Fehlendes Selbst

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Fehlendes Selbst

      Hallo!
      Mir fällt immer wieder auf, dass ich in vielen Dingen keine eigene Perspektive habe.
      Ich wurde zum Beispiel schon oft dafür kritisiert, keine eigene Meinung zu haben. Ich habe dafür meistens viele Meinungen nebeneinander, kann mich aber kaum für eine entscheiden. Daraus wird dann ein „Einerseits....andererseits, ...oder....obwohl..“Darauf hin sage ich dann lieber gar nichts, wenn es um die klassische Meinungsabfrage geht.
      So ähnlich geht es mir auch mit meiner Berufswahl. Ich kann und will mich auf nichts festlegen und habe dann die Bildende Kunst gewählt, da ist ja vieles irgendwie möglich, nur Geld verdienen leider nicht.
      Bei meiner Kleidung fällt mir auf, dass Muster wichtig sind. Am liebsten klein gemustert oder gestreift. Aber ich würde mich nicht irgendeinem Stil unterordnen.
      Wenn ich Menschen treffe, dann weiß ich nicht, ob ich sie mag. Ich finde es nur schön, wenn ich mich über interessante Dinge unterhalten kann und ich nicht dafür kritisiert werde, so zu sein wie ich bin. Ich glaube, dann mag ich sie. Nur, ob diese Menschen wirklich gut zur mir sind, dass erkenne ich leider auch nicht so schnell (anderes Thema)
      Ich bin ja noch nicht mal diagnostiziert, aber kennt vielleicht jemand von euch Ähnliches?
    • :) Na klar, schau Mal unter neurologische Vielfalt, sich selbst sein. Bin leider zu doof um mit dem Handy zu verlinken, aber das findest du schon, da läuft gerade eine Diskussion zu genau dem Thema.
      Du hast glaube ich schon ein selbst, was dir wahrscheinlich fehlt ist eine persönliche Identität.
      Da hab ich im anderen Thread schon was geschrieben, so geht es mir auch, aber ich komme klar damit.
      Ich finde es eher seltsam wenn man sich mit seinem persönlichen Geschmack und seinen Gedanken und Gefühlen soweit identifiziert, dass man sie für sein "ich" oder " selbst" hält. Dann wäre ich eine andere, als zb vor 10 Jahren. Mein Geschmack ändert sich alle paar Jahre.
      Was sich nie ändert, ist das Gefühl, anders als die anderen Menschen zu sein und nicht hierher zu gehören.
      Aber das würde ich jetzt auch nicht als mein wahres selbst bezeichnen. So auf die Art, mein selbst ist das Gefühl der Desidentifikation mit dem Rest der Menschheit ;)
    • Nellson wrote:

      Ich wurde zum Beispiel schon oft dafür kritisiert, keine eigene Meinung zu haben. Ich habe dafür meistens viele Meinungen nebeneinander, kann mich aber kaum für eine entscheiden. Daraus wird dann ein „Einerseits....andererseits, ...oder....obwohl..“Darauf hin sage ich dann lieber gar nichts, wenn es um die klassische Meinungsabfrage geht.
      Geht mir auch so. Wenn ich dann anfange das warum, der unterschiedlichen Ansichten innerhalb meines Meinungsbildes, zu beschreiben, denke ich auch dass andere denke das ich mich selbst widerspreche. In vielen Bereichen versuche ich dann die logische Ansicht mehr zu betonen, bzw. als ordnendes Elemente der verschiedenen Meinungsbilder zu nutzen. Meine Meinung gleicht dann mehr einer Argumentation als irgendwie einem Standpunkt, wie nach Bauchgefühl (RW) zumeist bei NTs zu beobachten. Manchmal wunder ich mir auch warum, zum Beispiel bei politischen Entscheidungen, nicht nach der Logik (also was am sinnvollsten ist) gegangen wird, sondern irgendwelche Parteimeinungen obwohl diese dann keinen Sinn ergeben. Komischerweise habe ich dann nur eine Meinung (zusammenfassende Meinung bestehend aus den unterschiedlichen Meinungen von anderen). Keine Ahnung ob das gerade verständlich war. :m(:
    • Danke Dir für den Hinweis. Ich mache mich gleich auf die Suche. :)
      Wahrscheinlich bin ich mit dem Gedanken weniger alleine, als ich dachte. Ich frage mich nur oft, wie andere Menschen das so machen, sich selbst so sicher zu verkörpern. Wenn ich in mich hinein gucke, dann sehe ich halt viel Raum und wenig Greifbares.
    • Melanie84 wrote:

