Gefühl: Vermissen

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    • Ani wrote:

      Wenn mir jemand sehr nahe ist, vermisse ich ihn ständig. Das ist manchmal fast schon belastend für mich, wenn ich denjenigen immer in meinem Kopf und in meinen Emotionen mit mir rum trage. Aber das ist eben nur dann, wenn mir jemand sehr wichtig und nahe ist. Und davon gibt es nur sehr wenige Menschen.
      So ähnlich ist es bei mir auch. Auch wenn die Gedanken an diese Person(en) positive Auswirkungen auf meine Stimmung haben können, ist es oft belastend. Aus dem Vermissen entsteht der Wunsch nach häufigerem und engerem Kontakt.

      Wenn ich dann weiter analysiere wie ich dem Vermissen entgegenwirken kann, ist es dann auch meist so, dass ich in einem inneren Konflikt zwischen meiner Unsicherheit und dem Kontakt-Wunsch stehe. Wann und wie viel Aufmerksamkeit "verträgt" die Person, ohne dass es für sie selbst sogar belastend werden könnte. Was wird davon als angenehm, was als unangenehm, was gar als übergriffig empfunden. Dafür fehlt mir meist das Gespür und ich muss es klar und ehrlich kommuniziert bekommen. Passiert das nicht, bleibe ich eher distanziert, was das Vermissen und die damit verbundene Belastung dann wieder verstärkt. :m(:

      Ani wrote:

      Alle anderen habe ich schon fast vergessen, nachdem wir "tschüß" gesagt haben.
      Dito.
      ~ Einmal entsandt, fliegt das Wort unwiderruflich dahin ~
      Quintus Horatius Flaccus
    • Bei mir ist das auch so, wie es hier jetzt schon einige andere beschrieben haben: Normalerweise vermisse ich andere Menschen nicht. Wenn ich aber verliebt bin, vermisse ich diese Person sehr schnell und sehr stark.

      Das ist insofern ein Problem für mich, weil ich denke, es ist immer entweder zu wenig oder zu viel. Zu wenig, wenn andere sich beschweren, dass ich mich nicht bei ihnen melde und dann denken, dass sie mir egal sind oder dass ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Und zu viel, weil es eben nicht geht, immer mit einem anderen Menschen zusammen zu sein und das von dem anderen dann auch als einengend empfunden werden kann.

      Das gleiche Problem habe ich mit körperlicher Nähe und Blickkontakt: Beides empfinde ich als sehr intim und möchte das bei anderen Menschen normalerweise überhaupt nicht. Aber wenn ich verliebt bin, möchte ich ganz viel davon. Also auch wieder entweder zu wenig oder zu viel.
      "Ich bin nicht verrückt, mein Kopf ist nur anders als eurer." (Diogenes)
    • AuM wrote:

      Ist es aspergertypisch, dass man Menschen nicht vermisst
      Generell: Ich verspüre Sehnsucht nach Menschen, kann und/oder will diese aber nicht immer in eine konkrete Aktion umsetzen. Der Wunsch mit Freunden öfter, regelmäßiger etwas zu unternehmen (am liebsten eine Zwei-Personen-Unternehmung) ist schon da. Aber das Gefühl ist offenbar nicht stark genug, dass ich es spontan in die Tat umsetzen kann. Macheich allein einen größeren Spaziergang, denke ich unterwegs schonmal "Ach, ich hätte ja auch X anrufen können, ob er/sie mitgeht" - aber dann
      ist es halt zu spät. Dito beim Kinobesuch.

      Was meine Beziehung angeht, ist es nochmal komplizierter. Einmal im Jahr mache ich allein Urlaub, bin eine Woche weg, mache Touren in den Alpen. Manchmal denke ich dann, wenn ich am Ende einer Bergtour in einem Café sitze: "Wäre schön, wenn meine Frau jetzt da wäre." Aber: Schon wenig später in der Ferienwohnung freue ich mich wieder über mein Alleinsein. Ist meine
      Frau für zwei, drei Tage nicht zuhause (Fortbildung, Verwandtenbesuch...), kann ich kein "Vermissen" empfinden. Allerdings: Vor einer Trennung hatte ich in schwierigen Phasen immer wieder und hab es gelegentlich noch eine Sch...angst.

