Nische in der Arbeitswelt finden

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    • Nische in der Arbeitswelt finden

      Hallo,
      ich habe zwei Studienabschlüsse, bin aber seit fast einem Jahr arbeitslos. Davor habe ich drei Jahre im Quereinstieg gearbeitet, was unschön endete. Einerseits lag es an der Reizüberflutung, die die Stelle mit sich brachte, andererseits lag es an meiner Naivität und Unfähigkeit, mit der Komplexität des Erwachsenenlebens umzugehen (ich bin 35). Andere Leute organisieren irgendwelche Dinge quasi "im Hintergrund" und unsichtbar für mich (ich wunder mich dann nur, dass alles klappt), sie verständigen sich über bestimmte Dinge und ich stehe daneben und frage mich, wann denn endlich brauchbare Informationen kommen - die Anderen haben aber plötzlich alles besprochen und gehen auseinander und ich frage mich immer noch, worum es eigentlich ging. Ich verstehe nicht ganz, was ich nicht verstehe, aber ich schätze, dass ich nur konkrete, fest eingegrenzte Informationen in einer (mir?) logischen Anordnung verstehe. Wenn ich also einer gut strukturierten Vorlesung zugehört habe, dann ging das super, denn da ging es um den INHALT. Wenn ich mich mit jemandem über ein konkretes Thema unterhalte, dann geht das auch ohne Probleme. Aber diese Gespräche in der Arbeitswelt sind irgendwie anders. Genau kann ich es eben nicht benennen, aber vielleicht kennt ihr das ja auch und könnt es besser beschreiben als ich. Irgendwas läuft da im Hintergrund ab, das ich nicht mitkriege.
      Außerdem bin ich viel zu naiv und habe lange Zeit geglaubt, dass die Leute meinen, was sie sagen. Inzwischen habe ich ein bisschen gelernt, da etwas zu differenzieren.

      Zudem überfordert mich die Jobsuche, weil mich die Vielfalt überfordert (ich habe kein Fach studiert, das in einen eindeutigen Beruf mündet) und weil ich die ganzen Schlüsselwörter, die in Stellenanzeigen stehen, nicht zuordnen kann. Diese englischen Berufsbezeichnungen und was hinter einem ausgeschrieben Stellenangebot steht, verstehe ich nicht und ich kann mir nichts hinter diesen Beschreibungen vorstellen. Auch da wünsche ich mir konkreten Inhalt und nicht so Wischiwaschi-Seifenschlägerei.
      Ich beschäftige mich sehr, sehr viel mit der Jobsuche (fast die ganze Zeit) und will nicht wieder an einen Job geraten, der mich überfordert oder unterfordert. Ich bin sehr wählerisch, aber nicht, weil ich "arbeitsscheu" oder so wäre, sondern weil ich weiß, dass ich nur in einer ganz spezifischen Umgebung psychisch überleben kann. Durch meine neurologische Besonderheit gibt es nur eine ganz kleine Nische in der Arbeitswelt und die ist durch Corona noch kleiner geworden. Wenn ich mit Verwandten etc über meine Situation rede, kommen Vorschläge, die ich zu 95 % ablehne. Die Vorschläge des Arbeitsamtes waren - bis auf einen - auch alle nichts. Wenn ich mir die Stellenanzeigen anschaue - nein, nein und nochmals nein. Klar sieht das nach außen so aus, als wollte ich nicht arbeiten. Aber ich will. Nur überfordert mich alles, was dieses "Arbeitsleben" noch so mit sich bringt - neben dem Arbeiten. Dass man redegewandt sein muss und mit branchentypischen Schlüsselwörtern um sich schmeißen muss; dass man nicht kompetent sein muss, sondern nur besonders geschickt darin sein muss, kompetent zu wirken; dass man immer überlegen muss, was man sagen darf und was nicht und was geschickt wäre und was nicht.
      Ich weiß nicht, was ich machen soll. Das meiste, was an Stellenangeboten so drin steht, überfordert mich. Ich kann keine 500 Komponenten miteinander verknüpfen, ich verstehe vieles viel langsamer als andere, vieles gar nicht und manches viel schneller als andere. Diese Akademikerjobs schrecken mich ab, obwohl ich recht intelligent bin und zwei Studienabschlüsse habe.
      Ich bräuchte eigentlich einen Job, bei dem es um die Arbeit "an sich" geht, ohne dieses ganze Drumherum. Einen klar definierten Arbeitsbereich mit Möglichkeit zur selbstständigen Erweiterung der Aufgaben. Nehmen wir zB mal den Beruf "Klempner": Da ist der Arbeitsbereich ziemlich eindeutig, da fehlt es mir aber an der Möglichkeit, mich kreativ einzubringen. Ich finde es sehr schwer, meine Nische zu finden. Entweder zu komplex und unvorhersehbar oder zu monoton/unterfordernd. Ich habe das Gefühl, ich komme aus dieser ewigen Sucherei gar nicht mehr raus. Ich habe komplett die Orientierung verloren.

