Soziale Kontakte haben eher negative Auswirkungen?

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    • bunchy wrote:

      Für mich (NT) bedeutet "sich melden" eben "Interesse am Kontakt".
      Richtig. Oder meistens richtig. Denn "sich melden" bedeutet bei NTs ja vielleicht auch "mir ist grade langweilig" oder "Ich mag nicht allein ins Kino"; ich will sagen, Interesse am zwischenmenschlichen Kontakt ist vielleicht auch ein bisschen überinterpretiert.

      Wichtiger: Der Umkehrschluss, den du offenbar ziehst, "sich nicht melden" bedeutet "kein Interesse am Kontakt", ist falsch. Ich kann gar nicht genau ausdrücken, was in mir mich oft vom "sich melden" abhält. Es kostet mich mehr Kraft, ich muss vorher nachdenken, was ich alles äußere, und irgendwie muss das Melden (ob schriftlich oder am Telefon) in meinen Tagesablauf passen. Mein Tag ist zwar nicht minutiös geplant, aber so einfach zwischendurch mal ein Telefonat einschieben ist schwer. Fazit für mich (bei anderen mag es anders sein): Mich bei Freunden zu melden, ist so was wie Arbeit, so etwas wie - ein Beispiel - den Keller aufräumen. Das schiebt man lange vor sich her, findet tausend Gründe, es nicht zu tun, wenn man es aber endlich macht, kann es einem sogar richtig Spaß machen, und nachher bleibt ein gutes Gefühl zurück. Was dich genau abgehalten hat, es früher zu tun, kannst du nachher kaum sagen.

      Noch ein Gedanke: Wenn DU Blaubeermuffins möchtest, dann musst DU dir welche backen (kriegt wirklich jeder hin). Sich hinzusetzen und zu jammern "mein/e Partner*in backt mit nie welche", "die von meinem Bäcker schmecken nicht und sind zu teuer" und was für Ausreden vielleicht noch herhalten müssen, das alles hilft nicht weiter und du musst auf die Dinger halt verzichten. Wenn DU mit deinem Kollegen Kontakt möchtest, melde dich halt. Und zwar, weil DU die gemeinsame Zeit schön findest. Wenn du jammernd dasitzt und auf seine Kontaktaufnahme wartest, heißt das ja im Grund, dass dein Ego ein bisschen gestreichelt werden will und nicht, dass dir am Kontakt liegt.
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)
    • FrankMatz wrote:

      Für Nichtautisten ist das in aller Regel kein Problem, mir hingegen gehen solche Fragen stets im Kopf herum, nicht immer so, dass ich vor der Situation kneife, denn manchmal freue ich mich ja auch, einen bestimmten Menschen zu sehen, nur ist da eben immer eine Barriere zu überwinden. Stell sie dir als Mauer vor, manchmal kann ich locker drübersteigen, manchmal ist sie verdammt hoch, und manchmal komm ich halt gar nicht drüber.
      Die gedankliche Mauer kenne ich ganz gut. Meist besteht sie aus dem Für und Wider der Situation. Da sich für eine soziale Situation unzählige Interpretation in meinem Kopf sammeln weiß ich nicht wie ich die aktuelle Beziehung zu der Person einschätzen soll und somit auch nicht wie und in welcher Art der Kontakt überhaupt entstehen soll. Außerdem kommt dann ja, weil ich weiß wie blöd ich mich dabei anstelle, noch die Angst dazu das es von Anfang an schief geht. Vieles überdenkt mein Hirn auch einfach. Also wenn jemand, als NT, mir einen Hinweis zwischen den Zeilen (RW) gibt, dass ich mich mal wieder melden solle, dann kommt dies meist überhaupt nicht in der bewussten Wahrnehmung des Hirns an. Da ist wohl ein Filter nicht vorhanden. Vieles wird zwar bewusst kognitiv kompensiert, aber um so komplexer sich die Situation gestaltet um so geringer die Wahrscheinlichkeit das ich da irgendwie durchsehe. Und folglich werde ich auch nicht bei der Kontaktaufnahme aktiv. @bunchy Vielleicht solltest du die Beziehungsart zu deine Kollegen klarer ihm gegenüber definieren. So wäre es bei mir.
    • bunchy wrote:

      Gerade heutzutage mit whatsapp zB ist das doch wirklich kein Problem.

