Wie konnte ich nur bis heute überleben? Spätdiagnostik Ü 50

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    • Wie konnte ich nur bis heute überleben? Spätdiagnostik Ü 50

      Hallo Ihrs,

      also, die Frage stelle ich mir wirklich zwischendurch immer wieder.
      Die Liste der Dinge/Sachen die ich nicht ohne Hilfe kann, oder alleine nur unter äußerster Anstrengung vollbringe, ist sehr lang...
      Wobei da ist es ja auch so, dass ich zwar Vieles kann, aber nicht so viel/oft davon innerhalb einer bestimmten Zeit... mh, wobei die Zeitfenster da auch wirklich variieren und davon abhängen wie sehr mich etwas vorher eben angestrengt hat... kann meinem Gedankengang noch jemand folgen?

      Als Beispiele: Auto fahren. Ich habe den Führerschein relativ spät gemacht, mit 23, aber das spielt glaube ich keine Rolle.
      Ich fahre freiwillig nur dort, wo ich mich kenne und sicher fühle, da ich einen wirklich miserablen Orientierungssinn habe, kann das an einem neuen Wohnort mitunter Jahre dauern. Ansonsten bin ich ein seeehr unsicher und ängstlicher Fahrer und traue mich da nur im Notfall neues oder selten frequentiertes Terrain zu befahren.
      Vermutlich habe ich dann so viel Adrenalin im Blut, daß ich ohne zu überlegen funktionieren KANN... ansonsten ist das scheinbar nicht der Fall.
      Einkaufen ist auch so ein Ding, fast ausschließlich in bekannten Geschäften, also wirklich bekannten Geschäften...dort nur einige Male zuvor mit meinem Mann gewesen zu sein, reicht nicht aus.

      Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich gerade quasi laut denke, da kommen manchmal beim späteren Lesen Perspektiven heraus, die ich vorher nicht einnehmen konnte...

      Telefonieren: Ich hasse es und ich kann nicht voraus sagen ob es geht oder nicht... manchmal bin ich da tagelang blockiert, oder what ever das auch ist.

      Arbeiten (um Geld zu verdienen): Ich habe zuletzt Pflaneznableger über Ebay verkauft, weil mein Mann im Studium mit seinem Nebenjob zu wenig verdiente. Ansonsten ist das nahezu immer in die Hose gegangen, wenn ich versucht habe Geld zu verdienen indem ich für jemanden als Angestellte arbeite.
      Ohne meinen Mann wäre ich wirklich aufgeschmissen, nicht nur finanziell :nerved:

      Ich hör mal auf hier, aber es sind wirklich noch etliche andere Dinge... Veile hier kennen das bestimmt.
      Ich würd mich freuen, wenn ihr mir Eure Erfahrungen/Defizite usw. erzählen würdet...egal wer :)

      Jetzt warte ich ja sehnsüchtig auf meinen Termin in Köln für die AS Diagnose, nicht wegen einer AS Diagnose, sondern damit es überhaupt endlich weiter geht und ich vielleicht endlich erfahre warum und auch wirklich WIE ich ticke.

      Staune hier im Forum immer wieder welch spezifisches Faschwissen bei manchen doch vorhanden und weiter gegeben wird, toll :nod:

      So, ich würd mich freuen, wenn Ihr mir Eure Gedanken dazu schreibt.

      Liebe Grüße
    • Führerschein habe ich nie gemacht, Fahrrad fahren in der Stadt finde ich auch schon schwierig. Mit Begleitperson, der ich hinterher fahren kann, gehts. Ansonsten lass ich das lieber. Orientieren kann ich mich auch nicht. Google Maps hat mein Leben gerettet :d

      Einkaufen kann ich eigentlich ganz gut. Kommt auf den Laden an. Bei manchen hört man das Gepiepe von den Kassen ganz laut durch den ganzen Laden, das stört mich dann sehr. Ich mag diese Piepgeräusche irgendwie nicht.

      Telefonieren..oh ja, was habe ich meine Mutter immer zum Verzweifeln gebracht, weil ich mich nicht dazu durchringen kann, z.B. bei einrm Arzt einen Termin zu vereinbaren. Da brauche ich immer Tage und Wochen an "Anlauf". Gut das man im Jahre 2020 das meiste auch per Mail machen kann. :m(:

      Geld verdienen hat bisher gut geklappt, gerade ist mir alles zu viel, aber ich denke das wird auch wieder klappen.

