Wie wurde/wird mit euren Problemen umgegangen? Wie wurdet ihr gefördert?

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    • Wie wurde/wird mit euren Problemen umgegangen? Wie wurdet ihr gefördert?

      Früher, wollte ich immer Rasenmähen bei den Eltern, als ich sah, dass es auch gleichaltrige Kinder bei den Nachbarn machen.

      Das Haus, in dem meine Eltern leben, hat 4 Parteien, wo jeder mal im Garten und so was macht.
      Im Haus war immer ein Rasenmähen mit Stromkabel.
      Wegen meinen massiven Konzentrationsprobleme und Probleme mit der Feinmotorik, wollte mein Vater nie, dass ich Rasenmähen, wobei ich ihm helfen konnte.
      Er sagte immer bei einem Rasenmähen mit Benzin würde er mich ran lassen, mit dem Kabel war es ihm zu 'heiss'

      Bei meiner Unordnung im Zimmer räumte mein Vater immer für mich auf.
      Wenn irgend was nicht ging hiess es immer komm ich mach es.
      Wenn ich ihm früher z. B. beim streichen, tapezieren helfen wollte, war es ihm immer zu ungenau, weshalb er es selber machte.
      Als ich mich in der Firma wo ich früher arbeitete, auf eine andere Stelle bewerben wollte, da die zwischenmenschliche Überforderung immer größer wurde, meinte er, den aktuellen Job kannst du, bei andere Stellen kannst du mit deiner Feinmotorik, Konzentration Probleme bekommen, also vermied ich auch diese Herausforderung und klappte irgendwann wegen zwischenmenschliche Probleme in der Arbeit um. Er ist sehr auf Sicherheit getrimmt, da ich in meinem Leben schon sehr viele Probleme hatte, wo sie für mich da waren.
      Wurde euch auch sehr viel abgenommen um mit aktuellen Situationen umzugehen?
      Ging in der Kindheit regelmäßig zur Logopädie, Ergo und zu Ärzte und Eltern wollten mich in der Ortschaft integrieren, was schlecht lief, da ich in der Nachbarstadt in dem Kindergarten für Kinder mit geistigen Themen ging, als ich ua. zwischenmenschliche Themen im Regelkindergarten hatte und dannach in die Förderschule in der Nachbarstadt gng.
      Wenn Vater mit mir immer was draußen spielte, kamen auch andere Kinder, er integrierte sie, so kam ich draußen bisschen besser zurecht

      Er hat sich stark geändert und sieht mittlerweile ein, dass ich vieles selber lernen muss.
      Trotzdem ist er da, wenn ich ihn brauche.
      Es half mir halt nicht immer, wenn er zeigte wie er es macht, da ich es nicht nachmachen konnte..
      Zudem war von ihm immer alles lieb gemeint gewesen.

      Wie würdet ihr früher gefördert.
      Hiess es, warum machst du es nicht so oder so, oder gab es eine andere Förderung?

      Er hat viel Zeit mit mir verbracht, mit mir gespielt, was unternommen, da Familie, Verwandtschaft, älterer Nachbar, Ersatz für Freunde war, trotzdem versuche ich gerade viel zu verstehen.

      Herzlichen Dank
      L. G. Daniel :thumbup: :thumbup:

      The post was edited 1 time, last by Daniel1 ().

    • Ich habe eigentlich garkeine richtige Förderung gehabt.
      Meine Eltern hatten nie so wirklich Zeit für mich, gespielt hat mit mir nie einer von ihnen, oder so gut wie nie, das kam sehr sehr selten vor.
      Beide waren voll berufstätig (Vater Polizist und Mutter Verkäuferin und später Frisörin).
      Meine oma hat sich überwiegend gekümmert, aber auch nicht wirklich viel mit mir gemacht, wenn dann nur mal Geschichten erzählt, vorgelesen aus Büchern und ich habe dazu gemalt oder gespielt.
      Ich wollte nie selber lesen weil mir das schwer gefallen ist.
      Das meiste was kleine Kinder lernen habe ich erst sehr viel später auf einer normalen Basis gekonnt, ich habe seit jeher immer recht lange gebraucht Dinge zu können, vom sprechen und laufen angefangen bis hin zum lesen, schreiben, schnürsenkel zubringen, brote schmieren etc.
      Förderung bekam ich nur wenige male.
      Ein mal kurz als Nachhilfe wegen der Schule, weil meine Noten sehr schlecht waren aber das hat nicht geholfen.
      Dann Kunstunterricht als ich schon älter war, das war mehr Freizeit für mich und Beschäftigung und vielleicht auch kreative Bildung weil man dort lernen konnte mit so vielen Dingen Kunst zu machen, nicht nur zu malen oder so.
      Das habe ich auch mehrere Jahre gemacht.
      Später im Heim dann auch diverse Therapien wo manche funktionierten, andere aber nicht, und dann später als ich hier wieder auf die Realschule ging wieder Nachhilfe in Mathe und Englisch was aber auch nicht wirklich half.
    • Also mir wurde eher nichts abgenommen, gefordert wurde ich auch nicht. Eigentlich war ich früh auf mich alleine gestellt.
      Meine Mutter war alleinerziehend und voll berufstätig, ich wurde ab ca 8 Wochen von meiner Oma betreut. Ich würde behaupten eher versorgt als betreut.
      Mit 7 wurde ich große Schwester und musste ab ca 10 mittags auf ihn aufpassen. Mittagessen Stan auf dem Herd.

      In der Grundschule war ich einer Einser-Schülerin. Auf dem Gymnasium ging es dann bergab, da ich keine Ahnung hatte wie man lernt. Auch zu dieser Zeit kam nie jemand auf die Idee mich zu unterstützen. Nun ja, lange Geschichte.