      Kennt ihr diese Überforderung mit dem Arbeitsleben/Erwachsenenleben? Wie würdet ihr das beschreiben? Und was tut ihr, um damit besser klarzukommen?
    • >> Kennt ihr diese Überforderung mit dem Arbeitsleben/Erwachsenenleben? Wie würdet ihr das beschreiben? Und was tut ihr, um damit besser klarzukommen? <<

      Ja, ich kenne das. Ich habe auch auch zwei Studienabschlüsse und keine "richtige" Arbeit.

      Ich würde das so ähnlich beschreiben wie du: Also bestimmte Tätigkeiten könnte ich schon machen, aber wenn das in einem Umfeld mit Reizüberflutung ist und wenn man was mit anderen Menschen machen muss, dann ist das zu viel Stress für mich und ich bin überfordert.

      Keine Ahnung. Ich würde gerne was tun, aber ich weiß nicht was. Ich denke, dass da viele Fähigkeiten brach liegen (bei mir selber und bei anderen auch) und das finde ich schade.
      "Ich bin nicht verrückt, mein Kopf ist nur anders als eurer." (Diogenes)
    • Du hast jetzt ziemlich viel geschrieben, ohne aber zu sagen, was du eigentlich studiert hast und arbeiten möchtest.
      Ich habe festgestellt, dass ich am besten arbeiten kann, wenn ich möglichst viel selbstständig entscheiden kann, wenn mich jemand seeeehr kompetentes einarbeiten und ich danach möglichst nach Standards arbeiten kann.

      Ich würde gerne mehr erklären, würde aber die erste Frage dazu beantwortet haben.
    • Koala wrote:

      Keine Ahnung. Ich würde gerne was tun, aber ich weiß nicht was. Ich denke, dass da viele Fähigkeiten brach liegen (bei mir selber und bei anderen auch) und das finde ich schade.
      Ja, ich würde auch gerne etwas tun und weiß nicht, was. Und damit wäre ein Teil deiner Frage, Pummelchen, auch schon beantwortet. Ich weiß nicht wirklich, was ich arbeiten möchte. Ich bin von der Vielfalt der Möglichkeiten überfordert. Studiert habe ich Theaterwissenschaften und Musik ( ich habe ein sehr gutes Auge für Ästhetik). Ich habe das studiert, weil ich kreativ bin und Details sehe, die andere nicht bemerken. Inzwischen denke ich, dass es ein Fehler war, weil man sich in diesem Bereich profilieren und anbiedern muss, bevor man einen erfüllenden Job bekommt. Vom Inhalt her passt er zu mir, aber von den äußeren Rahmenbedingungen nicht.
      Ein besonderes Talent habe ich noch: Ich kann gut komponieren. Das könnte ich mir auch beruflich vorstellen, weiß aber nicht, wie ich zu einem solchen Job komme. Da gibt es keinen vorgegebenen Weg. Ich glaube, ich habe auch ein bisschen Angst, diesen Weg einzuschlagen, weil ich ja versagen könnte. Und das würde mich in diesem mir wichtigen Bereich dann besonders hart treffen.
      Reicht dir das als Antwort auf deine erste Frage?

      The post was edited 1 time, last by Chamäleon ().

    • Chamäleon wrote:

      Vom Inhalt her passt er zu mir, aber von den äußeren Rahmenbedingungen nicht.
      Ich glaube, das geht vielen autistischen Menschen so, deren Interessen und Stärken eher in sprachlichen, geisteswissenschaftlichen oder künstlerischen Bereichen liegen.