      Am Haushalt scheitere ich auch ziemlich. Ich mache das Nötigste, aber ordentlich ist was Anderes. Hier fliegt alles quer durch die Gegend.

      Leute kennen lernen kann ich auch nicht. Seit dem Ende meiner Schulzeit hab ich es nicht geschafft, einen einigermaßen dauerhaften Kontakt zu knüpfen. Leute wiedererkennen kann ich auch nur ganz schlechr, was das auch nicht leichter macht.

      Ich habe auch das Gefühl da sehr von meinem Lebenspartner abhängig zu sein, wenn auch bisher nicht finanziell. Warum das bei mir alles so ist muss ich aber auch erst noch herausfinden. :nerved:

      The post was edited 2 times, last by Shaluna ().

    • Oma Wetterwachs wrote:

      Als Beispiele: Auto fahren. Ich habe den Führerschein relativ spät gemacht, mit 23, aber das spielt glaube ich keine Rolle.
      Ich habe gar keinen Führerschein.

      Oma Wetterwachs wrote:

      Telefonieren: Ich hasse es und ich kann nicht voraus sagen ob es geht oder nicht... manchmal bin ich da tagelang blockiert, oder what ever das auch ist.
      Geht mir auch so.

      Immerhin hast du es geschafft, einen Mann zu finden! Mir ist dies nicht gelungen. Dadurch muss ich zwangsläufig manche Dinge können ...
      Mir hilft es ein bisschen, meine Tiere zu haben. Denn für die will ich da sein und das bedeutet, über meinen Schatten zu springen und auch mal Dinge zu tun, die nicht toll sind und mich an meine Grenzen bringen.
    • Ich bin auch eine Spätdiagnostizierte Ü50. Nach der Diagnose wurde mir erst einmal klar, was ich all die Jahre ausgehalten habe und ich sehe jetzt vieles klarer.

      Meinen Führerschein habe ich recht früh gemacht, da ich ihn beruflich brauchte. Mit dem Telefonieren habe ich auch so meine Probleme, ich weiß einfach manchmal nicht, wann ich an der Reihe
      bin um etwas zu sagen.

      Ansonsten habe ich eher ein Einsiedlerleben.
    • Hallo,

      finde das immer spannend, wenn Leute so spät in die Diagnostik gehen.
      Was erhofft ihr euch an Hilfen davon? Braucht ihr Unterstützung im Alltag bzw. habt so Funktionseinschränkungen im Alltag, dass es ohne Hilfe nicht geht?

      Findet ihr euch in der Beschreibung des ICD 11 wieder genau wie in der des ICD 10?

      (Entschuldigt die Neugierde)

      ICD 10 F84.5 Asperger Syndrom wrote:

      Diese Störung von unsicherer nosologischer Validität ist durch dieselbe Form qualitativer Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen, wie für den Autismus typisch, charakterisiert, zusammen mit einem eingeschränkten, stereotypen, sich wiederholenden Repertoire von Interessen und Aktivitäten. Die Störung unterscheidet sich vom Autismus in erster Linie durch fehlende allgemeine Entwicklungsverzögerung bzw. den fehlenden Entwicklungsrückstand der Sprache und der kognitiven Entwicklung. Die Störung geht häufig mit einer auffallenden Ungeschicklichkeit einher. Die Abweichungen tendieren stark dazu, bis in die Adoleszenz und das Erwachsenenalter zu persistieren. Gelegentlich treten psychotische Episoden im frühen Erwachsenenleben auf.

      ICD 11 6A02 Autismus Spektrum Störung (Vorabübersetzung) wrote:

      Autismus-Spektrum-Störungen sind gekennzeichnet durch bleibende Defizite in der Fähigkeit, reziproke soziale Interaktion und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten, und durch eine Reihe von eingeschränkten, repetitiven und unflexiblen Mustern an Verhaltensweisen und Interessen. Die Störung beginnt im Entwicklungsalter, typischerweise in der frühen Kindheit, aber die Symptome werden möglicherweise erst später sichtbar, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Fähigkeiten übersteigen. Die Defizite sind so schwerwiegend, dass sie zu Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führt und meist eine tiefgreifende Besonderheit der Funktionsweise des Individuums darstellt, die in allen Lebensbereichen sichtbar ist, obwohl sie sich je nach sozialem, schulischem oder anderem Zusammenhang anders darstellen kann.
    • MangoMambo wrote:

      finde das immer spannend, wenn Leute so spät in die Diagnostik gehen.
      eigentlich ist das nicht ungewöhnlich, wenn man ein älterer Jahrgang ist. Asperger gibt es als offizielle Diagnose erst seit den 90ern, und da hat es auch noch lange gedauert, bis es bekannter wurde. Also hatte man vorher keine Möglichkeit, zur Diagnostik zu gehen, wenn man gar nichts von der Existenz dieser Diagnose wusste.
      Alles wird galaktisch gut.
    • *Wow*, was ein Feedback, das ist eine tolle Erfahrung für mich nach mehreren Jahren Forenabstinenz :nod:
      Dank Euch für die Mühe zu lesen und zu antworten, ich fang mal an zu antworten so weit wie ich komme.

      Shaluna wrote:

      Führerschein habe ich nie gemacht, Fahrrad fahren in der Stadt finde ich auch schon schwierig.
      Ich würd nie in eine größere Stad mit dem Auto selber fahren, schon zu Fuß krieg ich da oft zuviel. Öffentliche Verkehrmittel meide ich seit Jahren. Hab es vorletztes Jahr noch einmal mit meinem Mann versucht zu Zeiten wo wenig los war, war trotzdem schrecklich 8o

      Shaluna wrote:

      Am Haushalt scheitere ich auch ziemlich. Ich mache das Nötigste, aber ordentlich ist was Anderes. Hier fliegt alles quer durch die Gegend.
      *Pfff*, ich hab mich während meiner Zeit als Mutter immer als miserabelste Hausfrau Deutschlands beschrieben. Heute ist phasenweise schon mal was besser, dann kriege ich wieder etwas mehr Durchblick. Aber ich habe auch mittlerweile etwas besser gelernt mich vor Überforderung zu schützen.
      Leider gelingt mir das nicht immer und wenn ich einmal wieder drin hänge und sich Berge vor mir auftürmen, so daß ich nicht weiß wo ich anfangen kann, verfalle ich in eine Starre und sitze mitunter stundenlang schaukelnd auf dem Sofa :m(:

      Fidoine wrote:

      Immerhin hast du es geschafft, einen Mann zu finden! Mir ist dies nicht gelungen. Dadurch muss ich zwangsläufig manche Dinge können ...
      Na ja, das ist sogar schon mein 3. Mann, doch ich habe ihn nur deshalb kennen gelernt, weil meine Tochter mit ihm zusammen lernte.
      Wenn ich so überlege beruhe alle meine wenigen Freundschaften und eben auch die festen Beziehungen auf Bekanntschaften zu denen ich eher nicht viel beitragen habe.
      Meinen 1. Mann habe ich geheiratet, nachdem ich ihn nur 4 Wochen kannte. Also wir hatten das Aufgebot aufgegeben, nachdem wir uns eine Woche kannten. Mit ihm war ich 7 Jahre zusammen und bekam 4 Kinder von ihm. Getrennt habe ich mich von ihm, nachdem er versucht hatte mich in der Badewanne zu ertränken.... heute denke ich, dass ich durch mein Verhalten sicherlich unbewußt auch dazu beigetragen habe, daß er so durch gedreht ist.

      Fidoline wrote:

      Mir hilft es ein bisschen, meine Tiere zu haben. Denn für die will ich da sein und das bedeutet, über meinen Schatten zu springen und auch mal Dinge zu tun, die nicht toll sind und mich an meine Grenzen bringen.
      Oh ja, das ist bei mir auch so. Meine Kinder sind schon lange aus dem Haus und leider wohnt keiner wirklich in meiner Nähe, so daß ich auch meine Enkel nur selten sehe.
      Meine Hunde und Katzen sind mir unheimlich wichtig, ohne Hund möchte ich niemals sein.