      @Daniel1 eigentlich klingt es schön, was du berichtest. Dein Vater war/ist dir anscheinend liebevoll zugewandt.
      Vermutlich hättest du mehr Unterstützung bei der Hilfe zur Selbsthilfe gebraucht, aber als Mutter eines besonderen Kindes kann ich dir sagen, dass dieser Spagat nicht einfach ist.
    • Eva39 wrote:

      @Daniel1 eigentlich klingt es schön, was du berichtest. Dein Vater war/ist dir anscheinend liebevoll zugewandt.
      Vermutlich hättest du mehr Unterstützung bei der Hilfe zur Selbsthilfe gebraucht, aber als Mutter eines besonderen Kindes kann ich dir sagen, dass dieser Spagat nicht einfach ist.
      Genau genommen, glaube ich, hat mir der emotionale Halt bei den Eltern gefehlt.
      Auch wenn mir vieles praktische abgenommen wurde und man für mich da war, wenn es Probleme gab, sagten mir Eltern immer wie sie es machen, was ich nie wirklich nachmachen konnte.
      (Feinmotorik, Koordination, zwischenmenschliche Themen, Konzentration, Organisation)
      Wie gesagt bei Ärzten, Logopädie und Ergo war ich regelmäßig.
      Wenn Sie meine Probleme nicht loesen konnten waren sie ohnmächtig und ihnen ging es dreckig, weswegen ich versuchte sie aufzubauen.
      Gerade da kam es immer von ihnen, dass ich es doch wie sie machen solle, was nicht wirklich ging.
      Obwohl wir früher ständig zu Ärzten gingen bekam ich die Aspi Diagnose erst vor einanthalb Jahre.
      Damals waren die Ärzte möglicherweise noch nicht so weit, anders kann ich mir es nicht erklären, dass unser damaliger Hausarzt meinen Eltern vorschlug, mich in eine Art Heim zu bringen, damit sie keine Probleme mehr hätten, was sie Gott sei Dank nicht raten.
      Vom Regelkindergarten bin ich ja auch wegen meine Themen rausgeflogen, womit ich in der Kindergarten für Kinder mit geistigen Themen und dannach in die Förderschule ging, nachdem meine Eltern den Kampf verloren hatten mich in eine Sprachschule unterzubringen, da mich die Grundschule nicht wollte
      Im nachhinein hätte ich mir für damals gewünscht, dass die Eltern sich von meine Probleme distanzieren können und mir dafür Halt und Stabilität geben konnten, damit ich die Möglichkeit gehabt hätte meinen eigenen Weg zu gehen und genau wüste, dass ich bei Rückschläge nicht mit meine Probleme konfrontiert werde sondern einfach nur Halt erfahre.
      In dem ich versuchte ihre Wege zu kopieren, was nicht geklappt hat, konnte ich nicht meinen eigenen Weg finden, glaube ich.
      Wenn ich Probleme hatte, ging ihnen es halt auch schlecht und es hiess, warum machst du es nicht so oder so?

      Im Grunde hat mir ausser emotionaler Haltsonst nichts gefehlt, glaube ich.

      Wie würdet ihr im Nachhinein optimale Förderung für euch beschreiben?

      Herzlichen Dank.
      L. G. Daniel :thumbup: :thumbup:

      The post was edited 2 times, last by Daniel1 ().

    • Daniel1 wrote:

      Wie würdet ihr im Nachhinein optimale Förderung für euch beschreiben?
      Optimal ist ein Mittelweg aus Nähe und Distanz, Sicherheit und Freiheit.
      Nicht alles abnehmen oder behüten, aber auch nicht erwarten, dass das Kind alles kann.
      Erstmal probieren lassen, Zeit geben und nur wo wirklich notwendig ist unterstützen, warten bis nach Hilfe gefragt wird, dies dann aber auch nicht ablehnen.
    • @MangoMambo,
      Herzlichen Dank.
      Geduld war nicht so das Ding bei meinen Eltern, auch nicht bei sich selber.
      So kam es halt schnell, dass sie mir was abnahmen, wenn es bei mir nicht lief.

      Anderseits braucht man auch wirklich viel Geduld, wenn das Kind Probleme mit Feinmotorik, Koordination, Reizüberflutung, Konzentration, Hyperaktivität und zwischenmenschliche Probleme hat.
      Wenn ich am PC war hatten sie zudem immer Angst, dass ich eine Sucht entwickle, weswegen sie schauten, dass ich nicht so lange am Pc bin.
      Wenn Eltern ständig schauen was richtig oder falsch ist, kann Kind sich halt schlecht austesten und kennenlernen.
      Da wird der Lebensraum sehr schnell sehr klein, da es schwierig wird in dieser Situation Fähigkeiten zu entwickeln, auch wenn es zu diesem Zeitraum erstmal Schutz bedeutet.

      Jetzt geht es für mich darum, meine Thematik zu verstehen und Kernkompetenzen ohne permanente Überanpassung aufzubauen, was ich sehr sehr schwierig finde. Früher habe ich immer gemacht was gesagt wurde, wobei Beziehungs Personen mir einen gewissen Halt gaben, mittlerweile muss ich alles selber machen, wo auch nicht wenig dahintersteckt.
      (Handlungsplanung, Koordination, Überblick, Konzentration, Regulierung der Anspannung sich selber den Halt geben, etc)

      Herzlichen Dank.
      L. G. Daniel :thumbup: :thumbup:

      The post was edited 1 time, last by Daniel1 ().

    • Also bei mir war es so, dass mir schon echt viel von meiner Mutter abgenommen wurde! Ich war quasi in einem "sicheren Nest".
      Aber wenn es um meine zwischenmenschlichen Probleme ging, hat nie jemand Verständnis für mich aufgebracht. Ich wurde in der Hinsicht nicht ernstgenommen. Das machte mir sehr zu schaffen. "Die anderen können es doch auch, also mach endlich!" war einer der Sätze, die ich ständig zu hören bekam. Sagte ich, dass ich nicht anders kann, glaubte mir niemand.

