Sehnsucht nach "Bezugsperson"

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    • Sehnsucht nach "Bezugsperson"

      Hallo,

      ich weiß nicht, ob ich das richtige Wort gewählt habe, aber obwohl ich einerseits gerne alleine bin und viel Zeit zum Regenerieren benötige, taucht in mir immer wieder eine sehr starke Sehnsucht nach einer Bezugsperson auf. Was ich damit meine ist eine Person - entweder ein Partner oder ein sehr guter Freund - mit der man eine sehr enge und besondere Beziehung hat. Eine Person, mit der man sich super unterhalten kann, die einem ein bisschen ähnlich ist und die zu treffen, einen eben nicht so anstrengt.
      Meinem Gefühl nach haben das alle in meinem Umfeld außer mir :? .
      Was auch wichtig wäre, dass beide Personen diese - wie auch immer geartete Beziehung - toll finden, nicht dass es eher einseitig ist! (Denn ich habe durchaus schon mal so eine Person kennengelernt von meiner Seite aus und ich kenne es auch andersherum, dass mich jemand lieber trifft als ich die betreffende Person, aber eben nicht ausgewogen).
      Ich frage mich manchmal, ob es unter den U80-Jährigen eine nennenswerte Anzahl an anderen Personen außer mir gibt, die das auch nicht haben ...
    • Das ist interessant - ich habe auch häufig den Eindruck, dass gefühlt alle anderen so ein Menschlein haben. Früher war mir das glaube ich auch gar nicht so wichtig, aber je mehr Jahre ich fast ausschliesslich alleine verbringe desto deutlicher wandelt sich das Alleinsein zu phasenweise bedrückender Einsamkeit.

      Also was mich betrifft hast Du das sehr gut umschrieben. U80. You're not alone.
      ~ Einmal entsandt, fliegt das Wort unwiderruflich dahin ~
      Quintus Horatius Flaccus
    • Ich denke, dass es sehr wichtig ist, einen engen Freund und/oder Partner zu haben, um sich nicht einsam zu fühlen, und ich glaube auch nicht, dass zehn oberflächliche Kontakte einen engen Kontakt ersetzen können. Deinen Wunsch nach einer "Bezugsperson" kann ich daher gut nachvollziehen.

      Ich würde durchaus davon ausgehen, dass es eine nennenswerte Anzahl an jüngeren Menschen ohne Bezugsperson gibt, die sich entsprechend einsam fühlen. Ich vermute, dass die meisten einsamen Menschen ihre Einsamkeit ungern thematisieren, verdrängen oder sogar leugnen, wodurch der Eindruck entstehen könnte, dass Einsamkeit allenfalls ältere Menschen in einem bedeutenden Ausmaß betrifft.

      Ich würde mich in dieser Hinsicht nicht mit anderen vergleichen, weil das zu nichts führt. Denn selbst wenn fast alle anderen Menschen auch einsam wären, würde das einen selbst ja nicht weniger einsam machen. Ich würde mir eher Gedanken machen, wie ich die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, so eine Bezugsperson zu finden. Was man tun sollte, um das zu erreichen, ist natürlich bei jedem ein bisschen anders.
    • frankjetzt wrote:

      Früher war mir das glaube ich auch gar nicht so wichtig, aber je mehr Jahre ich fast ausschliesslich alleine verbringe desto deutlicher wandelt sich das Alleinsein zu phasenweise bedrückender Einsamkeit.
      Das kenne ich auch ganz gut. Ich hatte / habe eigentlich nur flüchtige Bekanntschaften, die kommen und gehen. Aber um so älter ich werde, umso auffälliger ist das alleine sein / fühlen schon. Bei vielen Leuten haben sich langjährige Bekanntschaften / Freundschaften entwickelt bei denen sich alle ganz gut kennen und verstehen. Ich fange dann ständig neu an und irgendwie möchte ich mich dabei auch nicht immer ständig erklären warum ich so bin oder was ich gemacht habe. Da bin ich schon von vornherein außen vor und die Kontaktaufnahme gestaltet sich dann von Jahr zu Jahr immer schwieriger. Das da dann Gedanken über das eigene Leben kommen und man feststellen muss, dass man das Leben zwar unter Menschen gelebt hat, aber das Leben mit niemandem (ge)teilen(t) kann (hat) macht dann doch ziemlich einsam.
      (edit: Ich könnte mich aktuell mit niemandem, außer Familie aber das ist was anderes, über gemeinsame Erlebnisse des Sommers von zwei Jahren austauschen. Das ist manchmal schon emotional schwierig. Gerade wenn es um die Bewältigung von Problemen und der Entscheidungsfindung geht. Dann muss ich alles mit mir ausmachen und dabei aufpassen auch alle Aspekte berücksichtig zu haben. Es ist ja keiner da der sagt, dass man das Problem auch anders betrachten sollte oder man über diese oder jene Erfahrung nachdenken sollte.)

