Selbstbild

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    • Wie sieht euer Selbstbild in Bezug auf Autismus aus?


      Ausgehend davon, dass es einem mit frühkindlichem Autismus diagnostizierten Menschen möglich ist, später "nur" noch als Asperger-Autist zu gelten, und auch bei einem mit Asperger-Autismus diagostizierten Menschen diese Diagnose zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr gerechtfertigt sein kann, da sie sich ausschließlich über die Defizite definiert, die mit entsprechenden Strategien je nach Fall möglicherweise gut kompensiert werden können sind die Übergänge von Autismus bis ins "Normale" alle fließend und somit ist Autismus im Sinne von klinisch relevanten Einschränkungen grundsätzlich (aber sicherlich nicht für jeden) vollständig auflösbar. Als ich mich vor einigen Jahren das erste Mal mit Autismus beschäftigte, hatte ich für mich daher entschieden, Autismus nicht als Sein, sondern als Diagnose zu betrachten ("ich habe eine AS-Diagnose", nicht "ich bin Autist"), die mir bloß helfen soll, besser an mir arbeiten zu können. Irgendwo hatte ich damals auch den Begriff "unsichtbares Spektrum" gelesen, ich habe es in Ansätzen (in einigen wenigen Situationen) erlebt.


      Ich habe mich also durch die Diagnose nicht als behindert angesehen oder in irgendeiner anderen Form negativ definiert, sondern nur als Mensch, der wie jeder andere auch "sein Päckchen zu tragen hat" (RW). Dazu habe ich aber auch positive Seiten im Autismus gesehen. Natürlich kann man es auch als reine Behinderung oder eben auch so wie die autistic-pride-Fraktion sehen, ich habe versucht mich in der Mitte davon zu bewegen.


      Und: wie bewertet ihr es für euch auf einer höheren Ebene?


      Man kann es ja z.B. so sehen, dass es am Ende alles nur Erfahrungen sind, aus denen man das Beste macht und an denen die Persönlichkeit wachsen kann. Wenn man möchte, kann man an dieser Stelle auch Konzepte von Wiedergeburt einfügen, sodass sich verpasste Chancen in diesem Leben vollständig relativieren, dieses eine Leben nur der Bewusstwerdung von Teilaspekten dient, die sich über verschiedene Inkarnationen hinweg dann zu etwas größerem zusammenfügen, etc. - das weltliche Ich und sein damit verbundenes Leid ist somit auch vollständig auflösbar.


      Demgegenüber steht natürlich die Sicht, dass man sich damit vielleicht alles nur schönredet, sehr naiv ist, sich tatsächlich doch eher als behindert begreifen muss etc., was aber wiederum leicht zu Abwertungen führen kann und somit auch nicht unbedingt hilfreich ist.


      Für welche Sicht auf euch selbst habt ihr euch entschieden und warum?
    • L84 wrote:

      Demgegenüber steht natürlich die Sicht, dass man sich damit vielleicht alles nur schönredet, sehr naiv ist, sich tatsächlich doch eher als behindert begreifen muss etc., was aber wiederum leicht zu Abwertungen führen kann und somit auch nicht unbedingt hilfreich ist.
      Ich denke, das ergibt sich aus den langfristigen Einschränkungen, die man hat oder nicht hat.
      Aber ich möchte anmerken, dass es keine Abwertung ist, eine Behinderung zu haben. Warum auch? Ist ein Rollstuhlfahrer weniger wert als jemand, der laufen kann?
      Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man sich so annimmt, wie man ist, und wenn man Einschränkungen hat, diese auch anerkennt, denn nur dann kann man daran arbeiten, sich dafür nicht schlecht zu machen. Wenn man anerkennt, dass man eine Behinderung hat, dann nimmt man sich damit die Schuld daran, dass man Dinge nicht so kann wie andere. Wenn man davon ausgeht, dass man normal ist wie alle anderen, wird man sich immer wieder fragen, warum man dann doch nicht die Dinge so hinbekommt wie die anderen.