      Insgesamt wurde ich nicht wirklich gefördert. Ich wurde eher vor der "bösen Welt" beschützt, aber leider nie gefördert. Das macht mich etwas böse. Als Kind wurde eine Hochbegabung diagnostiziert und niemals hat mir mal jemand geholfen, besser in der Schule zurecht zu kommen.
      Liebe bekam ich viel, aber keine Förderung.
      Das ist wohl leider auch der Grund, weshalb ich als 32-Jährige nie gearbeitet habe und an allem gescheitet bin.
      Ich gebe niemandem die Schuld. Aber einen gewissen Anteil hat definitiv die Tatsache, dass man in meiner Kindheit nicht mal die "Notbremse" gezogen hat, als ich Hilfe gebraucht hätte.
    • Daniel1 wrote:

      Wie würdet ihr im Nachhinein optimale Förderung für euch beschreiben?
      Ich glaube, die optimale gibt es gar nicht, und ich weiß nicht, ob man sie wirklich einfordern soll. Eltern sind weder Lehrer noch Psychiater oder Therapeuten.

      Bei meiner Generation in den 50er und 60er Jahren haben Eltern nicht mit Kindern gespielt, es wurde bei Spaziergängen schon mal Spaß gemacht, aber selbst die Eisenbahn hat mein Vater eher mir überlassen bzw. mir höchstens gezeigt, wie es geht, aber Spielen mit Kindern war erst ab da angesgt, wo meine Schestwer und ich groß genug für Brett- und Kartenspiele waren, weil wir erst spät einen Fernseher bekamen.

      Förderung: intellektuell unbedingt, aber das war und ist schichtabhängig. Und ansonsten hab ich eben früh mitarbeiten gelernt, Kohlen hoch und Asche runter, Obst und Salat pflücken, und parallel dazu wurden wir auch früh auf die Straße geschickt, damit meine Mutter nachmittags Zeit für sich hätte. Ich habe am Stadtrand einer kleinen Großstadt weniger mit anderen Kindern gespielt, als vor allem allein die Natur erkundet.
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)

      The post was edited 1 time, last by FrankMatz ().

    • Ich habe keine besondere Förderung erhalten. Meine Probleme im sozialen Umgang wurden darauf zurückgeführt, dass ich Einzelkind war.

      In der Grundschule war ich Klassenbeste zusammen mit einem anderen Mädchen, obwohl ich immer nebenher mein Ding gemacht habe und irgendwann alleine hinten sitzen musste, weil ich alle anderen mit meinem Dauergeplapper über meine Interessen und was mir gerade in den Kopf kam, abgekenkt habe.

      Im Gymnasium war ich Außenseiterein habe aber die Schule leistungsmäßig gut geschafft, obwohl ich immer nur das gemacht habe, was mich auch interessiert hat.

      Meine Mutter hat mir zu Hause alles abgenommen. Sie hat es gut gemeint, aber natürlich habe ich wichtige Dinge dadurch nicht gelernt. Ich war als junge Erwachsene noch sehr unselbstständig, habe dann aber wegen Unstimmigkeiten mit meiner Mutter, die mich über das 18. Lebensjahr hinaus extrem bevormunden wollte, bei Nacht und Nebel mein Elternhaus verlassen.

      Dann musste ich im Schnelldurchlauf selbstständig werden. Da ich eine Kämpferin bin und ein Zurückkehren ins Elternhaus für mich nicht in Frage gekommen wäre, habe ich das nach und nach auch geschafft, aber so manche Bruchlandung erlitten (RW).

      Ich habe dann früh Kinder bekommen und bin dadurch hinsichtlich eines lebenspraktischen Trainings durch eine harte Schule gegangen. Ich war oft am Ende, körperlich und psychisch. Ich habe viel geweint, aber niemals aufgegeben.

      Irgendwann habe ich begonnen zu ahnen, dass es nicht alleine daran liegen kann, dass ich Einzelkind war, dass mir so viele Dinge so viel schwerer fallen als anderen Menschen. Warum ich so schnell an meine Grenzen komme. Warum das mit den sozialen Kontakten einfach nicht richtig klappt. Meine Diagnose im Alter von 59 Jahren war im Grunde meine Rettung. Meine berufliche Belastung hat sie zwar nicht reduziert, aber den Druck, den ich mir selbst immer gemacht habe, alles zu schaffen, was andere auch schaffen und möglichst normal zu wirken, und sie hat mir geholfen das Gefühl eine Versagerin zu sein, loszulassen.

      Aber trotzdem bin ich froh, keine sehr frühe Diagnose bekommen zu haben. (Wäre auch gar nicht gegangen, die gab es damals nämlich noch nicht.) Denn so habe ich mir mit Sicherheit mehr zugetraut als wie ich es mit Diagnose getan hätte. Aber ich denke, es wäre hilfreich gewesen die Diagnose zu haben, bevor ich mich beruflich festgelegt hatte.

      Denn ich hätte dann, obwohl ich meinen Beruf sehr liebe, eine Wahl getroffen, die mir die extrem vielen Menschenkontakte erspart hätte. Ob ich damit glücklicher geworden wäre? Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber ich nehme an, dass ich dann nervlich nicht so am Ende wäre, wie ich es momentan bin. Aber da es für einen Wechsel eh zu spät ist, ist die Überlegung im Grunde müßig.

      Ich habe inzwischen keine Lust mehr um jeden Preis normal zu sein und zu wirken. In der Autismus Ambulanz haben sie mir ein soziales Kompetenztraining empfohlen. Das können sie sich sonstwo hinstecken.....(RW) :d Mein ganzes Leben war ein soziales Kompetenztraining. Wer mich nicht so akzeptieren kann, wie ich bin, soll es sein lassen. Im beruflichen Kontext bemühe ich mich aber, meinen Job für die letzten Jahre meiner Berufstätigkeit zu behalten, wegen der Rente und so. Deshalb widerspreche ich meiner Chefin nicht mehr, so wie ich es früher öfter mal getan habe. Ich habe inzwischen verstanden, dass es außer Ärger nichts bringt. Und wenn ich endlich in Rente gehen kann, mache ich drei Kreuze! (RW) :d Finally freedom! 8-)
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d
    • Eine Mutter als Lehrerin würde ich jetzt nicht alls Förderung bezeichnen. Von Mittags bis Abends für Arbeiten lernen ist nicht grade die beliebteste Nachmittagsbeschäftigung.