      :) Na klar, schau Mal unter neurologische Vielfalt, sich selbst sein. Bin leider zu doof um mit dem Handy zu verlinken, aber das findest du schon, da läuft gerade eine Diskussion zu genau dem Thema.
      Meine Antwort oben bezieht sich auf die Nachricht von Melanie84. Vielleicht muss ich mir erstmal klar über den Unterschied zwischen Selbst und Identität wenden.

      platzhalter wrote:

      Nellson wrote:

      Komischerweise habe ich dann nur eine Meinung (zusammenfassende Meinung bestehend aus den unterschiedlichen Meinungen von anderen). Keine Ahnung ob das gerade verständlich war. :m(:

      Habe ich glaube ich ganz gut verstanden. Bei Diskussionen ergeht es mir ähnlich. Nur dass ich kognitiv irgendwann nicht mehr in der Lage bin, meine Gedanken zu sortieren, weil ich dann schon wieder völlig überwältigt bin von den Aussagen, mit denen ich dann konfrontiert werde. Ich bin dann einfach langsamer. Viel langsamer als die anderen.
    • Nellson wrote:

      Hallo!
      Mir fällt immer wieder auf, dass ich in vielen Dingen keine eigene Perspektive habe.
      Ich wurde zum Beispiel schon oft dafür kritisiert, keine eigene Meinung zu haben. Ich habe dafür meistens viele Meinungen nebeneinander, kann mich aber kaum für eine entscheiden. Daraus wird dann ein „Einerseits....andererseits, ...oder....obwohl..“Darauf hin sage ich dann lieber gar nichts, wenn es um die klassische Meinungsabfrage geht.
      Völlig normal :). Dieses "selbst" (oder wie mal jemand anders schrieb "elementares Ich-Gefühl" oder "Persönlichkeitskern" oder oder oder ....) wird allgemein überschätzt. Ich spiegle auch eher mein Gegenüber als dass ich ein "selbst" einbringe. Warum auch? Ich bin im Gespräch eher wie GPT-3 als wie ein neurotypischer Mensch; gib mir einen Prompt, und ich plappere munter weiter, auf einigermaßen hihem Niveau. Und wenn mein Gegenüber "Onkologie" statt "Ontologie" verstanden hat, kann ich auch munter weiter über Krebsdiagnostik als über Arten des Seins reden. Aber die gute (well, kinda) Nachricht ist, dass Du mit dem Alter wahrscheinlich unflexibler wirst, da kommt dann irgendwann der eigene Standpunkt ganz von selbst.
    • Die Diskussion gefällt mir hier. Ich finde auch, dass es allgemein überschätzt wird eine persönliche Identität zu haben.
      Ich finde da sind so viele Faktoren, die auf die Gedankenwelt und Gefühlswelt Einfluss haben, dass es mir unmöglich erscheint, mich damit zu identifizieren. Auch der persönliche Standpunkt ist ja variabel und hängt davon ab, wann ich was mit wem diskutiere, wie es mir zu dem Zeitpunkt geht, ob ich neue Informationen zu dem Thema habe oder nicht und auch was die andere Person für einen Standpunkt einnimmt.
      So ein Standpunkt ist eigentlich auch Quatsch, wenn man bedenkt, dass alles ständig und immer im Fluss ist.
      Allein schon der Weg, den sich die Erde in diesem Zeitraum, in dem ich das geschrieben habe, bewegt hat.
    • Dieses "Viele-Meinungen-nebeneinander-Haben" kenne ich; ich finde nicht, dass es etwas Schlechtes ist.
      Ich mag es nicht, zu urteilen / mich auf eine Sichtweise zu beschränken. Ich versuche, Dinge zu verstehen, und dazu gehört es doch gerade, dass ich möglichst offen und unvoreingenommen herangehe.