      Chamäleon wrote:

      Ich finde es sehr schwer, meine Nische zu finden. Entweder zu komplex und unvorhersehbar oder zu monoton/unterfordernd.
      Auch das ist leider meiner Einschätzung nach sehr typisch, ebenso wie das Bedürfnis nach einer ganz spezifischen Nische. Viele Autisten leiden auch gleichzeitig unter inhaltlichen Unterforderung und sozialer Überforderung, was wohl besonders ungünstig ist.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Leonora wrote:

      Chamäleon wrote:

      Vom Inhalt her passt er zu mir, aber von den äußeren Rahmenbedingungen nicht.
      Ich glaube, das geht vielen autistischen Menschen so, deren Interessen und Stärken eher in sprachlichen, geisteswissenschaftlichen oder künstlerischen Bereichen liegen.
      weil sehr oft die Berufe in diesen Bereichen halt auch viel Kommunikation und sog. 'Networking' und Sozialfertigkeit und Flexibiliät für immer neue Situationen erfordern.

      ps: ich hab eine Nische gefunden, einen Job mit dem ich Geld zum Lebensunterhalt verdienen kann. der hat aber nix mit Fähigkeiten oder Interessen oder Qualifikation zun tun und ich musste mich schon öfter davon abhalten ihn aus Frust hinzuschmeißen, gut das mir das gelungen ist, denn es gäbe keine Alternative

      The post was edited 1 time, last by Pechblende ().

    • Wobei die äußeren rahmenbedingungen sehr oft unabhängig vom Inhalt sind und sehr unterschiedich sein können von Arbeitgeber zu Arbeitgeber. Das hab ich bei meinem aktuellen Job, dass die Rahmenbedingungen recht gut sind und der gleiche Inhalt be enem Arbeitgeber Rahmenbedingungen beinhaltet, die für mich gar nicht gingen. Fängt schon damit an, wenn woanders man kein eigenes Büro hat etc. etc. Also selbst wenn man inhaltlich (bezüglich Interesse, Abwechslung etc.) seine Nische gefunden hat, können die rahmenbedingungen es enem zerschießen.
    • Leonora wrote:

      Chamäleon wrote:

      Vom Inhalt her passt er zu mir, aber von den äußeren Rahmenbedingungen nicht.
      Ich glaube, das geht vielen autistischen Menschen so, deren Interessen und Stärken eher in sprachlichen, geisteswissenschaftlichen oder künstlerischen Bereichen liegen.
      Dazu kommt, dass mir jahrelang nicht klar war, dass ich im sozialen Bereich eingeschränkte Fähigkeiten habe. Außerdem war mir nicht klar, wie stark "social skills" im Berufsleben eine Rolle spielen. In der Schule kam es ja auch immer nur auf Leistungen an. Da dachte ich, dass das im Berufsleben auch gilt - und mit Leistung hatte ich kein Problem. Wenn ich das alles gewusst hätte, dann hätte ich meine Studienfachwahl vielleicht nochmal überdacht oder nach Kompromissen gesucht.

      P.S.: Die Welt der Kultur (Bücher, Filme, Theater, Musik) suggeriert auch eine zwischenmenschliche Geradlinigkeit, die es so nicht gibt. Ist ja alles in sich schlüssig und stilisiert. Lässt sich so leider nicht auf das echte Leben übertragen.

      The post was edited 1 time, last by Chamäleon ().

    • Chamäleon wrote:

      Dazu kommt, dass mir jahrelang nicht klar war, dass ich im sozialen Bereich eingeschränkte Fähigkeiten habe.
      Das ging mir zumindest zum Teil genauso. Einerseits waren mir meine sozialen Schwierigkeiten schon als Schülerin bewusst, zugleich glaubte ich jedoch, teilweise einfach nur Pech gehabt zu haben und in vieler Hinsicht ein Spätentwickler zu sein. Außerdem war ich lange überzeugt, sogar empathischer als andere Menschen zu sein.

      Chamäleon wrote:

      Außerdem war mir nicht klar, wie stark "social skills" im Berufsleben eine Rolle spielen. In der Schule kam es ja auch immer nur auf Leistungen an. Da dachte ich, dass das im Berufsleben auch gilt - und mit Leistung hatte ich kein Problem. Wenn ich das alles gewusst hätte, dann hätte ich meine Studienfachwahl vielleicht nochmal überdacht oder nach Kompromissen gesucht.
      Auch das trifft auf mich ebenfalls zu. Dass "social skills" wichtig sind, wusste ich zwar, aber sowohl das Ausmaß wie meine eigenen Einschränkungen in der Hinsicht habe ich total unterschätzt. Liegt allerdings wohl auch daran, dass den Themen in meiner Schulzeit von Lehrern, Eltern etc. kaum Bedeutung beigemessen wurde, schließlich stimmten die Schulnoten.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
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    • Hast du eine offizielle Diagnose mit GdB? Es gibt, zumindest in Rheinland-Pfalz die Maßnahme "unterstützte Beschäftigung". Dort wird behinderten Menschen geholfen, eine Arbeit zu finden. Ein Betreuer arbeitet deine Stärken und Schwächen heraus, und es werden mehrwöchige Praktika gemacht, bei Betrieben die konkret Menschen suchen.

