Fehldiagnose?

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    • Fehldiagnose?

      Hallo,
      ich habe vor einiger Zeit eine Autismusdiagnose bekommen. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern die Ärzte und Psychologen, die aber alle keine Autismusexperten waren, kamen von selbst auf diese "Idee". Ich bin allerdings etwas skeptisch, ob diese Diagnose wirklich zutrifft.
      Ich habe große Probleme, was die soziale Interaktion anbelangt, kann mich nicht in Gruppen einfügen, hatte noch nie Freundschaften oder eine Beziehung(hätte aber gerne eine) , hab als Kind immer alleine gespielt, lebe sehr zurückgezogen, kann keine normalen Gespräche führen, bin teilweise etwas "mutistisch"(es ist nicht so, dass ich dann absolut gar nichts mehr sage, aber auf Fragen nur noch mit einem einzelnen Wort antworte bzw. teilweise auch gar nicht antworte), gelte als "sozial inkompetent" (und bin es auch) und hatte in meiner Jugend keinerlei Interesse an typischen "Teenagersachen" (Party, Alkohol, Mode, das andere Geschlecht usw.), sondern habe mich stattdessen für Naturwissenschaften interessiert und stundenlang gelesen.
      Das alles wäre zwar schon typisch für Autismus, allerdings habe ich keine Probleme Ironie, Redewendungen und Mimik zu erkennen. Meint ihr, dass das dann eine Fehldiagnose war? Oder ist es nicht so ungewöhnlich als Autist Ironie und Mimik zu erkennen?
    • Lanlan wrote:

      Meint ihr, dass das dann eine Fehldiagnose war? Oder ist es nicht so ungewöhnlich als Autist Ironie und Mimik zu erkennen?
      Vielleicht denkst du nur dass du keine Probleme hast Mimik zu erkennen? Wenn du keine normalen Gespräche führen kannst (wie du schreibst) vielleicht hast du auch keine normale Kommunikation über Mimik. Ein grobes Verständnis dass ein Lächeln zum Beispiel meistens etwas Positives kommunizieren soll bedeutet nicht dass man eine gute Kommunikation über Mimik hat. Dazu gehört mehr.
    • Lanlan wrote:

      allerdings habe ich keine Probleme Ironie, Redewendungen und Mimik zu erkennen. Meint ihr, dass das dann eine Fehldiagnose war? Oder ist es nicht so ungewöhnlich als Autist Ironie und Mimik zu erkennen?
      Kannst du das intuitiv? Viele Betroffene lernen das mit der Zeit und wenn du nicht wirkliche wechselseitige Gespräche führen kannst kann es ja nicht so weit sein damit.

      Nicht alle Symptome müssen zutreffen.
    • Lanlan wrote:

      Oder ist es nicht so ungewöhnlich als Autist Ironie und Mimik zu erkennen?
      Ironie erkenne ich meist auch. Ich dachte eigentlich auch, dass ich ganz gut darin bin, Mimik zu erkennen, aber irgendwann wurde mir bewusst, dass da noch deutlich Luft nach oben (RW) ist, ich das nur nicht merke, weil ich ja nur die Mimik bewerten kann, die ich bemerke. Also z.B. Scham oder Schüchternheit erkenne ich überhaupt nicht, allerdings hatte ich bis vor kurzem nie darüber nachgedacht, wie das wohl aussieht.
      Surprised by the joy of life.
    • Lanlan wrote:

      Ich habe große Probleme, was die soziale Interaktion anbelangt, kann mich nicht in Gruppen einfügen, hatte noch nie Freundschaften oder eine Beziehung(hätte aber gerne eine) , hab als Kind immer alleine gespielt, lebe sehr zurückgezogen, kann keine normalen Gespräche führen, bin teilweise etwas "mutistisch"(es ist nicht so, dass ich dann absolut gar nichts mehr sage, aber auf Fragen nur noch mit einem einzelnen Wort antworte bzw. teilweise auch gar nicht antworte), gelte als "sozial inkompetent" (und bin es auch) und hatte in meiner Jugend keinerlei Interesse an typischen "Teenagersachen" (Party, Alkohol, Mode, das andere Geschlecht usw.), sondern habe mich stattdessen für Naturwissenschaften interessiert und stundenlang gelesen.
      wenn du jetzt noch zugfahrpläne auswendig kennst, obwohl du immer mit dem fahrrad fährst, muss ich gegen die Forenregeln verstoßen, und dich diagnostizierten :fun:
    • Lanlan wrote:

      Oder ist es nicht so ungewöhnlich als Autist Ironie und Mimik zu erkennen
      Erkennst Du Ironie über den Ton mit dem etwas gesagt wird, oder über den Inhalt?
      Erkennst Du Redewendungen, weil Du sie kennst oder Dir logisch erschlossen hast, dass die wörtliche Bedeutung keinen Sinn macht?
      Erkennst Du Mimik auch, wenn man Dir den Kontext wegnimmt oder gar durch einen anderen ersetzt?