      Deshalb ist es für mich besser, von einer Behinderung auszugehen. Und daran zu arbeiten, das nicht als Stigma wahrzunehmen. So wie ich keinen Rollstuhlfahrer dafür verurteile oder abwerte, weil er nicht laufen kann, so muss ich doch auch mich selbst nicht abwerten, nur weil ich Beziehungen nicht so führen kann wie andere, oder beruflich nicht so erfolgreich bin oder was auch immer halt die Einschränkungen sind.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Ich kann es für mich persönlich bis jetzt nur als Behinderung (im Wortsinne) bewerten. Weil es mich im Alltag einfach zu stark einschränkt bzw. belastet und ich für mich (bis jetzt) keinen Weg gefunden habe wirklich damit umzugehen. Aber meine Diagnose ist auch noch sehr frisch.

      Ich sehe zwar auch positive Eigenschaften, weiss aber nicht wie ich sie für mich gewinnbringend nutzen kann und bin weit entfernt von der "autistic-pride-Fraktion". Deren Anhänger es teilweise gar als nächste Evolutionsstufe sehen. Es freut mich aber für die Menschen, die damit zufrieden oder gar glücklich sind. Das spreche ich niemandem ab sondern bewundere es eher.

      So denke ich aktuell. Vielleicht ändert sich das Denken aber auch mit der Zeit und wird generell positiver.
      ~ Einmal entsandt, fliegt das Wort unwiderruflich dahin ~
      Quintus Horatius Flaccus
    • L84 wrote:

      .....Autismus nicht als Sein, sondern als Diagnose zu betrachten ("ich habe eine AS-Diagnose", nicht "ich bin Autist"), die mir bloß helfen soll, besser an mir arbeiten zu können. Irgendwo hatte ich damals auch den Begriff "unsichtbares Spektrum" gelesen, ich habe es in Ansätzen (in einigen wenigen Situationen) erlebt.


      Ich habe mich also durch die Diagnose nicht als behindert angesehen oder in irgendeiner anderen Form negativ definiert, sondern nur als Mensch, der wie jeder andere auch "sein Päckchen zu tragen hat" (RW). Dazu habe ich aber auch positive Seiten im Autismus gesehen. Natürlich kann man es auch als reine Behinderung oder eben auch so wie die autistic-pride-Fraktion sehen, ich habe versucht mich in der Mitte davon zu bewegen.
      Bei mir und der Familie sehe ich es ähnlich.
      Diese Sichtweise für mich persönlich fällt leichter, weil ich mich einigermaßen gut anpassen kann konnte und so beruflich und familiär die "Entwicklungsmeilensteine" erreicht habe.

      Mir wird nur immer klarer, dass meine Eltern - solange sie da waren - mich enorm unterstützt und zum Teil auch behütet haben. Das hat manches erleichtert. Diesen Wunsch nach "Versorgung" spüre ich immer wieder, abgesehen davon, dass ich meine Eltern immer noch vermisse, denn niemand hat mich so gut verstanden im Hinblick auf meine Persönlichkeit wie sie.
      Das äußerte sich zum Beispiel darin, dass sie versucht haben, mein Selbstwertgefühl zu stützen (so gut sie das hinbekommen konnten).

      Meine selbststabilisierenden Kräfte erlahmen jedoch mit der Zeit und durch die vielen traumatisierenden Erlebnisse als Mutter zweier (spätdiagnostizierten) Aspies mit Ko-Morbiditäten. Natürlich habe ich mitgelitten, wenn ich die boshaften Bemerkungen und Handlungen etlicher "Pädagogen" erleben musste. Auch dass ich mich mit meiner Art trotz guter Argumente nicht durchsetzen konnte - mehrere Schulen -, hat mein Selbstwertgefühl nicht gerade verbessert.
      Ich arbeite dran.
      Ich finde aber andererseits, dass es auch gute bzw. nützliche Seiten bei autistischer Lebensweise gibt. Diese zu fördern und richtig zu nutzen, wäre ja auch mal eine Aufgabe für die Sozialtrainingsgruppen.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Ich wurde lange anders gelabelt und "fehlbehandelt", was zwar in manchen punkten totzdem geholfen hat, in anderen mich aber völlig überfordert hat. und vor allem, habe ich mir einige negative kompensationsstrategien angewöhnt. das wieder rauszubekommen ist wirklich schwierig.
      die diagnose hat zwar etwas erleichterung gebracht ("nicht selbst schuld"), trotzdem bleibt ein restgefühl von "nicht genug angestrengt" weil es eben immer wieder von außen kam (früher!).
      ich seh es als be-hinderung weil ich enfach vieles nicht machen kann, vieles nie erreicht habe. ich bin unglücklich und habe sehr viele probleme. mir fällt es schwer irgendwas am autismus als positiv zu sehen. vieles ist für mich da auch schönmalerei (da könnte allerdings meine depression raus sprechen).
      an wiedergeburt oder sowas glaube ich nicht.
      ich fühl mich einfach nicht passend für diese welt. ich weiß nicht, wie ich es hinbekommen soll, hier zu leben :(
      Vor der diagnose dachte ich, ich muss mich nur genug anstrengen, genug therapie machen usw... dann krieg ich irgendwan auch die kurve (RW). naja, nun weiß ich, dass dem nicht so ist. es nimmt manchen druck raus, lässt mich auch mal mehr innehalten als früher. aber dem gegenüber steht das "lebenslänglich"
    • L84 wrote:

      Autismus nicht als Sein, sondern als Diagnose zu betrachten
      Ich sehe das anders, Autismus ist eine Art des Seins. Die Diagnose gibt es ja nur, weil die meisten Menschen eine andere Art des Seins als normal definieren. Aber was isr normal? In dem Fall eben der Durchschnitt der meisten Menschen. Daraus resultiern dann auch Dinge die eine "Behinderung" oder eine "Störung" ausmachen. Ich habe für meinen Teil jedenfalls kein Problem mit mir und meiner Art des Seins. Die Probleme und die daraus folgenden körperlichen Beschwerden resultieren bei mir zumindest aus dem Umgang mit dem "Durchschnitt".

      L84 wrote:

      Man kann es ja z.B. so sehen, dass es am Ende alles nur Erfahrungen sind, aus denen man das Beste macht und an denen die Persönlichkeit wachsen kann. Wenn man möchte, kann man an dieser Stelle auch Konzepte von Wiedergeburt einfügen, sodass sich verpasste Chancen in diesem Leben vollständig relativieren, dieses eine Leben nur der Bewusstwerdung von Teilaspekten dient, die sich über verschiedene Inkarnationen hinweg dann zu etwas größerem zusammenfügen, etc. - das weltliche Ich und sein damit verbundenes Leid ist somit auch vollständig auflösbar.
      Das halte ich für Esoterik und ist aus meiner Sicht daher Unsinn, da rational nicht nachvollziehbar.

      The post was edited 1 time, last by Spero ().

    • Ich sage: "Ich bin Asperger-Autistin!" und ich sehe es auch als Behinderung, was für mich aber keinerlei Wertung beinhaltet, sondern nur eine Feststellung der Tatsachen ist. Mein Asperger-Autismus behindert mich schließlich; er sorgt dafür, dass vieles mir nicht oder nur sehr schwer möglich ist. Ich kann nicht arbeiten, kann nicht mal eben irgendwo hinfahren, habe keine Freunde (von einigen Internet-"Freunden" mal abgesehen) und bin sehr reizempfindlich und ebenso schnell überfordert (besonders natürlich in sozialen Situationen). Dass mein Asperger-Autismus irgendwelche "positiven Seiten" hätte, kann ich eigentlich nicht behaupten. Aber das macht nichts, ich finde mich trotz all meiner Macken und Probleme, die ich durch das Asperger-Syndrom habe, völlig okay. :nod:

      Aktuell komme ich mit meinem Asperger-Autismus aber auch recht gut klar, da ich relativ ungestört in aller Ruhe in meiner kleinen Welt vor mich hinleben kann und Unterstützung durch meine Familie und das ABW habe. Auch die Tatsache, dass ich das große Glück habe, den Mann meiner Träume gefunden zu haben, der genau wie ich Asperger-Autist ist und der meine Macken daher nachvollziehen kann und der genau wie ich Zeit und Raum für sich braucht, trägt einen großen Teil dazu bei. Wie es wäre, wenn ich all das plötzlich nicht mehr hätte, möchte ich lieber nicht wissen. :?
    • kastenfrosch wrote:

      ....es nimmt manchen druck raus, lässt mich auch mal mehr innehalten als früher. aber dem gegenüber steht das "lebenslänglich"
      ....das unterstreicht die Wichtigkeit der "richtigen" Diagnose so früh wie möglich. Nur dann können die richtigen Weichen gestellt werden (RW) für eine passende Unterstützung (Therapie, Sozialtraining, Nachteilsausgleiche, und und und)
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Autismus (bzw. der eigene "AQ" eher als die ja/nein Schublade) ist etwas, was große Teile der Persönlichkeit ausmacht, unabhängig davon ob man eine Autismus-Spektrum-Störung hat oder nur "autistische Züge" im subklinischen Bereich (das ist die Frage, die ich mir aktuell stelle). Diese Persönlichkeitszüge bestimmen den eigenen Lebensstil ja zu großen Teilen. Dafür spielt dann die Diagnose denke ich eine eher untergeordnete Rolle.