      Dementsprechend bedeutet es für mich eben auch "Desinteresse am Kontakt", wenn jemand sich nicht meldet.
      "Kein Problem" stimmt halt nicht für jemand mit Autismus. Das mit dem Keller aufräumen ist schon ein gutes Beispiel. Die "kurze Kontaktaufnahme", die für die meisten normalen Leute kein Problem ist, kann für jemanden mit Autismus schon ein Aufwand sein, den er im normalen Alltag nicht bewältigen kann. Weil da nämlich nicht nur du bist, der mal auf eine Nachricht wartet, sondern noch so viele andere Aufgaben, die auch erledigt werden wollen.

      bunchy wrote:

      Ich will seine "Zeichen" deuten können. Wenn er anscheinend eine andere Art und Weise hat, anderen zu zeigen, dass er denjenigen mag und ein Kontakt gewünscht ist, ist das okay für mich, nur will ich es dann auch mitbekommen
      Das Zeichen ist, dass er überhaupt kommt und seine Zeit dafür investiert. Das würde er nicht tun, wenn ihm nichts an dir liegen würde.
      Ganz gut fand ich da den Schlusssatz auf dieser Seite:
      rheumatopia.de/blog/l%C3%B6ffeltheorie
      "Und jedes Mal, wenn ich Zeit mit meiner Familie, oder meinen Freunden verbringe, sehen sie das als besonders, denn sie haben einen meiner Löffel bekommen. "
      Denn mit dem Asperger-Syndrom ist es genau so, wie es dort beschrieben ist, auch wenn es dort um etwas anderes geht.

      bunchy wrote:

      Das kommt noch hinzu, dass er manchmal so große Schritte machen kann (wieso klappt das, dass er den gemeinsamen Urlaub vorschlagen konnte, aber ein normaler Kaffee zwischendurch auf der Arbeit geht nicht?)
      Das ist ein besonders großes Zeichen. Der Urlaub war vermutlich ein großes Projekt für ihn, da hat er Energie reininvestiert. Diese Energie kann er aber nicht ständig aufbringen.

      Deshalb wäre der Vorschlag, einen festen regelmäßigen Termin zu vereinbaren, vermutlich eine gute Hilfe für ihn. Aber du kannst ihn ja mal fragen, was er davon halten würde.
      Alles wird galaktisch gut.

      The post was edited 1 time, last by Shenya ().

    • Vielen Dank erstmal an euch alle für die vielen Antworten und Gedankenstöße, die ich hier erhalte. Das hilft mir wirklich sehr.

      Vulkan wrote:

      Ich denke seine Zeichen wirst du schwer deuten können.


      Es ist sicher nicht böse von ihm gemeint, wenn er sich von sich aus nicht meldet.
      Meinst du, ich als NT kann die Zeichen nur schwer deuten... oder würden andere Aspies diese auch kaum deuten können, weil jeder anders ist?

      Das versuche ich mir auch ständig in Erinnerung zu rufen: "es ist nicht böse gemeint". Aber ich muss sagen, dass mir das leider an manchen Tagen extrem schwer fällt, je nachdem wie meine Stimmung so ist. :( Da finde ich hoffentlich auch noch eine Lösung für. Ich glaube, dass es mir helfen könnte, wenn ich mit ihm mal offen über alles reden könnte. Aber so offen reden wir leider nicht. Ist vielleicht auch etwas zu intim.

      FrankMatz wrote:

      bunchy wrote:

      Für mich (NT) bedeutet "sich melden" eben "Interesse am Kontakt".
      Richtig. Oder meistens richtig. Denn "sich melden" bedeutet bei NTs ja vielleicht auch "mir ist grade langweilig" oder "Ich mag nicht allein ins Kino"; ich will sagen, Interesse am zwischenmenschlichen Kontakt ist vielleicht auch ein bisschen überinterpretiert.
      Wichtiger: Der Umkehrschluss, den du offenbar ziehst, "sich nicht melden" bedeutet "kein Interesse am Kontakt", ist falsch. Ich kann gar nicht genau ausdrücken, was in mir mich oft vom "sich melden" abhält. Es kostet mich mehr Kraft, ich muss vorher nachdenken, was ich alles äußere, und irgendwie muss das Melden (ob schriftlich oder am Telefon) in meinen Tagesablauf passen. Mein Tag ist zwar nicht minutiös geplant, aber so einfach zwischendurch mal ein Telefonat einschieben ist schwer. Fazit für mich (bei anderen mag es anders sein): Mich bei Freunden zu melden, ist so was wie Arbeit, so etwas wie - ein Beispiel - den Keller aufräumen. Das schiebt man lange vor sich her, findet tausend Gründe, es nicht zu tun, wenn man es aber endlich macht, kann es einem sogar richtig Spaß machen, und nachher bleibt ein gutes Gefühl zurück. Was dich genau abgehalten hat, es früher zu tun, kannst du nachher kaum sagen.