      Du musst nicht antworten, die Fragen sollen nur einen Denkanstoß liegen, dass Du die Sachen vielleicht kannst, aber anders Nichtaustisten.

      Fehldiagnosen sind natürlich immer möglich.
    • Lanlan wrote:

      Oder ist es nicht so ungewöhnlich als Autist Ironie und Mimik zu erkennen?
      "Mimik verstehen" ist ja kein ein/aus-Ding. Es gibt NAs, die Mimik schlecht verstehen und Autisten, (wenn auch wenige), die Mimik sehr gut verstehen, zumindest wenn man den Augenpartientest als Maßstab nimmt. Ich liege bei dem Test am unteren Rand des Normalen und damit statistisch gesehen gleichzeitig etwas oberhalb der Hälfte der Autisten. Ich verstehe Mimik also schlechter als gut 90% der Bevölkerung, aber es kommt durchaus etwas bei mir an - schlechter als 90% heißt ja nicht, 90% weniger.
      Und Ironie ist zu einem guten Teil Übungssache. Kinder verstehen sie ja auch nicht, das fängt generell erst in der Pubertät an. Ich habe mit Ironie kein Problem, aber das hat vermutlich auch damit zu tun, wie gut man sprachlich ist.
    • FruchtigBunt wrote:


      Ich habe noch nie gehört, dass man von Ärzten, die sich nicht damit auskennen, als Autist diagnostiziert wird.
      Aber nur weil es keine Autismusexperten (ich mein, welche Maßstäbe gibt es um ein Experte zu sein?) waren wie im Eingangspost geschrieben, heißt es ja nicht, dass die sich gar nicht damit auskennen.
      Ich gehe davon aus - meine Interpretation, kann falsch sein - dass Lanlan nicht in einer Autismusambulanz oder einem Autismuszentrum war. Aber da ja von Ärzten und Psychologen die Rede ist, gehe ich von einem psychologischen/psychatrischen Setting aus und nur weil die sich nicht explizit auf Autimus spezialisiert haben oder es als Aushängeschild nehmen, heißt es ja aber nicht automatisch, dass nicht doch auch Erfahrungen und Wissen über Autismus vorhanden ist?!

      Vielleicht wäre es daher tatsächlich interessant zu wissen, unter welchen Umständen und in welchem klinischen Setting diese Diagnose stattfand.
    • Fighter93 wrote:

      Aber da ja von Ärzten und Psychologen die Rede ist, gehe ich von einem psychologischen/psychatrischen Setting aus und nur weil die sich nicht explizit auf Autimus spezialisiert haben oder es als Aushängeschild nehmen, heißt es ja aber nicht automatisch, dass nicht doch auch Erfahrungen und Wissen über Autismus vorhanden ist?!
      Ein guter Psychiater sollte sich (auch) mit Autismus auskennen als Teil seines Fachwissens, denke ich, sonst wie sollte er es merken wenn jemand zu ihm kommt der es hat, was immerhin vorkommen kann, wenn man Psychiater ist und Patienten hat die psychische Probleme und Anpassungsschwierigkeiten haben.
    • Danke für eure Antworten.
      Ich habe die Diagnose während eines Klinikaufenthaltes erhalten. Also es waren keine totalen Laien, sondern schon Psychiater und Psychologen, aber keine, die sich auf Autismus spezialisiert haben.

      Zombie Boy wrote:

      Haben die Ärzte Tests wie ADOS und Elternbefragung zur Diagnostik durchgeführt?
      Eine Elternbefragung gab es nicht. ADOS weiß ich nicht genau. Da es ein Klinikaufenthalt war wurden da halt sehr viele Sachen gemacht, ich weiß nicht, ob da was "ados-ähnliches" dabei war.