      Vulkan wrote:

      Ich bin auch eine Spätdiagnostizierte Ü50. Nach der Diagnose wurde mir erst einmal klar, was ich all die Jahre ausgehalten habe und ich sehe jetzt vieles klarer.
      Ich habe die Diagnose ja noch nicht, aber in den Gespächen mit meinem Psychiater und noch mehr beim Lesen von Fachliter und Biographien über Asperger hatte ich sehr viele Aha Erlebnisse. Es fühlt sich auch streckenweise sehr befreiend an.
      Ich kann mir meine Handlungsweisen und Gefühlslagen in der Vergangen besser erklären, ich verstehe mich besser und das täglich mehr.
      Na ja, zwischendurch rede ich mir dann auch immer wieder mal ein, daß das alles Quatsch ist und ich sicherlich was ganz anderes habe :?

      So, ich schicke das jetzt mal so ab, mir qualmt nämlich gerade der Schädel (Rw)

      @MangoMambo und Fruchtigbunt, Anwort kommt sobald wie möglich, muß hier noch was Dringendes erledigen :)

      Liebe Grüße
    • Shenya wrote:

      eigentlich ist das nicht ungewöhnlich, wenn man ein älterer Jahrgang ist. Asperger gibt es als offizielle Diagnose erst seit den 90ern, und da hat es auch noch lange gedauert, bis es bekannter wurde. Also hatte man vorher keine Möglichkeit, zur Diagnostik zu gehen, wenn man gar nichts von der Existenz dieser Diagnose wusste.
      Kann ich so aus eigener Erfahrung bestätigen. Hochfunktionale Autisten älterer Jahrgänge wurden zwar in ihrer Kindheit als anders/seltsam/außergewöhnlich etc. wahrgenommen, aber Autismus wurde bei ihnen nicht in Betracht gezogen. Bei mir wurde der Autismus spätestens im Alter von 5 Jahren diagnostiziert, aber das lag wohl daran, dass zwei Dinge zusammenkamen: Ein vergleichsweise später Jahrgang (1988) und ein urbaner Wohnort (Köln). Mit Ausnahme eines therapeutischen Abschlussberichts des ATZ gibt es dazu allerdings keine Unterlagen mehr.
    • So, jetzt geht es endlich weiter mit antworten, sorry war so nicht beabsichtigt von mir.

      Mangomambo wrote:

      Was erhofft ihr euch an Hilfen davon? Braucht ihr Unterstützung im Alltag bzw. habt so Funktionseinschränkungen im Alltag, dass es ohne Hilfe nicht geht?
      Ich habe wirklich lange nachgedacht über Deine Fragen und mache es noch immer... ich selber stelle mir auch hin und wieder die Frage, ob ich überhaupt betroffen genug bin um jemand anderen (der es vielleicht dringender braucht) den Platz in der Diagnostik weg zu nehmen.... immerhin habe ich ja sogar bis heute überlebt :roll:
      Also Hilfe in manchen Bereichen wäre wirklich klasse und es würde meinen Mann auch sehr entlasten, den er fährt mich überall dort hin, wo ich es mir nicht zutraue.
      Gerade letztes Jahr, wo ich zu so dermaßen vielen Ärzten gegangen bin, wie vorher in meinem Leben nicht. Leider sind die wenigsten Fachärzte direkt um die Ecke.
      Da ich mich erst seit letztem Jahr mit AS befasse, sind mir glaube (noch) gar nicht alle Funktionseinschränkungen bekannt, die auf Autismus allein zurück zu führen sind.
      Ich befasse mich jedoch schon seit Jahren damit mich selber zu ergründen, mein ganzes Verhalten zu hinterfragen und mit verschiedenen Diagnosen abzugleichen. Auch Situationen werden genaustens zu analysiert, Familienanamnese betrieben.
      Ich habe 5 Kinder, die alle mehr oder weniger Schwierigkeiten im Leben haben... alle leben in einer festen Partnerschaft, es gibt bisher 9 Enkelkinder.
      Einer der älteren Enkel, 9 Jahre ist seit der Einschulung besonders verhaltensauffällig, die Diagnostik hat bisher AVWS (Auditive Wahrnehmungs-und Verarbeitungsstörung) ergeben, außerdem Legasthenie und Dsikalkulie..... schöne Nachricht letzte Woche, der Junge darf jetzt endlich, nach 1,5 Jahren Kampf, auf eine Gehörlosenschule gehen.

