende in ihnen los.
      Ein anderes Problem ist, dass viele ja zu verbergen versuchen, was siie an sich nicht gut finden, und wenn du das dann "bemerkst", oder nur zufällig "antippst", wirst du zum gefühlt "Feind". Weil du siehst, was ja andere gar nicht sehen sollen, und was sie bei sich oft nicht mal ansehen wollen, beides, damit das bisschen positive Rest-Selbstbild erhalten bleiben kann.
      Dazu kommt noch, dass sich die eigenen Gedanken und Gefühle nicht eingestanden werden, weil diese nicht ins Wunsch-Selbstbild passen (außer sie werden "zu viel" und "brechen heraus" - destruktiv).

      Damit hab ich mir erst vorgestern beinahe eine Helikopter-Mutter zur "Feindin" gemacht. Gerade noch abgewendet.
      Erst ganz sachlicher Austausch, und dann darin eine Sache die mir aufgefallen war...
      erst über die Reaktion wurde dann sichtbar, worum es wirklich geht
      Incl der Aussage "Wenn ich sagen würde, was ich wirklich denke, dann wüssten ja die anderen, was für ein schrecklicher Mensch ich bin".
      Dabei war das gar nicht schrecklich, was sie dachte, dachte sindern nur menschlich in der Situation, es fehlte vor allem, das bei sich anzunehmen und das Wissen, wie das anderen kommunizieren.
      Tja, und da kam dann plötzlich mit rein, was sie denkt, was ihr Mann erwartet, wie sie als Mutter, mit dem man ja auch reden kann, weil der seine Einstellung hat, diie anders ist als ihre.....

      ....und da wird sich dann gewundert, warum das Kind nicht sagt, was bei ihm los isr und sich zurückzieht....
      Liebe braucht Mut
      worldometers.info/
      Gegen Komplexität kann man nicht demonstrieren (scobel)
      ted.com/talks/stephanie_busari…urce=facebook&language=de
      youtube.com/watch?v=I79fZFvz9JA
    • Hallo,
      also ein klares Selbst habe ich schon, mir fehlt nur manchmal die Durchsetzungskraft um das für andere deutlich genug wahrnehmbar nach aussen zu tragen. Manchmal kommt es dann erst später mit einiger Heftigkeit zum Vorschein. Es gibt Dinge die ich klar unterstütze und andere die ich ebenso klar ablehne und niemals tun würde und von diesen Prinzipien weiche ich auch nicht ab, in keiner Situation und für niemanden.

      Mehrere Meinungen nebeneinander zu haben finde ich nicht schlecht, sondern objektiv. Bei vielen Dingen liegt es eben in der Komplexität der Materie dass es kein klares Weiss oder Schwarz gibt sondern die Wahrheit aus ganz unterschiedlichen Farbtönen besteht. Es ist nur objektiv, das Ganze nicht einfach in irgendeine Schublade zu stecken (RW). :)
      Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand,
      denn jeder ist überzeugt dass er genug davon habe.
      René Descartes
    • FrankMatz wrote:

      Werde ich glücklicher mit meinem ganz individuell zusammengestellten "Style" (bei der Kleidung jetzt, als Beispiel), bei meinem sonstigen Erscheinungsbild von der Haarfarbe bis zu den Tattoos, mit meinen ganz individuellen Zielen fürs Leben, die heute oft schon Zehnjährige am Ende der Grundschule herunterbeten können? Für mich sind das alles Hüllen - sind sie weg, bleiben Menschen, deren "Individualität" gar nicht mehr so anders ist als die ihrer Mitmenschen.
      Hmm, ich denke, wenn man ein starkes "Selbst" hat, das wenig nach Gruppenzugehörigkeiten schielt, hat man es gerade weniger nötig, irgendeinen mehr oder weniger individuellen "Style" nach außen zu tragen. Zehnjährige sind doch noch mitten in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit, mit dem Beispiel kann ich in dem Zusammenhang nicht viel anfangen. Auf bewusst zur Schau gestellte Individualität habe ich mich nicht bezogen. Man kann auch ganz unauffällig vor sich hin lebend ein Individuum sein und wenig Zugehörigkeit empfinden.