      Aufräumen wollte man mir beibringen, aber selbst bein aufs Spielzeugtreten war nichts mit aufräumen, weil ich so wusste was wo lag und ohne weiteres gefunden hatte wo nach ich gesucht hatte.

      Ein Mensch hat es geschafft mir Ordnung zu vermiitteln im Alter von 38. Creativ wie ich bin habe ich mein Chaos dann auf Schublade und Abstellkammer verlegt, damit ich auch was wieder gefunden habe. Aufräumen und Ordnung machen = Suchbegin wo warss denn noch gleich?

      Ausrede Einzelkind, nicht wirklich einfallsreich.
    • Ich glaube heute wird mehr Wert auf Inklusion, Förderung, Diagnosestellung gelegt.

      Ich bin 1982 geboren, da gab es so etwas nicht. Wenn man normal klug war, und nicht geistig behindert, kam man auf Regelschulen und musste sich durchschlagen. Förderung? Daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Mutter war auf Grund meiner Wutausbrüche eher verzweifelt. Im Kindergarten wurde ich vor die Tür zum allein spielen gesetzt, wenn ich mich nicht benahm. Das war als Strafe gedacht, war aber wunderbar.

      In der Grundschule war ich oft allein in der Pause, redete mit mir selbst. Ab der 5. Klasse begann dann das Mobbing durch Mitschüler.

      Ich weiß aber auch nicht ob die heutige Überbenhütung so gut ist.
    • Ich hab das Gegenteil von Förderung und Hilfe erlebt.
      Wo ich einfach anders war, wurde das abgewertet, niedergemacht, oder zugeschlagen.
      Wo ich etwas nicht konnte, wurde ich mehr von dem ausgesetzt. Um dann auch wieder....
      Unschön aber lange vorbei

      Aufräumen? Wenn "Vater" nicht gefiel, was er sah, wurde alles aus Schrank und Regaen auf einen Haufen im Zimmer geworfen, und mit dem gebrülltem "du kriegst erst was zu essen/du darfst erst ins Bett, wenn aufgeräumt ist" rausgerannt.
      Aber, dann war ich a) unpünktlich zum Abendbrot und hatte b) nicht richtiig aufgeräumt, wolle ihn und "Mutter" c) nur ärgern und sei d) Schuld daran "wenn deine "Mutter" krank wird/dein Vater einen Herzinfarkt bekommt".
      Das passierte sehr oft, sagte ich nichts, hieß es "schau nicht so blöd" und dann Schläge, oder ein "hau ab, ich will dich nicht mehr sehen" mit Tritt, sagte ich was, dann waren das Wiederworte, mit denen ich nur provozieren will, und dann auch.
      Irgendwann wurde mir klar, dass ich ganz sicher nicht daran Schuld sein kann, wennn die krank werden.

      Ich konnte nicht schwimmen, hatte Probleme mit dem Temperaturunterschied zwischen Luft und Wasser, musste also ganz langsam rein, blieb sicherheitshalber am Beckenrand, schreinde und reinspringende Kinder, oder jemand der mir plötzlich nahekam, und das "lustige" Untergetaucht werden durch andere löste bei mir Panik und Luftnot aus.
      Methode meines Vater: Er packt mich, wirft mich weit ins Wasser rein. Mehrfach bin ich fast abgesoffen, dann haben mich ander rausgeholt, manchmal schaffte ich es irgendwie an den Beckenrand. Weinte ich, dann war ich wieder (beliebige beschimpfung aus dem "Wie zerstöre ich Selbstwert bei anderen"-Handbuch bei anderen einsetzen).
      Das endete erst, als er das in einem sehr kalten Naturschwimmbad machte, und ich darauf eine "Kälteallergie" entwickelte, tagelang juckende, schmerzende, rote Bläschen am ganzen Körper.
      War aber meine Schuld, weil zu empfindlich...

      Um mich "abzuhärten, wurde mir zwanngsweise in der Mittagssonne das T-Shirt ausgezogen, die schmerzhaften Sonnenbrände danach waren wieder ein Grund, auf mich einzuschreien.
      Mutter schrie weniger, nutzte den Kochlöffel, und "petzte" abends, was ich alles angestellt hätte, Er stürmte dann ins Schlafzimmer, schrie und schlug auf mich ein. Ich wusste nie, wegen was genau. Ebenfalls, wenn er mitbekam, das meine Schwester, mit der ich das Zimmer teilte, und ich noch etwas miteinander sprachen. Reinstürmen, ich bekam die Schläge.
      Auch wenn meine Schwester etwas nicht konnte oder echt Mist gebaut hatte, ich war schuld, weil ich es ihr nicht beigebracht hatte bzw nicht aufgepasst hatte als ältere.

      Nach außen machten sie immer einen tollen Eindruck, waren andere Kinder da, waren sie sooo nett", es gab sogar welche, die mich dann beneideten.
      Beim Jugendamt, zu dem ich mit 14 ging das gleiche. Mir wrde nich tgeglaubt, sie machen Eindruck, zu Hause dann das Übliche. "Wie kannst du nur, sei froh, dass du es so gut hast...." und dann der Dreh, wie verückt und und und ....ich sei, und wieder körperlicher Nachdruck.

      Später kam noch dazu, dass "die Lehrer" mich "verderben". Hier gab es ein paar, die was erkannten, mich ermutigten, aber nachdem sie was bei meinen Eltern anmerkten, waren die ...wenn es das Wort "linksgrünversifft" damals schon gegeben hätte, sie hättten es benutzt.

