Tiefenpsychologische Psychotherapie - Nutzen und Gutachterverfahren

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    • Shenya wrote:

      Man braucht im Prinzip einen Therapeuten, egal ob Verhaltenstherapeut oder tiefenpsychologischer Therapeut, der die Merkmale von Autismus kennt und sie von erworbenen Eigenheiten unterscheiden kann.

      Ob die Therapie eine Überforderung wäre, hängt wahrscheinlich von der betreffenden Person ab. Wenn man gut reflektieren kann, dann sollte es keine Überforderung sein.(Weder für TherapeutIn noch für PatientIn!)
      Eine Überforderung würde ich eher bei einer Psychoanalyse erwarten, aufgrund des Settings in der Therapie. Und aufgrund der Basisannahmen in der Psychoanalyse!
      Das fett & kursiv Gedruckte stammt als Kommentar von mir, um Shenyas Ausführungen zu ergänzen.
      Das "nur" fett Gedruckte soll die m.E. wichtigste Eigenschaft beim Therapeuten betonen.
      Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten :evil:
    • Ich kann viele Erfahrungen in diesem Thread bestätigen, weil ich gerade nicht so viel Zeit habe, schreibe ich erstmal nur etwas zum Eingangspost.

      Ich war einige Jahre wegen Depressionen in TfP Behandlung, wobei Übergänge sowohl zur Psychoanalyse, als auch zur VT fließend waren. Für meine Therapeutin (und damals auch mich) war ganz klar, dass die Ursache meiner Depression in der Kindheit und Beziehung zu meinen Eltern liegen musste. Tatsächlich habe ich auch viel darüber Nachdenken und einiges zum Positiven verändern können. Ich habe allerdings wie @MusicSexNature erwähnt hat manchmal gefühlt zu viel nachgedacht ("pathologisch"), was mich unglaublich viel Energie gekostet hat (verschwendet sogar würde ich sagen). Denn viele Probleme, die durch Autismus vorhanden sind, lassen sich bei mir nicht durch Kindheitstrauma erklären. Dazu gehören Schwierigkeiten im Alltag (Zeitplanung, Konfliktlösungen) und im Selbstwertgefühl (ich kann nichts, finde keine Freunde usw). Wenn der/die Therapeut/in das bewusst oder unbewusst nicht berücksichtigt, wird man schnell "übertherapiert" denke ich.
      Wenn es um konkrete Probleme ging, konnte sie mich manchmal verstehen und mir auch helfen, aber die Kommunikationsbarriere (sie versucht Gefühle rauszulesen bei mir, findet aber nichts, glaubt mir aber gleichzeitig nicht, wenn ich mein Gefühl beschreibe, weil ja dort mehr hinter sein muss und ich Gefühle wirklich nicht gut beschreiben kann) hat die Therapie sehr behindert.

      Ich bin aktuell schon der Meinung, dass TfP auch bei Autisten sinnvoll sein kann, aber die/der Therapeut/in muss wirklich sehr offen sein.

      Rückblickend bin ich der Meinung, dass eine geeignete Veränderung meines Lebensumfeldes und sinnvolle Verhaltenstherapie mir schneller zur Besserung verholfen hätten, deswegen verstehe ich alle, die hier Verhaltenstherapie empfehlen.
    • Was das Telefonieren angeht: ich habe damit große Probleme, derzeit verweigere ich das Telefonieren fast komplett. Meine Schwester, die auch einige deutliche Aspie-Züge hat (aber keine Diagnose), hat überhaupt keine Schwierigkeiten mit dem Telefonieren. Wenn sie anruft, hört sie nicht mehr auf, sie ist sehr gesprächig.
      Sie ist aber auch sonst ziemlich anders als ich, sie ist mehr selbstbezogen, achtet weniger auf die Gefühle anderer Menschen (meint das nicht böse, es kommt ihr nur einfach nicht in den Sinn). Während ich mich die ganze Zeit frage, wie andere sich fühlen könnten.
      Da vermute ich, dass ich auch anfälliger dafür bin, Fehler, die ich beim Telefonieren mache, tragischer zu nehmen, weil ich eben mehr auf die Reaktionen anderer achte und mir schneller Gedanken mache, ob ich gerade blöd rüberkomme oder irgendwas falsch mache.