      Die Frage ist dann ob bzw. wie sehr man unter diesem Lebensstil leidet. Da spielen dann ja auch die äußeren Umstände eine große Rolle. Wenn man seine Nische in dieser Welt findet, kann man trotz oder gerade wegen dieser Eigenheiten ein glückliches und erfolgreiches Leben führen. Stimmen die äußeren Umstände dafür nicht (wie wohl in den meisten Fällen), dann fühlt man sich in seiner Art zu Sein behindert.

      Es gibt ja immer diesen Spruch, dass man nicht behindert ist sondern behindert wird. Ich denke auf kaum eine Behinderung trifft das so zu wie auf hochfunktionale Autisten/Aspies, die ja auch nach den Maßstäben dieser Leistungsgesellschaft oft einige Stärken haben, wenn man diese denn zum Vorschein bringt.

      Und in den Fällen, wo man in seiner Art zu Sein behindert wird, spielt dann denke ich die Diagnose eine große Rolle, da diese einem helfen soll, sich besser zu verstehen und die äußeren Umstände besser an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

      The post was edited 5 times, last by Shaluna ().

    • L84 wrote:

      hatte ich für mich daher entschieden, Autismus nicht als Sein, sondern als Diagnose zu betrachten ("ich habe eine AS-Diagnose", nicht "ich bin Autist"),
      Ich sehe das nicht so grundsätzlich.

      Einerseits: Alle Begriffe auf -ismus (Marxismus, Sozialismus, Buddhismus usw.) und die davon abgeleiteten Bezeichnungen für Personen auf -ist oder -istin haben etwas Vereinnahmendes, etwas, das anderem wenig Raum lässt. "Ich bin Sozialist" - na ja, ich habe schon eine Menge übrig für sozialistische Ideen, sehe aber auch Fragezeichen. "Ich bin Buddhist" - trotz meiner Verankerung im Zen (oder vielleicht gerade deswegen?) bin ich aber offen für vieles mehr. Und jetzt "Ich bin Autist" - irgendwie mag ich nicht so auf eine Sache eingeschränkt werden. Ich sage deshalb lieber vor mir selbst: "Ich bin autistisch".

      Andererseits: In meiner Gruppentherapie (vier bis sechs TN quatschen, salopp gesagt, unter Moderation ihres Therapeuten) spielt absolut keine Rolle, wie wir uns selbst nennen: Ob der eine sagt "Ich bin Autist", ob jemand anderes meint "Ich bin autistisch", eine dritte von ihrer "Autismusspektrumstörung" redet, während Nummer vier sagt "Ich hab halt Autismus", all das spielt überhaupt keine Rolle, wird nicht mal bemerkt, denn alle wissen, dass es um dieselben Einschränkungen geht, die individuell zwar ganz verschieden ausgeprägt sein können und unterschiedliche soziale Folgen haben (Job, Beziehung usw.), aber immer von der gleichen "Sache" ausgehen.

      L84 wrote:

      Wenn man möchte, kann man an dieser Stelle auch Konzepte von Wiedergeburt einfügen, sodass sich verpasste Chancen in diesem Leben vollständig relativieren,
      Ich (als Buddhist oder nicht, siehe oben) glaube nicht an Wiedergeburt, weil ich denke, wenn hier ein Problem ist, muss es hier und jetzt gelöst werden. Alles, was Problemlösungen auf spätere Zeiten oder Zustände verschiebt, ist nur feiges Die-Augen-Verschließen. Das gilt für meinen Autismus (wäre es erstrebenswert, als NT-Eichhörnchen wiedergeboren zu werden? ;) ) und für AKWs, von deren Müll wir nicht wissen, was er alles mal anrichtet. Allerdings...