      Und: Klar bist du gut so, wie du bist! ;)
    • Happy to be wrote:

      Ich bin wie ich bin und das ist gut so, muss, wenn einem als Kind kein "du bist gut wie du bist weil du bist, wie du bist" vermittekt wurde, erst mal für alle Aspekte des eigenen Seins nachgelernt werden.
      Ja, bei mir war das so, und ich glaube, es gilt für viele, wenn nicht alle in meiner Generation, wo Erziehung nicht auf "du bist gut, wie du bist, und das ist gut so" zielte, sondern auf soziale Anpassung, damit a) die Eltern selbst nicht negativ auffielen (also aus sozialem Anpassungsdruck), b) aber auch, weil die Eltern wirklich glaubten, ihrem Nachwuchs etwas Gutes zu tun, wenn sie ihn den gesellschaftlichen Normen anpassten.

      Der Rabe wrote:

      Es gibt Dinge die ich klar unterstütze und andere die ich ebenso klar ablehne und niemals tun würde | und von diesen Prinzipien weiche ich auch nicht ab, in keiner Situation und für niemanden.
      Erster Teil der Aussage, bis zum | (habe ich gesetzt): Das gilt für mich auch. Beim zweiten Teil der Aussage bin ich sehr skeptisch, denn ich meine eben, dass wir auch das, was wir für Prinzipen, für Grundüberzeugungen halten, im Lauf eines Lebens vielleicht nicht um 180 Grad umdrehen, aber eben doch auch verändern. Sonst würde ja kein dreißigjähriger Steakliebhaber jemals zum Veganer werden (und dafür gibt's Beispiele), sonst würde kein Politiker die Partei wechseln (auch das kommt gelegentlich vor), sonst würden Beziehungen nicht auseindergehen (bis dass der Tod euch scheidet) usw.

      Und da bin ich beim Thema: Unser hochgehaltenes Selbst ist meiner Meinung nach eben keine unverrückbare Größe.

      Turtle wrote:

      Auf bewusst zur Schau gestellte Individualität habe ich mich nicht bezogen. Man kann auch ganz unauffällig vor sich hin lebend ein Individuum sein und wenig Zugehörigkeit empfinden.
      Klar. Ich würde nur statt "Individuum" von "Mensch" sprechen, damit diese besondere Note, die dem Individuum bei uns zugesprochen wird, nicht so im Vordergrund steht. Ich bin ein Mensch, und wenn ich sage, von meiner Art gibt's noch ein paar mehr (was bei "Indiviuum" - das Unteilbare - ja nicht geht), ist das dann ein Problem? Eineiige Zwillinge fühlen sich ja auch nicht entwertet, weil es sie quasi ein zweites Mal gibt.
      "Lies are just another way of telling the truth." (Paravadin Kanvar Kharjappali)
    • Ich bin vorhin zufällig auf dieses Video gestoßen



      Vieles war mir bekannt, aber ein paar neue Gedanken und wie andere Aspekte zusammengedacht wurden, war auch dabei.
      Gerade der Blick auf das, was dafür sorgt, sich selbst nicht zu kennen bzw zu finden und sich dann auch zu leben, wird darin sehr schon erklärt (auch wenn mich das Bewerben des Bezahltrainings dann am Ende etwas gestört hat. Wenn jemand formuliert "ich lade ein", dann bedeutet das für mich, dass ich nix dafür zahlen muss :d ).
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    • Turtle wrote:

      Ich denke nicht, dass ein fester Standpunkt zu jedwedem Thema notwendig ist, um ein "Selbst" zu definieren.
      Um dein Selbst zu definieren benötigt man Selbstakzeptanz, also sich selbst mit allen Stärken, Schwächen, krummen Zehen usw. akzeptieren, Selsbtliebe und in diesem Zusammenhang wächst auch das Selbstbewusstsein.


