Methoden zur Überwindung autistischen Leidens

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    • Methoden zur Überwindung autistischen Leidens

      Hallo zusammen,

      da ich mir im Alltag auch hin und wieder über Autismus Gedanken mache bin ich zu dem Schluss gekommen dass "mein Autismus" nur dann relevant ist wenn ich daran Leide.
      Das ist natürlich nicht immer der Fall (in jüngster Vergangenheit sogar eher selten) und daher habe ich eine Weile gebraucht um eine "Formelsammlung" zusammenzustellen.

      Diese Sammlung hat keinen wissenschaftlichen Hintergrund und besteht eigentlich aus Erfahrungen die ich gemacht habe. (Mit mir und mit anderen Autisten)

      Ich stelle dieses noch in Arbeit befindliche Werk vorab zur Diskussion. Ich würde mich sehr über eure Meinungen freuen und über Verbesserungsvorschläge.
      Vielleicht gibt es ja Dinge die auf keinen Fall dorthin gehören sollten.

      Ich versuche mich an einem ganzheitlichen Ansatz der physisches und psychisches nicht klar voneinander abgrenzt.

      Dokument herunterladen:
      Methoden zur Überwindung autistischen Leidens_small.pdf
      Entscheidung. Das Problem ist die Entscheidung.
      - Matrix Reloaded, Neo
      privates Projekt: www.farmagent.de
    • Gefällt mir sehr gut.
      du hast u.a. sehr schön herausgearbeitet, dass "sofortige Bedürfnisbefriedigung"" eine Rolle spielt.
      Ich musste richtig lachen bei denen Beispielen. Und hab sofort was gefunden, wo ich dachte "ertappt" :m(: :d


      Meine ersten Assoziationen/Gedanken dazu:

      Das ist ähnlich wie bei Säuglingen, die haben ja auch gefühlt "plötzlich" Hunger, und brauchen dann soofort die Nahrung.
      Alles jetzt gleich sofort, ohne vorher etwas DA-für getan haben zu müssen.
      Das erfüllte Bedürfnis erscheint aber als gefühlte Voraussetzung, um etwas tun zu können.

      Sobald der Mangel Hunger spürbar wird, wird offensichtlich, was alles nicht gatan wurde, um ihn zu besetigen, WENN er denn spürbar werden sollte.
      Tja, und das auf viele Lebensbereiche übertragen.

      Routinen dienen dann dazu, bestimmte zukünftige Bedürfnissbefriedigungen garantiert "abzusichern", allerdings auf Kosten anderer = Leiden dort.
      Ebenfalls dienen manche zur Verlagerung, also "ich befriedige ein Bedürnis hier, dann spüre ich das Unbefriedigte anderswo nicht so.

      Werden diese Routinen aber gestört, entstehen Gefühle von Ärger bis Panik, weil jetzt auch die wenigen "gesicherten zukünftigen Bedürfnisbefriedigungen "gefährdet" sind.

      Ich glaub, ich sollte jetzt mal lieber die Küche aufräumen, als hier weiter zu tippen. Und vorher nur EINE Schüssel spülen, und ein Müsli essen - sonst tippe ich hier weiter und vergesse sowohls Spülen als auch das Essen :d

      Vielen Dank, das Nachdenken darüber wird das Spülen sicher angenehmer machen :)
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    • Heute Nachmittag saß ich tatenlos im Sessel, hatte noch unterschiedliche Arbeiten zu erledigen, ich konnte mich aber nicht durchringen, mit irgendetwas anzufangen.
      Habe dann mit dem Smartphone ins Forum geschaut und zufällig diesen Thread entdeckt.
      Dann habe ich angefangen
      Methoden zur Überwindung autistischen Leidens_small.pdf
      zu lesen.
      Die Ausarbeitung hat mir die richtigen Impulse gegeben, wieder durchzustarten.
      Habe dann erstmal mein Hunger- und Durst-Bedürfnis befriedigt und dann einfach mit einer Arbeit losgelegt und dann die Nächste.
      Dank der PDF habe ich richtig viel geschafft.

      Ich finde die Ausarbeitung sehr gelungen.
      Vielen Dank @Dragonth für die Arbeit und das Teilen :thumbup: :)
    • @Dragonth Kannst du das mit der Deadlock-Situation anders beschreiben? Ich würde es gern verstehen. Also: was bedeutet in dem Beispiel mit dem Hunger Deadlock? Zu welchen Gedanken- und/oder Handlungsschleifen kommt es?