      Noch ein Gedanke: Wenn DU Blaubeermuffins möchtest, dann musst DU dir welche backen (kriegt wirklich jeder hin). Sich hinzusetzen und zu jammern "mein/e Partner*in backt mit nie welche", "die von meinem Bäcker schmecken nicht und sind zu teuer" und was für Ausreden vielleicht noch herhalten müssen, das alles hilft nicht weiter und du musst auf die Dinger halt verzichten. Wenn DU mit deinem Kollegen Kontakt möchtest, melde dich halt. Und zwar, weil DU die gemeinsame Zeit schön findest. Wenn du jammernd dasitzt und auf seine Kontaktaufnahme wartest, heißt das ja im Grund, dass dein Ego ein bisschen gestreichelt werden will und nicht, dass dir am Kontakt liegt.
      Haha, ja, da hast du recht, es könnte genauso gut "mir ist grade langweilig" oder "Ich mag nicht allein ins Kino" bedeuten :D

      Mir gefällt dein Vergleich mit dem Keller aufräumen sehr gut, so kann ich mir diese "Mauer" und das Aufschieben sehr gut vorstellen. Danke dafür!
      Ist es eigentlich auch andersrum so, dass es dir unangenehm ist, wenn sich jemand bei dir meldet? Denn so wirst du "gezwungen" zu reagieren. Du hast keine Wahl, wann es passiert (was wenigstens ein kleiner Vorteil beim "sich selber melden" wäre) und hinzu kommt vielleicht auch noch ein schlechtes Gewissen, wenn dir auffällt "ja stimmt, ich habe mich mal wieder ewig nicht gemeldet".
      Sprich: soll ich ihn vielleicht einfach lieber in Ruhe lassen?

      Blaubeermuffins: Auch ein schöner Vergleich :) Es bleibt mir ja nichts anderes übrig als es zu akzeptieren und wie du selbst sagst, selbst die Initiative zu ergreifen. Und ja, natürlich ist auch ein wenig Ego streicheln mit dabei. Er wirkt die allermeiste Zeit so normal, dass man schnell vergisst (bzw. es kaum "glauben" kann) dass ihm manche Dinge echt schwer fallen. Und weil es mir leicht fällt, gehe ich leider oft davon aus, dass es doch für andere auch nicht so schwer sein kann :( Oder wenn er momentan täglich vom homeoffice aus sehr häufig mit zig Kollegen telefoniert (rein beruflich), frage ich mich natürlich schon, warum würgt er mich nach nur einer Minute ab? Wir hatten uns wegen Corona schon 4 Wochen nicht mehr gesehen/gelesen/gehört... und er scheint nichts zu vermissen.

      platzhalter wrote:

      Die gedankliche Mauer kenne ich ganz gut. Meist besteht sie aus dem Für und Wider der Situation. Da sich für eine soziale Situation unzählige Interpretation in meinem Kopf sammeln weiß ich nicht wie ich die aktuelle Beziehung zu der Person einschätzen soll und somit auch nicht wie und in welcher Art der Kontakt überhaupt entstehen soll. Außerdem kommt dann ja, weil ich weiß wie blöd ich mich dabei anstelle, noch die Angst dazu das es von Anfang an schief geht. Vieles überdenkt mein Hirn auch einfach. Also wenn jemand, als NT, mir einen Hinweis zwischen den Zeilen (RW) gibt, dass ich mich mal wieder melden solle, dann kommt dies meist überhaupt nicht in der bewussten Wahrnehmung des Hirns an. Da ist wohl ein Filter nicht vorhanden. Vieles wird zwar bewusst kognitiv kompensiert, aber um so komplexer sich die Situation gestaltet um so geringer die Wahrscheinlichkeit das ich da irgendwie durchsehe. Und folglich werde ich auch nicht bei der Kontaktaufnahme aktiv. @bunchy Vielleicht solltest du die Beziehungsart zu deine Kollegen klarer ihm gegenüber definieren. So wäre es bei mir.
      Danke für deine Tipps! Ich versuche bei ihm so wenig wie möglich zwischen den Zeilen zu sagen und etwas ganz direkt anzusprechen. Manchmal klappt das dann auch ;) Die Beziehungsart klarer definieren, hm... also eigentlich ist alles geklärt. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich mich sehr freuen würde, wenn von ihm mehr ausgeht. Und wenn das dann mal passiert, betone ich auch, wie sehr ich mich freue und wie toll ich das finde. Mehr kann ich glaub ich nicht tun. Ich will ihn ja nicht zwingen, das muss schon alles freiwillig passieren.