      Neoni wrote:

      Das geht mir auch so. Ich denke das ist eine Unfähigkeit, Menschen einzuschätzen
      Unfähigkeit nenne ich das nicht. Der Teil des Gehirns ist bei dem einen mehr im Epizentrum der Störung und damit stärker beinträchtig als bei anderen. Stichwort Theory of Mind (Mentalisieren, etc.) Ich kenne es selbst nur zu gut, allerdings gehe ich vom Guten im Menschen aus, obwohl ich damit schon sehr oft auf die Schnauze gefallen bin. Ich sehs sportlich, gutes Training um das wieder aufstehen zu lernen.
    • FrankMatz wrote:

      Klar. Ich würde nur statt "Individuum" von "Mensch" sprechen, damit diese besondere Note, die dem Individuum bei uns zugesprochen wird, nicht so im Vordergrund steht. Ich bin ein Mensch, und wenn ich sage, von meiner Art gibt's noch ein paar mehr (was bei "Indiviuum" - das Unteilbare - ja nicht geht), ist das dann ein Problem?
      Ich habe kein Problem damit, wenn du das Wort Individuum ablehnst, ich sehe es aber nicht so, dass "Individuum" impliziert, man würde nicht zu einer Oberkategorie ("Mensch") gehören. Analog zur objektorientierten Programmierung, auf die ich mich in meinem ersten Beitrag bereits bezogen habe: Wir gehören der Klasse "Mensch" an, eine jede Mensch-Entität hat aber ihre eigene Identität, selbst wenn ihre Eigenschaften, ihr Zustand, zufällig komplett identisch wäre mit denen einer anderen Mensch-Entität.

      Edit: So viele Edits, weil ich den Eindruck habe, mich nicht klar genug auszudrücken.
      Vielleicht noch ein Versuch zu dem "in Kontakt mit der Umwelt, aber nicht verschmolzen", das du meinem Eindruck nach auch anders verstanden hast. Du schriebst:

      FrankMatz wrote:

      Beim zweiten Teil deiner Aussage ("in Kontakt, aber nicht verschmolzen mit meiner Umwelt") meine ich, dass wir alle schon mehr als nur "in Kontakt" mit der Umwelt sind. Wir sind Teil von Familie, Teil einer Region (deren Dialekt ich spreche, deren Kulutr ich pflege), dann Teil einer deutschsprachigen Kultur, einer mitteleuropäischen usw. - viele andere Gruppen sind denkbar, über den Beruf definiert, über das politische Denken usw. Aus all diesen Gruppen / Bereichen können wir uns auch nicht so einfach ausklinken; selbst dann nicht, wenn Aspie nicht zum Betriebsausflug oder zur Weihnachtsfeier geht, er/sie bleibt trotzdem Teil einer Arbeitsplatz-Umwelt (beim Maurer anders als beim Krankenpfleger), die den einzelnen prägt und die nicht einfach abgelegt werden kann.
      Ok, "in Kontakt" erscheint dir nicht stark genug als Ausdruck. Ich erkläre noch einmal was ich meinte, mit Bezug auf Objekte in der objektorientierten Programmierung:

      Objekte stehen in Kontakt mit anderen Objekten, sie schicken sich Nachrichten. Manche Nachrichten können die Eigenschaften, die Attribute, des empfangenden Objekts verändern. Direkten Zugriff auf die Eigenschaften erlauben Objekte normalerweise nicht, sie werden dem direktem Zugriff entzogen, können nur indirekt verändert werden über die Art der Nachrichten, die sie empfangen können, und es kann auch nicht bei jedem Objekt jedes beliebige Attribut verändert werden. Bei kompletter "Verschmelzung" mit der Umwelt würde ich meine eigenen Attribute nicht mehr vor dem äußeren Zugriff schützen, ich würde unbeschränkten Zugriff darauf gewähren.