      Auch das mit den Bedürfnissen verstehe ich nicht. Für mich sieht es so aus, als würde man alles, was vor der Befriedigung des Bedürfnisses "Hunger" zu tun ist, ebenfalls als Bedürfnis bezeichnen, damit man es auch tut und dann alles bereit ist, bevor man hungrig wird. Ist das so gemeint?

      Hast du das nur für dich geschrieben oder für Menschen, die beruflich mit Autisten zu tun haben?

      Ich würde den Text wirklich gern verstehen. Ich kann aber auch nachvollziehen, wenn du nicht so viele Fragen beantworten möchtest.
    • @Lefty
      Nach dem von mir beschriebenen Schema gibt es eine Situation, die einen Deadlock auslöst.
      Der Deadlock ist sozusagen die Sperre die einen letztlich davon abhält etwas zu tun, da man z.B. Hunger hat, aber auch nicht die Küche aufräumen kann WEIL man Hunger hat.
      So müsste man erst etwas essen um genug Energie zu haben, was aber nicht möglich ist weil die Küche nicht verwendet werden kann.
      Die Gedankenschleife habe ich dann in der Ausgangskette beschrieben. Sie stellt den Zustand dar den man in einer Schleife hat.

      Wir beschreiben in der Ausgangskette also die Gedanken die immer wieder im Kreis laufen und fangen nun an diese aufzulösen.
      Die sozusagen "am weitesten entfernte" Aufgabe die sich in der Kette befindet um den Hunger zu befriedigen muss dann das Bedürfnis werden solange die Aufgabe nicht erledigt ist.

      Dann hat man auch die Voraussetzung geschaffen um die Aufgaben nach und nach zu bearbeiten die näher "am Ziel" liegen.
      (Siehe im Beispiel die abarbeitung der Kette und wie die Aufgaben nach und nach gestrichen werden)
      Wenn die Aufgaben dann erledigt sind kann man auch seinen Hunger stillen, weil die zuvor erledigten Aufgaben gemacht wurden und die Küche dadurch nicht mehr unordentlich ist.

      Ich hoffe das ist eine Erklärung die vielleicht hilft :roll:

      Diese "Formelsammlung" kann je nach Fähigkeiten von autistischen Menschen selbstständig angewendet werden, sofern Sie meine Ausführungen verstehen und etwas damit anfangen können oder auch als Hilfestellung für Außenstehende, da ich ja versuche aus der "autistischen Sichtweise" die Vorgänge zu beschreiben. Und ich sehe dass es Menschen gibt die Autismus grundsätzlich für problematisch halten. Aber meiner Erfahrung nach ist es halt nur dann problematisch wenn die autistische Person leidet. Denn das möchten sowohl Außenstehende wie auch die Person selber doch vermeiden.

      Bitte stelle mir so viele Fragen wie du kannst. Das sollte mir auch beim weiteren Schreiben helfen :nod:

      Liebe Grüße!
      Entscheidung. Das Problem ist die Entscheidung.
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    • @Dragonth Vielen Dank! Und wie kriegt man es praktisch/kognitiv hin, dass die am weitesten entfernte Aufgabe in der Kette zum Bedürfnis wird?

      Nachtrag: Geht es darum, das "müssen" in ein "wollen" umzuwandeln? Also dass ich mich sage: "Ich brauche etwas zu essen, aber dafür müsste ich einkaufen gehen und ich gehe nicht gerne einkaufen. - sondern "Ich möchte einkaufen gehen, weil ich damit mein Bedürfnis nach Essen befriedigen kann."? Das wäre dann, was man in der Verhaltenstherapie "Reframing" oder"Neubewertung" nennt.

      Sinnvoll wäre es, wenn man in einer aktuellen Schleifen-Situation diese analysiert, um das Ganze dauerhaft zu verändern. Dass man also neue Routinen entwickelt, damit die Situation gar nicht mehr auftreten kann. In einer Akutsituation wirkt es wahrscheinlich nicht so gut, oder? Siehe Beispiel Hunger. Wenn die Kraft zum Aufräumen fehlt, wie soll man sie plötzlich doch aufbringen, um erstmal alles aufzuräumen?

      The post was edited 1 time, last by Lefty ().