      Überhaupt gleicht mein Denken und Fühlen oft nicht so sehr einer "Simulation" der oder einem "Urteil" über die Wirklichkeit, sondern eher einer Wellenfunktion, in der die Dinge nicht eindeutig bestimmt sind, sondern lediglich Wahrscheinlichkeiten berechnet werden.
      Muss ich dann doch mal den Schritt von solchen Wahrscheinlichkeiten hin zu einer echten binären Entscheidung machen (bspw. entscheiden: "Ergreife ich den Beruf X oder nicht?" / "Gehe ich heute zur Arbeit, oder bin ich tatsächlich so krank, dass ich anrufen und mich krankmelden sollte?" / "Ziehe ich heute einen Schal an oder nicht?"), dann fühlt sich das immer irgendwie falsch an; ich hätte die Entscheidung lieber offen gelassen. :m(:
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal
    • Ich bin die, die mein Leben erlebt hat, das reicht für mich als "Identität", analog zur Identität eines Objekts in der objektorientierten Programmierung.

      Gruppen- oder Rollenzugehörigkeiten gehören für mich nicht zu meiner Identität. Genauso wenig feste Vorlieben, Eigenschaften oder Standpunkte. "Ich bin mir Gruppe genug", und teile bestimmte Attribute mit anderen Personen (ob veränderlich oder nicht - wie Geschlecht, Alter, Musikgeschmack, politischer Standpunkt zur Frage XY, psychiatrische Diagnose, ...), ohne dass das für mich ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit bedingen würde. Ich habe meine Geschichte und damit Schnittpunkte zur Geschichte anderer Menschen, mehr nicht.

      Nellson wrote:

      Ich wurde zum Beispiel schon oft dafür kritisiert, keine eigene Meinung zu haben. Ich habe dafür meistens viele Meinungen nebeneinander, kann mich aber kaum für eine entscheiden. Daraus wird dann ein „Einerseits....andererseits, ...oder....obwohl..“
      Ich denke nicht, dass ein fester Standpunkt zu jedwedem Thema notwendig ist, um ein "Selbst" zu definieren. Abwägen ist gut, und über manche Themen muss man sich vielleicht auch länger Gedanken machen, bevor man zu einem Schluss kommt, oder man hat nicht genügend Informationen, um einen eigenen Standpunkt bilden zu können. Dann ist es gut, nicht vorschnell zu urteilen.

      Es ist aber auch notwendig, sich von den Standpunkten anderer abgrenzen zu können. Wenn man seinen Standpunkt von der Sorge, abgelehnt zu werden, abhängig macht, diesen bei wechselnden Gesprächspartnern dann "über den Haufen werfen" würde, nicht, weil einen Argumente überzeugt haben, sondern weil man dadurch die Beziehungsebene verbessern möchte, dann fehlt da meiner Ansicht nach schon ein wenig so etwas wie Selbstabgrenzung. Wenn jedwede Meinungsverschiedenheit gescheut wird, dann kann das wahrscheinlich schon so wirken wie ein fehlendes "Selbst". Ich weiß aber nicht, ob du oder die anderen, die hier geschrieben haben, das so gemeint haben.

      The post was edited 1 time, last by Turtle ().

    • Nellson wrote:

      Bei Diskussionen ergeht es mir ähnlich. Nur dass ich kognitiv irgendwann nicht mehr in der Lage bin, meine Gedanken zu sortieren, (...) Ich bin dann einfach langsamer. Viel langsamer als die anderen.
      Dieses Langsamer-sein in Gesprächen, so ein Zeit-brauchen, bis man zu einer Beurteilung kommt, bis man überhaupt etwas äußern kann, das kenne ich sehr gut.

      Abendstern wrote:

      Muss ich dann doch mal den Schritt von solchen Wahrscheinlichkeiten hin zu einer echten binären Entscheidung machen (bspw. entscheiden: "Ergreife ich den Beruf X oder nicht?" / "Gehe ich heute zur Arbeit, oder bin ich tatsächlich so krank, dass ich anrufen und mich krankmelden sollte?" / "Ziehe ich heute einen Schal an oder nicht?"), dann fühlt sich das immer irgendwie falsch an; ich hätte die Entscheidung lieber offen gelassen. :m(:
      So ist es.