      Shenya wrote:

      bunchy wrote:

      Gerade heutzutage mit whatsapp zB ist das doch wirklich kein Problem.

      Dementsprechend bedeutet es für mich eben auch "Desinteresse am Kontakt", wenn jemand sich nicht meldet.
      "Kein Problem" stimmt halt nicht für jemand mit Autismus. Das mit dem Keller aufräumen ist schon ein gutes Beispiel. Die "kurze Kontaktaufnahme", die für die meisten normalen Leute kein Problem ist, kann für jemanden mit Autismus schon ein Aufwand sein, den er im normalen Alltag nicht bewältigen kann. Weil da nämlich nicht nur du bist, der mal auf eine Nachricht wartet, sondern noch so viele andere Aufgaben, die auch erledigt werden wollen.

      bunchy wrote:

      Ich will seine "Zeichen" deuten können. Wenn er anscheinend eine andere Art und Weise hat, anderen zu zeigen, dass er denjenigen mag und ein Kontakt gewünscht ist, ist das okay für mich, nur will ich es dann auch mitbekommen
      Das Zeichen ist, dass er überhaupt kommt und seine Zeit dafür investiert. Das würde er nicht tun, wenn ihm nichts an dir liegen würde.Ganz gut fand ich da den Schlusssatz auf dieser Seite:
      rheumatopia.de/blog/l%C3%B6ffeltheorie
      "Und jedes Mal, wenn ich Zeit mit meiner Familie, oder meinen Freunden verbringe, sehen sie das als besonders, denn sie haben einen meiner Löffel bekommen. "
      Denn mit dem Asperger-Syndrom ist es genau so, wie es dort beschrieben ist, auch wenn es dort um etwas anderes geht.

      bunchy wrote:

      Das kommt noch hinzu, dass er manchmal so große Schritte machen kann (wieso klappt das, dass er den gemeinsamen Urlaub vorschlagen konnte, aber ein normaler Kaffee zwischendurch auf der Arbeit geht nicht?)
      Das ist ein besonders großes Zeichen. Der Urlaub war vermutlich ein großes Projekt für ihn, da hat er Energie reininvestiert. Diese Energie kann er aber nicht ständig aufbringen.
      Deshalb wäre der Vorschlag, einen festen regelmäßigen Termin zu vereinbaren, vermutlich eine gute Hilfe für ihn. Aber du kannst ihn ja mal fragen, was er davon halten würde.
      Stimmt, das "kein Problem" bezog sich auf mich. Mein Kopf weiß, dass es für Autisten sehr schwierig ist.

      Danke für den Link! Mir gefällt die Geschichte sehr gut und ich finde sie echt anschaulich. So kann man es sich wieder ein bisschen besser vorstellen und nachvollziehen.
      Das mit seiner investierten Zeit sehe ich schon auch. Nur gerät das manchmal in den Hintergrund, weil er ja täglich mit irgendjemandem Essen geht auf der Arbeit. Also verliert es irgendwo dann doch wieder ein bisschen seine "Besonderheit", essen muss er ja sowieso. Aber ich weiß, dass er mit den anderen immer nur berufliches bespricht und sich nur halb so viel Zeit nimmt. Mit mir ist schon auch Privates dabei, er erzählt schon mal von seinen Eltern oder Bruder, oder was er am WE macht. Auch wenn wir schon die meiste Zeit über sein Spezialinteresse sprechen, weil mich das auch interressiert, aber nicht nur :)

      Ein fester monatlicher Termin ist echt eine gute Idee. Werde ich ihm mal vorschlagen. Danke! :)


      @alle: Gibt es etwas, wo ihr sagen würdet, das würde euch das Leben extrem viel einfacher machen? Ich wünschte, ich könnte ihm unsere Treffen so angenehm wie möglich machen, sodass er entspannt ist und kaum Energie dabei verbraucht. Im Idealfall vielleicht sogar Energie dabei tanken kann (falls sowas überhaupt geht im Beisein anderer Menschen).