      Im Raum Trier gibt es das mittlerweile sogar explizit für Autisten. Vielleicht beim Arbeitsamt nachfragen. So habe ich meine jetzige Stelle gefunden, und bin dort schon im 7. Jahr.
    • Du hast Theaterwissenschaft studiert, weil es dich einfach an sich interessiert hat? Oder würdest du vielleicht gerne am Theater arbeiten? Ich kann mir schon vorstellen, dass größere Städte, die viele Theater, Musicals und so haben, Bedarf haben. Und gerade in Verbindung mit Musik ist das doch super! Also für mich hört sich das perfekt nach jemandem an, der kleine Stücke entwerfen kann. Fällt dir die Arbeit mit Kindern leichter? Wäre das für sich einfacher? So könntest du vielleicht Musikunterricht geben. Oder Nachhilfe. Sieh es nicht als "verschwendete" Zeit! Du hast dein Wissen erweitert und kennst jetzt deine Baustellen.
      Ich würde eine spezielle Berufsberatung in Anspruch nehmen, wo du herausfinden kannst, wo deine Stärken liegen und welche Berufe da in Frage kommen.
      Wenn man sich im Thema einliest, so geht es wohl vielen Theaterwissenschaftlern am Ende so, dass sie es schwer haben. Als Autist macht es das also doppelt so schwer.
      Einige sind wohl Journalisten geworden. Gerade da bietet sich doch eine Anstellung bei einem Geschichts/Historischen Verlag an. Auch bei Radiosendern kann man arbeiten, bei Veranstaltern...
      Vielleicht aber auch in einem Museum, als Restaurator. Jobs, die also dein Geschichtswissen brauchen. Oder Lektor?

      Oder du überlegst ganz Allgemein nochmal, was du gerne in deinem Alltag machst. Guck auf deine Fähigkeiten und überlege, was dir am Arbeitsumfeld wichtig ist. Vielleicht kannst du dann mit einem online Berufefinder besser eingrenzen, was für dich in Frage kommen könnte.

      The post was edited 2 times, last by Pummelchen ().

    • Leonora wrote:

      Chamäleon wrote:

      Dazu kommt, dass mir jahrelang nicht klar war, dass ich im sozialen Bereich eingeschränkte Fähigkeiten habe.
      Das ging mir zumindest zum Teil genauso. Einerseits waren mir meine sozialen Schwierigkeiten schon als Schülerin bewusst, zugleich glaubte ich jedoch, teilweise einfach nur Pech gehabt zu haben und in vieler Hinsicht ein Spätentwickler zu sein. Außerdem war ich lange überzeugt, sogar empathischer als andere Menschen zu sein.

      Chamäleon wrote:

      Außerdem war mir nicht klar, wie stark "social skills" im Berufsleben eine Rolle spielen. In der Schule kam es ja auch immer nur auf Leistungen an. Da dachte ich, dass das im Berufsleben auch gilt - und mit Leistung hatte ich kein Problem. Wenn ich das alles gewusst hätte, dann hätte ich meine Studienfachwahl vielleicht nochmal überdacht oder nach Kompromissen gesucht.
      Auch das trifft auf mich ebenfalls zu. Dass "social skills" wichtig sind, wusste ich zwar, aber sowohl das Ausmaß wie meine eigenen Einschränkungen in der Hinsicht habe ich total unterschätzt. Liegt allerdings wohl auch daran, dass den Themen in meiner Schulzeit von Lehrern, Eltern etc. kaum Bedeutung beigemessen wurde, schließlich stimmten die Schulnoten.
      Mir war als Schülerin schon bewusst, dass da "irgendwelche" Probleme waren, ich konnte sie aber nicht als dem sozialen Bereich zugehörig identifizieren. Wenn ich gemobbt wurde, habe ich mich nur gefragt, warum der andere das tut, ohne eine Antwort zu finden. Ich hatte ja nichts "Böses" getan, warum tat der andere mir das an - ohne Grund? Mir selbst würde nie in den Sinn kommen, jemanden so zu behandeln. Deshalb war das Handeln der Mobber mir auch vollkommen ein Rätsel.
      Auch ich war lange überzeugt, empathischer als andere Menschen zu sein. Dann las ich von dem Unterschied zwischen "affektiver" und "kognitiver" Empathie und ich erkannte, dass ich mit kognitiver Empathie so meine Schwierigkeiten habe, obwohl ich affektiv feinfühlig bin.