      Mit 17 flog ich raus. Sie zahlten nur einen Bruchteil des Unterhalts (auch später während meines Studiums, zu klagen traute ich mich nicht). Also gejobbt, dabei abgezockt worden, weiter gemacht - währenddessen wurde meiner Schwester, die weniger davon betroffen, sich darin arrangieren konnte. Incl mit meinen "Eltern" über mich herziehen und "verpetzen". Ihr wurde später bei allem geholfen, sie unterstützt, der Kühlschrank gefüllt und die Wohnung aufgeäumt, neue Jobs besorgt, immer wieder ihre Schulden bezahlt - ihr Weg im eigenen Überleben für sich ihr Bestes daraus zu machen. :)

      Ich denke, wenn ich keine Aspie gewesen wäre, dann hätte ich das psychisch nicht überlebt. Aer an diesen "innersten Kern" kamen sie einfach nicht ran. :)
      DAS muss für sie so schlimm gewesen sein, und noch mehr Wut erzeugt haben.
      Irgendwann stellte ich fest, jedesmal, wenn solche Aktionen nicht dazu führten, dass sie mich "ganz ganz tief innen erreichen", muss das ein enormes Ohnmachtsgefühl ausgelöst haben.
      Insofern erlebten sie in dem Moment, wo sie das versuchten, "die Strafe".
      "Du bist eine Strafe Gottes" - ich denke, DA hatte mein "Vater" subjektiv aus seiner Wahrnehmung sogar recht gehabt :d

      Lange hatte ich immer wieder versucht, doch noch bei ihnen "Eltern" zu finden. Merkte allerdings, nur wenn überhaupt kein Kontakt da war, ging es mir besser und mir gelang mehr. Sobald sie in meinem Leben auftauchten, wurde es wieder schlimmer. Bis ich dann irgendwann endgültig kapierte, ich habe keine Eltern, und diese Leute schaden mir nur.

      Es hat einige Jahre gedauert, das alles aufzuarbeiten, bis die Erinnerungen nicht mehr weh taten.
      Erst dann konnte ich auch das Schöne und Lustige erinnern, das es in meiner Kindheit auch gab.
      Es waren die kleine Momente in all dem Chaos, die aber einen enormen Wert und viel Einfluss auf mich hatten. Sie zeigten mir den Unterschied.
      Bisschen wie Diamanten im Scheißhaufen. :d
      Die erst mal gefunden werden mussten, was bedeutete, den Scheiß endlich wegzuräumen :d

      Der Gedanke, wie sich jemand immer mehr aus der gefühlten Ohnmacht in eine Wut reinsteigert, nur weil da kleines Mädchen steht, und einfach nur aspergisch schaut - als ich den das erste mal hatte, musste ich laut lachen.
      Das Kind von damals hat sich nicht zerstören lassen, hat sich entwickelt, Freude im Leben und Freunde gefunden, hat viel erlebt und ist ein glücklicher Mensch geworden.

      Meine "Mutter" wurde, als sie in dem Alter war, in dem ich heute bin, von einem schnell wuchernden vom Krebs zerfressen. Genai, wie sie früher von Neid und unterdrückter Wut emotional zerfressen worden war.
      Bei den letzten Begegnungen mit meinem "Vater" erkannte ich erste Anzeichen, die auf eine beginnende Demenz hinweisen könnten. was zeimlich gut zu all dem passt, wie er alles ausgeblendet hat, bei dem er in Folge mal zu sich kritisch hätte hinsehen können, um dann völlig anderes als "Wahrheit" zu behaupten.


      Die allerletzte Begegnung war, nachdem es mich nach einer unschönen Zeit mit heftigen Erlebnissen psychisch völlig zerlegt hatte (so fühlte es sich damals jedefalls an).
      Er erkannnte das "zerlegt", und meinte/sagte/befahl "Dann meldest du dich, wenn es dir wieder besser geht". Ich dachte sofort "So gut (=diese Art von gut, dass ich mich melde) wird es mir nie mehr gehen".

      ....und gerade fällt mir ein, dass seine WutBrüllSchlagAktionen auch oft mit dem Satz "Spinnst du, dir geht's wohl zu gut...." eingeleitet wurden. :m(: :d

      Ich hatte das beste Beispiel, wie man es nicht macht. Was mich dann brachte, herauszufinden, wie man es geeignet macht. Warum manche Menschen das so machen. Woher das kommt. Wo sich das gesellschaftlich wiederfindet. Und was es für Alternativen gibt, auch für mich, und auch, wie das lernen, was mir definitiv schwerer fällt zu lernen.

      Irgendwann erkannte ich, was alles die beidem zu dem gemacht hatte, wie sie waren.
      Und auch, was sie mit und aus dem gemacht hatten - bzw was nicht - das sie erlebt hatten.
      Ich als Mensch war gar nicht gemeint, war nur "Blitzableiter" für all ihre Wut und den Frust aufgrund dessen, was sie bei sich nicht ansehen wollten. Mit allen Folgen, vor allem und zunehmend nur für sie. Und für mich immer weniger.

      Ich hatte immer schon hingesehen - und dann versucht, damit und daraus was anderes zu machen.
      Anders ist es definitv geworden - aber ich war ja schon immer "anders" :)
      ....und das war und ist gut so :d
      Liebe braucht Mut
      worldometers.info/
      Gegen Komplexität kann man nicht demonstrieren (scobel)
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      Daniel1 wrote:

      Geduld war nicht so das Ding bei meinen Eltern, auch nicht bei sich selber.
      So kam es halt schnell, dass sie mir was abnahmen, wenn es bei mir nicht lief.
      Dito.

      Daniel1 wrote:

      Anderseits braucht man auch wirklich viel Geduld, wenn das Kind Probleme mit Feinmotorik, Koordination, Reizüberflutung, Konzentration, Hyperaktivität und zwischenmenschliche Probleme hat.
      Ja, genau. Aus heutiger Sicht haben meine Eltern die Problematik auch unterschätzt, weil ich in der Schule, was die Noten in den "wichtigen" Fächern betraf, keine Probleme hatte.

      Eryniell wrote:

      Also bei mir war es so, dass mir schon echt viel von meiner Mutter abgenommen wurde! Ich war quasi in einem "sicheren Nest".
      Das war bei mir ebenso.