      Turtle wrote:

      Ich denke nicht, dass ein fester Standpunkt zu jedwedem Thema notwendig ist, um ein "Selbst" zu definieren.
      Es gibt schon Bereiche, wo ich mein Erwachsenenleben lang einen mehr oder minder festen Standpunkt habe (100 Prozent immer der gleiche ist der natürlich auch nicht). Aber auch das reicht nicht, um ein unverrückbares Selbst zu konstruieren. Denn eigentlich dient ein solches Konstrukt doch nur dazu, sich gegen andere abzugrenzen: Ich bin ich und so ganz anders als du. Worin besteht aber der Sinn einer solchen Abgrenzung? Eigentlich führt er nur zu Konflikten auf der Welt.
      "Lies are just another way of telling the truth." (Paravadin Kanvar Kharjappali)
    • Nellson wrote:

      Ich wurde zum Beispiel schon oft dafür kritisiert, keine eigene Meinung zu haben. Ich habe dafür meistens viele Meinungen nebeneinander, kann mich aber kaum für eine entscheiden. Daraus wird dann ein „Einerseits....andererseits, ...oder....obwohl..“
      Und warum ist das so?
      Es sind ja mehrere Gründe denkbar, zb fällt mir da ein: 1) jmd hat noch nicht viele Informationen zu einem Thema, 2) Jmd interessiert ein Thema einfach nicht besonders, 3) Jmd hat Angst vor Widerrede bzw davor seine Meinung begründen und diskutieren zu müssen (entweder hat er keine Argumente oder ihm fehlen schlicht die rhetorischen Fähigkeiten oder er hält Konflikte nicht aus) 4) Jmd möchte erst abwarten, welches Image eine bestimmte Meinung hat und ob er dieses auswählen will (Selbstdarstellung)

      Nellson wrote:

      und habe dann die Bildende Kunst gewählt, da ist ja vieles irgendwie möglich, nur Geld verdienen leider nicht.
      Bisher habe ich das eigentlich für eine mutige Wahl gehalten, von Leuten, die wissen was sie wollen. Ich dachte wer nicht weiß was er will, studiert BWL oder Soziale Arbeit oder etwas derartiges...

      Nellson wrote:

      Wenn ich Menschen treffe, dann weiß ich nicht, ob ich sie mag. Ich finde es nur schön, wenn ich mich über interessante Dinge unterhalten kann und ich nicht dafür kritisiert werde, so zu sein wie ich bin. Ich glaube, dann mag ich sie. Nur, ob diese Menschen wirklich gut zur mir sind, dass erkenne ich leider auch nicht so schnell (anderes Thema)
      Das geht mir auch so. Ich denke das ist eine Unfähigkeit, Menschen einzuschätzen. Ich "mag" irgendwie erstmal alle Menschen, nur ganz selten dass ich jmd nicht mag von Anfang an, und das liegt dann eher an Stimme und Redeweise (also Äußerlichkeiten, die weder er noch ich beeinflussen kann)

      Nellson wrote:

      Ich bin ja noch nicht mal diagnostiziert, aber kennt vielleicht jemand von euch Ähnliches?
      Also ich denke, entweder bist du noch recht jung und bist noch in einer Orientierungsphase, oder wenig Selbstbewusstsein?
      Ich selbst, habe nicht das Gefühl, dass ich kein Selbst habe, obwohl ich autistisch bin und obwohl ich Entscheidungsschwierigkeiten kenne. Aber ich weiß schon was ich gut kann, was ich mag, und welche Meinung ich habe (sofern mich das Thema interessiert und ich Informationen dazu habe) und werfe die dann auch bei viel Gegenwind nicht schnell über den Haufen.
      In Foren bekam ich schon die Rückmeldung, ich wirke souverän. Im realen Leben hieß es immer wieder, schüchtern und still. Wobei ich gelernt habe, kurzzeitig bei der Begrüßung einen selbstbewussten Eindruck zu vermitteln via Körpersprache, zumindest bekam ich das auch einmal rückgemeldet.