      Spero wrote:

      Das halte ich für Esoterik und ist aus meiner Sicht daher Unsinn, da rational nicht nachvollziehbar.
      ... Esoterik muss nichts Verdammenswertes sein (der "esoterische Minister" in Griechenland ist ganz einfach der Innenminister!), und wenn meine Gefühle auch oft von mir selbst nicht rational nachvollziehbar sind, sind sie doch noch lange nicht Unsinn.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Ich werd nicht behindert, ich bin behindert. Vor allem im sozialen Bereich. Merk ich leider immer wieder. Kommt aber wohl auch, weil ich nicht nur AS, sondern auch noch ADS hab. Ist eine echte beschissene Kombination, weil da die ganzen Defizite von Beiden zusammenkommen und sich z. T. auch noch gegenseitig verstärken. Bis zu 'nem gewissen Grad wird das zwar durch viel Disziplin und recht gute Lebensumstände einigermassen ausgeglichen, aber ich bin halt nicht umsonst EM-Rentner mit 'nem GdB von 70. Ich weiss, dass ich alles andere als einfach bin (wobei ich im Vergleich zu vor 10 Jahre heute schon viel einfacher bin), aber ich mag mich und ja verdammt, ich bin auch stolz auf mich. Ich hab nämlich trotz AS und ADS in meinem Leben schon so manches geschafft, was man mir nicht zugetraut hat. :] :thumbup:
    • Windtänzerin wrote:

      Ich sage: "Ich bin Asperger-Autistin!" und ich sehe es auch als Behinderung, was für mich aber keinerlei Wertung beinhaltet, sondern nur eine Feststellung der Tatsachen ist. Mein Asperger-Autismus behindert mich schließlich; er sorgt dafür, dass vieles mir nicht oder nur sehr schwer möglich ist. Ich kann nicht arbeiten, kann nicht mal eben irgendwo hinfahren, habe keine Freunde (von einigen Internet-"Freunden" mal abgesehen) und bin sehr reizempfindlich und ebenso schnell überfordert (besonders natürlich in sozialen Situationen). Dass mein Asperger-Autismus irgendwelche "positiven Seiten" hätte, kann ich eigentlich nicht behaupten. Aber das macht nichts, ich finde mich trotz all meiner Macken und Probleme, die ich durch das Asperger-Syndrom habe, völlig okay. :nod:
      so geht es mir auch.
    • Esoterik kann manipulativ eingesetzt werden, zum Machtgewinn oder aus kommerziellen Gründen. Gleiches gilt für Religion, die zudem oft Teil einer Herrschaftsstrategie war und zur Rechtfertigung von allem möglichen diente und dient. Dennoch ist beides längst nicht nur das. Sie sind Sinnstiftungsmodelle, die zur Bewältigung des Lebens helfen können. Auch und gerade in schwierigen Situationen. Um das zu erkennen, muss man kein Anhänger sein. Religions-, Spiritualitäts- und Esoterik-"Basher" vergessen oft völlig diesen wertvollen Aspekt.

      Ich selber sehe für mich meinen Autismus als Behinderung. Wichtig ist für mich dabei unter anderem der Aspekt der "Entschuldung", wie Tebartz van Elst so treffend formuliert hat. Mich als Behinderte zu definieren erlaubt mir, den Satz "Objektiv gesehen bin ich eigentlich eine Totalversagerin" für mich zurück zu weisen. Es erlaubt mir Selbstachtung. Die Selbsthilfe ermöglicht mir Kontakte auf Augenhöhe. Zugleich bin ich allerdings Anhängerin des sozialen Modells von Behinderung, sehe die Behinderung nicht ausschließlich in der Person verortet, sondern in wesentlichen Teilen in der Wechselwirkung zwischen Person und Rahmenbedingungen. Nicht nur für Autisten, auch ein Gelähmter wird beispielsweise in Deutschland viel weniger behindert als in einem Land, wo es für die einfache Bevölkerung kaum Rollstühle gibt und barrierefreie Verkehrsmittel schon gar nicht. Die Einschränkung (impairment) ist die gleiche, die daraus in Kombination mit den Rahmenbedingungen resultierende Behinderung (disability) eine vollkommen andere als in einem Land, wo er - mit Glück - in der Hütte von Verwandten auf dem Boden lehnt oder liegt.