      Eryniell wrote:

      Insgesamt wurde ich nicht wirklich gefördert. Ich wurde eher vor der "bösen Welt" beschützt, aber leider nie gefördert. Das macht mich etwas böse. Als Kind wurde eine Hochbegabung diagnostiziert und niemals hat mir mal jemand geholfen, besser in der Schule zurecht zu kommen.
      Wenn die Schulnoten "stimmen", kann es leicht sein, andere Probleme zu übersehen. Vor der "bösen Welt beschützt" wurde ich auch, aber gefördert nur in Teilbereichen. Ich bekam Bücher in den Bereichen, die mich interessierten, meine Eltern sprachen mit mir auch darüber, zeigten mir Sachen, besuchten mit mir Museen und Altstädte oder gingen ins Theater. Ich wurde zu vielen Nachmittagsaktivitäten geschickt, wie zum Kinder- und Jugendchor, zur Musikgruppe etc. Meine Mutter arrangierte Freundschaften mit gleichaltrigen Kindern und sorgte durch gemeinsame Unternehmungen dafür, dass Freundschaften erhalten blieben. Bei beidem ging es eher um soziale Förderung. Zugleich wurde ich zum Ballett geschickt, zur Verbesserung der Motorik. Das alles brachte mich aus heutiger Sicht nicht wirklich weiter. Die angeleiteten Nachmittagsaktivitäten und arrangierten Freundschaften trainierten mich eher, oberflächlich unauffällig zu wirken, zu tieferen sozialen Kompetenzen führten sie nicht. Das Ballett mit "normalen" Kindern war eher unangenehm, vergleichbar mit Sportunterricht. Da hätte ich ein spezielles Angebot für Behinderte gebraucht. Das hätte es seinerzeit aber nicht gegeben, denn ich war ja körperlich und geistig gesund, daher wären meine Probleme unter einer psychischen Ursache gelaufen, was auch nicht gepasst hätte.

      Wichtig wäre rückblickend auch eine systematischere Förderung in den Bereichen meiner Interessen und Stärken gewesen. Eine Hilfe dabei, sie zu vertiefen und zu "professionalisieren". Da wurde ich aber sowohl von meinen Eltern wie den Lehrern, die mir "gewogen" waren, eher ein bisschen "gedämpft", um nicht noch mehr als "Streberin" zu erscheinen. Die Noten "stimmten" ja. Wie wichtig es gerade dann ist, Selbstdisziplin und "das Lernen zu lernen", das sah damals niemand. Vor ein paar Jahren meinte sogar ein ehemaliger Lehrer, mit dem ich lange noch locker Kontakt hatte, dass es ihm heute leid täte, mich nie zu Schülerakademien, Wettbewerben etc. angemeldet und auch nicht für ein Stipendium vorgeschlagen zu haben. Er machte das bei späteren Jahrgängen, aber bei mir glaubte er damals, ich würde das nicht brauchen und es würde mich eher mehr zur Außenseiterin machen. Eigentlich hätte ich sowohl in den Bereichen meiner Stärken wie meiner Schwächen echte Förderung gebraucht. Aber ohne die Diagnose (die es damals bei einer Ausprägung wie meiner noch kaum gab) wäre das nicht realistisch gewesen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 2 times, last by Leonora ().

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      Eryniell wrote:

      Liebe bekam ich viel, aber keine Förderung.
      Das kann ich so auch für mich unterschreiben. Ich hatte ein sehr tolerantes, "autistengerechtes" Umfeld, aber diese Toleranz verdeckte eben teilweise auch den Blick auf die Schwierigkeiten...

      Leonora wrote:

      Wenn die Schulnoten "stimmen", kann es leicht sein, andere Probleme zu übersehen. [...]
      Die angeleiteten Nachmittagsaktivitäten und arrangierten Freundschaften trainierten mich eher, oberflächlich unauffällig zu wirken, zu tieferen sozialen Kompetenzen führten sie nicht.
      Das ist ein ganz grundsätzliches Problem; die "Rückmelde- und Qualitätssicherungsmechanismen" sind bei den sozialen Kompetenzen ja ganz andere als bei den fachlichen Inhalten in der Schule.
      Wenn man fachlich zu große Probleme hat, dann bleibt man irgendwann sitzen, und spätestens dann schnallt man, dass da was getan werden muss. Oder der blaue Brief ist schon Warnung genug und es wird sich rechtzeitig um Nachhilfe gekümmert o.ä.
      Aber wenn die soziale Entwicklung hinterherhinkt, dann tut sich absolut gar nichts. Es sei denn, man schlägt seine Mitschüler oder so... :roll:
      In der Pubertät sind Lehrer (und Eltern) teilweise sogar froh, wenn viele "altersgemäße" Dinge nicht mitgemacht werden. Ein pflegeleichter, "unrebellischer" Musterschüler ist doch das beste, was man sich als Lehrer oder Elternteil träumen kann!

      Leonora wrote:

      Da wurde ich aber sowohl von meinen Eltern wie den Lehrern, die mir "gewogen" waren, eher ein bisschen "gedämpft", um nicht noch mehr als "Streberin" zu erscheinen.
      In meinem Fall hab ich mich selbst "gedämpft". :m(: Schule war anstrengend genug (die "fremde" Umgebung, die "fremden" Leute, der Lärm, diese ganzen undurchschaubaren Gruppendynamiken, das Gewusel auf dem Pausenhof, die Mitschüler, mit denen ich nichts anfangen konnte und die nichts mit mifr anfangen konnten, ...) und daher bei mir so negativ konnotiert - bei Angeboten zur Hochbegabtenförderung dachte ich dann immer nur "Noch mehr Schule? 8o 8o 8o Auf keinen Fall! x( " und habe abgelehnt...

