"Toxic Positivity" - diese Positivität auf Teufel komm raus

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    • "Toxic Positivity" - diese Positivität auf Teufel komm raus

      Kennt ihr das auch, wenn Leute einfach nicht akzeptieren wollen, wenn ihr etwas (vermeintlich) negatives über euch sagt?

      Ich würde behaupten, ich bin eigentlich kein Mensch, der viel herumjammert. Jedenfalls nicht in den letzten 2 Jahren oder so. Ich bin gerne positiv.

      Oft habe ich aber das Gefühl, dass ich keine andere Wahl habe, als positiv zu sein. Wenn ich es nicht bin, dann sagt die andere Person gerne so etwas wie "ach, so schlimm ist ... bestimmt nicht".
      Ich hasse das. Denken die, dass es mich aufmuntert? Tut es nämlich nicht. Es dient nur deren Vorstellung einer heilen Welt, habe ich das Gefühl.

      Vor allem bei meinen Eltern. Die wollen gar nichts einsehen, wenn ich ihnen von meinen Problemen erzähle.



      Mit vermeintlich negativ meine ich, dass ich viele Sachen einfach so meine. Ganz sachlich und objektiv. Wenn ich sage, ich fahre sehr schlecht Auto, dann meine ich das informativ, ich möchte, dass die andere Person versteht, warum ich lieber Bahn fahre. Dann möchte ich nicht hören "ach, also das kann ich mir jetzt echt nicht vorstellen". Nein. Ich fahre schlecht Auto. Punkt. Ich bin schon längst darüber hinweg, wenn ich es nicht wäre, würde ich es nicht aussprechen. Und wenn ich nicht sicher wüsste, dass ich schlecht Auto fahre, würde ich mich auch nicht trauen, es auszusprechen, weil es mir ja sowieso keiner glaubt.
    • Das geht bei mir in beide Richtungen. Als ich mich zum Rettungsschwimmerausbildung angemeldet habe, war die meiste Reaktion in der Familie, dass ich mich da überforderte und das nichts für mich ist. Den eigentlichen Fakt, dass ich mir das seit ca. zwei drei Jahren schon als Ziel gesetzt habe und auch mal 2,5 km am Stück schwimme da interessiert nicht. Irgendwie kommt mir das so wie oberflächliches Interesse vor, ähnlich wie beim Smalltalk. Da wird dann halt aufgrund dessen versucht das eigene falsche Bild auf mich zu projizieren. Als Kind hat das noch ganz gut funktioniert und ich hatte wenig Selbstvertrauen und es wurde auch innerhalb meiner Familie keines aufgebaut. Wenn ich aber sage, da ich Probleme mit der Kommunikation bzw. mit dem Verhalten anderer habe, dann wird mir zu verstehen gegeben, dass ich mich nicht so anstellen sollte bzw. das es halt so ist. Manchmal wird sowas auch (absichtlich?) überhört.
      Ich habe beschlossen für mich eigenständig Entscheidungen zu treffen und mein Verhalten/Potenzial zu bewerten, denn wenn jemand daran wirklich Interesse hätte, dann würde man sich auch mit mir beschäftigen, anstatt aufgrund von Halbwissen versuchen mich zu beeinflussen bzw. Bestätigung für die falsche Vorstellung von mir zu suchen.
    • Ich glaub, das kommt oft aus der Angst, sich andernfalls ernsthaft mit den Problemen des Gesprächspartners auseinandersetzen zu müssen. Ein "Ach, so schlimm ist das doch gar nicht" ist quasi der verzweifelte Versuch, das Gespräch irgendwie wieder in "seichtere" Bahnen zu lenken.
      (Hier ein passender Klassiker aus dem Postillon...)