      Ich meine auch bei meiner Mutter einige autistische Züge zu erkennen, sowie bei meinen Kindern auch...als sie klein waren ist mir niemals etwas seltsam vorgekommen. Viel zu sehr war ich auf die Äußerlichkeiten von Neurodermitis, allergisches Asthma, Krupp usw. konzentriert.... in der 80 zigern kannte man auch noch keinen Asperger Autismus in der Öffentlichkeit. Autisten waren nur schwerstbehinderte Menschen, die sich nicht artikulieren und selber versorgen können.

      Ich denke, wenn bei mir AS (oder etwas anders ) diagnostiziert wird, bringt das auch meine Kinder und Enkel weiter....
      Ebenso lasse ich ja gerade in der Humangenetik meine Brachydaktylie abklären, auch weil mir bei meinen Enkeln so viele Dinge auffallen.

      MangoMambo wrote:

      Findet ihr euch in der Beschreibung des ICD 11 wieder genau wie in der des ICD 10?

      *Uff*, also so at hock, aus dem Bauch beim Lesen, finde ich die Beschreibung des ICD10 doch etwas stimmiger....

      Mein erstes Buch über Autismus war letztes Jahr das kleine Büchlein von Andreas Riedel und Jens Jürgen Clausen mit dem Titel: Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen
      Ich kann das gar nicht so in Worte fassen wie es mir beim Lesen erging, ich habe sehr viel geweint. Teilweise konnte ich nur wenige Sätze lesen und schon mußte ich wieder heulen. Mindestes 2 Mal habe ich alles durch gelesen, beim 2 Mal die mir wichtigen und auf mich zutreffenden Passagen unterstrichen. Ich habe das Buch wochenlang mit mir herum geschleppt, es war so dermaßen befreiend, mich selber dort so zutreffend beschrieben zu finden :nod:

      FruchtigBunt wrote:

      Warum genau würde dich das freuen?
      Auch eine Frage, wo ich echt drüber nachdenken mußte ob ich mich wirklich freue, oder ob es eine anerzogene Höflichkeitsfloskel ist...
      Also ich freue mich wirklich über das Feedback, es ist ein schönes Gefühl die Meinungen und Erfahrungen anderer beschrieben zu lesen, teilweise mit meinen eigenen Erfahrungen abzugleichen usw. Austausch eben, über etwas das mich wirklich interessiert :nod:

      Grübler_1988 wrote:

      Kann ich so aus eigener Erfahrung bestätigen. Hochfunktionale Autisten älterer Jahrgänge wurden zwar in ihrer Kindheit als anders/seltsam/außergewöhnlich etc. wahrgenommen, aber Autismus wurde bei ihnen nicht in Betracht gezogen.
      Welche Jahrgänge meist Du damit?
      Ich bin Jahrgang 62, da war man entweder normal oder behindert, also entweder Sonderschule oder Grundschule und dann später die weiter führende Schule... die wollten mich dann auf eine Sonderschule abschieben 8o
      In der Grundschule hatte ich echt noch Spaß am Lernen, das legte sich dann aber auf der weiter führenden Schule rasch und ich fiel auf. Meine Eltern haben verhindert, daß ich auf die Sonderschule kam und ich schaffte ziemlich knapp die 'Mittlere Reife'.


      Fidoline wrote:

      Aber irgendetwas muss man doch schon dazu beitragen ... mindestens, dass es dann über mehrere Jahre läuft.
      Ja, vermutlich... ich könnte dazu jede Menge schreiben, aber da gibt es eine ganze Menge wo ich nicht gerade stolz drauf bin und lieber nicht davon erzähle.
      Hast Du denn überhaupt schon feste Beziehungen geführt? Auch schon mit jemenden in einem Haushalt gelebt?



      Zum Geld verdienen, ich habe ja sogar nach meiner Schule eine Lehre angefangen, aber auch ziemlich schnell wieder abgebrochen als ich 18 wurde und daheim ausgezogen war.
      Ich habe es nie lange geschafft mich auf einer Arbeitsstelle zu halten, es lag nicht daran dass die Arbeitgeber nicht zufrieden waren, sondern immer am Verhältnis zu den Arbeitskollegen. Ich glaube, ich war ganz froh darüber das dieses Thema vom Tisch war (Rw) nachdem meine erste Tochter geboren war.

      Liebe Grüße
    • Vielen Dank für deine Antworten.