      Hilft es, wenn ich vor dem Treffen schon vorab erwähne, worüber ich mit ihm reden will? Ich versuche das manchmal unauffällig einfließen zu lassen ("ich muss dir beim Mittagessen am Freitag noch von meinem letzten Urlaub erzählen und ein paar Bilder zeigen") in der Hoffnung, dass er sich dann schon drauf einstellen kann :) Oder manchmal sage ich vorab schon "erzähl mir am Freitag doch mal von xy (etwas was er gemacht hat)" Oder ist das Quatsch und bringt nichts?
    • Ich denke er hat einfach keine Routine darin von sich aus die Initiative zu ergreifen.

      Aspies haben leider Schwierigkeiten von sich aus die Initiative zu ergreifen. So ist es jedenfalls bei mir. Werde ich von jemand anderem angesprochen und eingeladen sage ich zu, also
      wenn mir die Person sympathisch ist. Ich habe auch beim Telefonieren Schwierigkeiten und weiß nicht wie ich das Gespräch beginnen soll.
      Ich weiß ja nicht ob ihr feste Tage habt, wenn ihr euch seht. Denke, wenn so etwas spontan geschieht könnte er eventuell überfordert sein.
      Vielleicht fragst du ihn ja auch einfach mal, wieso er sich nicht bei dir auch mal von sich aus meldet.
    • bunchy wrote:

      Ist es eigentlich auch andersrum so, dass es dir unangenehm ist, wenn sich jemand bei dir meldet? Denn so wirst du "gezwungen" zu reagieren.
      Jein. Kommt auf die Person an, auf den Zeitpunkt. Ich habe in der Verwandschaft so Leute, die extrem viel und lange erzählen, und wenn mich so ein Telefonat aus heiterem Himmel trifft, platzt es ja immer in irgendeinen Punkt meiner Tagesplanung, die dann nicht mehr klappt. Folge: Frust, oder ich geh gar von vornherein nicht ans Telefon, wenn ich bestimmte Namen auf dem Display sehe. E-Mail oder WhatsApp sind da viel besser.

      Idealfall: Ich treffe mich in weiten Abständen mit einer ehemaligen Kollegin zum Quatschen in einer Kneipe. Wir mailen alle paar Monate, machen dann schriftlich einen ungefähren Termin fürs Telefonieren aus. Dann kann ich auch am Telefon mal eine halbe Stunde durchhalten, und schließlich verabreden wir uns für den Kneipenbesuch. Und der wiederum klappt, weil wir uns gegenseitig respektieren und ich nicht so viel maskieren muss, heißt: Ich muss nicht immer Blickkontakt halten, wir unterbrechen uns gegenseitig nicht (es stresst mich, wenn mir ständig jemand ins Wort fällt), und ich kann offen sagen, wenn ich nach Hause gehen möchte.

      bunchy wrote:

      @alle: Gibt es etwas, wo ihr sagen würdet, das würde euch das Leben extrem viel einfacher machen? Ich wünschte, ich könnte ihm unsere Treffen so angenehm wie möglich machen, sodass er entspannt ist und kaum Energie dabei verbraucht. Im Idealfall vielleicht sogar Energie dabei tanken kann (falls sowas überhaupt geht im Beisein anderer Menschen).
      Nein, das geht nicht. Soziale Interaktion ist für mich immer kräftezehrend, ermüdend. Aber so wie eine Stunde Joggen einen ja auch in positivem Sinn auspowern kann, so ist es hier auch. In vielen Fällen hab ich schon Spaß am Gespräch mit anderen, vor allem, wenn die Themen ernsthaft sind, auch dann, wenn ich was lernen kann (also einen Gewinn aus dem Gespräch ziehe). Andere soziale Events sind einfach nur unangenehm.
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)
    • Vulkan wrote:

      Ich denke er hat einfach keine Routine darin von sich aus die Initiative zu ergreifen.