      Das was filipendula schrieb, ist aber auch richtig, diese Probleme habe ich zusätzlich. Ich bin oft am Telefon unsicher und kann nicht so schnell spontan reagieren, oder verpasse den richtigen Moment, etwas zu sagen, deshalb passieren auch schneller blöde Situationen. Deshalb kann es vielleicht sein, dass manchmal auch beides zusammenkommt, also autistische Schwierigkeiten und zusätzlich Vermeidung wegen Ängsten.
      Alles wird galaktisch gut.
    • filipendula wrote:

      Das ist ein ganz gutes Beispiel. Ich halte meine Probleme beim Telefonieren stärker für autismusbedingt als für erfahrungsbedingt (ich nenne es einfach mal so, wahrscheinlich gäbe es einen besseren Begriff dafür, aber im Kontext sollte klar sein, was ich meine). Denn was mir daran Probleme bereitet, ist ziemlich konkret: zum Beispiel, dass ich mein Gegenüber akustisch beim Telefonieren schlechter verstehe, weil (so hat man es mir erklärt, ich glaube das einfach mal) Frequenzen herausgefiltert werden, und weil die Möglichkeit des begleitenden "Lippenlesens" fehlt. Auch ist es schwerer, die eigenen Einsätze richtig zu timen, wenn ich mein Gegenüber nicht sehe.
      Punkt für dich.

      filipendula wrote:

      Dazu kommt die Unsicherheit, dass ich nie weiß, ob ich jemanden gerade störe, wenn ich jetzt anrufe. Andersherum reißt mich das Telefonklingeln aus meiner aktuellen Tätigkeit heraus und ich muss mich spontan auf eine unbekannte Situation einstellen, was mich überfordert. Generell ist auch die Kommunikationssituation ganz anders als beim normalen Gespräch, das viel unverbindlicher ablaufen kann, aber ein Anruf hat immer einen gewissen Hintergrund, eine Absicht.
      Bezüglich des Fettgedruckten: Was sollte daran nun typisch autistisch sein?

      Ich meine, ich kenne das Problem selbst, und rufe daher lieber eine Festnetznummer an als auf einem Handy. Vermutlich weil ich es selbst schon erlebt hab, dass sich eine blöde Versicherung meldet, wenn man gerade im Supermarkt einkauft, und die Hälfte nicht verstanden hat.

      Mugwump wrote:

      Ich kann viele Erfahrungen in diesem Thread bestätigen, weil ich gerade nicht so viel Zeit habe, schreibe ich erstmal nur etwas zum Eingangspost.

      Ich war einige Jahre wegen Depressionen in TfP Behandlung, wobei Übergänge sowohl zur Psychoanalyse, als auch zur VT fließend waren. Für meine Therapeutin (und damals auch mich) war ganz klar, dass die Ursache meiner Depression in der Kindheit und Beziehung zu meinen Eltern liegen musste. Tatsächlich habe ich auch viel darüber Nachdenken und einiges zum Positiven verändern können. Ich habe allerdings wie @MusicSexNature erwähnt hat manchmal gefühlt zu viel nachgedacht ("pathologisch"), was mich unglaublich viel Energie gekostet hat (verschwendet sogar würde ich sagen). Denn viele Probleme, die durch Autismus vorhanden sind, lassen sich bei mir nicht durch Kindheitstrauma erklären. Dazu gehören Schwierigkeiten im Alltag (Zeitplanung, Konfliktlösungen) und im Selbstwertgefühl (ich kann nichts, finde keine Freunde usw).
      Sorry für meine spekulative Äußerung, aber zwischen mangelndem Selbstwertgefühl ("ich kann nichts") und Kindheitstrauma einen Zusammenhang zu vermuten, drängt sich doch geradezu auf.
      "In das Popcorn, das Sie gerade essen, hat wer reingepisst!" (Kentucky Fried Movie)


      "Sind Sie Polizisten?" "Nein, Ma'am. Wir sind Musiker!" (The Blues Brothers)
    • thelord wrote:

      Sorry für meine spekulative Äußerung, aber zwischen mangelndem Selbstwertgefühl ("ich kann nichts") und Kindheitstrauma einen Zusammenhang zu vermuten, drängt sich doch geradezu auf.
      Traumatisches Erleben im allgemeinen sicherlich ja, aber nicht zwangsläufig ein "Kindheitstrauma" im klassischen Sinne. Bei zweiterem geht nämlich die große Suche nach bestimmten Ereignissen und konkreten Beziehungserfahrungen los, die, falls sie überhaupt dem Gedächtnis zugänglich sind, oft nur symptomatisch sind und damit ins Leere führen. Viel substanzieller und wahrscheinlicher ist doch, dass man in seinen spezifischen autistischen Stärken und Schwächen nicht wahrgenommen wird, es werden grob gesagt neurotypische Erwartungen und Maßstäbe an der Person angesetzt (familiär wie außerfamiliär, zB Schule), man bekommt in der Folge fortlaufend negatives Feedback, gleichzeitig wird das eigene Potential nicht erkannt, damit auch nicht gefördert und wertgeschätzt. Das ist von außen betrachtet kein "Trauma" im eigentlichen Sinne, kann aber als autistische Person (v.a. bei hoher emotionaler Sensitivität) als sehr traumatisch erlebt werden und sich damit auf das Selbstwertgefühl auswirken.