    • @Leftyv

      das Problem dabei ist, ein zukünftiges Bedürfnis, das noch nicht als Mangel gespürt wird, sich vorstellen UND mitdenken zu können UND bei den aktuellen Handlungen als genauso wichtig zu werten wie eine eventuelle gerade mögliche Bedürfniosbefriedigung zu etwas anderem.

      Also, um in der Zukunft etwas essen zu können, müsste ich einkaufen gehen - dazu hab ich keine Lust, denn JETZT kann ich ja das aktuelle Bedürfnis, das ich JETZT spüre, z.B. nach Spaß bzw "mal gewinnen" mit einem PC-Spiel befriedigen.
      Wir das aktuelle Bedürfnis höher gewertet als das zukünftige, sitze ich daddelnd vorm PC, habe ständig "Erfolg" damit, mein eines aktuell spürbares Bedürfnis zu befriedigen, und dann ist Samstag Abend, die Läden haben zu, der Kphlschrank ist leer.
      Jetzt kommt spürbar Hunger auf. Doof nur, der Kühlschrank ist leer.

      JETZT aber lässt sich von diesem Hungerbedürfnis ablenken, in dem ein anderes befriedigt wird, dass auch und mit garantiertem Erfolg befriedigt werden kann - die Nacht und der Sonntag werden verdaddelt.
      Hunger verschwindet mach einer Weile, wird dumpfer bis dass man ihn gar nicht so merkt, solange der Körper noch Reserven hat.
      Ergebnis im Hirn, das Daddeln hat ja scheinbar BEIDE Bedürfnisse erfüllt. Denn der Hunger ist ja gefühlt "weg".

      Was es jetzt attraktiver macht, das beim nächsten m,,alöö genauso zu machen - der "Erfolg" = das eine Bedürfnis nicht mehr spürbar, das andere spürbar erfüllt, gibt einem ja "recht".

      Hier hat dann auch Hilfe in Form von "Essen bringen" einen fatalen Nebeneffekt - denn es bedeutet, es ist keine eigene Handlung nötig, um an Essen zu kommen UND es bestätigt "Ich kann nicht für mich selbst sorgen, brauche bei "Hunger" also Hilfe".
      Was dann zu erlernter Hilflosigkeit führt.
      Was am Ende dazu führt, dass jemand "ich kann das nicht" sagt, und sagt "keiner hilft mir", wenn kein Essen vorbeigebracht wird.

      Gefühlt ist das dann tatsächlich der emotionale Zustand eines Babys., das darauf angewiessen ist, das andere "das" vorbeibringen, ohne selbst etwas bzw mehr tun zu müssen als um Hilfe zu schreien.
      Incl der Verzweiflung bis am Ende Apathie, wenn niemand kommt.

      Jetzt kommen noch die oft verachtenden Bemerkungen anderer dazu, also aufgrund des emotionalen Baby-Zustandes abgewertet zu werden.
      Was jetzt bei vielen unbewusst eingebrannte emotionale Erinnerungen weckt, die hochkommen und jetzt AUCH spürbar werden aus der Zeit, als man als Baby nicht gut versorgt wurde. Was noch weiter in diesen Zustand hineintreibt.

      Tja, und dann heißt es "mach doch einfach, stell dich nicht so an, du willst ja nur nicht".
      Das kann zu ellen möglichen Bedürfnissen passieren, in der Bedürfnispyramide nach Maslow lassen die sich nachlesen.

      Die Grundfrage ist, wie kommt man da raus und lernt, nach und nach für sich selbst vorausschauend zu sorgen, OHNE dass gleich alles befriedigt ist und "alles" gut ist.
      Während gleichzzeitig so viel unbefriedigtes spürbar ist, und dieses Baby-Hilflosgefühl und das nicht wissen WIE zu so vielem auch gleichzeitig bewusst sind.
      Da ist dann eine unsinnige Routine, eine simple akktuelle Bedürfnisbefriedigung doch "angenehmer", egal welche folgen sie später haben könnte.

      Es geht also um die bewusste Entscheidung zur aktuell spürbar erlebten Frustration aus Unangenehm aufgrund des Spürens all der aktuell nicht befriedigeten Bedürfnisse, all dem nicht Wissen wie überhaupt hier für sich sorgen, plus all dem, was jetzt ins Bewusstsein kommt, das alles getan werden müsste, also Gefühl Überfordert, plus dem noch wirkenden und sich jetzt steigernden Hilfos-Gefühl.