      Smalltalk über Probleme / Schwierigkeiten, ist nun mal nicht so gut möglich. Jedenfalls nicht, wenn das individuelle Probleme eines einzelnen Gesprächsteilnehmers sind.
      In einer Gruppe von "Gleichleidenden" geht es durchaus, also die Ü60-Jährigen auf meiner letzten Arbeitsstelle konnten z. B. wunderbar über ihre Rückenleiden smalltalken, und auf den Aspie-Treffen ist es "akzeptiert", z. B. über Probleme mit zu vielen Umgebungsgeräuschen zu reden (oder auch - so letztens geschehen - über Probleme beim Autofahren ^^ ).
      Aber wenn es eben nur das Thema eines einzelnen ist, dann überfordert das die anderen oft. Und dann kommen so Verlegenheitsreaktionen wie "Ach, das wird schon" oder es wird ein Witz draus gemacht o.ä. Mach ich auch oft so. :oops:
      Ich bin mir in solchen Situationen aber oft auch nicht sicher, was eine bessere Reaktion wäre (also vorausgesetzt, ich möchte das Gespräch nicht weiter in die Richtung vertiefen). Einfach nichts sagen?
      "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." ~ Blaise Pascal
    • Ich glaube nicht, daß da viele überfordert mit wären, sie sind nur nicht dran interessiert sich Probleme einer anderen Person anzuhören. Smalltalk lässt sich auch sehr egoistisch gestalten, und die Menschen glauben eh nur allzu gern, was sie sich wünschen oder wollen, und sie reden halt nicht gerne über ernste Themen. Das zieht sie nur runter und dabei aus ihrer Realitäts-Verdrängung raus, in der viele es sich bequem gemacht haben.
      Dieses "gezwungen positiv sein zu müssen" fand ich auch immer furchtbar, "gute Miene zum bösen Spiel machen".
      Viele Menschen, welche ich mit Depressionen erlebt habe, wurden von ihrem Umfeld genau damit abgebügelt.
      Ich fand das immer grausam, und schon egoistisch bis psychotisch, reale Probleme einer Person nicht nur zu ignorieren, sondern sich noch drüber lustig zu machen und sich am "Nachtreten" regelrecht aufzugeilen.
      Gerade in der Schule habe ich so etwas als Beobachter, aber bei meinen Eltern auch als Betroffener leider, als immer wieder sehr toxisch erlebt. Es ist ein sehr passendes Wort.
      Viele Menschen laufen eben gern vor der Realität davon, schon recht wenn sie dabei an ihre eigene Verletzbarkeit erinnert werden.

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    • Dieses positive Gerede, wenn man selber etwas negativ darlegt, finde ich auch extrem nervtötend.
      Wahrscheinlich meinen die Leute das nur aufbauend und freundlich, aber mich nervt so etwas auch total.
      Meine Mutter ist leider von der Sorte. Egal, was man sagt, sie redet alles ins Positive!
      Die nimmt auch nie Probleme ernst. Ist alles garnicht so schlimm!!!
      :roll:

      Also solche Menschen habe ich zum Glück nicht in meinem Freundesumfeld. Es reicht, so jemanden als Mutter zu haben .
      :d
    • kwkittens wrote:

      Mit vermeintlich negativ meine ich, dass ich viele Sachen einfach so meine. Ganz sachlich und objektiv. Wenn ich sage, ich fahre sehr schlecht Auto, dann meine ich das informativ, ich möchte, dass die andere Person versteht, warum ich lieber Bahn fahre. Dann möchte ich nicht hören "ach, also das kann ich mir jetzt echt nicht vorstellen". Nein. Ich fahre schlecht Auto. Punkt.
      Da spricht mir jemand aus der Seele. Es geht darum, wie die Dinge sind, nicht wie man sie gerne hätte. Zuckerguss auf Problem geht da gar nicht.
      How you gonna win, when you ain't right within? - Lauryn Hill
    • viele Menschen können einfach nicht ertragen wie es eben ist. Sie können nicht mit der Trauer oder Angst oder dem "was auch immer" des Gegenübers umgehen. Sie wollen das miese Gefühl das sie dann haben wegmachen.
      Das ist sehr unempathisch und engherzig .
      Aber weglaufen oder wegsehen bringt nichts.
      Ausserdem liegt das Problem in der Bewertung der Situation . Man muss gar nicht werten. Es ist wie es ist .
    • Ich kenne das auch. Wenn man etwas sachliches beleuchten möchte. Bei ständig positiven Leuten kommt dann "Aber dadurch ist ja dies und das so toll". Ich denke: "Ja, aber darum geht es gerade nicht". Oder wenn es pädagogische Menschen sind, die vermutlich gerade Positive Psychologie bei mir anzuwenden versuchen, denke ich mir "grrr, das ist zwar sehr nett, aber das weiß ich alles und ich habe hier gerade ein Anliegen, was damit über den Haufen gefahren wird". (Im Umkehrschluss verstehe ich allmählich auch zunehmend wie genervt sich diese Menschen vermutlich durch mich fühlen, wenn sie einen emotionalen Aspekt von ihnen unterbreche, um sachliche Zwischenpunkte zu debattieren)

      Das ist echt faszinierend diese unterschiedlichen Kommunikationsstile. Vielleicht haben die auch Overloads, wie viele von uns, wenn wir emotional sind. Für die ist flache Emotionalität scheinbar auch sachlich, weil viele NT's die ja gern mit jedermann teilen, aber ungern mit jedermann näher befreundet sind. Vielleicht können die keine flüssige Sachlichkeit und wir keine flüssige Emotionalsprache, jeweils ohne Meltdown.