      Shenya wrote:


      Am schmerzlichsten habe ich bisher mal eine Wohnung inkl. Wohnort vermisst, als ich umgezogen bin.
      Wohnungen vermisse ich nicht, im Gegenteil. Ich kann umziehen, und ich habe so eine Gabe, mit zwei, drei Handgriffen jede Ferienwohnung zu "meinem" Ort zu machen. "Meine" Bilder, "mein" Lieblingssessel, "meine" Wohnungseinrichtung, so etwas hab ich zwar, schaffe es mir aber überall auch schnell neu. Mit Orten ist es hingegen etwas anderes. Nach bestimmten Orten habe ich immer wieder eine Sehnsucht, so ein Gefühl von "ich muss mal wieder runter ans Mittelmeer", "ich brauche mal wieder eine Woche Berlin". Ob das "vermissen" ist? Ja, ich denke schon. Es sind Orte, zu denen ich eine Beziehung habe, weil da mal gelebt, gearbeitet habe, oder weil ich da schon seit vielen Jahren in Urlaub hinfahre.

      AuM wrote:

      Mich würde noch interessieren, wie diejenigen, die das ebenfalls bei sich feststellen, also z.B. @Shenya, damit umgehen. Belastet es Euch?
      Ja und nein. So sehr ich mein Alleinsein immer wieder brauche und mich dabei auch wohl fühle, so sehr bleibt das Verlangen, in dosierter Form mehr mit anderen zusammen zu sein, und der Frust, dass es immer wieder nicht klappt.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • frankjetzt wrote:

      Wenn ich dann weiter analysiere wie ich dem Vermissen entgegenwirken kann, ist es dann auch meist so, dass ich in einem inneren Konflikt zwischen meiner Unsicherheit und dem Kontakt-Wunsch stehe. Wann und wie viel Aufmerksamkeit "verträgt" die Person, ohne dass es für sie selbst sogar belastend werden könnte. Was wird davon als angenehm, was als unangenehm, was gar als übergriffig empfunden.
      Kenne ich, ist aber nicht mein Problem Nummer eins. Problem Nummer eins ist, dass ich einfach nicht dran denke, es nicht "gebacken kriege" (RW), Kontakte zu pflegen. Kontakte, von denen ich glaube, dass der/die andere die Kontaktaufnahme als "unangenehm" oder "übergriffig" empfinden könnte, habe ich nicht. Oder kann ich mich halt nicht so weit in andere hineinversetzen? Mist...
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • FrankMatz wrote:

      Problem Nummer eins ist, dass ich einfach nicht dran denke, es nicht "gebacken kriege" (RW), Kontakte zu pflegen.
      Nun, genau das ist dann ja auch bei mir das Ergebnis. Das Kontakte knüpfen und pflegen gelingt mässig bis gar nicht. Eben auch aus den von mir oben erwähnten Gründen. Kontakt möchte ich zu Menschen die mich interessieren, die eine oder mehrere Eigenschaften haben die ich mag. Da unterscheide ich kaum zwischen Personen die ich vielleicht nur einmal gesehen, reden gehört, habe und Personen zu denen ich schon mehr Kontakt hatte.

      Ich kann eine Person auch schon 3 Jahre kennen und weiss nicht wie ich mich verhalten soll, was diese wirklich als angenehm oder unangenehm empfindet.

