"Mittelgradige soziale Anpassungsschwierigkeiten"?

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    • Zum Eingangspost:

      Samtpfote wrote:

      Mein Therapeut und auch der Psychiater denken, dass bei mir ein SBA vor allem in Hinsicht auf eine spätere Berufstätigkeit.
      Können dir nicht Therapeut oder Psychiater erklären, wo sie die mindestens mittelgradigen sozialen Anpassungsschwierigkeiten bei dir sehen? Täten sie das nicht, hätten sie vermutlich nicht die Empfehlung ausgesprochen, einen SBA zu beantragen. Sie werden hoffentlich bereits Erfahrungen damit haben, welche deiner Einschränkungen auch das Versorgungsamt als relevant ansehen wird.

      Zur beruflichen Perspektiven außerhalb der Wissenschaft:
      Du schreibst, den Job als Tutorin an der Uni fandest du zumindest erträglich:

      Samtpfote wrote:

      Der einzige Job, Praktika, praktische Erfahrung etc., wo ich nicht nach spätestens einer Woche extreme körperliche Stresssymptome hatten waren Babysitten und Tutorin in der Uni

      Samtpfote wrote:

      Also ich seh keine soziale Anforderung daran, sich vor einen Haufen erwachsener Leute hinzustellen und einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten. Meistens sag ich vor den Vorträgen, dass ich Leuten nicht gut in die Augen sehen kann, oder ich such mir jemandem im Plenum, bei dem ich es erträglich finde und fokussiere mich auf den.
      Wenn du dem Tutorjob gewachsen warst, so könnte ich mir vorstellen, dass du z.B. auch mit Oberstufenschülern zurecht kämst. Momentan gibt es vielerorts Lehrermangel, es werden viele Quereinsteiger eingestellt. Deine Qualifikationen im sozialen Bereich (Ausbildung zur Sozialassistentin, allgemeine Fachhochschulreife Gesundheit und Soziales Schwerpunkt Sozialpädagogik, Bachelor of Arts in Soziawissenschaften) wären sicherlich auch ein Pluspunkt bei einer Bewerbung als Quereinsteigerin. Vorausgesetzt natürlich, dass du das auch für dich persönlich für machbar hältst.

      (Auch wenn Lehrer das im allgemeinen nicht gerne lesen werden: Lehrer haben im Vergleich zu anderen Berufsgruppen verhältnismäßig viel Freizeit, so dass mehr Ruhephasen und Beschäftigung mit dem SI auch außerhalb des Berufs möglich sind. Ich selber habe mich vor geraumer Zeit auch einmal für den Quereinstieg beworben, kam aber wegen meines Studienfachs nicht in die engere Wahl. Im Nachhinein denke ich, dass das ganz gut war, da mich allein schon die Lärmbelastung an der Schule "in die Knie gezwungen" hätte, abgesehen von der adäquaten außerfachlichen Betreuung der Schüler. Aber es gibt ja auch Lehrer mit AS hier im Forum, es ist also prinzipiell möglich.)
    • Turtle wrote:

      Auch wenn Lehrer das im allgemeinen nicht gerne lesen werden: Lehrer haben im Vergleich zu anderen Berufsgruppen verhältnismäßig viel Freizeit, so dass mehr Ruhephasen und Beschäftigung mit dem SI auch außerhalb des Berufs möglich sind
      Wenn man den Job mit Stundenvor und Nachbereitung etc. ernst nimmt und nicht unbedingt Ethik und Sport sondern Deutsch und Physik als Fächer hat sieht das schon wieder anders aus.

      Turtle wrote:

      Wenn du dem Tutorjob gewachsen warst, so könnte ich mir vorstellen, dass du z.B. auch mit Oberstufenschülern zurecht käms
      Kommt hier auch stark darauf an. Studenten haben sich zumindest freiwillig für das Fach entschieden und Oberstufenschüler müssen das teilweise machen gegen ihre Interessen.
      Evtl. wäre da eine Berufsschule oder Abendschule etc. mit kleinen Klassen besser geeignet. Es gibt auch die Möglichkeit als Lerntherapeut z.B. mit Kindern mit Lernschwäche, Dyskalkulie o.ä. zu arbeiten, das sind dann oft nur 1-5 Kinder zur gleichen Zeit.
    • MangoMambo wrote:

      sondern Deutsch und Physik als Fächer hat sieht das schon wieder anders aus.
      Ich kenne einen Chemielehrer, der irgendwann mal fand, das fordere ihn zu wenig, und nach Jahren im Schuldienst noch Physik nebenbei nachgeschoben hat. Derselbe hat auch gemeint, die ersten 5 Jahre wären hart, aber danach hätte man in den Naturwissenschaften sein Curriculum stehen, müsse nur noch aktualisieren und würde im Grunde überbezahlt, gemessen an der tatsächlichen Arbeitszeit. In den Hauptfächern sei das allerdings anders, weil da die Klassenarbeiten einen viel höheren Aufwand darstellten. Das ist allerdings schon eine ganze Weile her, er ist mittlerweile in Pension.
    • @HCS wenn man jedes Jahr das gleiche macht mag das stimmen, sollte man aber versuchen so individuell wie möglich die Interessen der Schüler und den Lehrplan zu vereinen und möglichst auch noch die Schüler nach ihren Fähigkeiten zu fördern etc. dann ist das auch Aufwand. Und die 6-8 Seiten Klassenarbeit Oberstufe Physik und dazu die Berichte der Experimente waren sicher auch nicht so leicht zu kontrollieren, wenn man nicht nur Rechnen und Multiple Choice macht sondern auch Erklärungen zum Verständnis einbaut.
    • Lehrerbashing liegt mir ferne, deshalb will ich das auch garnicht vertiefen, nur noch soviel, dass es in diesen Fächern stark davon abhängt, wie hoch der Anteil der Mittelstufe an der Stundenzahl ist. Da werden Grundlagen vermittelt, es geht nicht um anspruchsvolle Experimente, und es kommt auch wissenschaftlich kaum Neues, das einzuarbeiten wäre. Ich gebe halt wieder, was dieser Bekannte über seinen Job (den er gerne gemacht hat) gesagt hat.
    • HCS wrote:

      Lehrerbashing liegt mir ferne
      Mir auch. Nur noch soviel: Ich bin in einem Lehrerhaushalt aufgewachsen, beide in meinen Augen engagierte Exemplare mit korrekturintensiven Fächern. Dennoch wage ich zu sagen: Mit anderen Vollzeitjobs hätten sie nicht so viel Zeit mit uns Kindern verbringen können, sowohl Ferienzeiten als auch Nachmittage. Natürlich waren die zum Teil auch mit Korrekturen und Unterrichtsvorbereitungen gefüllt, zum Teil auch ihre Abende, aber eben nur zum Teil: Wenn man die Arbeitszeiten ehrlich aufgerechnet hätte, wäre man meiner groben Schätzung nach auf weit weniger als eine fiktive 38-Stunden-Woche mit 25 Tagen Urlaub gekommen. Da hatten andere Kinder, bei denen beide Eltern berufstätig waren, deutlich weniger von ihren Eltern.

      Aber die reine Stundenzahl ist ja nicht alles, der Beruf bringt halt auch besondere Belastungen mit sich. Ich finde absolut nicht, dass Lehrer mehr Stunden aufgebrummt kriegen sollten oder schlechter bezahlt werden sollten! Der höhere Freizeitanteil wäre aber ein Aspekt, der einem die Beschäftigung mit dem SI neben der Arbeit erleichtern kann, deshalb habe ich es hier erwähnt. Besonders schön wäre es natürlich, wenn man das SI direkt mit den Unterrichtsvorbereitungen verbinden kann, das konnte mein Vater zumindest zum Teil. Ein ehemaliger Chemielehrer von mir hat in einem Nebenraum der Unterrichtsräume nebenher Kristalle gezüchtet und sie manchmal den überwiegend desinteressierten Schülern begeistert vorgeführt. :d "Man hat halt relativ viele Freiheiten als Lehrer" (Zitat eines Bekannten meines Mannes, ebenfalls Lehrer).
    • Aus den Gründen, die Du beschreibst, sind meiner Vermutung nach früher tatsächlich viele Menschen Lehrer geworden, die heute eine Autismusdiagnose bekommen könnten. Klar, die vielen Ferien sind ein Vorteil. Wobei ich eher finde, dass die Menschen in anderen Berufen zu wenig Jahresfreizeit haben.

      Ansonsten haben sich aber die Zeiten geändert, denke ich. Lehrer sind heute deutlich stärker an den Lehrplan gebunden. Insbesondere in der Oberstufe, wo es inzwischen in den meisten Bundesländern das Zentralabitur gibt. Sie werden stärker evaluiert, sollen eher Lernbegleiter sein, Gruppenarbeiten anleiten, Digitalisierung einbinden, die Kinder auch in ihrer "Performance" und Präsentation fördern und beurteilen. Durch Integration und Inklusion haben sie es auch oft mit einer recht heterogenen Schülerschaft zu tun, müssen mit Inklusions-Pädagogen und Schulbegleitern koordinieren, auch auf dem Gymnasium. Sie haben gesellschaftlich nicht mehr den Status und die Autorität wie zu früheren Zeiten, sondern werden von vielen kritisch gesehen und hinterfragt. Man sollte auch nicht unterschätzen, wie anstrengend es ist, ständig vor kritischen Jugendlichen "auf dem Präsentierteller" zu stehen. Das ist doch etwas sehr anderes als Unterrichten an der Uni. Zudem halte ich die Fächer, die für Samtpfote in Frage kämen (Geschichte, Deutsch, Politik und verwandte Bereiche), für recht vorbereitungs- und korrekturintensiv.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.