      Für die Diagnose ist es ja wichtig, dass es Auffälligkeiten im frühkindlichen Alter gab. Wurde dir da was berichtet oder hast du Aufzeichnungen für den Diagnostiker zu Auffälligkeiten zwischen 2 und 5 Jahren?

      Das ist häufig eine große Schwierigkeit bei Diagnostik in höherem Alter.
    • MangoMambo wrote:

      Für die Diagnose ist es ja wichtig, dass es Auffälligkeiten im frühkindlichen Alter gab. Wurde dir da was berichtet oder hast du Aufzeichnungen für den Diagnostiker zu Auffälligkeiten zwischen 2 und 5 Jahren?
      Leider existieren keine Aufzeichnungen mehr, weder Zeugnissse noch sonstige Befunde...

      Jedoch ist eines der auffälligsten Verhaltensweisen von mir, das mit dem Kopf schlagen, seit frühester Kindheit vorhanden. Laut Aussage meiner Mutter, sobald ich den Kopf heben konnte. Später kam dann noch das Schaukeln im Sitzen hinzu und das Treten vom rechten auf das linke Bein, auch beim Gehen.... demmeln, nannte meine Mutter es.
      Ich habe auch draußen an Mauern gestanden, mit dem Rücken dagegen geschlagen, summend, singend.
      Wenn ich keine Rückenlehne hatte, in meinem Zimmer, auch mitunter vorwärts mit dem Brustbein gegen den Schreibtisch.
      Meine Mutter war damit wohl einmal beim Hausarzt, als ich noch ein Säugling war. Dieser erklärte ihr dann, daß das ganz normal sei... ich würde das machen um bunte Kreise zu sehen... danach hat sie wohl keinen Arzt mehr befragt.
      Es war meiner Mutter sehr peinlich, ich weiß nicht was sie alles angestellt hat um mir dieses Verhalten abzugewöhnen.
      Aufgehört habe ich damit in der Öffentlichkeit, laut Aussage meiner Mutter, als ich auf die weiter führende Schule kam.

      Mit 5 Jahren hatte ich einen Unfall, Schädel-Hirn Trauma und war im K-Haus. Dort fiel meiner Mutter sofort auf, daß ich nicht mit dem Kopf schlug.
      So wurde dann ein Aufenthalt für 6 Wochen in einer sogenannten Kindererholungsstätte in Bad Buchau vorgeschlagen... es war die Hölle für mich, aber am meisten hat sich bei mir die Erinnerung eingebrannt, daß abends im Schlafsaal, sobald das Licht ausging und die Türe geschlossen wurde ALLE Kinder Stimming (gerade gelernt) betrieben, oder Jaktation ist wohl auch ein Ausdruck dafür.

      Ich mache und brauche das heute auch noch (nur im Sitzen), weiß aber durch meinen Psychiater, dass es etwas ist, das weder mir noch jemand anderm schadet und was ich darf.
      Trotzdem versuche ich dieses Verhalten mit allen Mitteln zu unterdrücken, sobald ich beobachtet werden könnte.

      Ich hatte im Kindergarten und auch später in der Grundschule kaum Freunde. Ich schloß mich gerne den Leheren an und rede auch während der Pause gerne mit denen.
      Die Jungs hatten 'Banden', die redeten nicht viel, sondern rannten meist quer über den Schulhof, mit denen lief ich auch gerne mit.
      Mit Puppen konnte ich nie etwas anfangen, ich mag ihre Gesichter nicht, teilweise finde ich sie sogar gruselg.
      Ich hatte wohl schlimme Wutausbrüche, an einige kann ich mich erinnern und weiß noch, wie verzweifelt ich solchen Situationen war.
      Daran, daß ich viele Sachen nicht gegessen habe, weil sie sich eckelig im Mund anfühlen, weiß ich auch noch... gekochte Zwiebeln z.B.... meine Mutter hat dann Manches für mich extra zubereitet.

      Mir fiel auch schon im Kindergarten auf, daß der Nikolaus die gleiche Schrift wie meine Mutter auf dem Zettel stehen hatte, als ich vor ihm stand....
      Ich weiß nicht, welche Verhaltensweisen wirklich relevant sind, ich habe halt auch nicht immer alls so präsent.
      Ich denke doch aber, die werden beim Interview die Fragen dementsprechend stellen.