      Die Intensität des Vermissens kann bei mir auch ohne vorherige Gegenseitigkeit sehr hoch sein.
      ~ Einmal entsandt, fliegt das Wort unwiderruflich dahin ~
      Quintus Horatius Flaccus
    • Das "vermissen" Gefühl kenne ich bei mir. Es gibt ein paar Menschen, die ich schon mal vermisse. Mit diesen Personen schreibe ich regelmäßig - man sieht sich allerdings nicht ständig. So kommt das Vermissen auch überhaupt zustande. Würde ich sie jeden Tag sehen würde ich sie wohl nicht mehr vermissen. Außerdem gibt es auch schon mal Situationen, die ich vermisse und die ich gerne wieder erleben würde. Da ist die Sehnsucht danach dann sehr groß.
    • FrankMatz wrote:



      Wohnungen vermisse ich nicht, im Gegenteil. Ich kann umziehen, und ich habe so eine Gabe, mit zwei, drei Handgriffen jede Ferienwohnung zu "meinem" Ort zu machen. "Meine" Bilder, "mein" Lieblingssessel, "meine" Wohnungseinrichtung, so etwas hab ich zwar, schaffe es mir aber überall auch schnell neu. Mit Orten ist es hingegen etwas anderes. Nach bestimmten Orten habe ich immer wieder eine Sehnsucht, so ein Gefühl von "ich muss mal wieder runter ans Mittelmeer", "ich brauche mal wieder eine Woche Berlin". Ob das "vermissen" ist? Ja, ich denke schon. Es sind Orte, zu denen ich eine Beziehung habe, weil da mal gelebt, gearbeitet habe, oder weil ich da schon seit vielen Jahren in Urlaub hinfahre.
      Das ist bei mir ganz genauso.
      Begeisterte RTLBlog Leserin :twisted:

      isn Insiderwitz
    • AuM wrote:

      Mich belastet es sehr, da es für mich bedeutet, sozusagen ein schlechter Mensch zu sein, was ich aber nicht sein möchte. Mein ständig schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen in meinem Umfeld (inkl. Familie) bestätigt das ja auch.
      Aber wie soll man nicht vorhandene Gefühle erzeugen? Mir selbst inständig vorzusagen, dass ich diese Gefühle habe, hat leider nicht funktioniert.
      Ich reihe mich hier mal ein, denn so ein permanentes unterschwelliges schlechtes Gewissen wegen nicht vorhandener Gefühle kenne ich leider auch nur zu gut. Die Frage ist halt, auf welcher Ebene die Gefühle fehlen.

      Wenn es wirklich nur um das Nicht-Vermissen in Abwesenheit geht, würde ich mir darüber erst einmal keine Sorgen machen, solange ich mir auf einer tieferen Ebene meiner warmen / liebevollen Gefühle für den anderen Menschen sicher bin. Dass es so sein kann, jemanden aufrichtig zu mögen oder gar zu lieben und denjenigen trotzdem nicht groß zu vermissen, weiß ich, weil ich es schon so erlebt habe. Solche warmen Gefühle, wenn ich sie einmal jemandem gegenüber entwickelt habe, halten sich bei mir lange, auch wenn sie nicht regelmäßig durch erneuten Kontakt aufgefrischt werden. Die Gefahr, die dann besteht, ist eigentlich "nur", dass die reale Beziehung einschläft und wegbröckelt, während die warmen Gefühle über Wochen, Monate, Jahre zu einer reinen Erinnerung schwinden. Die Gegenmaßnahme ist dann auch relativ einfach, eben den realen Kontakt aufrechtzuerhalten und trotz des Nicht-Vermissens auch von sich aus gelegentlich zu suchen. Also die Initiative nicht nur der anderen Person zu überlassen. Denn auf der darunter liegenden Ebene stimmen die Gefühle ja. Es besteht eigentlich kein Konflikt.