      Nun der Bogen zu den Entitäten der Klasse Mensch. Ich habe den Eindruck, dass sich manche Menschen sehr schnell von ihrer Umgebung beeinflussen lassen, deutlich schneller als ich das zum Beispiel bei mir wahrnehme. Ich scheine sehr unempfänglich für bestimmte Nachrichten zu sein, die etwas mit der Anpassung an Gruppen zu tun haben. Das hat den Nachteil, schlechter in Gruppen klarzukommen, aber vielleicht auch den Vorteil, dass ich nicht so leicht mit meiner Umwelt "verschmelze", sodass ich mir des Vorhandenseins meines Ichs oder Selbst nie unsicher war, auch zu Zeiten nicht, in denen ich viel Ablehnung erfahren habe, meine Stärken und Schwächen noch nicht so wie heute kannte und in sozialen Situationen sehr unsicher aufgetreten bin.

      Eine andere Analogie aus dem Bereich der Chemie, die eine Bekannte mal geäußert hat: Manche Menschen sind sehr reaktionsfreudig, verändern ihre Haltung oder ihr Verhalten schnell durch Einflüsse von außen. Andere sind reaktionsträger bis hin zu inert (reagieren gar nicht).

      The post was edited 6 times, last by Turtle ().

    • Abendstern wrote:

      Überhaupt gleicht mein Denken und Fühlen oft nicht so sehr einer "Simulation" der oder einem "Urteil" über die Wirklichkeit, sondern eher einer Wellenfunktion, in der die Dinge nicht eindeutig bestimmt sind, sondern lediglich Wahrscheinlichkeiten berechnet werden.
      Das habe ich gerade erst gelesen und finde das ist eine wunderbare Beschreibung. Mir geht es da ganz ähnlich... Wenn es dabei nur um mich geht in meinem Kopf dann kann man sich dem ja auch hingeben. Schwierig wird es aber wenn andere auf eine Entscheidung von mir warten, oder, noch schlimmer, mir Entscheidungen „aus der Hand“ nehmen, weil sie denken die wüssten es besser... ich hab da manchmal das Gefühl ich funktioniere „wie in Zeitlupe“, wenn ich mal im Kopf so weit bin mit dem Abwägen sind andere schon beim nächstenThema...
    • Kugelfisch wrote:

      Schwierig wird es aber wenn andere auf eine Entscheidung von mir warten, oder, noch schlimmer, mir Entscheidungen „aus der Hand“ nehmen, weil sie denken die wüssten es besser...
      Ja, in Gruppen ist es schwierig.
      Viele meiner Freunde sind allerdings eher ruhige / geduldige Menschen, da besteht das Problem weniger.
      Und wenn ich selbst in einer Situation einsehe, dass hier eine schnelle Entscheidung angebracht ist, dann habe ich normalerweise auch kein Problem damit.
      Aber wenn ich das Gefühl habe, es ist objektiv gar nicht nötig und würde nur der Befriedigung der Ungeduld meines Gegenübers dienen, dann bin ich gerne mal extra langsam... :twisted: :m(:
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal
    • Abendstern wrote:

      "Ziehe ich heute einen Schal an oder nicht?"
      Witzig, genau für diese Entscheidung hat sich mein Ex-Chef selbst einen Temperatur-Grenzwert gesetzt, ab dem er einen Schal nimmt, um sich die Entscheidung zu vereinfachen. Finde ich eine gute Idee, für Entscheidungen, bei denen einen die eigene Unentschlossenheit selber nervt.

      The post was edited 1 time, last by Turtle ().