      Ich habe auch meine Einschränkungen bei den social skills total unterschätzt. Auch, weil ich ja Freunde hatte. Dass ich in der einen Gruppe nur so geduldet wurde, weil sich eins der Mädels für mich einsetzte/mich "beschützte", war mir nicht klar. Auch in der Studienzeit gab es ein extrovertiertes Mädel, das mich als ihren "Schützling" unter ihre Fittiche nahm und mich so mitzog. Aus Mitleid, wie mir später gesagt wurde. Es gab aber auch immer, naja, "Freaks", mit denen ich mich wirklich gut verstand. Wegen all dieser "Freunde" dachte ich nicht daran, dass ich Probleme mit social skills hätte. Aber es ist etwas anderes, mit Freunden klar zu kommen, die einen mit Macken akzeptieren als mit Fremden, die sozial angepasstes und situationsflexibles Verhalten erwarten (anstrengend!).
    • Pummelchen wrote:

      Du hast Theaterwissenschaft studiert, weil es dich einfach an sich interessiert hat? Oder würdest du vielleicht gerne am Theater arbeiten? Ich kann mir schon vorstellen, dass größere Städte, die viele Theater, Musicals und so haben, Bedarf haben. Und gerade in Verbindung mit Musik ist das doch super! Also für mich hört sich das perfekt nach jemandem an, der kleine Stücke entwerfen kann. Fällt dir die Arbeit mit Kindern leichter? Wäre das für sich einfacher? So könntest du vielleicht Musikunterricht geben. Oder Nachhilfe. Sieh es nicht als "verschwendete" Zeit! Du hast dein Wissen erweitert und kennst jetzt deine Baustellen.
      Ich würde eine spezielle Berufsberatung in Anspruch nehmen, wo du herausfinden kannst, wo deine Stärken liegen und welche Berufe da in Frage kommen.
      Wenn man sich im Thema einliest, so geht es wohl vielen Theaterwissenschaftlern am Ende so, dass sie es schwer haben. Als Autist macht es das also doppelt so schwer.
      Einige sind wohl Journalisten geworden. Gerade da bietet sich doch eine Anstellung bei einem Geschichts/Historischen Verlag an. Auch bei Radiosendern kann man arbeiten, bei Veranstaltern...
      Vielleicht aber auch in einem Museum, als Restaurator. Jobs, die also dein Geschichtswissen brauchen. Oder Lektor?

      Oder du überlegst ganz Allgemein nochmal, was du gerne in deinem Alltag machst. Guck auf deine Fähigkeiten und überlege, was dir am Arbeitsumfeld wichtig ist. Vielleicht kannst du dann mit einem online Berufefinder besser eingrenzen, was für dich in Frage kommen könnte
      Ich würde gerne am Theater arbeiten, aber es ist sehr schwer, da einen Arbeitsplatz zu ergattern. Ich habe schon etliche Bewerbungen geschrieben und nur sehr selten überhaupt eine Antwort bekommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nur ein Praktikum gemacht habe. Ich gehe davon aus, dass man in diesem Bereich von einem Praktikum zum nächsten hüpft und sich irgendwann ein fester Arbeitsplatz "ergibt". Eben durch social Networking und Selbstdarstellung - etwas, das mir nicht unbedingt liegt (das sind die angesprochenen schwierigen Rahmenbedingungen). Ich würde gerne in der Dramaturgie arbeiten, auch Theaterpädagogik finde ich spannend. Mit Kindern habe ich schon theaterpädagogisch gearbeitet und hätte im Herbst zumindest einen 450 Euro - Job in dem Bereich kriegen sollen, was jetzt höchstwahrscheinlich wegfällt wegen Corona. Die Theater müssen ja sparen.
      Musikunterricht in Kleingruppen gebe ich schon, allerdings verdiene ich da nur an die 400 Euro und auch dieser Bereich ist ja jetzt durch Corona bedroht. Wenn die Krise länger andauert, werde ich von keinem mehr erwarten können, dass er mich ohne Gegenleistung bezahlt und Gruppenunterricht mit 4-Jährigen per Videochat ist nicht machbar. Ich hatte sogar noch eine Idee für einen Kurs, die ich der Musikschule vorschlagen wollte, das brauche ich jetzt wohl auch nicht mehr zu tun.
      Als "Journalistin" für 200 Euro habe ich auch ganz kurz gearbeitet, denn ich kann mich schriftlich sehr gut ausdrücken. Seit der Coronakrise habe ich von denen nichts mehr gehört. :shake:
      Also habe ich eigentlich schon einiges in dem Bereich gemacht, aber immer nur so Mini-Minijobs (neben ALG 1).
      Insgesamt gehen deine Ideen also schon in die richtige Richtung, denn das alles habe ich schon versucht oder gemacht. Vielleicht liegt das Problem auch weniger darin, etwas zu finden, das mir liegen würde, sondern darin, dass ich nicht weiß, wie ich da hinkomme bzw. wieder an den ungünstigen Rahmenbedingungen. Meine Fähigkeiten würden erst zur Geltung kommen, wenn ich einen Beruf auch ausübe, aber die Fähigkeiten, dorthin zu kommen, fehlen mir.
      Übrigens mache ich schon Ergotherapie und wir arbeiten die ganze Zeit an diesem Thema, aber irgendwie kommen wir nicht vorwärts.
    • Chamäleon wrote:

      Mir war als Schülerin schon bewusst, dass da "irgendwelche" Probleme waren, ich konnte sie aber nicht als dem sozialen Bereich zugehörig identifizieren.
      Dito. Ich war extrem unsportlich und ungeschickt, gleichzeitig aber eine gute Schülerin in "theoretischen" Fächern. Lange glaubte ich, meine Probleme kämen vor allem daher. Dass das etwas "anders" war, ich Dinge bewusst tun musste, die andere "von selbst" machten, erkannte ich schon sehr früh. Zeitweise dachte ich sogar darüber nach, eine Art Behinderung zu haben, ohne wirklich konkret behindert zu sein. Zugleich konnte ich meine Probleme aber nie wirklich einordnen, hielt sie teilweise sogar für eine Art "Privatmythos", eine eigene Vorstellung, etwas Besonderes zu sein.

      Chamäleon wrote:

      Wenn ich gemobbt wurde, habe ich mich nur gefragt, warum der andere das tut, ohne eine Antwort zu finden. Ich hatte ja nichts "Böses" getan, warum tat der andere mir das an - ohne Grund? Mir selbst würde nie in den Sinn kommen, jemanden so zu behandeln. Deshalb war das Handeln der Mobber mir auch vollkommen ein Rätsel.
      Das ging mir ebenso. Schon im Kindergarten und in der Schule bzw. parallel dazu in irgendwelchen Gruppenveranstaltungen erlebte ich Mobbing, und das zog sich in unterschiedlichen Konstellationen dann durch alle Lebensphasen. Zugleich wurde ich aber nicht durchgängig gemobbt, es gab auch immer Zeiten bzw. Lebensbereiche, in denen es oberflächlich betrachtet gut lief. Auch da war jedoch meine Situation immer prekär, teilweise hatte ich eher Zweckgemeinschaften mit anderen Außenseitern statt wirklicher Freudschaften. Und mir war auch bewusst, dass ich mich anstrengen und gezielt darauf achten musste, um nicht allein dazustehen.

      Chamäleon wrote:

      Auch ich war lange überzeugt, empathischer als andere Menschen zu sein. Dann las ich von dem Unterschied zwischen "affektiver" und "kognitiver" Empathie und ich erkannte, dass ich mit kognitiver Empathie so meine Schwierigkeiten habe, obwohl ich affektiv feinfühlig bin.
      Ja, genau, das trifft es auch für mich.

      Chamäleon wrote:

      Dass ich in der einen Gruppe nur so geduldet wurde, weil sich eins der Mädels für mich einsetzte/mich "beschützte", war mir nicht klar. Auch in der Studienzeit gab es ein extrovertiertes Mädel, das mich als ihren "Schützling" unter ihre Fittiche nahm und mich so mitzog.
      Das ging mir mehrfach so, mit meiner "besten Freundin" in der Grundschule, aber in manchen Phasen auch später. Laut manchen Autismus-Experten wie etwa Tony Attwood scheint das gerade für Autistinnen ziemlich typisch zu sein.

      Chamäleon wrote:

      Aus Mitleid, wie mir später gesagt wurde.
      Das hat mir eine "Freundin" aus der Schule später mal "aufgetischt", und ich fand es sehr verletzend und war an Kontakt dann nicht mehr interessiert.