      Leonora wrote:

      Aber ohne die Diagnose (die es damals bei einer Ausprägung wie meiner noch kaum gab) wäre das nicht realistisch gewesen.
      Wobei die Diagnose alleine nicht reicht. Man muss es wirklich selbst begreifen, wie schwerwiegend das Problem ist, dass es eben wirklich den Charakter einer Behinderung hat.
      Ich hatte ein sehr tolerantes, autistengerechtes familiäres Umfeld, aber das führte eben auch dazu, dass man immer nur sagte "Ach, das wird schon", "Das wächst sich aus", "Er ist halt etwas speziell", "Muss ja nicht jeder ein Partylöwe sein" etc... Dann ist es nur eine "Modediagnose" und man stellt fest, dass das "früher niemals als psychiatrisch auffällig gegolten hätte" und guckt also nicht mehr so genau hin... Und dann liest man Attwood und dann ist es eigentlich ja sogar was ganz Tolles...
      Und das Kind selbst will nicht als gestört gelten und all seine Anstrengung geht daher in die Richtung, seine Schwierigkeiten so schlecht wie möglich von außen sichtbar zu machen... :m(:
      Teile dieser Signatur könnten die Bevölkerung verunsichern.
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      Abendstern wrote:

      Wenn man fachlich zu große Probleme hat, dann bleibt man irgendwann sitzen, und spätestens dann schnallt man, dass da was getan werden muss. (...)
      Aber wenn die soziale Entwicklung hinterherhinkt, dann tut sich absolut gar nichts. Es sei denn, man schlägt seine Mitschüler oder so... :roll:
      Ja, aber... Dass Lehrer sagen: Mathe 5, Englisch 6, sitzen bleiben, Versetzung futsch, das wird ja heute schon nicht mehr als das ultimative Mittel pädagogischer Förderung angesehen. Wenn dieselben Lehrer jetzt auch noch an der sozialen Entwicklung herummäkeln, sehe ich das durchaus kritisch. Oder ist es positiv, wenn der Deutschlehrer sagt: "Mia, deine Präsentation über Goethes Faust war echt hervorragend. Sehr gut, 13 Punkte. Weil du aber deine Mitschüler nicht angekuckt hast, weil du monoton gesprochen und nicht auch mal ein Witzchen eingebaut hast, gibt's nur ne drei - 8 Punkte!" ?

      Ich sag's ja immer: Ich hätte heute keine Chance, einigermaßen unbeschadet durch die Schule zu kommen. Natürlich kann man sagen: Ja, wären deine Einschränkungen früher erkannt worden, wärst du früher gefördert worden, dann hättest du dir eine Menge Probleme im Leben erspart. Aber ich bin trotzdem froh, meinen eigenen Weg gegangen zu sein und nicht mit 10 Jahren in irgendein ATZ (wenn es das damals schon gegeben hätte) geschleppt worden zu sein. Mir kommt das irgendwie freier, selbstbestimmter vor.
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)
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      FrankMatz wrote:

      Weil du aber deine Mitschüler nicht angekuckt hast, weil du monoton gesprochen und nicht auch mal ein Witzchen eingebaut hast, gibt's nur ne drei - 8 Punkte!" ?
      Ich hab in der 11 Klasse mal ein Referat gehalten, was meiner Meinung nach der beste Vortrag war, den ich jemals gehalten habe (und ich habe seitdem noch einige Vorträge gehalten, teilweise auf Fachtagungen und vor 300 Leuten) inklusive toller Folien etc. und ich habe eine 2- bekommen, weil ich den Namen der Person über die der Vortrag ging nicht an die Tafel geschrieben hatte, die Klasse nicht begrüßt hatte und zu schnell gesprochen hätte. Halte ich auch immer noch für die größte Fehlleistung bezüglich einer Prüfung die mir jemals passiert ist.

      Ansonsten hätte ich auch gerne mehr Hilfe zur Selbsthilfe bekommen, meine Eltern sind die Marke "wir warten ab bis es brennt, aber dann kommen wir mit Löschfahrzeugen und allem was da ist". Bei denen gibt es leider nur ganz oder gar nicht.
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      FrankMatz wrote:

      Oder ist es positiv, wenn der Deutschlehrer sagt: "Mia, deine Präsentation über Goethes Faust war echt hervorragend. Sehr gut, 13 Punkte. Weil du aber deine Mitschüler nicht angekuckt hast, weil du monoton gesprochen und nicht auch mal ein Witzchen eingebaut hast, gibt's nur ne drei - 8 Punkte!" ?
      Wobei das für mich nochmal was anderes ist, das sind "Präsentationsskills" und da finde ich es auch einigermaßen schwachsinnig, das so etwas mittlerweile so einen großen Raum an angeblichen "Bildungseinrichtungen" einnimmt...

      Ich dachte eher an Gruppenarbeiten o.ä... Aber auch da gebe ich dir Recht, dass es problematisch ist, wenn man das auch verstärkt bewertet etc...

      Aber irgendwie ist die Schule heute so ein komisches Zwischending zwischen klassischer humanistischer Bildungseinrichtung und einem übertrieben langgezogenen reinen "Berufsvorbereitungsprogramm"... Es wird ständig von "Soft Skills" und "sozialen Kompetenzen" geschwafelt, es gibt Projekte und Gruppenarbeiten und Referate und Präsentationen noch und nöcher... Und rechtfertigt wird das mit "So sieht nun mal die Arbeitswelt heute auf, darauf muss man euch ja vorbereiten". (Da stöhnt dann der Humanist in mir...)
      Und dann ist es aber so, dass man als (sehr) guter Schüler diesen ganzen Kram einfach ignorieren kann, dann kriegt man halt in dem einen Pflichtreferat seine 4, kommt durch die Klausuren, Hausaufgaben, gelegentliche mündliche Beiträge etc. aber trotzdem noch insgesamt auf ne 1 oder 2 und dann "lernt" man also, dass einem dieser blöde Referats- und Präsentationskram einfach sch***egal sein kann... D. h. das mit der "Vorbereitung auf die Arbeitswelt" funktioniert gar nicht, weil sich diese Sachen dafür noten- und versetzungstechnisch zu wenig niederschlagen. (Da stöhnt dann der Logiker in mir...)