      Dennoch habe ich bei einem letzten Gespräch dann auch noch mal über manch positiv gesagte Dinge nachgedacht bei dem inneren Gesprächs-Resumé und dabei festgestellt, dass, auch wenn ich genervt von denen wegen dem Themaübergehen war, manche dieser auch einen nett-positiven Nachhall hatten.
      Aber auch nur, weil die realistisch für mich wirkten. Gibt ja auch Leute, die Scheiße zu Gold reden, weil sie völlig verzweifelt zu sein scheinen oder halt einfach ihr Denken anders ist.
      Und manche Sachen, die diese Person gesagt hatte, waren auch wirklich kurzsichtig m. E. Da fehlte der Person m. E. "mein Mokassin" (RW). Ich hätte der das gar nicht begreiflich machen können, vermute ich. (Vielleicht hätte ich es der Person näher bringen können vorstellungstechnisch, keine Ahnung, ich wollt ja eigentlich über was anderes reden).
      Ich hatte mich dann noch etwas geärgert, weil ich mich von den für mich realistisch empfundenen positiven Dingen beeinflusst fühlte, da ich die nun auch so logisch sah, ohne dafür eigentlich bereit gewesen zu sein. Weil ich hatte nicht darum gebeten, mir diese Aspekte zu nennen. Wenn ich meine emotionale Einstellung verändern möchte, lese ich gezielt positive Psychologie.
      Letztlich zwar besser, als wäre es was negativ emotionales gewesen. Aber ich wollte ja eigentlich nur was sachliches besprechen. Emotionen sind für mich / für manche Autisten eben nicht so leicht zu verarbeiten. Für manche NT's scheinen das vermutlich appetitliche Tropfen des sozialen Austausch zu sein. Für mich oft ein Riesen-Paket. Jetzt muss ich mich an meinen früheren Mitbewohner erinnern, der mal mitteilte, dass ich doch mal offener sein soll für neue Horizonte und manchmal hatte er unter Wein Wutanfälle. Ein Mal sagte er, dass ihn meine Ehrlichkeit ankotzt. Damals dachte ich, der hat einfach nur zu viel Wein getrunken.

      Bei meinem Ex ist es so, dass wenn ich was negatives sachliches sage, er wütend wird und wenn ich ihn darauf anspreche, sagt er, er empfindet das als würde ich ihn dazu anhalten, mir meine Gefühle zu positivieren (bei ihm kann seine Vergangenheit noch damit zu tun haben). (Wenn ich bei ihm was positiv sachliches sage, lässt er meist ne sarkastische Stichelei fallen, um mir schlechte Laune zu bereiten.)
      Ich kenne das auch bei einigen, dass die auf tiefer sachliche Themen oft nicht wissen, was sie dazu sagen sollen. Nur was sie zu Smalltalk umwandeln können, nehmen sie näher an. Oder interpretieren gesagtes von mir nach kurzer Irriation als Smalltalk-Versuch und lenken um. Wobei die Irritation vielleicht ja auch wirklich aus Unlust herrühren kann, darauf näher einzugehen und die dann z. B. schnell versuchen etwas zu finden, wo sie der Tiefe ausweichen können. Ansonsten meist betretenes Schweigen mit einem verlegenen "Tjoa...., das ist nicht so schön" oder so.

      @platzhalter: Das von deinen Eltern kenne ich von meiner Schwiegermutter. Und teilweise auch von meinen. Wenn die nicht wollen, dass ich irgendwas habe oder kann oder nicht kann, dann ignorieren die Tatsachen dazu oder drehen die um. Meine Eltern nur manchmal und mit ganz guten Argumenten kriegt man sie dann manchmal immerhin schon Mal zu einem verunsichert staundenen "ja?" oder "hmm" und anschließendem Schweigen. Ich darf nur keinen wunden Punkt treffen.
      Meine Schwiegermutter bleibt barsch auf ihrer Meinung mit hunderten Ausrufezeichen, zunächst noch fröhlich theatralisch. Man kann ihr genau ein Mal wiedersprechen. Danach brüllt sie los auch bei kleinsten Themen / schlägt einem ihre Meinung quasi verbal ins Gehirn, in der Hoffnung, dass sie so angenommen oder zumindest nicht mehr debattiert wird. Bei Eltern hängt wohl auch noch mal stärker die persönliche Verbindung und Genetik mit dran im Punkto Spiegelung / Projizierung, dass sie noch empfindlicher reagieren können.

      Schade und interessant, dass man mit so wenigen Menschen einfach mal sachlich über etwas sprechen kann.

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    • Ich kenne das. Man kann aber nicht lebensbejahend sein wenn man negativen Empfindungen keinen Raum lässt.

      Ich habe mich von meinem Freund getrennt diese Woche, obwohl ich ihn noch liebe, weil es einfach nicht mehr ging gerade. Meine beste Freundin meinte, ich solle jetzt nicht im Selbstmitleid versinken. Schöne Welt, in der man nicht einmal nach einer Trennung weinen darf. Wenn man natürlich jede Trauer als "Selbstmitleid" abstempelt...
      anyone can carry his burden,
      however hard, until nightfall.