      Was alles erst weniger wird, WENN man das immer wieder ausgehalten hat Frustrationstoleranz entwickelt hat, und das bei maximaler Empfindlichkeit bei Frustration, das bei jedem Einzelaspekt (was soll ich denn nch alles tun?), darin Routinen entwickelt hat, um dann erst nach einer ganzen Weile die allerersten kleinsten Erfolge zu sehen, die "nichts wert" erscheinen, weil ja noch so unendlich viel von all dem anderen gemacht werden muss, das man auch spürt und nicht weiß, wie.
      Das erste Ergebnis jeglichen Handelns ist also MEHR an Frustration zu MEHR Dingen, die man alle noch nicht "kann".

      Da ist es dann deutlich einfacher und attraktiver, wieder zurück ins alte zzu verfallen und wenigsts das zu machen, mit dem etwas für sich sorgen kann bei einem Bedürfnis.
      Und da unser Gehirn auf den "niederen Ebenen" auf "einfach, energiesparend, angenehm, und das möglichst sofort" programmiert ist, und die Emotionen beeinflusst, hat es der Frontallappen echt schwer, gegen das alles anzukommen.

      Ergebnis "Ich weiß, ich müsste, aber ich kann nicht". Bis dahin, dass man das alles durchblickt, sogar anderen prima helfen oder raten kann, was zu tun ist, es aber auf der Handlungsebene selbst nicht umgesetzt bekommt.
      Der Helferkomplex findet sich hier - bis dahin dass jemand für andere aufräumen oder einkaufen gehen kann, ihnen "hilft", und dann selbst zu Hause es für sich nicht hinkriegt.
      Die Bedürfnisbefriedigung z.B. "Anerkennung durch andere" wird hier zum Bummerang für das eigene Überleben. Die ihrerseits natürlich nicht "helfen". Warum, s.o.

      So in "milder Form" kennen das viele - es räumt sich leichter auf, wenn liebe Gäste kommen, kommt jemand, von dem*der man Kritik befürchtet, wird es schon schwieriger, es wird zum "MUSS", für sich selbst ist "irgendwie eigentlich doch gerade noch unnötig".
      Je mehr aber befürchtet wiird, je mehr "Muss", desto eher dann das Ergebnis "am besten gar keine Gäste" und "lieber was Daddeln".

      Was für eine Anstrengung das ist, sich daraus zu befreien, können sich die, die das nicht kennen, gar nicht vorstellen - aber die meisten haben auch irgendetwas, das bei ihnen genauso abläuft. Hier denken sie jedoch, es sei eine "Zumutuung", wenn jemand ihnen sagt "dann mach doch einfach" - da es aber weniger Bereiche sind, nicht so umfassend so viel bestimmt, glauben sie, hier "anders" oder "besser" zu sein. Bis mal was passiert, dass alles beeinflusst und sie nicht mehr mit dem biisherigen Vermeiden von Unangenehm weiter kommen.
      Ein Grund, warum so viele gerade "autistisch" wirken. Über "Wegfall von Roztinen" und "Gewohntem" klagen, darüber, dass ihre Formen der Bedürfnisbefriedigungen nicht mehr möglich sind, nicht wissen wie selbst hier für sich sorgen und nach "Hilfe" rufen.
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    • @Dragonth: Ich finde die Zusammenstellung richtig gut, weil sie ein Anlass zum Nachdenken ist. Vielleicht sollte ich so etwas auch mal für mich selbst machen, ich glaube, dabei wird einem eine Menge klar.

      Deinen Fleiß, acht Seiten in fast schon wissenschaftlicher Sprache zusammenzutragen, bewundere ich. Ich selbst schreibe zwar Tagebuch, bin dabei aber naturgemäß weniger analytisch.

      Eine Frage: Geht es wirklich nur um die "Überwindung autistischen Leidens"? Oder ist deine Zusammenstellung nicht auch ein Bewusstwerden über autistisches Sein? Dann steht das Leiden nicht so stark im Vordergrund, sondern Ziel wäre eher die Akzeptanz des eigenen Andersseins.

