Gefühl: Vermissen

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    • Gefühl: Vermissen

      Eine Frage, die mich umtreibt:
      Ist es aspergertypisch, dass man Menschen nicht vermisst? Selbst dann, wenn sie einem eigentlich sehr nahe stehen und man sie wirklich gern hat? Dass es einem völlig ausreicht zu wissen, dass es ihnen gut geht, man sie aber nicht unbedingt um sich haben muss?

      Genau genommen habe ich nämlich eigentlich noch nie jemanden vermisst. Ein warmes Gefühl, wenn man an die Person denkt - das schon, aber ein schmerzliches Gefühl von Vermissen und sich sehnlichst wünschen, die Person wäre bei mir, das kenne ich tatsächlich nicht.

      Es macht mich regelmäßig fertig zu wissen, dass ich da (und in manch anderen Dingen :? ) nicht 'normal' ticke und dass das immer gerade die Eigenschaften sind, die man als positive menschliche Eigenschaften oder Fähigkeiten ansieht, bei denen ich Defizite habe.

      Ist das also etwas, das andere Asperger auch kennen oder ist die Ursache eher woanders zu suchen?
      - Allein unter Menschen -
    • AuM wrote:

      Ist es aspergertypisch, dass man Menschen nicht vermisst?
      Nicht dass ich wüsste. Bei mir kommt es darauf an. In engen Beziehungen vermisse ich schon. Sonst eher nicht. Es ist aber nicht so, dass ich das Gefühl nicht kennen würde.
      You’ll stop caring what people think about you when you realize how seldom they do.
    • @AuM
      Ich kenne es so ähnlich, wie du es beschreibst. Nur bei akuter Verliebtheit kenne ich bei mir so etwas, wie du es hier beschreibst:

      AuM wrote:

      ein schmerzliches Gefühl von Vermissen und sich sehnlichst wünschen, die Person wäre bei mir
      Ich nehme an, das Gefühl ist sonst einfach nicht stark genug, dass ich es auch als solches wahrnehme.
    • Menschen, die ich mag, kann ich durchaus extrem stark vermissen. Andere Menschen, die mir nahestehen sollten, aber es emotional nicht tun, vermisse ich nicht. Ich glaube, dass es z. B. nicht üblich ist, Freunde zu vermissen, nur weil man sie vier Wochen nicht gesehen hat.
      Das Vermissen tritt meiner Meinung nach dann auf, wenn man mehr Zeit mit der Person verbringen will, aber das nicht umgesetzt werden kann. Wenn man nicht mehr Zeit verbringen will und mit der aktuellen Situation zufrieden ist oder sie viel wegdrückt, vermisst man vermutlich auch nicht, oder?
    • AuM wrote:

      Ein warmes Gefühl, wenn man an die Person denkt - das schon, aber ein schmerzliches Gefühl von Vermissen und sich sehnlichst wünschen, die Person wäre bei mir, das kenne ich tatsächlich nicht.
      Das mit dem schmerzlichen Gefühl und sehnlichst wünschen, die Person bei mir zu haben, kenn ich eigentlich nur bei meiner Freundin. Alle anderen, mir sehr nahestehenden Personen vermiss ich zwar, wenn ich sie längere Zeit nicht sehen kann, aber nicht mit 'nem schmerzlichen Gefühl und ich wünsch mir dann auch nicht sehnlichst, dass die da wären. Sie fehlen mir halt einfach.
    • AuM wrote:

      Ist es aspergertypisch, dass man Menschen nicht vermisst?
      Ich glaube schon.
      Man vermisst jemanden, wenn man mit dieser Person viel teilt, und Autisten teilen nun einmal nicht so viel mit anderen, vor allem nicht mit einer großen Auswahl an Personen, sondern vielleicht nur mit 1-2 Personen, wenn überhaupt.
      Ich habe die meiste Zeit meines Lebens andere Menschen nicht vermisst. Wenn ich jemanden aus irgendeinem Grund nicht mehr getroffen habe, dann war das halt so. Ich habe zwar noch an die Person gedacht, wenn ich sie vorher gern hatte, aber fühlte kein Bedürfnis, sie unbedingt wieder zu sehen.