      Was die Sache mit der Mimik anbelangt, so glaube ich schon, dass ich da ein "normales" Verständnis dafür habe. Im Augenpartientest habe ich ein durchschnittliches Ergebnis erzielt. In meiner Jugend habe ich geübt Mimik anzuwenden, aber das Verstehen von Mimik hab ich nie bewusst geübt (kann mich zumindest nicht daran erinnern).
    • Gerade wenn es ein Klinikaufenthalt war, haben die dich ja auch außerhalb von Tests gesehen. Also im "Alltag" - sofern man einen Klinikaufenthalt als Alltag sehen kann. Aber sie haben mitbekommen wie du dich im Kontakt mit anderen Menschen verhälst und vermutlich auch einfach mehr, als es bei einer ambulanten Diagnostik möglich ist.
      Und nur weil sich keiner auf Autismus spezialisiert hat (oder es kundtut), heißt es ja nicht, dass die nicht wissen was es ist, wie mans erkennt oder so. Die haben da durchaus schon auch Ahnung von (gehe ich jetzt einfach davon aus, da ich das wie Unbewohnte Insel einfach mal vorraussetze), setzen aber eben in der Autismusdiagnostik wohl nicht ihrer Priorität.

      Wurde die Diagnose dort ziemlich schnell zu Beginn des Aufenthalts gestellt, oder erst nach einiger Zeit dort? Das würde für mich auch nochmal einen Unterschied machen.
      Ich bspw. zweifle eine meiner Diagnosen (kein Autismus) durchaus an, weil ich damals nach Einlieferung mit RTW und ziemlich aufgelöst, ein paar typische Merkmale und Verhaltensweisen der Diagnose gezeigt habe und hab dann nach nicht mal 2 Stunden und ohne richtiges Aufnahmegespräch/Anamnese den Stempel aufgedrückt bekommen.
    • Ich habe mal von jemandem gehört, der seine Diagnose auch während einem Klinikaufenthalt in einem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) bekommen hat. Das trotz massiver Selbstverletzungen, wo sonst eher mal auf Borderline geschlossen wird. Aber es war auch ein Mann, und Borderline ist häufiger die Diagnose für Frauen.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Fighter93 wrote:

      Wurde die Diagnose dort ziemlich schnell zu Beginn des Aufenthalts gestellt, oder erst nach einiger Zeit dort?
      Schon beim etwa einstündigen Aufnahmegespräch hat der Arzt seinen Autismusverdacht geäußert, dann aber wieder verworfen nachdem ich meine Zweifel kundtat. Im weiteren Verlauf des Aufenthalts fanden sie den Autismusverdacht dann aber doch wieder zutreffend.


      Shenya wrote:

      Ich habe mal von jemandem gehört, der seine Diagnose auch während einem Klinikaufenthalt in einem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) bekommen hat. Das trotz massiver Selbstverletzungen, wo sonst eher mal auf Borderline geschlossen wird. Aber es war auch ein Mann, und Borderline ist häufiger die Diagnose für Frauen.
      Ja, das denk ich mir halt auch, dass es gerade im psychiatrischen Bereich sehr häufig zu Fehldiagnosen kommt(auch während Klinikaufenthalten) . Wobei z. B Borderline bei mir überhaupt nicht zutrifft. Ich erfülle so gut wie keines der Diagnosekriterien, habe mich nie selbstverletzt und bin auch kein Mann(bei denen Ärzte vielleicht nicht so schnell auf Borderline kommen). Aber Autismus passt halt auch nicht so richtig.
    • Fighter93 wrote:

      Die haben da durchaus schon auch Ahnung von (gehe ich jetzt einfach davon aus, da ich das wie Unbewohnte Insel einfach mal vorraussetze)
      Na ja. Die Hoffnung stirbt zuletzt. :fun:
      Ich war auch in einer Klinik, in der mir die Mitpatienten den Hinweis gaben, ob ich nicht evtl. Autismus haben könnte, weil ich den Autisten, die sie kannten, sehr ähnlich sei. Daraufhin sprach ich das in der Belegschaft der Klinik an. Ein angeblich sehr erfahrener Psychologe sagte mir dann, dass ich vermutlich kein Asperger hätte, weil ich angab, in der Kindheit Freunde gehabt zu haben und weil ich in die Augen schauen könne (dass ich dabei die Person permanent anstarre, schien nicht bemerkt worden zu sein). Hätte ich das nicht von mir aus gesagt, wären die überhaupt nicht auf Asperger gekommen, denn das ist in den Standard-Fragebögen (SKID usw.) nicht enthalten. Mit mir wurden dann Screening-Fragebögen durchgegangen, bei denen ich auch sehr hohe Werte erreichte. Aber wie gesagt, konnte der Psychologie es sich wegen der zwei oben genannten 'Gründe' nicht vorstellen. Man gab mir aber den Tipp, das bei einer Stelle abklären zu lassen, die auf Autismus spezialisiert sind.
      Aber vielleicht hat man tatsächlich Glück und trifft auch in einer Klinik auf Menschen, die sich so weit damit auskennen, dass sie diagnostizieren können.