      Ein schlechtes Gewissen bereitet es mir, wenn das Nicht-Vermissen damit gekoppelt ist, dass auch auf der darunter liegenden Ebene die warmen Gefühle fehlen. Bei mir geht es dabei dann um die enge Familie bzw. um meinen Partner. Mir fällt es desto schwerer, jemanden zu lieben, je enger ich real an ihn gebunden bin. Wirklich tiefe Gefühle kenne ich vor allem in den Varianten "unerwiderte Liebe" oder im rein freundschaftlichem Rahmen ohne partnerschaftliche / familiäre Verpflichtung. Es nagt an mir, dass ich meinen Partner nicht richtig lieben kann. Ich habe Angst vor mir selbst, wenn ich mir ausmale, wie ich nach dem Tod meiner Eltern, wenn das Rechtliche etc. geregelt ist, einfach wieder "zur Tagesordnung übergehen" werde. Klar kann ich nicht wissen, ob es wirklich so kommen wird, aber mir so etwas vorzustellen, fällt mir sehr viel leichter, als mir eine Phase tiefer Trauer auszumalen, und dann bekomme ich Angst vor mir, weil ich mich selber als gefühlskalt erlebe.

      Müsste ich, wenn ich ein guter Mensch wäre, nicht eher die Beziehung beenden, wenn ich meinen Partner nicht lieben kann?

      Nicht vorhandene Gefühle erzeugen kann ich jedenfalls auch nicht, in der Praxis verlege ich mich dann aufs Handeln. Dass ich Zeit, Aufmerksamkeit, Arbeit, Gedanken in die Beziehung investiere, ganz nach dem Motto "es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Ich denke, dass da ein wahrer Kern dran sein muss, denn auf anderen Ebenen gilt dieses Motto ja auch (z.B. beim Umweltschutz). Als ideale Lösung im zwischenmenschlichen Bereich kann ich es aber auch nicht unbedingt weiterempfehlen, weil Beziehungen sich dadurch für mich in erster Linie wie Verpflichtungen anfühlen und das Element der ehrlichen Freude darin oft fehlt. - Es stellt sich natürlich die Frage, inwieweit Beziehungen "Spaßveranstaltungen" sind. Ich stelle jedenfalls fest, dass ich neue Beziehungen mittlerweile so gut wie gar nicht mehr eingehe, weil ich aus meinen vorhandenen schon gefühlt mehr als genug Verpflichtungen habe und nicht noch mehr davon haben will...
    • Myri wrote:

      Ich habe Angst vor mir selbst, wenn ich mir ausmale, wie ich nach dem Tod meiner Eltern, wenn das Rechtliche etc. geregelt ist, einfach wieder "zur Tagesordnung übergehen" werde. Klar kann ich nicht wissen, ob es wirklich so kommen wird, aber mir so etwas vorzustellen, fällt mir sehr viel leichter, als mir eine Phase tiefer Trauer auszumalen, und dann bekomme ich Angst vor mir, weil ich mich selber als gefühlskalt erlebe.
      Tja, exakt so geht es mir auch... Letztes Jahr im Sommer: Mein Bruder ruft mich an und teilt mir mit, daß mein Vater mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht wird. Meine ersten Gedanken waren: "Mist, wie wirkt sich das auf meine Pläne aus? In zwei Wochen habe ich eine Karte für ein Konzert. In sechs Wochen will ich in den Urlaub fahren, ist fest gebucht..." :m(: Hat sich zum Glück als "Fehlalarm" rausgestellt. Inzwischen liegt er wegen einer anderen Geschichte wieder im Krankenhaus. So richtig vermisse ich ihn nicht... Ich weiß das es ihm rel. gut geht, daß Schlimmste ist überstanden. Außerdem sage ich mir: "Eigentlich ist er ja selber schuld an seinem Zustand... Wer fast 60 Jahre lang raucht braucht sich nicht wundern..." :m(: Nicht falsch verstehen, ich habe meinen Vater gern! Ich hoffe auch, daß er wieder richtig "auf die Beine kommt" (RW). Aber das sich meine Gedanken jetzt dauernd um ihn und seine Gesundheit drehen... :shake:

      Auch ich komme mir irgendwie "schlecht" vor. Ich habe ihn zwar im Krankenhaus besucht, aber wirklich oft auch nicht. Vorallem, als er noch im künstlichen Koma lag, hat sich mir nicht erschlossen weshalb ich ihn besuchen sollte. Er kriegt davon nichts mit, ich würde nur da rumstehen. Etwas tun, damit es ihm besser geht, kann ich ja auch nicht... Die Pflege wird eh vom Krankenhauspersonal übernommen. Also, was soll ich da?