      Manchmal habe ich etwas vermisst, was ich mit dieser Person tun konnte, aber das fing erst später im Erwachsenenalter an. Ich war z.B. mal überrascht, dass ich einen Arbeitskollegen vermisst habe, das Gefühl kannte ich vorher so gar nicht. Aber ich habe vermisst, mit ihm gute Gespräche zu führen, und ich hatte niemanden, der das an seiner Stelle hätte tun können. Die Gespräche fehlten mir.

      Ich würde sagen, so ab 35 hatte ich häufiger als vorher das Gefühl, dass mir ein Mensch auf besondere Weise wichtig ist, und dass ich etwas vermissen würde, wenn er weg ist. Davor hat es mir gereicht zu wissen, dass die Person noch irgendwo ist und es ihr gut geht. Den Kontakt brauchte ich nicht. Ich muss auch meine Mutter nicht besuchen, sondern mir würde es reichen zu wissen, dass bei ihr alles in Ordnung ist. Umgekehrt will meine Mutter mich aber so oft wie möglich sehen, da haben wir manchmal Schwierigkeiten, den Kompromiss in der Mitte zu finden.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Rusty Mike wrote:

      Sie fehlen mir halt einfach.
      Ganz genau, das ist der Punkt (RW). Vermissen? Nein, nur die engsten Menschen und nur die, denen ich mich verbunden fühle (RW). Fehlen ja, in dem Sinne von nicht um mich herum, ich wünschte ich könnte etwas fragen usw.

      Vielleicht ähnlich wie mit Schreibutensilien. Ich vermisse meinen Kugelschreiber, der mich seit 20 Jahren begleitet und weg ist. Aber, der tolle Bleistift fehlt mir nur, ich hätte ihn gerne hier, kann ihn aber ersetzen.

      Menschen die ich in mein Herz lasse (RW) vermisse ich, Menschen wie meine Eltern fehlen mir nur. Vermissen ist ein seelischer, andauernder Schmerz in mir. Fehlen ist viel einfacher.
      Achtung, Beiträge dieses Users können Spuren von Albernheit enthalten.
    • Vermissen und fehlen ist für mich das gleiche. Nur gibt es Abstufungen von leichtem Vermissen oder Fehlen bis starkem Vermissen oder Fehlen.
      Am schmerzlichsten habe ich bisher mal eine Wohnung inkl. Wohnort vermisst, als ich umgezogen bin. Das war sehr heftig. Aber da kam viel zusammen, nicht nur dass die Wohnung weg war.
      Bei Menschen hatte ich derart starke Gefühle bisher nicht.
      Alles wird galaktisch gut.
    • @AuM hattest du mal Heimweh? Warst du mal verliebt/eine enge Paarbeziehung? Ein geliebtes Haustier gehabt? Das wären so die Sachen wo ich wirklich schmerzliches Vermissen kenne, also bei starker Liebe. Vielleicht hast du deswegen das Gefühl nicht, weil du die Erlebnisse noch nicht hattest?
    • Danke für die vielen Antworten! Ich kann mich in @Shenyas Ausführungen komplett wiederfinden.

      Shenya wrote:

      Manchmal habe ich etwas vermisst, was ich mit dieser Person tun konnte, aber das fing erst später im Erwachsenenalter an. Ich war z.B. mal überrascht, dass ich einen Arbeitskollegen vermisst habe, das Gefühl kannte ich vorher so gar nicht. Aber ich habe vermisst, mit ihm gute Gespräche zu führen, und ich hatte niemanden, der das an seiner Stelle hätte tun können. Die Gespräche fehlten mir.

      Shenya wrote:

      Am schmerzlichsten habe ich bisher mal eine Wohnung inkl. Wohnort vermisst, als ich umgezogen bin. Das war sehr heftig. Aber da kam viel zusammen, nicht nur dass die Wohnung weg war.
      Bei Menschen hatte ich derart starke Gefühle bisher nicht.
      Das wiederum kenne ich auch - das Vermissen von Situationen oder Orten oder Erlebnissen, auch schmerzlich. Aber eben nicht von Menschen.