      Bin gespannt, was du noch ausarbeitest. Danke!
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)
    • @Happy to be
      Wow vielen dank für deine Ausführungen. Das ist toll beschrieben 8o :nod:

      Zu @Lefty s Fragen von meiner Seite folgendes:

      Lefty wrote:

      Und wie kriegt man es praktisch/kognitiv hin, dass die am weitesten entfernte Aufgabe in der Kette zum Bedürfnis wird?

      Happy to be wrote:

      s geht also um die bewusste Entscheidung zur aktuell spürbar erlebten Frustration aus Unangenehm aufgrund des Spürens all der aktuell nicht befriedigeten Bedürfnisse
      Da kann ich Happy zitieren. Wenn wir die Kette erkennen die zum Leiden führt sollte diese bewusste Entscheidung getroffen werden.


      Lefty wrote:

      Das wäre dann, was man in der Verhaltenstherapie "Reframing" oder"Neubewertung" nennt.
      Ich denke dass es bei meiner Beschreibung nicht um eine Umdeutung geht. Es geht eher darum zu erkennen was gerade mit einem passiert und zu erkennen was einen daran hindert die Dinge zu tun die einem eigentlich zuträglich sind. (z.B. die negativen Emotionen und daraus resultierende Kraftlosigkeit und Demotivation)

      Aus Wikipedia (Ich habe keinen wissenschaftlichen Hintergrund :| )
      Bei einem Bedeutungsreframing (Umetikettieren, Umlabeln[7]) bleibt der Kontext gleich, aber ein kausaler Zusammenhang wird aufgehoben, indem man der vermeintlichen Ursache eine andere Bedeutung gibt.
      Die Bedeutung des Hungers bleibt in meinen Ausführungen immer erhalten. Es ist ein Trigger (Ein Auslöser für die Veränderung der gegebenen Situation). Aber der ganze "Rattenschwanz" (RW) hindert einen natürlich daran.
      Man steckt tatsächlich eher unbewusst in so einer Schleife und das Bewusstwerden ermöglicht einem wieder zu handeln.

      Lefty wrote:

      Sinnvoll wäre es, wenn man in einer aktuellen Schleifen-Situation diese analysiert, um das Ganze dauerhaft zu verändern. Dass man also neue Routinen entwickelt, damit die Situation gar nicht mehr auftreten kann.
      Absolut richtig :o :thumbup: :thumbup: Daher habe ich Routinen auch als weitere Methode in meinem Dokument ausführlich beschrieben. Sie sind eine Mögliche Methode um das Leiden zu verringern da man durch Routinen bewusst abhängigkeiten beachtet und Voraussetzungen schafft, die das Leben angenehmer und entspannter machen. :nod:
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      - Matrix Reloaded, Neo
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    • FrankMatz wrote:

      Geht es wirklich nur um die "Überwindung autistischen Leidens"? Oder ist deine Zusammenstellung nicht auch ein Bewusstwerden über autistisches Sein? Dann steht das Leiden nicht so stark im Vordergrund, sondern Ziel wäre eher die Akzeptanz des eigenen Andersseins.
      Zu akzeptieren dass man anders als Neurotypische Personen denkt fühlt handelt usw. kann auch als Methode angewendet werden weniger Leiden zu erfahren :d

      z.B. das klassische "Brett vor dem Kopf", man sucht etwas das genau vor der Nase liegt, aber weil es jemand anders dort hin gelegt hat findet man es nicht.
      Die Arbeitskollegen schütteln den Kopf und drücken einem z.B. den Schraubenzieher in die Hand. Zu akzeptieren dass es ein "autistischer Moment" war (z.B. wegen Reizüberflutung) lässt einen weniger leiden als sich zu schämen.

      Das Bewusstwerden ist ein wichtiger Aspekt um die Methoden anzuwenden. :nod:
      Und ob man das alleine schafft oder man Hilfe dafür benötigt werden wohl die ein oder anderen Versuche zeigen :roll:
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    • @Dragonth Ich finde übrigens auch den Teil "Masken im Alltag" sehr gut. Es ist so "auf den Punkt" beschrieben. Unter dem, was ich teilweise so unter "Masking" beschrieben gefunden habe, konnte ich mir nicht immer etwas vorstellen, aber deine Erklärung ist präzise und sofort verständlich. Danke hierfür.