      The post was edited 1 time, last by platzhalter ().

    • Fidoline wrote:

      Meinem Gefühl nach haben das alle in meinem Umfeld außer mir
      Das Gefühl hatte ich lange Jahre auch. Mir ging es auch so, dass das mit den Jahren immer schlimmer wurde. Irgendwann war der Leidensdruck so hoch, dass ich eine Kontaktanzeige aufgegeben habe (aber das gehört dann schon in andere threads), wobei auch die erst im zweiten Versuch erfolgreich war und ich (mit 43) meine Frau kennengelernt habe. Ganz klar, mit jedem Jahr sinkt die Chance, doch noch so jemanden zu finden, aber sie wird nicht =0.
    • Wobei sie für Frauen viel früher und stärker sinkt und irgendwann de facto gegen 0 tendiert. Zumindest, sofern sie sich auf eine konventionelle heterosexuelle Beziehung zu einem cis-Mann beschränken. Wenn frau offener für andere Beziehungsformen ist, sieht es vielleicht anders aus.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

      The post was edited 1 time, last by Leonora ().

    • kastenfrosch wrote:

      So eine vertrauensperson fehlt mir auch.
      Mir auch...

      Ich habe (noch) jemanden, wo auch das Treffen schön war, obwohl wir uns über ein halbes Jahr nicht gesehen haben.
      Bis jetzt waren es "nur" ca. 670 km Entfernung zwischen uns.
      Aber bald sind es über 2.000 km, da die Person ins Ausland zieht.
      Mal schauen, wie es sich dann weiterentwickelt.
      "Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt."


      (Johann Wolfgang von Goethe)
    • Wenn wir das Einsamkeit nennen, ist das ein in westlichen Gesellschaften immer weiter verbreitetes Phänomen, nicht nur bei Ü80. Das hängt viel damit zusammen, dass wir für das reine Überleben nicht mehr so stark auf Gesellschaft und Zusammenhalt angewiesen sind wie in früheren Zeiten. Die Sehnsucht danach als evolutionärer Mechanismus - zusammen lässt sich das Überleben besser sichern - ist aber immer noch in uns, auch wenn ein individuelles und vollständig selbstbestimmtes Leben heutzutage praktisch möglich ist (und großteils auch als Ideal gilt). Es fühlt sich nicht so an, aber grundsätzlich kennt das Gefühl jeder Mensch. Es redet nur kaum jemand gern drüber. Da wir als Gesellschaft einen neuen Umgang damit brauchen - in Großbritannien etwa wurde eigens schon ein Ministerium für Einsamkeit ins Leben gerufen - muss sich das ändern und finde ich es gut und mutig, dass Du es ansprichst. Ich weiß nicht, warum es für mich mit Scham verbunden ist, aber ich selbst würde mich das nicht trauen.
    • L84 wrote:

      finde ich es gut und mutig, dass Du es ansprichst. Ich weiß nicht, warum es für mich mit Scham verbunden ist, aber ich selbst würde mich das nicht trauen.
      Das kann ich nur "unterschreiben". In Deinem Eröffnungsbeitrag finde ich mich auch sehr wieder. Für mich ist dieses Thema extrem angstbesetzt. Gerade, weil ich im höheren Alter voraussichtlich überhaupt keinen "nahen Menschen" mehr haben werde. Meine Suizidgedanken (keine konkreten Absichten oder gar Pläne) haben damit ganz wesentlich zu tun. Auch unabhängig von Depression etc. stelle ich mir ein Leben ganz ohne nahestehende Menschen, zumal im Alter, als nicht lebenswert vor (für mich persönlich) und bedauere manchmal, dass ich dafür wohl nie den Mut und die Entscheidungskraft hätte.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Ich fühle mich auch sehr einsam. Hätte gerne eine beste Freundin oder sowas. Eben auch jemanden, zu dem ich mal gehen kann und der mich versteht aber leider haben die Menschen meist keine Geduld mit meiner Geschwindigkeit der Annäherung oder passen viel häufiger noch vom Typus einfach nicht zu mir. Das hat zur Folge, dass ich viele Tage mit einem sehr beklemmenden Gefühl in der Brust herumlaufe, das mich unruhig und ängstlich macht. Gerade in den letzten Tagen beschäftigt mich das stark. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich Angst vor neuen Kontakten habe und dahingehend auch so wenig offen bin. Teufelskreis... :-(
      "Leute mit (...) Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich." - Hermann Hesse
    • @Leonora