      Zodd wrote:

      Ansonsten hätte ich auch gerne mehr Hilfe zur Selbsthilfe bekommen, meine Eltern sind die Marke "wir warten ab bis es brennt, aber dann kommen wir mit Löschfahrzeugen und allem was da ist". Bei denen gibt es leider nur ganz oder gar nicht.
      Kommt mir bekannt vor. Tja, mangelnde soziale Fingerfertigkeit wird bei den Eltern von Autisten angesichts der genetischen Komponente wohl häufiger vorkommen...
      Teile dieser Signatur könnten die Bevölkerung verunsichern.
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      Abendstern wrote:

      Ich hatte ein sehr tolerantes, "autistengerechtes" Umfeld, aber diese Toleranz verdeckte eben teilweise auch den Blick auf die Schwierigkeiten...
      Ja, genau. Gerade, wenn dann noch gute Schulleistungen dazu kommen, das Kind vielleicht sogar bei manchen Lehrern gut ankommt, ist es leicht, die Probleme zu übersehen ....

      Abendstern wrote:

      Das ist ein ganz grundsätzliches Problem; die "Rückmelde- und Qualitätssicherungsmechanismen" sind bei den sozialen Kompetenzen ja ganz andere als bei den fachlichen Inhalten in der Schule.
      Wenn man fachlich zu große Probleme hat, dann bleibt man irgendwann sitzen, und spätestens dann schnallt man, dass da was getan werden muss. Oder der blaue Brief ist schon Warnung genug und es wird sich rechtzeitig um Nachhilfe gekümmert o.ä.
      Aber wenn die soziale Entwicklung hinterherhinkt, dann tut sich absolut gar nichts. Es sei denn, man schlägt seine Mitschüler oder so...
      Ja, eben. Noch bis in die 1990er Jahre galten Abweichungen, die weder auf den ersten Blick erkennbar waren noch den Unterrichtsablauf störten, eher als Varianten innerhalb des Normbereichs. Sofern es keine offensichtlichen körperlichen oder kognitiven Probleme gab, wurde nur interveniert, wenn ein Kind entweder extrem aggressiv oder autoaggressiv war, die Schule ganz verweigerte oder so "über Tische und Bänke ging", dass normaler Unterricht dadurch unmöglich wurde. Man hätte sich auch gehütet, andernfalls einzugreifen, denn wenn "was nicht stimmte", war das viel stärker als heute stigmatisiert.

      Abendstern wrote:

      In der Pubertät sind Lehrer (und Eltern) teilweise sogar froh, wenn viele "altersgemäße" Dinge nicht mitgemacht werden. Ein pflegeleichter, "unrebellischer" Musterschüler ist doch das beste, was man sich als Lehrer oder Elternteil träumen kann!
      Absolut. Bekannte meiner Eltern mit etwa gleichaltrigen Kindern haben das teilweise sogar explizit erwähnt und mich als positives Beispiel dargestellt. Meine Familie war auch froh, dass man bei mir keine Angst haben musste, dass ich "Ärger mache". Bei Lehrern habe ich polarisiert. Es gab manche, die mich als "Streberin" sahen, für andere hingegen war ich tatsächlich eine "Musterschülerin".

      Abendstern wrote:

      Wobei die Diagnose alleine nicht reicht. Man muss es wirklich selbst begreifen, wie schwerwiegend das Problem ist, dass es eben wirklich den Charakter einer Behinderung hat.
      Klar, das ist auch erst einmal eine merkwürdige Vorstellung, gerade wenn man gewohnt ist, sich über seine Intelligenz positiv zu definieren, vom Umfeld vielleicht sogar dazu ermutigt wird.

      Abendstern wrote:

      Ich hatte ein sehr tolerantes, autistengerechtes familiäres Umfeld, aber das führte eben auch dazu, dass man immer nur sagte "Ach, das wird schon", "Das wächst sich aus", "Er ist halt etwas speziell", "Muss ja nicht jeder ein Partylöwe sein" etc..
      Ja, das sind die gängigen Erklärungen. In mancher Hinsicht stimmt das sogar auch. Man lernt mit den Jahren viel dazu, wird in mancher Hinsicht unauffälliger. Aber dennoch gleicht es sich nie total an, irgendwann wächst der Abstand vielleicht sogar wieder, wenn man keine "Nische" für sich finden konnte.

      Zodd wrote:

      Ansonsten hätte ich auch gerne mehr Hilfe zur Selbsthilfe bekommen, meine Eltern sind die Marke "wir warten ab bis es brennt, aber dann kommen wir mit Löschfahrzeugen und allem was da ist". Bei denen gibt es leider nur ganz oder gar nicht.
      Auch das kenne ich. Ist wohl auch nachvollziehbar, wenn man sich nicht bewusst ist, wie tiefgreifend die Probleme sind. "Löschen" kann auch einfacher sein als permanentes, längerfristiges Fördern, und intelligente autistische Kinder können es einem selber schwer machen, für letzteres den Bedarf zu erkennen.

      Abendstern wrote:

      Und dann ist es aber so, dass man als (sehr) guter Schüler diesen ganzen Kram einfach ignorieren kann, dann kriegt man halt in dem einen Pflichtreferat seine 4, kommt durch die Klausuren, Hausaufgaben, gelegentliche mündliche Beiträge etc. aber trotzdem noch insgesamt auf ne 1 oder 2 und dann "lernt" man also, dass einem dieser blöde Referats- und Präsentationskram einfach sch***egal sein kann...
      Stimmt. Gerade, wenn es ansonsten "läuft", kann das dazu verführen, diese Punkte, wo man eben nicht gut ist und die einem auch unangenehm sind, zu vernachlässigen. Präsentationen und/oder Gruppenarbeiten noch stärker zu gewichten und manchen Autisten dadurch vielleicht gar den Abschluss zu verbauen, kann meiner Meinung nach aber auch nicht die Lösung sein. Eher sollte tatsächliche Förderung eine größere Rolle spielen. Mehr Projektarbeit, selbständige, längerfristige Arbeit im Bereich der eigenen Interessen und Stärken. Vielleicht auch so, dass die wahlweise als Einzel- oder Gruppenarbeit ausgeführt werden kann. Mehr Möglichkeiten zur systematischen Vertiefung der eigenen Interessen. Aber dazu würde es andere Strukturen und wesentlich kleinere Klassen brauchen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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