Nische in der Arbeitswelt finden

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    • doxa wrote:

      Ich glaube, dass Aspie-Frauen es teilweise noch viel schwerer haben, weil die Vorstellung, dass Frauen kommunikativ, (oberflächlich) sozial und nett sein müssen, immer noch so stark in den Köpfen drin ist. Bei Jungs akzeptiert man schon eher, dass sie "nerdig" sind oder in ihrer eigenen Welt versunken oder auch mal unhöflich oder sogar ein wenig aggressiv, und bei Mädchen wird das super schnell als ein extremes Vergehen oder ein schwerer Charakterfehler wahrgenommen. Also nicht von allen und nicht überall, klar, aber doch so oft, dass es z.B. den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt mitbestimmt.
      Ja, das glaube ich auch. Ich versuche seit einiger Zeit, meine Eigenarten in einer stimmigen "Persona" unterzubringen - in sich ruhend, kompetent, analytisch, cool, vielleicht ein bisschen die toughe Agentin. Meine Theorie ist, dass man dann eher akzeptiert wird, weil die Leute diese Art von Frauentyp schon kennen. Mit dieser Rolle muss ich mich nicht so stark verstellen und es ist nicht so anstrengend.

      doxa wrote:

      Hm, hast du es mal mit einer Diagnose versucht? Nicht dass ich dir das jetzt irgendwie aufdrücken möchte, ich habe meine Diagnosestelle auch so schnell wie möglich wieder verlassen, und mit pathologisierenden psychiatrischen Zuschreibungen kann man mich jagen (RW). Aber wenn man die Gewissheit braucht oder später irgendwann mal einen Nachweis braucht, kann das schon ein gutes Mittel zum Zweck sein.
      Ich habe es noch nicht mit einer offiziellen Diagnose versucht. Im Moment ist ASS eine Arbeitshypothese. Mir wurde von drei Menschen unabhängig voneinander gesagt, ich wirke "autistisch" und die Tests im Internet weisen auch auf autistische Züge hin. Eine Diagnose (oder eben der Ausschluss dieser) wäre aber schon gut, damit ich mich nicht mehr fragen muss, ob ich es habe oder nicht. Ich habe die diagnostische Abklärung bisher nicht initiieren können. Ich glaube, das liegt daran, dass ich mich als "am Rande des Spektrums" bzw. irgendwo zwischen ADS und Asperger einordne und das Gefühl habe, dass mir eine Diagnostik nicht zustünde. (Mir ist rational betrachtet klar, dass das nicht stimmt.)
    • doxa wrote:

      Nicht alle Aspies haben es gleich schwer. Ich glaube, dass Aspie-Frauen es teilweise noch viel schwerer haben, weil die Vorstellung, dass Frauen kommunikativ, (oberflächlich) sozial und nett sein müssen, immer noch so stark in den Köpfen drin ist. Bei Jungs akzeptiert man schon eher, dass sie "nerdig" sind oder in ihrer eigenen Welt versunken oder auch mal unhöflich oder sogar ein wenig aggressiv, und bei Mädchen wird das super schnell als ein extremes Vergehen oder ein schwerer Charakterfehler wahrgenommen. Also nicht von allen und nicht überall, klar, aber doch so oft, dass es z.B. den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt mitbestimmt.
      Ich glaube, diesen Faktor sollte man wirklich nicht unterschätzen. Wenn Frauen es in der Arbeitswelt schwerer haben als Männer, wird ja häufig als Grund angenommen, dass sie die "falschen" Ausbildungen oder Studiengänge absolvieren, in denen wenig Geld verdient wird und/ oder der Bedarf gering ist. Autistische Männer haben ja tatsächlich häufiger als Frauen Interessen und Qualifkationen in Bereichen mit vergleichsweise höherem Marktwert und autismuskompatibleren Arbeitsbedingungen. Dennoch ist das meiner Einschätzung nach nicht alles. In der Einleitung zum Sammelband Typisch untypisch wird erwähnt, dass autistische Frauen im Vergleich zu autistischen Männern trotz oberflächlich besserer sozialer Anpassung häufiger ihren Arbeitsplatz verlieren. Mich überrascht das nicht. Auf Frauen lastet ein deutlich höherer sozialer Erwartungsdruck. Viele Erwartungen, gerade im Beruf, sind auch "mixed messages". Sie sollen selbstbewusst und proaktiv auftreten, eine eigene Meinung haben, zugleich aber auch "weiblich" und nicht zu fordernd oder "pushing" wirken. Frauen müssen, um Erfolg zu haben, quasi ständig zwischen diesen widersprüchlichen Erwartungen balancieren. Viele Autistinnen legen sich meinem Eindruck nach entweder eine sehr zurückhaltende, schüchterne Persona zu, oder sie "ecken" ständig an, oft, ohne den Grund dafür zu kennen.