      Wenn ich dann aber mitkriege, wie oft Bekannte bei meiner Mutter nachfragen wie es ihm geht und ob es was neues gibt... Da komme ich mir immer richtig schlecht und "kalt" vor... :nerved:


      Wie ich reagieren werde, wenn dann irgendwann mal die Nachricht kommen sollte das er gestorben ist (muß ja nicht jetzt wegen der aktuellen Erkrankung sein, aber irgendwann kommt die Nachricht ja mit Sicherheit), weiß ich auch nicht.


      Viel größere Sorgen mache ich mir eigentlich um mich, wenn meine Eltern denn mal nicht mehr da sind. Sie sind mir eine wichtige Stütze im Leben. Klingt mal wieder sehr egosistisch, ich weiß... :m(:
    • H. M. Murdock wrote:

      Letztes Jahr im Sommer: Mein Bruder ruft mich an und teilt mir mit, daß mein Vater mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht wird. Meine ersten Gedanken waren: "Mist, wie wirkt sich das auf meine Pläne aus?
      Etwas ähnliches ist mir auch passiert, u.a. als meine Mutter letztes Jahr im Krankenhaus war.
      Außerdem hatte ich Anfang Januar dieses Jahr mal eine Grübelphase, wo ich mir irgendwelche Szenarien ausgemalt habe. Eins davon war, dass meine Mutter sterben könnte, aber dann habe ich mich ziemlich lange nur mit der Vorstellung befasst, wie ich die Beerdigung überstehen kann, ohne dass ich irgendwie negativ oder peinlich auffalle. Normalerweise ist meine Mutter der Organisator und Leithammel gewesen, wenn es um solche Dinge ging, aber jetzt wäre ich auf mich allein gestellt und müsste alles organisieren (zusammen mit meinen Geschwistern).
      Irgendwann später habe ich mich erst gefragt, ob nicht das größere Problem eigentlich sein müsste, dass meine Mutter dann nicht mehr da wäre.
      Ich schaue auf solche Gedanken und wundere mich, aber ich weiß, dass ich kein schlechter Mensch bin, es ist halt eben so.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      Eins davon war, dass meine Mutter sterben könnte, aber dann habe ich mich ziemlich lange nur mit der Vorstellung befasst, wie ich die Beerdigung überstehen kann, ohne dass ich irgendwie negativ oder peinlich auffalle.
      Solche Gedanken hatte ich auch schon öfters. Mit der für mich sehr unangenehmen Vorstellung einer familiären "Zwangszusammenführung", bei der ich mich dann dem Anlass entsprechend "richtig" verhalten müsste. Stichwort "Leichenschmaus" x(
      Das bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht trauern und denjenigen vermissen würde. Nur eben auf meine persönliche Art und Weise, die von außen betrachtet vermutlich eher kein "standardisiertes" und "korrektes" Trauerverhalten wäre.
    • Zarathustra wrote:

      Mit der für mich sehr unangenehmen Vorstellung einer familiären "Zwangszusammenführung", bei der ich mich dann dem Anlass entsprechend "richtig" verhalten müsste. Stichwort "Leichenschmaus"
      Genau. Familiäre Zwangszusammenführung trifft es ganz gut, und das obwohl es noch nicht mal so ist, dass ich meine Verwandtschaft nicht leiden könnte. Aber ich fühle mich immer so extrem unwohl bei solchen Anlässen, und es ist fast Gewissheit, dass irgendwas schieflaufen wird.
      Alles wird galaktisch gut.
    • H. M. Murdock wrote:

      Auch ich komme mir irgendwie "schlecht" vor. Ich habe ihn zwar im Krankenhaus besucht, aber wirklich oft auch nicht. Vorallem, als er noch im künstlichen Koma lag, hat sich mir nicht erschlossen weshalb ich ihn besuchen sollte. Er kriegt davon nichts mit, ich würde nur da rumstehen. Etwas tun, damit es ihm besser geht, kann ich ja auch nicht... Die Pflege wird eh vom Krankenhauspersonal übernommen. Also, was soll ich da
      Es kommt auch auf deine Beziehung zu dem jeweiligen Menschen an. Bei meinem Vater ging es mir ähnlich wie dir. Bei meiner Mutter Jahre später ging es aber nicht mehr nur um das rationale "Was soll ich da? Sie kriegt es eh nicht mit.", sondern es ging darum, dass ich da sein WOLLTE, wegen mir UND wegen ihr, aus meinen unpräzisen Gefühlen heraus.

      Und dann natürlich: Ich glaube, man weiß immer noch nicht genau, wie viel ein Mensch im Koma mitbekommt, über Sprache, Berührungen usw.
      "Ein Buch muss Wunden aufreißen, ja sogar welche hervorrufen. Ein Buch muss eine Gefahr sein." (E. M. Cioran)
      In: ders., Ébauches de vertige. Gallimard 2006 (=folio 4100) (trad.: FM)
    • Shenya wrote:

      aber dann habe ich mich ziemlich lange nur mit der Vorstellung befasst, wie ich die Beerdigung überstehen kann, ohne dass ich irgendwie negativ oder peinlich auffalle. N
      Puh, ja, das kenne ich nur zu gut.

      Kennt ihr das auch, dass ihr bei jemandem ganz plötzlich von sehr viel Gefühl und sehr vermissen auf Null absinkt ohne zu verstehen, warum? Eine Person, die sehr nah war, ist plötzlich wie gelöscht? Ohne dass etwas vorgefallen ist.
      Und: Ich bin NICHT borderline ;)
    • Ani wrote:

      Kennt ihr das auch, dass ihr bei jemandem ganz plötzlich von sehr viel Gefühl und sehr vermissen auf Null absinkt ohne zu verstehen, warum? Eine Person, die sehr nah war, ist plötzlich wie gelöscht? Ohne dass etwas vorgefallen ist.
      Ja, das kenne ich auch. Aber wenn ich mich dann dazu "aufraffe", die Person doch noch mal zu treffen, kann es auch passieren, dass die alten Gefühle sehr schnell wieder "reaktiviert" werden.
    • Hallo @AuM,

      danke für Deinen Beitrag.
      Ich zitiere eine Stelle von Dir:

      AuM wrote:

      Genau genommen habe ich nämlich eigentlich noch nie jemanden vermisst.
      Es ist üblich, dass autistische Menschen mehr (hyper) oder weniger (hypo) Emotionen haben als Triviale. Das bedeutet manche Emotionen kannst Du nicht wirklich nachfühlen, andererseits kann es Gefühle geben die Du hast, die andere nicht haben.

      Um Beispiele zu nennen:
      (1) Räumefühlen
      (2) Farbenfühlen
      (3) Zu fühlen (!) (nicht: ahnen), dass ein Objekt gleich zerbricht unter Druck oder Temperatur

      Diese Fühlerei kann soweit mit Deinem Selbst verschmelzen, dass Du das Gefühl entwickelst, wenn das "Objekt zerspringt unter Druck", dann zerspringst auch Du. Man kann total verwirrt werden, wenn man es nur gefühlt hat, es aber mit einem Selbst dann doch nicht passiert ist (in dem Beispiel: das Zerspringen).

      Ich habe beispielsweise eine stark reduzierte Eifersucht. Ich kenne das Gefühl eifersüchtig zu sein, praktisch nicht. Das kann zu komischen Situationen führen.
      Zum Beispiel fühle ich mich nicht eifersüchtig, falls mein Partner fremdgeht. Meinem Gefühl nach will ich nur, "dass es ihm gut geht".
      Du siehst: Das kann man schnell mit Gleichgültigkeit verwechseln. Muss ich jetzt zwingend Eifersucht trainieren? Ich glaube nicht.