      Noch eine Frage zu dem Begriff "Handlungsschleife". Ich hatte an anderer Stelle im Forum mal beschrieben, dass ich in eine Art Schleife geraten bin, als ich krank war und trotzdem zur Arbeit fahren wollte (das ist mir mindestens zweimal passiert). Ich fühlte mich arbeitsunfähig, zog aber trotzdem automatisch meine Morgenroutine durch und fuhr Richtung Arbeit, weil ich mir nicht ganz sicher war, ob ich es nicht doch gehen würde.
      Unterwegs stieg ich aus, fuhr wieder Richtung Zuhause, dann stieg ich wieder aus und fuhr wieder Richtung Arbeit!

      Irgendwann stand ich völlig verzweifelt auf einem Bahnsteig und rief jemanden an und fragte, was ich tun soll!

      Ich denke, die Unsicherheit darüber, ob ich arbeitsfähig sei oder nicht, hat zu dieser Blockade geführt bzw. zu dieser Handlungsschleife.

      Ist das auch so etwas, was du mit Handlungsschleife meinst?

      Die Lösung wäre dann, einmal eine klare Regel festzulegen (denn mir ist es schon öfters passiert, dass ich bei der Arbeit ankam und dann nach kurzer Zeit merkte, dass es nicht geht, und dann musste ich den ganzen Weg wieder zurück fahren).

      Also ich müsste als Regel festlegen, dass ich mich in solchen Fällen gleich krank melde, auch auf die Gefahr hin, dass ich später merke, es wäre nicht nötig gewesen, ODER dass ich immer erstmal zur Arbeit fahre und in Kauf nehme, dass ich wieder zurück fahren muss. Also eines von beiden als feste Regel, damit mir so etwas wie oben beschrieben nicht noch einmal passiert.

      Falls das thematisch ganz vorbei geht an deinen Ausführungen, bitte ich um Entschuldigung.

      The post was edited 3 times, last by Lefty ().

    • Dragonth wrote:

      Zu akzeptieren dass man anders als Neurotypische Personen denkt fühlt handelt usw. kann auch als Methode angewendet werden weniger Leiden zu erfahren :d
      Ja, klar. Ich meinte oben nur, dass dein Begriff von der "Überwindung autistischen Leidens" den Fokus sehr stark auf Krankheit legt, Krankheit, an der man leidet, was es zu überwinden gilt. Ich überlege, ob es nicht besser wäre zu sagen: Mein Autismus ist da und wird immer da sein, ich finde ihn manchmal saublöd und dann leide ich daran, was auch immer wieder passieren wird, denn zu überwinden gibt's da nichts. Wohl aber zu akzeptieren, was ist. Ich glaube, wir sind gar nicht so weit auseinander.
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    • Lefty wrote:

      Ich denke, die Unsicherheit darüber, ob ich arbeitsfähig sei oder nicht, hat zu dieser Blockade geführt bzw. zu dieser Handlungsschleife.

      Ist das auch so etwas, was du mit Handlungsschleife meinst?
      Es handelt sich wohl um eine Handlungsschleife die ich allerdings noch nicht näher beschrieben habe. :o :)

      Ich versuche das mal aus meiner Sicht "auseinanderzudenken":

      Ein Deadlock ist ein rein gedankliches Konstrukt das einen davon abhält sein Bedürfnis zu befriedigen.
      In deinem Fall werden die Bedürfnisse in der jeweiligen Situation befriedigt. Ergo steckst du nicht in einem Deadlock.

      Es ist eher ein undefinierter Zustand der dich "im Kreis" laufen lässt. Daher würde ich das eher bei den Routinen einordnen.
      Du hast eine unbewusste Routine angefangen bei denen die Bedingungen nicht alle voll erfüllt waren.
      Demnach gibt es für Bedingungen von Routinen 3 Zustände: erfüllt, nicht erfüllt, undefiniert.

      Bei einer unbewussten Routine prüfen wir nicht mehr die notwendigen Bedingungen, wenn wir nicht zuvor bewusst gelernt haben die Prüfung der Bedingungen in unsere Routine einzubauen.
      Und ob wir mit undefinierten Bedingungen umgehen können hängt davon ab ob wir Sie definieren oder ignorieren können.
      Du hast hier keine (bewusste oder unbewusste) Entscheidung getroffen (definieren, ignorieren) :roll:
      Eine Entscheidung schließt automatisch auch aus. Das hast du nicht getan und hast daher vermutlich versucht alle Handlungsoptionen auszuführen. :roll:
      Und das führte letztlich zum Überforderungsmoment. Gleichzeitig zur Arbeit fahren und zu Hause zu bleiben schafft niemand. :d
      Als Methode können wir festhalten dass deine unbewusste Morgenroutine vielleicht angepasst werden müsste. (z.B. eine Minute vor den Spiegel stellen oder beim Zähne putzen darüber nachdenken ob man sich fit fühlt).