      Aspies haben leider Schwierigkeiten von sich aus die Initiative zu ergreifen. So ist es jedenfalls bei mir. Werde ich von jemand anderem angesprochen und eingeladen sage ich zu, also
      wenn mir die Person sympathisch ist. Ich habe auch beim Telefonieren Schwierigkeiten und weiß nicht wie ich das Gespräch beginnen soll.
      Ich weiß ja nicht ob ihr feste Tage habt, wenn ihr euch seht. Denke, wenn so etwas spontan geschieht könnte er eventuell überfordert sein.
      Vielleicht fragst du ihn ja auch einfach mal, wieso er sich nicht bei dir auch mal von sich aus meldet.
      Ja, das kann sein, dass er keine Routine darin hat. Er hat glaub ich keine oder nur wenig Freunde (jedenfalls hat er noch nie von einem Freund erzählt, immer nur von "Bekannten"), von daher hat er vielleicht auch gar keine "Übung" darin sich mal zu melden.
      Wir haben bis jetzt noch keinen festen Tag, aber sobald das mit Corona durch ist, werde ich mit ihm einen festen Tag im Monat ausmachen.
      Ich hab ihn bis jetzt noch nicht gefragt, warum er sich nicht mal meldet, weil ich keinen Druck ausüben will und weil er sich ja eigentlich nicht dafür rechtfertigen braucht.

      FrankMatz wrote:

      bunchy wrote:

      Ist es eigentlich auch andersrum so, dass es dir unangenehm ist, wenn sich jemand bei dir meldet? Denn so wirst du "gezwungen" zu reagieren.
      Jein. Kommt auf die Person an, auf den Zeitpunkt. Ich habe in der Verwandschaft so Leute, die extrem viel und lange erzählen, und wenn mich so ein Telefonat aus heiterem Himmel trifft, platzt es ja immer in irgendeinen Punkt meiner Tagesplanung, die dann nicht mehr klappt. Folge: Frust, oder ich geh gar von vornherein nicht ans Telefon, wenn ich bestimmte Namen auf dem Display sehe. E-Mail oder WhatsApp sind da viel besser.
      Idealfall: Ich treffe mich in weiten Abständen mit einer ehemaligen Kollegin zum Quatschen in einer Kneipe. Wir mailen alle paar Monate, machen dann schriftlich einen ungefähren Termin fürs Telefonieren aus. Dann kann ich auch am Telefon mal eine halbe Stunde durchhalten, und schließlich verabreden wir uns für den Kneipenbesuch. Und der wiederum klappt, weil wir uns gegenseitig respektieren und ich nicht so viel maskieren muss, heißt: Ich muss nicht immer Blickkontakt halten, wir unterbrechen uns gegenseitig nicht (es stresst mich, wenn mir ständig jemand ins Wort fällt), und ich kann offen sagen, wenn ich nach Hause gehen möchte.

      bunchy wrote:

      @alle: Gibt es etwas, wo ihr sagen würdet, das würde euch das Leben extrem viel einfacher machen? Ich wünschte, ich könnte ihm unsere Treffen so angenehm wie möglich machen, sodass er entspannt ist und kaum Energie dabei verbraucht. Im Idealfall vielleicht sogar Energie dabei tanken kann (falls sowas überhaupt geht im Beisein anderer Menschen).
      Nein, das geht nicht. Soziale Interaktion ist für mich immer kräftezehrend, ermüdend. Aber so wie eine Stunde Joggen einen ja auch in positivem Sinn auspowern kann, so ist es hier auch. In vielen Fällen hab ich schon Spaß am Gespräch mit anderen, vor allem, wenn die Themen ernsthaft sind, auch dann, wenn ich was lernen kann (also einen Gewinn aus dem Gespräch ziehe). Andere soziale Events sind einfach nur unangenehm.
      Das klingt ganz gut mit deiner Kollegin... wir haben beim Essen auch wenig Blickkontakt, weil ja jeder die meiste Zeit auf seinen Teller schaut und währenddessen erzählt. Oder wir schauen Fotos oder spazieren etwas rum. Ich hoffe, er hat nicht das Gefühl so viel maskieren zu müssen, meinetwegen braucht er das überhaupt nicht machen. Aber interessant ist, dass du nochmal erwähnst, dass es dir wichtig ist, jederzeit das Treffen beenden und nach Hause gehen zu können. Ich glaub, das hattest du oder jemand anderes letztens auch erwähnt.