      Neoni wrote:

      @AuM hattest du mal Heimweh? Warst du mal verliebt/eine enge Paarbeziehung? Ein geliebtes Haustier gehabt? Das wären so die Sachen wo ich wirklich schmerzliches Vermissen kenne, also bei starker Liebe. Vielleicht hast du deswegen das Gefühl nicht, weil du die Erlebnisse noch nicht hattest?
      Nein, Heimweh hatte ich nicht, aber Fernweh, sogar sehr extrem. Nur bei Menschen (und auch bei Haustieren) habe ich eben so starke Gefühle noch nie gehabt. Das bezieht sich übrigens auch auf das Gefühl Liebe, was ja quasi Voraussetzung für starkes Vermissen ist. Ich befürchte, auch das nicht wirklich in dieser Intensität zu empfinden - wieder so eine positiv besetzte menschliche Eigenschaft, bei der ich Defizite habe. :|

      Mich würde noch interessieren, wie diejenigen, die das ebenfalls bei sich feststellen, also z.B. @Shenya, damit umgehen. Belastet es Euch?

      Mich belastet es sehr, da es für mich bedeutet, sozusagen ein schlechter Mensch zu sein, was ich aber nicht sein möchte. Mein ständig schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen in meinem Umfeld (inkl. Familie) bestätigt das ja auch.
      Aber wie soll man nicht vorhandene Gefühle erzeugen? Mir selbst inständig vorzusagen, dass ich diese Gefühle habe, hat leider nicht funktioniert.
      - Allein unter Menschen -
    • AuM wrote:

      Mich belastet es sehr, da es für mich bedeutet, sozusagen ein schlechter Mensch zu sein, was ich aber nicht sein möchte. Mein ständig schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen in meinem Umfeld (inkl. Familie) bestätigt das ja auch.
      Ich habe mir zwar schon Gedanken gemacht, ob ich ein kaltherziger Mensch bin, wenn ich mich mit anderen Menschen nicht so verbunden fühle, aber ich weiß inzwischen, dass es nicht so ist. Denn ich habe ja trotzdem Gefühle. Ich will, dass es anderen Menschen gut geht. Wenn z.B. jemandem etwas zustößt, dann bin ich auch betroffen, oder ich mache mir Sorgen.
      Es wäre für mich wesentlich schlimmer, wenn meine Mutter krank wäre und sehr leiden würde, als wenn sie plötzlich sterben würde. Denn beim plötzlichen Tod leidet sie nur kurz, aber bei der Krankheit sehr lange, und das ist schlimmer. Mich würde das sehr belasten.
      Oder als eine Arbeitskollegin von mir starb, hat mir das schon sehr leid getan, für sie, weil sie nur 28 wurde, und für ihre Kinder, die noch ganz klein waren. Als mein Vater starb tat es mir sehr leid für meine Mutter. Selbst habe ich ihn kaum vermisst, aber ich wusste ja, dass es sehr schlimm für sie war.

      Mit AS habe ich ja jetzt auch eine Erklärung dafür, dass manche Dinge bei mir anders sind als bei anderen Menschen. Deshalb mache ich mir keine Vorwürfe und muss mich auch nicht mehr fragen, ob etwas mit mir nicht stimmt (klar stimmt etwas nicht, aber es ist halt AS).

      Das mit der Liebe ist auch so eine Sache. Ich war tatsächlich noch nicht verliebt, ich bin über Schwärmerei oder hormonell bedingte Anwandlungen bisher nicht hinausgekommen. Aber das hat auch Vorteile, ich verliebe mich nicht in Therapeuten oder verheiratete Männer. ;) Was ja bei anderen Menschen oft große Komplikationen verursacht.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Danke, @Shenya! Ich sehe bei Deinen genannten Beispielen durchweg große Ähnlichkeiten zu mir.

      Shenya wrote:

      Mit AS habe ich ja jetzt auch eine Erklärung dafür, dass manche Dinge bei mir anders sind als bei anderen Menschen. Deshalb mache ich mir keine Vorwürfe und muss mich auch nicht mehr fragen, ob etwas mit mir nicht stimmt (klar stimmt etwas nicht, aber es ist halt AS).
      Deswegen war es mir auch so wichtig, hier nachzufragen, ob andere Asperger ähnliche Beobachtungen bei sich feststellen. Wenn die Erklärung dafür wirklich AS ist, dann kann ich es vielleicht auch schaffen, mich inklusive dieser Defizite zu akzeptieren.