      Ich kann mein Mitgefühl leider nicht adäquat ausdrücken, aber Du hast es. Ich bin die meiste Zeit meines Lebens nun entweder einsam oder allein (wichtiger Unterschied) gewesen, und vielleicht läuft es für mich auch auf das hinaus, was Du beschreibst. Einsamkeit ist so schon schlimm genug, aber nicht darüber zu sprechen macht es noch sehr viel schlimmer. Es ist extrem wichtig, dass wir als eine immer einsamer werdende Gesellschaft einen Rahmen dafür schaffen und ich finde es gut, dass Du das hier schreiben konntest.
    • Keine Sorge, ich meinte das ja nicht auf die Gegenwart bezogen. Aber perspektivisch sieht es halt so aus, weil ich nicht nur Single und kinderlos, sondern auch Einzelkind bin. Cousins habe ich zwar, aber keinen Kontakt mehr, möchte es "aus Gründen" auch nicht. Selbst wenn ich da jetzt oder in späteren Jahren wieder Kontakt aufnehmen würde, wäre das nicht gleichberechtigt, denn sie haben alle Geschwister, meines Wissens nach auch alle Partner und die meisten haben Kinder. Solche Kontakte, die für die eine Seite radikal wichtiger und zentraler sind sind als für die andere, halte ich für nicht wirklich hilfreich. Höchstens vielleicht, wenn sie Teil eines guten, tragfähigen Netzwerks sind. Man also vielleicht keine ganz engen, dafür aber mehrere verlässliche "kleine" Kontakte hat (ich wollte zuerst "lockere" schreiben, aber das trifft es gerade nicht).

      Ich weiß, dass die Suizidrate autistischer Menschen im Vergleich zum Durchschnitt stark erhöht ist. Ich finde es nicht erstaunlich und halte es bei älteren Autisten oft für eine rational getroffene "Vernunftentscheidung".
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    • Wenn mich das Einsamsein besonders traurig macht, höre ich gerne dieses Lied:

      Vielleicht tröstet es auch jemand anderen von euch mit der Zuversicht, dass wir unsere seelische Heimat irgendwann noch finden mögen.
      "Leute mit (...) Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich." - Hermann Hesse
    • Also ich kenne beide Seiten bzw. eine Bezugsperson ist weitaus besser als keine, aber es bringt auch gewisse Probleme mit sich und löst nicht alles.

      Ich hab prinzipiell das Poblem, dass s zwischen mir und quasi fast allen Menschen eine Grube gibt bzw. eher enen Schleier, so das sich mit ihnen Kontakt haben kann, aber nicht wirklich nahe an sie ran komme bzw. sie schemenhaft für mich bleiben nicht wirklich fassbar/greifbar und nah.
      Ich habe aber das Glück einen Menschen gefunden zu haben, bei dem ich mich grundsätzlich wohl fühle und mehr Bezug herstellen kann, zuerst als beste Freundin, mittlerwele auch schon lange als Partnerin.
      Aber das löst wie gesagt auch nicht alle Probleme. Denn anderen Menschen gegenüber bleibt das problem bestehen und eine Bezugsperson ist toll, aber wenn man bei anderen weterhin es nicht schafft eine Bindung herzustellen und man gar nicht so fassen kann woran das liegt, istd as trotzdem schmerzhaft und anstrengend. Eine enzige Person birgt die Gefahr diese zu überfordern und keinen Ausgleich zu haben. Gleichzeitig ist es auch problematisch an sich, zumindest für mich ene Bezugsperson zu haben. Man darf sich das nicht so idealistisch vorstellen,d ass dann alles mit der Person super ist und man sich blind versteht und es nie Streit gibt und man keine Kompromisse engehen muss. So funktioniert das nicht und ich glaube manche haben gerade auch deswegen keine Bezugsperson, weil sie nicht bereit sind entsprechende Kompromisse enzugehen bzw. an sich zu arbeiten und sich zu öffnen.
      Ich habe beispielsweise echte Schwierigkeiten wirklich auf sie einzugehen und ausreichend emotional offen zu sein, weil ich oft genug mit mir zu tun habe und gerade wenn ich funktionieren muss mich emotional ausschalte und nicht mehr offen bin und distanziert bin. Darunter leidet sie wiederum und ich arbeite seit jahren daran, das auf die Rehe zu kriegen und es wird auch nach und nach besser, gut wird es nie, aber besser.
    • @Leonora