      Chamäleon wrote:

      Ich versuche seit einiger Zeit, meine Eigenarten in einer stimmigen "Persona" unterzubringen - in sich ruhend, kompetent, analytisch, cool, vielleicht ein bisschen die toughe Agentin. Meine Theorie ist, dass man dann eher akzeptiert wird, weil die Leute diese Art von Frauentyp schon kennen. Mit dieser Rolle muss ich mich nicht so stark verstellen und es ist nicht so anstrengend.
      Das klingt gut, wenn Du es für Dich passend empfindest und den entsprechenden Auftritt hinbekommst. Nicht jeder autistische Mensch kann sich eine solche "stimmige" Persona zulegen. Selbstbild und Außenwirkung klaffen dafür bei vielen zu weit auseinander, und die Außenwirkung ist nicht unbedingt etwas, womit man sich identifizieren kann oder möchte.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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    • Leonora wrote:

      Frauen müssen, um Erfolg zu haben, quasi ständig zwischen diesen widersprüchlichen Erwartungen balancieren. Viele Autistinnen legen sich meinem Eindruck nach entweder eine sehr zurückhaltende, schüchterne Persona zu, oder sie "ecken" ständig an, oft, ohne den Grund dafür zu kennen.
      Klingt sehr plausibel. Vor allem habe ich das Gefühl, dass beides auf mich zutrifft: Selbst wenn ich mich super zurückhaltend verhalte, ecke ich trotzdem an. Ich war schon mehrfach in meinem Leben an einem Punkt, mich ernsthaft zu fragen, ob ich so was wie verflucht bin. Aber dann hat sich das ja geklärt :d Danke für den Buchhinweis.

      Chamäleon wrote:

      Ich habe die diagnostische Abklärung bisher nicht initiieren können. Ich glaube, das liegt daran, dass ich mich als "am Rande des Spektrums" bzw. irgendwo zwischen ADS und Asperger einordne und das Gefühl habe, dass mir eine Diagnostik nicht zustünde. (Mir ist rational betrachtet klar, dass das nicht stimmt.)
      Gut, dass dir das klar ist :) Wenn du nur die Dagnostik machst, die dann so 5-6 Stunden dauert, ist das keine große Belastung für irgendjemanden. Es steht dir absolut zu. Auch wenn die Ausprägung noch so leicht sein kann und in einer besseren Welt vielleicht keine Probleme bereiten würde, sind die Probleme in dieser Welt ja trotzdem echt und einigermaßen schwer.
    • Leonora wrote:

      Das klingt gut, wenn Du es für Dich passend empfindest und den entsprechenden Auftritt hinbekommst. Nicht jeder autistische Mensch kann sich eine solche "stimmige" Persona zulegen. Selbstbild und Außenwirkung klaffen dafür bei vielen zu weit auseinander, und die Außenwirkung ist nicht unbedingt etwas, womit man sich identifizieren kann oder möchte.
      Die Außenwirkung kann ich nicht wirklich einschätzen, aber ich glaube, dass es weniger Unstimmigkeiten im Miteinander gibt als wenn ich versuche, kommunikativ und locker zu sein. Ich habe mein Verhalten mehr meinem "wahren Ich" angepasst, kompensiere weniger. Die Persona ist keine wirkliche Rolle, bei der ich schauspielere oder einen "Auftritt" habe, sondern ein Bild, an dem ich mich in meinem Verhalten orientiere. Es ist eine Zusammenfassung von zueinander passenden, "stimmigen" Eigenschaften meines Selbst. Es enthält energiesparende, da automatisierte Verhaltensweisen und Reaktionen.
      Es ist also weniger anstrengend als eine Rolle, bei der ich kommunikativ und locker zu sein versuche - und damit ein unstimmiges Bild erzeuge, weil ich es gar nicht durchgehend aufrecht erhalten kann. Unstimmigkeiten im Verhalten lässt Menschen misstrauisch werden. Es ist, glaube ich, wichtig, dass man einigermaßen einheitliche Verhaltensweisen zeigt.
      Es kann natürlich sein, dass mein Selbstbild (dieser Persona) und die Außenwirkung auseinander klaffen und ich es nicht merke. Dafür kann ich Menschen zu wenig lesen. Für mich fühlt es sich aber erstmal stimmig an.
    • doxa wrote:

      Vor allem habe ich das Gefühl, dass beides auf mich zutrifft: Selbst wenn ich mich super zurückhaltend verhalte, ecke ich trotzdem an. Ich war schon mehrfach in meinem Leben an einem Punkt, mich ernsthaft zu fragen, ob ich so was wie verflucht bin. Aber dann hat sich das ja geklärt Danke für den Buchhinweis.
      Gern geschehen. :) Und absolut, "anzuecken", auch dort, wo ich mich ausgesprochen vorsichtig und zurückhaltend verhalten habe, ist mir auch sehr vertraut. Vermutlich fallen die sozialen "Schnitzer", die es dann doch gibt, noch stärker auf. Außerdem ist es oft wohl einfach "Fremdes", Irritierendes in der Stimme, Körpersprache etc. Oder das Verhalten ist zu inkonsistent, um von anderen eingeordnet werden zu können, etwa, wenn man manchmal offen und kommunikativ wirkt und in anderen Situation wieder distanziert und zurückgezogen.

      Chamäleon wrote:

      Die Außenwirkung kann ich nicht wirklich einschätzen, aber ich glaube, dass es weniger Unstimmigkeiten im Miteinander gibt als wenn ich versuche, kommunikativ und locker zu sein. Ich habe mein Verhalten mehr meinem "wahren Ich" angepasst, kompensiere weniger. Die Persona ist keine wirkliche Rolle, bei der ich schauspielere oder einen "Auftritt" habe, sondern ein Bild, an dem ich mich in meinem Verhalten orientiere. Es ist eine Zusammenfassung von zueinander passenden, "stimmigen" Eigenschaften meines Selbst. Es enthält energiesparende, da automatisierte Verhaltensweisen und Reaktionen.
      Das klingt für mich sehr gut.

      Chamäleon wrote:

      Es kann natürlich sein, dass mein Selbstbild (dieser Persona) und die Außenwirkung auseinander klaffen und ich es nicht merke. Dafür kann ich Menschen zu wenig lesen. Für mich fühlt es sich aber erstmal stimmig an.
      Vermutlich ist das die Hauptsache. Und wenn Dir nichts Negatives zurück gemeldet wird, wird es so schon passen. :)
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    • Leonora wrote:

      … Oder das Verhalten ist zu inkonsistent, um von anderen eingeordnet werden zu können, etwa, wenn man manchmal offen und kommunikativ wirkt und in anderen Situation wieder distanziert und zurückgezogen.
      diese Rückmeldung hab ich auch schon öfter bekommen, letztens in der Klinik, wo ich unter so vielen Menschen war wie sonst nie. einerseits versuche ich mich zu beobachten und mir das zu erklären, besser als: bin halt gut drauf und bin halt schlecht drauf; andererseits tut mir die permanente Selbstbeobachtung und Hinterfragen auch nicht so gut wegen des folgenden endlosen Gedankenkreisens