      Shenya wrote:

      Das mit der Liebe ist auch so eine Sache. Ich war tatsächlich noch nicht verliebt, ich bin über Schwärmerei oder hormonell bedingte Anwandlungen bisher nicht hinausgekommen.
      Das hat vielleicht sogar noch einen weiteren Vorteil, denn Du musstest Dich noch nicht mit der Tatsache auseinander setzen, dass Du möglicherweise selbst Deinen Mann und sogar Deine Kinder nicht so stark vermisst, wie sie eigentlich verdient hätten. Das ist der Hauptgrund, weshalb mich das Ganze so fertig macht, dass ich diese Gefühle eben nicht mal bei engsten Familienmitgliedern empfinden kann.
      - Allein unter Menschen -
    • Wenn mir jemand sehr nahe ist, vermisse ich ihn ständig. Das ist manchmal fast schon belastend für mich, wenn ich denjenigen immer in meinem Kopf und in meinen Emotionen mit mir rum trage. Aber das ist eben nur dann, wenn mir jemand sehr wichtig und nahe ist. Und davon gibt es nur sehr wenige Menschen.

      Alle anderen habe ich schon fast vergessen, nachdem wir "tschüß" gesagt haben.
    • Ani wrote:

      Wenn mir jemand sehr nahe ist, vermisse ich ihn ständig. Das ist manchmal fast schon belastend für mich, wenn ich denjenigen immer in meinem Kopf und in meinen Emotionen mit mir rum trage. Aber das ist eben nur dann, wenn mir jemand sehr wichtig und nahe ist. Und davon gibt es nur sehr wenige Menschen.
      Ja, genau so geht es mir. So enge Verbindungen habe ich nicht viele, eigentlich nur zwei.
      Das Belastende ist, sie bekommt man nie aus seinem Kopf. Überall wohin man geht, denkt man sie.
      Als Kind hatte ich sowas nicht, das mir jemand so stark nahe ging. Erst vor mehreren Jahren im Erwachsenenalter als die beiden Personen in mein Leben traten.
    • Yuffie wrote:

      Ani wrote:

      Wenn mir jemand sehr nahe ist, vermisse ich ihn ständig. Das ist manchmal fast schon belastend für mich, wenn ich denjenigen immer in meinem Kopf und in meinen Emotionen mit mir rum trage. Aber das ist eben nur dann, wenn mir jemand sehr wichtig und nahe ist. Und davon gibt es nur sehr wenige Menschen.
      Ja, genau so geht es mir. So enge Verbindungen habe ich nicht viele, eigentlich nur zwei.Das Belastende ist, sie bekommt man nie aus seinem Kopf. Überall wohin man geht, denkt man sie.
      Als Kind hatte ich sowas nicht, das mir jemand so stark nahe ging. Erst vor mehreren Jahren im Erwachsenenalter als die beiden Personen in mein Leben traten.
      Ganz genau so geht es mir auch. Das habe ich nur bei meinem Partner und erst seit ihm kenne ich das Gefühl "Vermissen" auch. Ich habe sonst nie eine Person vermisst und habe auch nie das Verlangen, bestimmte Personen (außer meinen Partner) zu sehen. Ich weiß nicht, ob das an der ASS liegt, oder an der Alexithymie und ich das Gefühl sonst in schwächerer Ausprägung einfach nicht wahrnehme/erkenne.
    • Ani wrote:

      Wenn mir jemand sehr nahe ist, vermisse ich ihn ständig. Das ist manchmal fast schon belastend für mich, wenn ich denjenigen immer in meinem Kopf und in meinen Emotionen mit mir rum trage. Aber das ist eben nur dann, wenn mir jemand sehr wichtig und nahe ist. Und davon gibt es nur sehr wenige Menschen.

      Alle anderen habe ich schon fast vergessen, nachdem wir "tschüß" gesagt haben.
      Das kenne ich von mir nur zu gut.