      Wenn wir die Methode "Weltendenken" anwenden kommen wir zu dem Schluss dass du dich wahrscheinlich im Biom "zu Hause" gesund fühltest. Im Biom "draußen" fühltest du dich wahrscheinlich krank.

      Ich zitiere aus Seite 7:
      Die zweite Darlegungsform beschreibt eine örtliche Wahrnehmung von Grenzen bzw. abgegrenzten Bereichen. Diese haben Ihr eigenes Ökosystem, eigene Regeln und daher sollen diese Bereiche auch im Nachfolgenden als Biome bezeichnet werden. So besteht die Theorie dass ein Zustandswechsel dann geschieht wenn die autistische Person sich über eine Biomgrenze hinweg bewegt.

      Du hast womöglich eine Biomgrenze überschritten und dadurch hat sich deine Wahrnehmung geändert. Und du hast nur entsprechend gehandelt wie es für dich sinnvoll erscheint.


      So viel zu meiner Analyse... Was denkst du dazu?
      Und darf ich diesen Fall womöglich in meine Sammlung aufnehmen und bei den Routinen ergänzen? Ich glaube das ist ein wichtiger Beitrag

      Viele Grüße!
      Entscheidung. Das Problem ist die Entscheidung.
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    • FrankMatz wrote:

      Ich meinte oben nur, dass dein Begriff von der "Überwindung autistischen Leidens" den Fokus sehr stark auf Krankheit legt, Krankheit, an der man leidet, was es zu überwinden gilt.
      Der Titel klingt tatsächlich vielleicht etwas deprimierend. :roll:
      Es stimmt dass man lernen muss mit seinem Autismus umzugehen und die beschriebenen Methoden sollen einem dabei helfen in schwierigen Situationen zurechtzukommen oder die Grundlage für ein angenehmes Dasein zu schaffen.
      In der Einleitung erwähnte ich dass es keine Krankheitssymptome sind sondern häufig auch Reflexe zum Selbstschutz.

      Vielleicht sollte der Titel eher lösungsorientierter klingen darauf Zielen meine Methoden ja auch ab. :)
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    • Gefangensein in solchen das Handeln blockierenden gedanklich/emotionalen Endlosschleifen ist ja nichts Aspie-Typisches.
      Diese finden sich auch bei Trauma, Depression, Sucht, Angststörung, Zwängen usw.

      Es fällt nur mehr auf, weil auch - nicht nur - zu anderen Detail-"Themen" und anderer subjektiver Wichtigkeit als bei Neurotypischen, sowohl was manche Bedürfnisse angeht, als auch was die "gewählten Ausweichroutinen zu einer aktuellen Bedürfnisbefriedigung" angeht.
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    • @Dragonth Ich hab keine Autismus-Diagnose, "nur" ADS, deshalb weiß ich nicht, ob das von mir Beschriebene ein autistisches Problem ist (allerdings gibt es bei AS und ADS ja viele Überschneidungen).

      In der Situation war das Hauptproblem eher, dass ich keine Grundlage hatte, auf der ich eine Entscheidung hätte treffen können. Ich kann auch größere Entscheidungen sehr leicht treffen, wenn ich konkrete Entscheidungs-Parameter habe, ohne solche kann mich sogar eine sehr geringfügige Entscheidung komplett blockieren (da kommt es dann auch zu diesem Hin- und Herspringen zwischen zwei Optionen, bis zu völliger geistiger Erschöpfung und im schlimmsten Fall bis zum Weinen).

      Du kannst mein Beispiel aber trotzdem gerne benutzen, wenn du es als typisch für ein spezielles autistisches Problem ansiehst oder es einem solchen als anschauliches Beispiel zuordnen kannst.