      LG,
      Ebi
    • Hallo @Myri,

      eine wirklich gute Frage:

      Myri wrote:

      Müsste ich, wenn ich ein guter Mensch wäre, nicht eher die Beziehung beenden, wenn ich meinen Partner nicht lieben kann?
      Ich weiß es nicht eindeutig.

      Im klassisch-trivialen Normativ, würde ich subjektiv sagen: ja
      Im autischen Normativ, würde ich subjektiv sagen: nein
      Damit es noch unübersichtlicher wird, wäre die Mischung daraus: vielleicht
      Und meine realwirksame Handlung wäre: escape! (ESC)

      VG,
      Ebi
    • Hallo @Zarathustra,

      zu Deinem Beitrag:

      Zarathustra wrote:

      Solche Gedanken hatte ich auch schon öfters. Mit der für mich sehr unangenehmen Vorstellung einer familiären "Zwangszusammenführung", bei der ich mich dann dem Anlass entsprechend "richtig" verhalten müsste. Stichwort "Leichenschmaus"
      Das bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht trauern und denjenigen vermissen würde. Nur eben auf meine persönliche Art und Weise, die von außen betrachtet vermutlich eher kein "standardisiertes" und "korrektes" Trauerverhalten wäre.
      Also ich hatte die Situation vor 12 Jahren, dass mein Vater gestorben ist.
      Zum Frühstück äußerte ich zur "Restfamilie", dass ich formal weiß, dass mein Vater gestorben ist. Und dass ich sowenig emotionale Bindung an ihn habe, dass ich nicht konkret für mich sagen kann, "wer eigentlich gestorben ist".

      Nun, das war wohl ein autistischer Faux-Pas.
      Meine Äußerung führte zu so einer Art Exkommunizierung aus der Familie.

      Das Leichenschmaus Thema verlief eigentlich recht gut meiner Meinung nach ab. Mich störten allerdings die weinenden Menschen. Ich habe das Beschriebene die letzten Jahre ausgiebigst in den Therapien durchdiskutiert.
      Mein Ergebnis ist Folgendes:

      >> Wenn man etwas nicht fühlt, dann fühlt man es noch viel-viel-viel weniger, wenn man sich dazu zwingt.
      >> Gefühle zu erzwingen erzeugt eine eigene Kategorie von abstrakten Schmerzen.
      >> Erzwungene eingepflanzte Gefühle verringern die Wahrnehmungsfähigkeit.
      >> Zwangsgefühle führen zur Verdummung/ Intelligenzminderung.

      Konkret bedeutet es, dass das Erzwingen von Familienangehörigen ein "Vermissen zu erzwingen" dazu geführt hat, dass ich mich von denen ebenfalls zusätzlich distanziert habe.
      Abstrakte Schmerzen äußern sich darin, dass man plötzlich unerklärliche Psychosomatik entwickelt (trockener Keuchhusten, Rückenschmerzen, Schmerzen in der Brust,...) oder wie sehr stark besoffen umherläuft.
      Durch mantramäßiges Zwangsimplementieren von (Vermissens-)Gefühlen, ausgehend von meiner Tante, habe ich dann meinen Vater doch vermisst. Mit der Konsequenz, dass ich meine Tante verachte. Die andauernden o.g. Schmerzen haben zu irreversibel multiplen Veränderungen in meiner Wahrnehmungsleistung (Verringerung) und Intelligenz geführt.
      Es ist eine ganz schlechte Idee sich zu Gefühlen zu zwingen.

      Hoffentlich habe ich Dir die Angst nehmen können, Dich zwingen zu müssen, fremde Gefühle eingepflanzt zu bekommen.

      VG,
      Ebi

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