      Liebe Grüße

      The post was edited 1 time, last by Oma Wetterwachs ().

    • Oma Wetterwachs wrote:

      Welche Jahrgänge meist Du damit?
      Allgemein die Jahrgänge weit vor meinem, also 50er, 60er, 70er Jahre. Wenn man in diesen Jahrgängen geboren wurde, ist es ziemlich üblich, erst im mittleren Alter (40+) diagnostiziert zu werden.

      Meine Kindheit war in den 90er Jahren. In dieser Zeit war das Wissen um Autismus zwar noch nicht so gut wie heutzutage, aber immerhin besser als in der Zeit vor meiner Geburt. Allerdings weiß ich nicht sicher, welche Autismus-Diagnose damals in den frühen 90er Jahren gestellt wurde. Angeblich soll es der Frühkindliche Autismus gewesen sein (laut Fremdanamnese meiner Eltern).

      Im Erwachsenenalter bekam ich 2015 an der Uniklinik Köln die Diagnose Asperger-Syndrom. Ich denke, dass es eine gute Entscheidung war, im Erwachsenenalter nochmal abklären zu lassen, ob es tatsächlich Autismus ist. Ich habe immer noch Kontakt zur Arbeitsgruppe von Prof. Vogeley und fühle mich dort gut aufgehoben.

      Oma Wetterwachs wrote:

      Ich bin Jahrgang 62,
      Ein Jahr später als meine Eltern.

      Oma Wetterwachs wrote:

      die wollten mich dann auf eine Sonderschule abschieben 8o
      Von Therapeuten und Erziehern bekam ich damals auch die Empfehlung für die Förderschule (ehemals Sonderschule).

      Oma Wetterwachs wrote:

      Meine Eltern haben verhindert, daß ich auf die Sonderschule kam und ich schaffte ziemlich knapp die 'Mittlere Reife'.
      Meine Eltern hatten sich auch massiv dagegen gewehrt und es letztendlich verhindert. Ich hatte mich auch bis zur mittleren Reife und später noch bis zur Fachhochschulreife "durchgemogelt".
    • Oma Wetterwachs wrote:

      Ich habe wirklich lange nachgedacht über Deine Fragen und mache es noch immer... ich selber stelle mir auch hin und wieder die Frage, ob ich überhaupt betroffen genug bin um jemand anderen (der es vielleicht dringender braucht) den Platz in der Diagnostik weg zu nehmen.... immerhin habe ich ja sogar bis heute überlebt
      Hey Oma Wetterwachs, lustiger Nick ;)

      Ich wurde mit 46 diagnostiziert und bin jetzt auch Ü 50. Mir hat die Diagnose sehr geholfen, mein Anderssein einzuordnen und mich selbst besser zu verstehen. Ich finde, das ist Grund genug.
      Ich habe auch viel zu lange einfach nur überlebt. Aber überleben ist nicht leben.
      Ich habe nach der Diagnose aufgehört, für Geld zu arbeiten. (EM Rente). Es hat mich viel zu viel Überleben gekostet, viel zu viel Kraft, Frust und so weiter. Aber natürlich hatte es auch eine positive Seite. Ich wäre nicht so sozial kompetent und so fähig, alleine zu leben, hätte ich einen anderen Weg genommen. Und auch wenn vieles in meinem Job Mist war: er hat mich strukturiert und ich hatte soziale Kontakte. Mehr als jetzt. Sie waren schwierig, aber vorhanden. Mpf.

      Ich lerne gerade, meine so schwer gelernten Fähigkeiten
      a: zu schätzen und
      b: sie dosierter einzusetzen, damit sie lange erhalten bleiben.

