"Sachen/Fakten vor Menschen"

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    • "Sachen/Fakten vor Menschen"

      Hallo,

      ich habe das in einem anderen Thread schon angesprochen, ob das ein Aspie-Problem ist oder nicht, und es gab bereits eine Antwort.

      Da ich, wenn möglich, gerne noch mehrere von Euch hören würde, ob sie sowas kennen, hier noch mal die Frage, da es heute "wieder passiert" ist:

      Bei mir scheinen in Momenten, wo eine Wahl bzgl. Zeit oder Aufmerksamkeit besteht, immer Sachen/Fakten vor Menschen zu gehen.

      Ich bemühe mich mehr als früher, die sozialen Regeln zu beachten und den anderen zu zeigen, dass sie mir wichtig sind.
      Ich habe inzwischen verstanden, dass Menschen nur wissen können, dass man sie prinzipiell (wenn auch dosiert) mag, wertschätzt oder überhaupt als Mensch zur Kenntnis nimmt, wenn man das auch kommuniziert.

      Trotzdem passiert es mir immer wieder, dass ich so in einer "Sache" stecke, dass der Mensch ausgeblendet ist.

      Heute:
      Ich musste etwas Organisatorisches mit meinem Chef in seinem Büro besprechen.
      Danach ging ich in einen anderen Raum, wo ich sehr konzentriert etwas sortierte.
      Mein Chef tauchte schräg hinter mir auf, legte mir etwas hin, sagte "Das haben Sie bei mir vergessen." und ging wieder.
      Ich habe irgendwie aus dem Augenwinkel gesehen, dass er da war, ich habe ihn auch gehört.
      Alles aber nur so halb. Meine Aufmerksamkeit war voll beim Sortieren.
      Ich habe auch irgendwie "Hm-m." gemacht.
      Nach einem Moment habe ich aufgehört zu sortieren und gedacht, Moment, was war da gerade?
      War da jemand, was ist passiert? Oh.
      Er hätte ja mir nicht extra hinterher kommen müssen, hätte mich auch anrufen können, "Sie haben was vergessen".
      Das war nett von ihm. Ich hätte mich umdrehen müssen. Ich hätte ihn ansehen und mich bedanken müssen.

      Es ist peinlich.
      Es kommt total arschig rüber (zumindest unhöflich).
      Und ich mache es nicht mit Absicht.
      Ich ermahne mich ständig, das zu ändern:

      Wenn ich wohin gehe, z.B. zum Arzt, überlege ich mir vor der Tür "Das ist das Wartezimmer. Da sitzen wahrscheinlich wartende Leute drin. Ich öffne jetzt also die Tür und sage 'Guten Morgen'." (Es kann passieren, dass ich dann sicherheitshalber in ein leeres Zimmer "Guten Morgen" sage.)

      Wenn ich es nicht vorbereite/ vorbereiten kann, vergesse ich es einfach, oder kriege es nicht mit, oder irgend sowas.

      Oder ich möchte es richtig machen, kriege es aber nicht hin:
      Bei einem Vortrag, den ich besucht hatte, hat mich jemand gebeten, dem Redner Grüße auszurichten.
      Kaum reingekommen bin ich auf den Redner zugerannt, habe laut gerufen "Grüße von X.!" (nur Vorname) und bin wieder weggelaufen, sehr froh, es nicht vergessen zu haben, und mich jetzt endlich auf das Vortragsthema freuen zu können.
      Später fiel mir ein, dass ich mich vielleicht hätte vorstellen sollen und sicher stellen (z.B. durch den Nachnamen der Person), dass der Redner überhaupt weiß, von wem die Grüße sind.
      Ich habe dran gedacht, es war mir sehr wichtig, es auszurichten, ich habe es nur total blöd ausgeführt.

      Wenn ich mit einer Person (meiner besten Freundin) allein bin, konzentriere ich mich voll auf sie.
      Ich würde dabei nie etwas tun, wie Spülen oder so, weil ich ihr dann nicht richtig zuhören könnte.

      Aber wenn es etwas "zu tun" gibt, ist mit mir nichts anzufangen.