      Was du zu den Biomen (der Begriff ist mir neu) schreibst, das kann mit reinspielen, da ich diese Grenzen und Unterschiedlichkeit von verschiedenen Orten stark empfinde bzw. die Biome auch stark trenne, tatsächlich und gefühlt. Aber wie gesagt war m.E. das Hauptproblem die Entscheidungsunfähigkeit auf Grund fehlender Parameter.
    • @Dragonth Vielen Dank für diese Zusammenstellung. Ich finde das wirklich sehr gelungen. Sehr verständlich und wirklich eine Fleißarbeit, die du ausgearbeitet hast. :thumbup: Ich finde dort für mich auch einiges Nützliches, an das ich bisher gar nicht gedacht hatte oder was mir einfach nicht aufgefallen war und möchte dir für deine Mühe danken :nod:

      Vor allem bei den Deadlocks fühlte ich mich richtig ertappt. Das passiert mir immer wieder.
      Zudem finde ich, dass man dies auch bei unplanmäßigen Ereignissen, mit denen man nicht rechnete oder weil die Routinen plötzlich unterbrochen, gestört werden oder spontan komplett weg fallen müssen.
      Dieser Ausfall versetzt mich persönlich dann in Panik und in eine Art Starre, weil sich genau so eine Schleife in meinem Kopf abspielt, ich einfach nur überfordert bin und weder vor noch zurück komme. Ich ende dann im Overload oder gar im Shutdown, weil dadurch mein ganzer, routinierter Tagesablauf, der oft auch an bestimmte Uhrzeiten gebunden ist, zusammen bricht und ich vom Kopf her das eine nicht tun kann, wenn das voherige nicht erledigt ist usw.
      Dein so schön farblich markierter Lösungsansatz erscheint mir auch in diesen Fällen sehr hilfreich, vorausgesetzt man hat jemanden zur Seite, der das erkennt und hilft diese Schleife zu durchbrechen. Ich persönlich wäre dazu in der akuten Situation nicht nicht in der Lage, dies gedanklich auszuarbeiten. Man könnte dies aber bestimmt als eine Art Notfallplan strukturieren :roll:

      Die Darstellung der Löffel-Theorie finde ich auch sehr gelungen. Vor allem mit dem Verweis darauf, dass unterschiedliche Tätigkeiten unterschiedlich viel Energie verbrauchen - für die dann weniger Löffel zur Verfügung stehen. Wenn man das für sich einmal herausgearbeitet hat, für was man wieviel Energie zur Verfügung hat, wird dies einiges erleichtern. Manche Sinuationen oder Ereignisse lassen sich dadurch bestimmt auch besser planen.
      Bisher kam ich nämlich nie auf die Idee mir dazu genauer Gedanken zu machen. Ich weiß zwar wieviel Energie ich habe, wenn ich morgens aufwache und merke wie mein Energielevel sinkt aber habe das im allgemeinen , wie bei einem Akkustand des Handys : von 100% bis 0% wobei unter 30% ein Overload ausgelöst werden kann. Da kommt es dann vor, dass eine einzige Tätigkeit plötzlich 40% meines Akkus aufbraucht und ich dadurch Probleme bekomme. Genau die von dir beschriebene Aufteilung fand halt nicht statt.

      Was du zu den Biomen geschrieben hast, finde ich sehr interessant und aufschlussreich. Es löste einen Aha-Moment aus. Diese Abgrenzung war mir nicht bewusst bekannt, findet jedoch unbewusst statt, wenn ich so darüber nachdenke.
    • @Lefty
      Allerherzlichsten Dank für deine Fragen! Es war sehr interessant deine Fragen zu beantworten.
      Da ich mit beiden Diagnosen, "gesegnet" worden bin kann ich das sehr gut nachvollziehen.
      Ich denke dass es auch wenn es kein Diagnosekriterium oder typisches Merkmal ist dennoch eingebaut werden sollte.

      @Jenny Mnemorik
      Deadlocks sind eine große Herausforderung. Ich habe meiner Freundin (Auch Autistin) schon oft in schwierigen Situationen beigestanden.
      Ich glaube es kann sehr helfen wenn die andere Person eine neue Struktur schafft und eine beruhigende Mentalität hat und zuhören hilft auch oft :nod:
      Aber die andere Person muss einen dann auch gut kennen, sonst kann man mit den Vorschlägen nicht viel Anfangen :roll:

      Es freut mich sehr dass du auch ein paar neue Erkenntnisse gefunden hast :o
      Entscheidung. Das Problem ist die Entscheidung.
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