      Chamäleon wrote:

      Es gab aber auch immer, naja, "Freaks", mit denen ich mich wirklich gut verstand.
      Wirkliche Freundschaften hatte ich zumeist auch mit Menschen, die in irgendeiner Weise "komisch" oder "anders" waren.

      Chamäleon wrote:

      Ich würde gerne am Theater arbeiten, aber es ist sehr schwer, da einen Arbeitsplatz zu ergattern. Ich habe schon etliche Bewerbungen geschrieben und nur sehr selten überhaupt eine Antwort bekommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nur ein Praktikum gemacht habe. Ich gehe davon aus, dass man in diesem Bereich von einem Praktikum zum nächsten hüpft und sich irgendwann ein fester Arbeitsplatz "ergibt".
      Ich denke, da ergibt sich durch Praktika eine freie Mitarbeit, und das kann dann mit Glück in einen "richtigen" Job münden. Ist ein Bereich mit extrem großem Konkurrenzdruck, wo es nicht einfach ist, jenseits des üblichen Einstiegsalters noch reinzukommen. Außerdem gibt es dort definitiv nicht die "Nischen" und besonderen Arbeitsbedingungen, von denen Du schriebst. Im Gegenteil, das ist extrem kommunikationsintensiv, und man muss flexibel und organisatorisch gut sein und mit sehr unterschiedlichen Menschentypen auskommen können. Ich interessierte mich auch mal dafür und bin hier vor Ort ab und zu bei Begleitveranstaltungen zu Stücken, wo man sich mit den Dramaturgen austauschen kann. Dem sind auch viele Nichtautisten wohl langfristig nicht gewachsen.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Turtle wrote:

      Falls du dir den Lehrerberuf vorstellen kannst: Musiklehrer werden vielerorts dringend gesucht, sodass auch Quereinsteiger eingestellt werden

      Chamäleon wrote:

      Davor habe ich drei Jahre im Quereinstieg gearbeitet, was unschön endete.
      Genau das habe ich gemacht. Wie gesagt, endete es unschön. Ich habe tatsächlich die Weiterbildungsmaßnahme zur Musiklehrerin nicht bestanden. Die fanden mich so schlecht, dass denen egal war, dass es einen Mangel an Musiklehrern gibt. Die Verantwortlichen haben mich aber auch nicht als wertvollen Arbeitnehmer betrachtet, den man unterstützt und bestmöglich ausbildet, sondern als Lückenbüßer, den man mit Füßen treten kann. An was für narzisstische, weltfremde und theorieverhaftete Leute ich in den verantwortlichen Positionen ich geraten bin, unfassbar. Aber natürlich waren nicht nur "Andere" Schuld, ich hatte tatsächlich Probleme, mich durchzusetzen, mit den Klassengrößen, der Vielzahl an Reizen, der Lautstärke, den teilweise sehr respektlosen Schülern, der Altersklasse (Pubertät) und dass man flexibel auf unerwartete Situationen eingehen muss. Da fiel mir erst richtig auf, wie unflexibel ich bin. Bei den Unterrichtsbesuchen bin ich regelmäßig in eine Art Overload bzw. in Dissoziationen geraten und war kaum noch handlungsfähig. Das hat mich traumatisiert.
      Ich war sogar beliebt bei vielen Schülern, aber das lag wohl daran, dass ich "zu nett" war (in der NT-Welt ist es nämlich besser, immer schön die Hackordnung klarzustellen :sarcasm: ). Naja, ich will da auch gar nicht so drauf eingehen, denn dann fühle ich mich noch mehr als Versagerin. In Kleingruppen kann ich Musik aber sehr gut unterrichten, das überfordert mich nicht so sehr und ich habe gute, kindgerechte Ideen, weil ich selbst eigentlich wie ein Kind bin.
    • Leonora wrote:

      Zeitweise dachte ich sogar darüber nach, eine Art Behinderung zu haben, ohne wirklich konkret behindert zu sein.
      Ja, genau denselben Gedankengang hatte ich auch schon! Darauf muss man erstmal kommen. :m(:

      Leonora wrote:

      Zugleich konnte ich meine Probleme aber nie wirklich einordnen, hielt sie teilweise sogar für eine Art "Privatmythos", eine eigene Vorstellung, etwas Besonderes zu sein.
      Das kenne ich auch. Auch, weil meine Mutter nie akzeptiert hat, dass ich nicht so normal bin, wie sie es sich wünschen würde. Sie hat immer wieder versucht, mir einzureden, ich sei gar nicht so anders und ich solle doch "einfach" dies oder jenes machen. Leider ist es für das Selbstbewusstsein nicht förderlich, wenn man die "einfachen" Dinge dann trotzdem nicht hinbekommt.