      Ich habe es nicht auf die Gegenwart bezogen und tue es bei mir auch nicht. Ob es am Ende zu solch einer Einsamkeit kommt oder nicht ist dabei, finde ich, ja aber auch unerheblich, wenn es allein als Möglichkeit in Betracht gezogen werden muss. Das allein ist belastend und darüber muss man sprechen können und sollte man auch, um neue Perspektiven schaffen zu können. Ich traue mich gar nicht, Dir in Deinem konkreten Fall irgendetwas zu raten, aber allgemein gesprochen sind neue Lebensmodelle besonders in dem Lebensabschnitt nötig, das Thema Einsamkeit und würdevolles Altern betrifft ja sehr viele Menschen und bei weitem nicht nur Autisten.

      Ich musste gerade nochmal nachschauen, in GB gelten neun Millionen Menschen als einsam, die kommen aus allen Teilen der Gesellschaft und es ist als Gesundheitsrisiko anerkannt. Das anzuerkennen und sich bewusst zu werden, dass so viele Menschen sich einsam fühlen, ist denke ich ein wichtiger erster Schritt.
    • keinname wrote:

      dass zehn oberflächliche Kontakte einen engen Kontakt ersetzen können.
      Das stimmt! Allerdings wäre es für mich ein Anfang, wenigstens viele oberflächliche Kontakte zu haben, darauf könnte sich ja was entwickeln ...

      keinname wrote:

      Ich würde mir eher Gedanken machen, wie ich die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, so eine Bezugsperson zu finden.
      Tja, das ist halt die Frage, wenn man sich mit Menschen nicht so versteht (weil es Missverständnisse gibt, nicht weil ich so unangenehm bin).

      platzhalter wrote:

      Ich fange dann ständig neu an und irgendwie möchte ich mich dabei auch nicht immer ständig erklären warum ich so bin oder was ich gemacht habe. Da bin ich schon von vornherein außen vor und die Kontaktaufnahme gestaltet sich dann von Jahr zu Jahr immer schwieriger. Das da dann Gedanken über das eigene Leben kommen und man feststellen muss, dass man das Leben zwar unter Menschen gelebt hat, aber das Leben mit niemandem (ge)teilen(t) kann (hat) macht dann doch ziemlich einsam.
      Das verstehe ich total! Ich denke auch, die anderen müssen ja glauben, ich habe mein Leben hinter dem Mond verbracht ...

      L84 wrote:

      Ich weiß nicht, warum es für mich mit Scham verbunden ist, aber ich selbst würde mich das nicht trauen.
      Ich würde es auch nicht überall an die große Glocke hängen. Hier im Forum fühle ich mich halt anonymer und ich dachte mir, ein paar andere Autisten müssten doch eigentlich auch betroffen sein.

      Leonora wrote:

      Meine Suizidgedanken (keine konkreten Absichten oder gar Pläne) haben damit ganz wesentlich zu tun.
      Ist bei mir genauso!!!

      Leonora wrote:

      Solche Kontakte, die für die eine Seite radikal wichtiger und zentraler sind sind als für die andere, halte ich für nicht wirklich hilfreich.
      Das sehe ich auch so. Die meisten haben in meinem Alter entweder eine Partnerschaft oder gar eine Familie.

      Zodd wrote:

      Man darf sich das nicht so idealistisch vorstellen,d ass dann alles mit der Person super ist und man sich blind versteht und es nie Streit gibt und man keine Kompromisse engehen muss.
      Das ist klar, fände ich aber nicht schlimm. Streit gehört dazu, solange es nicht ständig brodelt und man offen reden kann.

      L84 wrote:

      Das anzuerkennen und sich bewusst zu werden, dass so viele Menschen sich einsam fühlen, ist denke ich ein wichtiger erster Schritt.
      Wobei ich halt glaube, dass sich auch Menschen einsam fühlen, die keine Grund haben. Ich finde es jedenfalls lächerlich, wenn sich bei mir jemand über zu wenig Kontakte beschwert, der 6-8 Freunde hat (je nachdem, wie man es zählt).