      Meine Aufgabe ist gerade, mein Leben neu zu sortieren, ohne die Struktur und Sozialkontakte des Jobs, nach meinen eigenen Interessen und Bedürfnissen, die sehr verloren gegangen sind vor lauter Anpassung.
      Diagnose kann wichtig sein, um sein Leben nach seinen Maßgaben gestalten zu können. Wir haben ja alle nur ein Leben.
    • Ich kann mich da nur Ani anschließen, denn so geht es mir auch mit meiner Diagnose, die ich erst mit Ü50 bekommen habe. Ich gehöre noch zu der Generation wo die Eltern bei Auffälligkeiten auf keinen
      Fall zu einem Psychiater gingen. Hätte ich die Diagnose vielleicht schon früher bekommen, dann wäre mir sicherlich einiges in meinem Leben erspart geblieben.
    • Oma Wetterwachs wrote:

      Welche Jahrgänge meist Du damit?
      Ich bin Jahrgang 62, da war man entweder normal oder behindert, also entweder Sonderschule oder Grundschule und dann später die weiter führende Schule... die wollten mich dann auf eine Sonderschule abschieben
      In der Grundschule hatte ich echt noch Spaß am Lernen, das legte sich dann aber auf der weiter führenden Schule rasch und ich fiel auf. Meine Eltern haben verhindert, daß ich auf die Sonderschule kam und ich schaffte ziemlich knapp die 'Mittlere Reife'.
      ich bin Jahrgang 1963 und habe im letzten Jahr die Diagnose bekommen.

      alles hat Vor- und Nachtteile.

      Ein vorteil, KEINE Diagnose zu haben, war, dass ich mich buchstäblich alles getraut und mich nicht selbst eingeschränkt habe. Der Nachtteil war, permanent am Erschöpfungs- Limit zu leben , voller Selbstzweifel und ständiger Anstrengung.
      Das hat dann mit 42 zum vollen Burnout geführt, nix ging mehr, seitdem bin ich berentet.
      Eine frühere Diagnose hätte mir diesen Einbruch erspart, ich hätte mit der Berufswahl anders gehandelt und evtl. die richtigen Hilfen bekommen .
      "Autismusdiagnose - Potius sero quam numquam.
      ( Lieber spät als nie.) "
      :irony:
    • Rhianonn wrote:

      Ein vorteil, KEINE Diagnose zu haben, war, dass ich mich buchstäblich alles getraut und mich nicht selbst eingeschränkt habe. Der Nachtteil war, permanent am Erschöpfungs- Limit zu leben , voller Selbstzweifel und ständiger Anstrengung.
      Das hat dann mit 42 zum vollen Burnout geführt, nix ging mehr, seitdem bin ich berentet.
      Eine frühere Diagnose hätte mir diesen Einbruch erspart, ich hätte mit der Berufswahl anders gehandelt und evtl. die richtigen Hilfen bekommen .
      Ich habe die Diagnose mit 36 bekommen und hatte da schon seit 8 Jahren meine (immer noch aktuelle) Arbeitsstelle. Seit der Diagnose habe ich immer Hemmungen, mich wo zu bewerben. Einerseits.
      Aber ich kann besser auf meine "seelische Lage" achten. Andererseits.
    • New

      Ich bin Jahrgang 1959 und habe meine Diagnose jetzt seit einem Jahr.

      Ani wrote:

      Ich wurde mit 46 diagnostiziert und bin jetzt auch Ü 50. Mir hat die Diagnose sehr geholfen, mein Anderssein einzuordnen und mich selbst besser zu verstehen. Ich finde, das ist Grund genug.
      So geht es mir auch.

      Rhianonn wrote:

      Ein vorteil, KEINE Diagnose zu haben, war, dass ich mich buchstäblich alles getraut und mich nicht selbst eingeschränkt habe. Der Nachtteil war, permanent am Erschöpfungs- Limit zu leben , voller Selbstzweifel und ständiger Anstrengung.
      Das sehe ich ganz genauso. Ich kann inzwischen sogar stolz darauf sein, was ich trotz meiner Schwierigkeiten alles hinbekommen habe. :) Früher habe ich mich nur als Versagerin betrachtet.

      Aber es hat mich extrem viel gekostet und kostet es mich noch. Denn ich versuche gerade bis zur Verrentung durchzuhalten, was mir unheimlich schwer fällt. x( Aber ich möchte mir nicht noch so kurz vor dem "Ziel" meine Rente zerschießen (RW). Dafür habe ich nicht so lange gekämpft um jetzt schlapp zu machen.....An manchen Tagen bin ich mir nicht sicher, ob ich das schaffe, aber ich versuche jeden Tag einzeln zu bewältigen. Wenn ich den GdB 50 bekomme, kann ich zwei Jahre früher in Rente gehen ohne Abschläge, ich hoffe sehr darauf.
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d