      Erstens, kennt jemand das, zweitens, wenn ja, wie geht Ihr damit um?
      Sollte ich zu meinem Chef gehen und mich für mein unhöfliches Verhalten entschuldigen?
      Ich habe keine Ahnung, wie er reagiert hat, ob er die Situation überhaupt schlimm fand.
    • Ich sehe bei der Beschreibung zwei Aspekte, die etwas mit AS zu tun haben könnten:
      1. Dinge / Sachthemen werden meist als interessanter oder anziehender empfunden als zwischenmenschliche Interaktion nur zum Zwecke der Interaktion
      2. Man widmet sich stärker als Nichtautisten nur einer Sache/Tätigkeit zur gleichen Zeit (-> Monotropismus), bzw. hat Schwierigkeiten, zwischen mehreren Anforderungen zu wechseln (bei dir: Sortieren und soziale Interaktion mit dem Chef)
    • Kpax wrote:

      Erstens, kennt jemand das, zweitens, wenn ja, wie geht Ihr damit um?
      Sollte ich zu meinem Chef gehen und mich für mein unhöfliches Verhalten entschuldigen?
      Ich habe keine Ahnung, wie er reagiert hat, ob er die Situation überhaupt schlimm fand.
      Zum Chef:
      Ich denke, er hat mitbekommen, dass du sehr vertieft in deine Arbeit warst. Vermutlich wird er es zwar merkwürdig gefunden haben, aber da du dich ja intensiv um deine Arbeit gekümmert hast (und ihn nicht ignoriert hast, weil du mit privaten Dingen beschäftigt warst oder weil du ihn nicht magst), wird er wohl Verständnis dafür haben und es eventuell sogar positiv finden.
      Ich würde deswegen nicht extra zum Chef gehen und mich erklären. Falls ich ihn heute oder morgen wiedersehen würde, dann würde ich es entschuldigend im Nebensatz erwähnen. Z.B. "Vielen Dank, dass Sie mir gestern meine Papiere gebracht haben. Manchmal bin ich so vertieft in meine Arbeit, dass ich alles um mich herum ausblende."
    • Kpax wrote:

      Bei einem Vortrag, den ich besucht hatte, hat mich jemand gebeten, dem Redner Grüße auszurichten.

      Kaum reingekommen bin ich auf den Redner zugerannt, habe laut gerufen "Grüße von X.!" (nur Vorname) und bin wieder weggelaufen, sehr froh, es nicht vergessen zu haben, und mich jetzt endlich auf das Vortragsthema freuen zu können.
      Später fiel mir ein, dass ich mich vielleicht hätte vorstellen sollen und sicher stellen (z.B. durch den Nachnamen der Person), dass der Redner überhaupt weiß, von wem die Grüße sind.
      Ich habe dran gedacht, es war mir sehr wichtig, es auszurichten, ich habe es nur total blöd ausgeführt.
      Das ist bei mir ganz genau so! So eine Aufforderung ist für mich wie ein Imperativ - ich muss das ausführen. Auch, wenn jemand zu mir sagt, ich soll die Stadt xy grüßen, in die ich fahre, dann sage ich, wenn ich dort ankomme: "Schönen Gruß von ...!"
      "in den Raum", wenn ich dort ankomme. Ich fühle mich verpflichtet, diesen Auftrag auszuführen.

      Zu deiner Frage: wahrscheinlich hat dein Chef da gar nicht weiter drüber nachgedacht, du warst halt vertieft. Ich verstehe den Drang, das aufklären zu wollen, aber aus Erfahrung weiß ich, dass das oft gar nicht nötig ist, ich mir viel zu viele Gedanken mache. Andere Menschen reagieren auch nicht immer, wenn sie vertieft sind in etwas.
      Ich denk aber fast immer, ich mache was falsch, weil ich es einfach gewohnt bin und nicht gut unterscheiden kann, wo ich wirklich unpassend agiert oder reagiert habe und wo es so war, wie andere es auch tun.
    • Ich habe ein Riesiges Ansamlung von vorgefertigte Skripte die ich ohne groß darüber nachdenken brauche einfach raushaue.
      Dinge wie "Oh danke schön das ist nett von Ihnen" oder "Oh das ist Toll, Danke"
      meist passt das mindestens ansatzweise. manchmal passt es überhaupt nicht aber besser zu höfflich sein als abweisend wirkend.
      I can tolerate anything but intolerance.
    • Lefty wrote:

      Das ist bei mir ganz genau so! So eine Aufforderung ist für mich wie ein Imperativ - ich muss das ausführen. Auch, wenn jemand zu mir sagt, ich soll die Stadt xy grüßen, in die ich fahre, dann sage ich, wenn ich dort ankomme: "Schönen Gruß von ...!"
      "in den Raum", wenn ich dort ankomme. Ich fühle mich verpflichtet, diesen Auftrag auszuführen.
      Das kenne ich ähnlich von mir. Wenn ich auf der Arbeit oder sonstwo so etwas aufgetragen bekam, war das dann das erste, was ich sagte. Meistens nahm ich dann auch keine Rücksicht darauf, die andere Person erstmal nach ihrem Befinden zu fragen oder Smalltalk zu führen etc., sondern wollte direkt diese Sache abgehakt haben. Das war mir eigentlich immer das Wichtigste dran: Die Dinge korrekt zu erledigen. Sehr oft kam das nicht gut an und die überbrachte Botschaft wurde nur beiläufig aufgenommen, während ich offenbar der Meinung war, dass ich eine ganz besonders wichtige Aufgabe ausführe. :m(: Wenn die Person sich dann nicht mal bedankte, konnte es auch vorkommen, dass ich stinkesauer wurde und die Person jeglichen Respekt bei mir verloren hatte.
      Für mich ist es aber aus irgendeinem Grund in der Tat wichtig, wenn ich eine Botschaft überbringen soll und erst wenn es erledigt ist, fühle ich mich bereit, für weitere Aufgaben.

      In meinem Fall ist das vermutlich das Problem mit dem Überblick über die Zeit: Ich kann ganz schlecht (eigentlich überhaupt nicht) Dinge durcheinander vornehmen und muss immer eines nach dem anderen abarbeiten. Erst wenn ich eine Sache (wie so eine Botschaft übermitteln) abgearbeitet habe, kann ich mich dem nächsten 'Problem' zuwenden.

      Es kam auch schon vor (da war ich aber noch jünger, also in der Ausbildung), dass ich erst so etwas 'Wichtiges' übermittelte und mein Gegenüber danach sowas sagte wie "so und jetzt erstmal 'Hallo'", dabei aber meist freundschaftlich-nachlässig grinste und ich dann brav "Hallo" oder "Guten Morgen" sagte. Vermutlich hatte ich damals noch Welpenschutz. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass solche Reaktionen noch kamen, seit ich älter bin.

      Meistens betrachtete ich Menschen auf der Arbeit oder die Interaktion mit ihnen wie 'Vorgänge', die zu erledigen waren. Wenn ich z. B. gar keinen Auftrag mit einer bestimmten Person verbunden habe, habe ich sie ignoriert. :| Das heißt, wenn ich die Person frühs das erste Mal sah, habe ich sie gegrüßt mit "guten Morgen" und bei jedem weiteren Aufeinandertreffen auch gegrüßt. Wenn ich mit ihr zusammenarbeiten sollte, habe ich die Dinge besprochen oder geklärt, die zu erledigen waren. Aber wenn das alles erledigt war, wusste ich nicht mehr, was ich tun sollte und hätte die Person am liebsten ignoriert. So, als wäre dann kein Auftrag da und ohne Auftrag brauch ich die Person nicht. Die Interaktion kam für mich so gut wie nie aus mir selbst heraus, sondern war immer mit bestimmten Dingen verbunden, die zu erledigen waren. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, frühs mich dazuzustellen und zu fragen "na, wie war euer Wochenende?" oder "na, wie gehts?". :| Es hat mich schlicht nicht interessiert.

      Es ist aber nicht generell so, dass ich Fakten vor Menschen stelle. Es gibt Menschen, die interessieren und faszinieren mich sehr, aber möglicherweise betrachte ich die auch häufiger so, als handele es sich um Phänomene, mit denen man möglichst gut umgehen soll oder die zu erkunden sind. :roll:
    • Das höflich begrüßen ist denn für mich ein automatische pflicht Aufgabe die mir persönlich nichts direkt bringen.
      Im ganzen gesehen hilft mir das da die anderen NT's sich besser fühlen dabei und die fachliche Kommunikation danach reibungsloser abläuft.

      Mein grösste Problem ist dass ich schnell vergesse wem ich schon mal gegrüßt habe und oft höre "Wir haben uns schon gegrüsst heute...2 mall sogar"
      UPS!!!
      I can tolerate anything but intolerance.