      Da fällt mir ein, dass wir uns mal nach der Arbeit auf dem Weihnachtsmarkt getroffen haben. Da war auch das erste, was er sagte, dass er leider früher los müsste. Er nannte keine Uhrzeit. Wir tranken dann 2 Glühwein und dann sagte er nochmal, dass er jetzt aber wie erwähnt gehen müsste. Und als wir uns mal im Sommer nach der Arbeit getroffen haben, musste er auch früher los als wir zuerst geplant hatten. Dachte mir nichts dabei... aber jetzt fällt es mir dann doch auf. Ist das typisch für Autisten? Ich finde es eigentlich selbstverständlich, dass jemand jederzeit "abbrechen" und nach Hause gehen kann. Hast du Angst, dass dein Gegenüber sauer werden könnte oder was ist da deine Befürchtung?

      Kannst du denn neben jemandem sitzen, jeder macht seine eigene Sache und es wird nicht geredet. Ist das für dich auch kräftezehrend? Oder geht das nur bei dir sehr nahe stehenden Personen?
    • Ich komme mal zum ursprünglichen Thema zurück und hoffe, dass das okay ist.
      Ich habe gerade diesen Artikel gelesen über eine Frau, die allein lebt und sich trotz derzeitigen Ausgangsbeschränkungen nicht einsam fühlt. Der Titel ist "Einsamkeit kennt sie nicht", und ich stelle fest, dass es mir da ganz ähnlich geht. Also nicht dass ich keine Einsamkeit kenne, ich kenne sie sehr wohl und war schon sehr sehr oft einsam in meinem Leben. Aber ich muss auch gestehen, dass ich das in letzter Zeit nicht bin. Ich war viel häufiger einsam, wenn ich unter Menschen war, als wenn ich wirklich allein war. Und mit Stille kann ich auch wunderbar umgehen.

      Die Autorin des Artikels stellt die These auf, dass die Protagonistin nicht leidet, weil sie auch vor der "Krise" eine selbstbestimmte Tagesstruktur hatte. Für meinen Fall stimmt das auf jeden Fall. Ich wohne mit zwei Freunden zusammen, das sind im Moment auch meine einzigen Kontakte und ich vermisse die Anderen irgendwie gar nicht. Ich vermisse schon noch meinen Tanzkurs und würde schon gern irgendwann mal wieder auf eine Party gehen, länger draußen sein oder verreisen. Aber ansonsten habe ich das Gefühl, mir fehlt nichts. Mir ist so gut wie nie langweilig, im Gegenteil, ich muss mich jeden Tag entscheiden und Prioritäten setzen, was ich jetzt mache, weil mir vor lauter Möglichkeiten die Zeit kaum reicht ;) Es gibt einfach so viel, das ich noch tun könnte bzw. möchte. Ich habe sehr schnell einen anderen Tagesrhythmus und ein paar Routinen entwickelt, ich bin viel ruhiger und ausgeglichener als davor. Andere Menschen waren wohl mehr ein Stressfaktor als eine Freude für mich.
    • bunchy wrote:

      Und wenn du 100%ig sicher bist, dass der Kontakt gewünscht ist …
      wenn ich mal von mir ausgehe, so eine Sicherheit gibt es nicht, bei zwei drei Menschen bin ich nahe dran, aber bei neuen sozialen Kontakten bin ich ziemlich lange ziemlich unsicher und mache mir einen Kopf und setze mich unter Stress, womit wir dann bei den negativen Auswirkungen sind

      bunchy wrote:

      Das kommt noch hinzu, dass er manchmal so große Schritte machen kann (wieso klappt das, dass er den gemeinsamen Urlaub vorschlagen konnte, aber ein normaler Kaffee zwischendurch auf der Arbeit geht nicht?), aber so an "Kleinigkeiten" scheitert es. Versteh ich nicht.
      ist schwer zu verstehen aber kann so sein. ich schaffe manchmal auch einen großen Schritt und oft nichtmal kleine

      The post was edited 1 time, last by Pechblende ().

    • doxa wrote:

      Ich wohne mit zwei Freunden zusammen, das sind im Moment auch meine einzigen Kontakte und ich vermisse die Anderen irgendwie gar nicht.
      Du wohnst mit zwei (!) Freunden zusammen, natürlich bist du da nicht einsam, zwei Kontakte sind eine Menge. Versuch mal allein zu leben und tage- oder wochenlang mit niemandem zu reden.
      You’ll stop caring what people think about you when you realize how seldom they do.