      Leonora wrote:

      Ist ein Bereich mit extrem großem Konkurrenzdruck, wo es nicht einfach ist, jenseits des üblichen Einstiegsalters noch reinzukommen. Außerdem gibt es dort definitiv nicht die "Nischen" und besonderen Arbeitsbedingungen, von denen Du schriebst. Im Gegenteil, das ist extrem kommunikationsintensiv, und man muss flexibel und organisatorisch gut sein und mit sehr unterschiedlichen Menschentypen auskommen können.
      Ja, das habe ich inzwischen auch verstanden. Ich hatte, glaube ich, ein falsches Selbstbild. Nur, weil ich Menschen erst einmal so akzeptiere, wie sie sind, heißt das nicht, dass ich mit allen auskomme. Ich dachte auch, ich wäre kommunikativ, aber das nur auf eine bestimmte Art. Wenn es um ein Thema geht, das mich interessiert, um fachlichen Austausch, um INHALT (siehe 1.Posting).
    • Wenn du musikalisch bist, spielst du ein Instrument? Musiklehrer werden auch oft in Musikschulen/Vereinen gesucht. Entweder als Ausbilder an einem Instrument oder in der musikalischen Früherziehung mit Kindergartenkinder, meist mit Blockflöte, einfachen Schlaginstrumenten.
    • @Chamäleon

      Nachdem ich die Geschichte und deine Ergänzungen nun endlich komplett gelesen habe, stelle ich fest, dass ich Vieles von dem, was du erzählst, genauso erlebt habe. Im Moment stellt sich die Frage nach dem Job zwar nicht (Promotionsstipendium), aber ich hatte in etwa die gleichen Schwierigkeiten in der Soziologie wie du in der Theaterwelt. Diese (vermeintliche) Naivität, zu hoffen, dass es in der Wissenschaft um die Wissenschaft geht und nicht um oberflächliche Sympathien, diese radikale Unfähigkeit zum Anbiedern und Sich-Profilieren. Ich habe einen 1,0-Masterabschluss, aber ich weiß nicht, ob ich jemals wieder einen Job finden werden. Oder eine Freundin :lol:

      Ich glaube nur nicht, dass es zielführend ist, mich selbt zu pathologisieren. Ich bin kein "großes Kind", wie viele (vor allem Frauen, und das erschreckt mich irgendwie) hier schreiben, genauso wenig war ich als Kind eine "kleine Erwachsene" - ich habe einfach kein soziales Alter und entspreche den gängigen Normen nicht - und warum sollte ich auch? Ich gewinne an Lebenserfahrung, aber ich habe mich eigentlich auch nie ein richtiges Interesse daran gehabt, ein "normales Mädchen" zu sein. Wenn mich die Anderen dafür mobben, dann ist das ihre Dummheit und Grausamkeit, nicht meine.

      Wenn mir andere Menschen deswegen Jobs verweigern, weil ich ja so "anders" bin, obwohl ich die verlässlichste Person weit und breit und wirklich sehr gut darin bin, was ich mache, und zudem eine völlig andere Perspektive mitbringe - auch das ist ihre Dummheit und ihre Charakterschwäche. Und ja, wenn andere Menschen zu emotionalem Missbrauch neigen (etwa verlogene Beziehungen aller Art mit dir eingehen, für die du erst mal Monate oder Jahre deines Lebens verbrauchst, bis du merkst, wie die Person wirklich drauf ist), dann ist das super traumatisch, zumindest für mich war das immer wieder so. Aber, wie du schon selbst einmal geschrieben hast: Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, jemanden so zu behandeln. Mir fehlt die Kreativität in der Grausamkeit, und das sollte eigentlich etwas Gutes sein. Also wieder: Wer ist hier der/die große Versager/in? Wie ich das sehe, leiden wir nicht an unserem Versagen, sondern am moralischen Versagen unserer Mitmenschen.

      Zurück zum Thema. Also dass du gut komponieren kannst, finde ich wirklich großartig. Nicht viele Menschen können das. Ich habe mal kurz einen NT-Freund gefragt, was er einer Person, die nicht NT ist, aber deine Fächer studiert hat und komponieren kann, empfehlen würde. Die Antwort war: Film- oder Computerspielmusik komponieren. Leider weiß ich gar nicht, wie man an solche Jobs rankommt, aber vielleicht lässt sich das ja noch rausfinden?