      Zugleich stimme ich aber zu, dass die Disability Studies die Dimension des impairment zu lange vernachlässigt und herunter gespielt haben. Das medizinische Modell hat ebenso seine Berechtigung wie das soziale und kulturelle. Notwendig ist ein interdisziplinärer Ansatz, der sie verbindet. Auch ganz pragmatisch in der Unterstützung behinderter Menschen. Das Problem ist strukturell und betrifft beispielsweise auch die Zusammenarbeit von Medizin/Biologie und Gender Studies (die Unterscheidung zwischen sex und gender entspricht ziemlich genau der zwischen impairment und disability). Und generell das Problem der "Two Cultures".

      Und nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Autismus für manche Menschen vollkommen auflösbar ist. Entwicklung ist immer möglich, aber die Bedingungen bleiben in vieler Hinsicht anders als bei der Mehrheit. Auch die zahlreichen komorbiden Probleme sollten nicht vergessen werden. Autismus besteht nicht nur aus Schwierigkeiten im sozialen Bereich.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 2 times, last by Leonora ().

    • Leonora wrote:

      Und nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Autismus für manche Menschen vollkommen auflösbar ist. Entwicklung ist immer möglich, aber die Bedingungen bleiben in vieler Hinsicht anders als bei der Mehrheit. Auch die zahlreichen komorbiden Probleme sollten nicht vergessen werden. Autismus besteht nicht nur aus Schwierigkeiten im sozialen Bereich.
      :thumbup:


      Übrigens:
      Das mit der vermeintlichen Esoterik sehe ich anders, das kann genauso als innere Haltung betrachtet werden.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Vielen Dank für die Antworten.

      FrankMatz wrote:

      Ich sehe das nicht so grundsätzlich.

      Da Du Dich im Buddhismus verankert siehst: worum es mir bei dem Unterschied "ich habe eine Diagnose" und "ich bin Autist" ging ist vielleicht das, was mit Nicht-Selbst gemeint ist.

      Wikipedia wrote:

      Die buddhistische Lehre von Anatta (Pāli) bezeichnet das Nichtvorhandensein eines permanenten und unveränderlichen Selbst, eines festen Wesenskerns oder einer Seele (Atta bedeutet „das Angenommene“). Was normalerweise als „Selbst“ betrachtet wird, ist demnach eine Ansammlung von sich konstant verändernden physischen und psychischen Bestandteilen („Skandhas“). Durch das Festhalten an der Vorstellung, der jeweils erlebte, temporäre Zustand bilde eine Art unveränderlicher und dauerhafter Seele, entsteht Leiden.
      Wenn ich sage "ich bin Autist", ist das für mich etwas statisches, etwas unveränderliches. Indem ich es so als "lebenslänglich" betrachte, kann daraus schnell Leid entstehen. Wenn ich aber sage "ich habe eine Diagnose", ist das für mich ein flüchtiges Attribut, denn die Diagnose kann zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr gelten (wenn die klinisch relevanten Einschränkungen nicht mehr bestehen sollten).

      Daher war mir selber der Unterschied damals sehr wichtig. Ich gebe Dir natürlich Recht, dass die genaue Formulierung in der Kommunikation letzten Endes egal ist, wenn man einfach nur die Einschränkungen meint, mir ging es aber um das Selbstbild.
    • L84 wrote:

      Wenn ich sage "ich bin Autist", ist das für mich etwas statisches, etwas unveränderliches. Indem ich es so als "lebenslänglich" betrachte, kann daraus schnell Leid entstehen. Wenn ich aber sage "ich habe eine Diagnose", ist das für mich ein flüchtiges Attribut, denn die Diagnose kann zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr gelten (wenn die klinisch relevanten Einschränkungen nicht mehr bestehen sollten).


      Daher war mir selber der Unterschied damals sehr wichtig. Ich gebe Dir natürlich Recht, dass die genaue Formulierung in der Kommunikation letzten Endes egal ist, wenn man einfach nur die Einschränkungen meint, mir ging es aber um das Selbstbild.
      Klar, ich stimme dir zu. Nur eines: Auch die buddhistische Lehre von der Unbeständigkeit würde jetzt nicht in Abrede stellen, dass für eine längere Zeitspanne des Lebens Dinge wie Körpergröße, Stimmlage, Augenfarbe relativ stabil sind. Und dazu zählen die durch den Autismus bedingten Merkmale eben auch. Was nicht heißt, dass ich mich im Leid von "lebenslänglich" einrichten muss. Unbeständigkeit kann auch bedeuten, dass ich aktiv dazu beitrage, dass etwas, und sei es nur partiell, anders wird. Sonst würden ja auch Therapien keinen Sinn machen.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Shenya wrote:

      Aber ich möchte anmerken, dass es keine Abwertung ist, eine Behinderung zu haben. Warum auch? Ist ein Rollstuhlfahrer weniger wert als jemand, der laufen kann?
      Es ist schön, dass Du das sagst, genau damit hatte ich beim Schreiben Probleme und es daher weggelassen. Ich würde niemals jemanden abwerten, der sich als behindert versteht. Mir selber gelingt es aber wohl für mich nicht, und ich weiß noch nicht ganz genau, warum. Zum Einen ist mir bei Autismus anders als beim Rollstuhl noch nicht so ganz klar, wo die Behinderung genau stattfindet, Shaluna hat das gut formuliert:

      Shaluna wrote:

      Es gibt ja immer diesen Spruch, dass man nicht behindert ist sondern behindert wird. Ich denke auf kaum eine Behinderung trifft das so zu wie auf hochfunktionale Autisten/Aspies

      Zum Anderen aber weiß ich für mich - je nach Perspektve auf mein Selbst - nicht, ob ich eine Einschränkung in bestimmten Bereichen wirklich als eine Einschränkung im Absoluten verstehen will. Diese spezifische Einschränkung verschließt mir zwar Türen zu bestimmten Lebensmodellen und zwingt mich, mich intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen. Aber ist das am Ende tatsächlich schlecht? Ich weiß es noch nicht.

      Eigentlich wollte ich nur in den vorigen Beitrag nachtragen: "Wenn alles stets in Bewegung, und mein Verständnis von einem Ich daher bloß Illusion ist, tue ich mir gleich doppelt weh, wenn ich es defizitär betrachte."

      Am Ende, und das ist wohl das Entscheidende, läuft es aber ebenso hierauf hinaus:

      Shenya wrote:

      Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass man sich so annimmt, wie man ist
      Ich scheine bloß - anders als Du - aufwendige philosophische Konzepte zu brauchen, um dort hinzukommen.

      Und: vielleicht bedeutet dieses Annehmen für mich dann auch einfach, gar nicht mehr zu versuchen, die verschlossenen Türen zu einem weltlichen Leben zu öffnen.
    • Ich habe bei der Auseinandersetzung mit Deiner Frage festgestellt, dass ich da (noch) sehr schwankend bin.

      Vielleicht liegt es daran, dass ich die Diagnose jetzt erst seit einem knappen Jahr habe und noch dabei bin, sie für mich zu verarbeiten.

      Wenn ich gerade stark mit meinen Schwierigkeiten und Einschränkungen konfrontiert werde, dann kommt mir das Wort "lebenslänglich" schon mal öfter in den Sinn. Dann bin ich traurig, dass mich vieles so extrem anstrengt, und meine Batterien so schnell leer sind. Und das ich manches nicht so kann wie andere. Manchmal fühle ich mich dann auch behindert, nämlich darin, ein glückliches und erfolgreiches soziales Leben zu führen.

      Geht es mir gerade gut und ich habe Erfolgserlebnisse, die mir vor allem im beruflichen Bereich vergönnt sind, und wenn ich merke, dass ich durch meine detailorientierte Wahrnehmung und meine Fähigkeit mich in mich interessierende Bereiche regelrecht "reinzufräsen"(RW), Vorteile habe, weil ich Dinge wahrnehme, die andere so nicht wahrnehmen, und ich für mein Engagement und meine fachliche Kompetenz geschätzt werde, dann liebe ich mein So-Sein und bin auch stolz auf meine Leistungen. Vielleicht geht das dann sogar ein bisschen in Richtung von "autistic pride".

      Aber es wechselt eben sehr stark. Vielleicht stabilisiert sich das mit der Zeit noch, und ich kann mich dann noch besser annehmen. Ich arbeite dran. Dass es sich zum Positiven hin stabilisiert und nicht zum Gefühl von "lebenslänglich".

      Aber ich würde schon sagen, dass ich von mir eher sagen würde: Ich bin Asperger Autistin. Ich habe den Eindruck, dass Autismus mein "Sein" so stark durchdringt und dadurch beeinflusst, dass ich ohne Autismus ein ganz anderer Mensch wäre.
      Immer wenn mir jemand sagt ich wäre nicht gesellschaftsfähig, werfe ich einen Blick auf die Gesellschaft und bin sehr erleichtert...... :d