    • FrankMatz wrote:

      Erster Teil der Aussage, bis zum | (habe ich gesetzt): Das gilt für mich auch. Beim zweiten Teil der Aussage bin ich sehr skeptisch, denn ich meine eben, dass wir auch das, was wir für Prinzipen, für Grundüberzeugungen halten, im Lauf eines Lebens vielleicht nicht um 180 Grad umdrehen, aber eben doch auch verändern. Sonst würde ja kein dreißigjähriger Steakliebhaber jemals zum Veganer werden (und dafür gibt's Beispiele), sonst würde kein Politiker die Partei wechseln (auch das kommt gelegentlich vor), sonst würden Beziehungen nicht auseindergehen (bis dass der Tod euch scheidet) usw.
      Und da bin ich beim Thema: Unser hochgehaltenes Selbst ist meiner Meinung nach eben keine unverrückbare Größe.
      Also in diesem Punkt bin ich schon sehr weitgehend konsequent. Ich wurde schon sehr oft stur, unflexibel, intolerant und noch Schlimmeres genannt, weil Leute die mich "verbiegen" wollten bei mir - entgegen meiner eher "weichen" Erscheinung auf Granit gebissen haben (RW). Wer damit nicht klar kommt, kann sich meinetwegen sonst wo hin scheren, die Liste der Leute die ich schon "in die Wüste geschickt" habe (RW) ist sehr lang. Übrig geblieben ist ein kleiner aber dafür sehr stabiler und verlässlicher Freundeskreis. :)
      Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand,
      denn jeder ist überzeugt dass er genug davon habe.
      René Descartes
    • Turtle wrote:

      Nun der Bogen zu den Entitäten der Klasse Mensch. Ich habe den Eindruck, dass sich manche Menschen sehr schnell von ihrer Umgebung beeinflussen lassen, deutlich schneller als ich das zum Beispiel bei mir wahrnehme. Ich scheine sehr unempfänglich für bestimmte Nachrichten zu sein, die etwas mit der Anpassung an Gruppen zu tun haben. Das hat den Nachteil, schlechter in Gruppen klarzukommen, aber vielleicht auch den Vorteil, dass ich nicht so leicht mit meiner Umwelt "verschmelze", sodass ich mir des Vorhandenseins meines Ichs oder Selbst nie unsicher war, auch zu Zeiten nicht, in denen ich viel Ablehnung erfahren habe, meine Stärken und Schwächen noch nicht so wie heute kannte und in sozialen Situationen sehr unsicher aufgetreten bin.
      Ja, natürlich gibt es Unterschiede zwischen Menschen, zum Beispiel in der Art, wie beeinflussbar sie durch ihre Umgebung sind. Andere Eigenschaften kommen hinzu: leichtgläubig, verschwätzt, geizig u.v.a.m. Und dann alles, was wir an anderen Menschen sehen, hören, riechen - Menschen unterscheiden sich. Die Frage ist für mich nur, ob es darüber hinaus einen Wesenskern gibt, der ganz unveränderlich ist. Ich versuche es mal mit einem Bild: Stell dir für einen Menschen ein Cluster vor mit ganz ganz vielen Punkten, die alle eine bestimmte Eigenschaft darstellen. Zusammen ergeben sie den einen Menschen, und der bleibt es wohl auch noch, wenn einzelne Punkte / Eigenschaften mit der Zeit verschwinden, andere von außerhalb vielleicht dazukommen. Das Ganze bleibt, ist aber eben doch nicht unveränderlich. Und dazu: Gibt es einzelne Punkte / Eigenschaften, die nicht verschwinden dürfen, die immer da bleiben müssen, um von diesem einen Menschen zu sprechen? Was, wenn die auf einmal abhanden kommen?

      Die perfekte Antwort weiß ich nicht, eher ist es so, dass sich in mir etwas sträubt gegen die Vorstellung eines festen Ich oder Selbst. Dass du dich selbst als Person wahrnimmst, die mal stärker, mal schwächer ist, aber eben immer ein klar umrissenes Wesen bleibt, widerspricht dem nicht. In den Künsten übrigens (Literatur, Malerei, Musik) gibt es diese Vorstellung von absoluter Individualität erst seit der Romantik, wo Künstler begannen, individuelles Leiden an der Welt darzustellen.
      "Lies are just another way of telling the truth." (Paravadin Kanvar Kharjappali)