      Das grob zu verstehen und dann vor allem seine autistischen Schwächen lernen zu akzeptieren und einen adäquaten Umgang damit zu finden, sowie seine autistischen Stärken kennenzulernen, zu erfahren, im Kontakt mit seiner Umwelt zu erleben, eventuell sogar auszuleben (was aber von einem kompetenten Therapeuten, der sich mit Autismus auskennt, begleitet werden muss), ist da meiner Ansicht nach das einzig Sinnvolle. Die intensive Auseinandersetzung mit den Kindheitserfahrungen (v.a. mit der Erwartung, dass sich dadurch automatisch Blockaden lösen) ist da eher kontraproduktiv, blockiert zusätzlich.
    • thelord wrote:

      Klar, wenn ich nun auf eine Therapeutensuche ginge, dann würde ich natürlich darauf den Fokus legen, dass derjenige erfahren ist im Umgang mit komplexen Traumata.
      Falls du jemanden findest (sofern du auf Suche gehen solltest), kannst du mir gerne Bescheid geben. :yawn: Ich habe den Eindruck, dass es nicht sehr viele BehandlerInnen gibt, die sich mit Traumata auskennen und so gut wie keine für K-PTBS. Zumindest im Internet finde ich für die Thematik keine Therapeuten und telefonieren ist mir momentan zu viel.
    • MusicSexNature wrote:

      thelord wrote:

      Sorry für meine spekulative Äußerung, aber zwischen mangelndem Selbstwertgefühl ("ich kann nichts") und Kindheitstrauma einen Zusammenhang zu vermuten, drängt sich doch geradezu auf.
      Traumatisches Erleben im allgemeinen sicherlich ja, aber nicht zwangsläufig ein "Kindheitstrauma" im klassischen Sinne. Bei zweiterem geht nämlich die große Suche nach bestimmten Ereignissen und konkreten Beziehungserfahrungen los, die, falls sie überhaupt dem Gedächtnis zugänglich sind, oft nur symptomatisch sind und damit ins Leere führen. Viel substanzieller und wahrscheinlicher ist doch, dass man in seinen spezifischen autistischen Stärken und Schwächen nicht wahrgenommen wird, es werden grob gesagt neurotypische Erwartungen und Maßstäbe an der Person angesetzt (familiär wie außerfamiliär, zB Schule), man bekommt in der Folge fortlaufend negatives Feedback, gleichzeitig wird das eigene Potential nicht erkannt, damit auch nicht gefördert und wertgeschätzt. Das ist von außen betrachtet kein "Trauma" im eigentlichen Sinne, kann aber als autistische Person (v.a. bei hoher emotionaler Sensitivität) als sehr traumatisch erlebt werden und sich damit auf das Selbstwertgefühl auswirken.
      Ja, durchaus. Wenn jemand denkt "Ich kann nichts", dann werden diese Gedanken ja wohl kaum schon in früher Kindheit da gewesen sein. Sondern wohl eher die Folge einer realen oder zumindest gefühlten Abwertung durch Andere. Genau da sehe ich den Ansatz der Tiefenpsychologie: Unsere Wahrnehmung, einschließlich der Wahrnehmung des eigenen Selbst, ist nicht objektiv, sondern beeinflussbar.

      "Ich denke, also bin ich" (Descartes). Auch wenn ich denke, dass ich "nichts kann", bin ich noch. Die Frage ist aber "Wer bin ich?" Und warum denke ich, dass ich nichts kann?

      Und da sehe ich dann zwei gewichtige, jedoch bedrückende Punkte.

      Die Erkenntnis, dass Wahrnehmung nicht objektiv ist, kann eine existenzielle Krise auslösen, weil dies auch eigene Grundeinstellungen in Frage stellen kann.

      Weitere logische Folgerung ist, dass man zu der Erkenntnis gelangen kann, dass das eigene Leben auch ganz anders hätte verlaufen können, wenn nicht (hier eigene Thematiken einsetzen) gewesen wäre. Und dann kann eine x-beliebige Person, die zu haben scheint, was einem selbst verwehrt blieb, triggern. Obwohl diese Person dafür überhaupt nichts kann.
      "In das Popcorn, das Sie gerade essen, hat wer reingepisst!" (Kentucky Fried Movie)


      "Sind Sie Polizisten?" "Nein, Ma'am. Wir sind Musiker!" (The Blues Brothers)
    • thelord wrote:

      Wenn jemand denkt "Ich kann nichts", dann werden diese Gedanken ja wohl kaum schon in früher Kindheit da gewesen sein. Sondern wohl eher die Folge einer realen oder zumindest gefühlten Abwertung durch Andere. Genau da sehe ich den Ansatz der Tiefenpsychologie: Unsere Wahrnehmung, einschließlich der Wahrnehmung des eigenen Selbst, ist nicht objektiv, sondern beeinflussbar.
      Interessant - genau hierin hätte ich zuallererst einen Ansatz für Verhaltenstherapie gesehen. Kann auch daran liegen, dass mir diese Richtung am nächsten liegt...

      thelord wrote:

      Bezüglich des Fettgedruckten (aus einer älteren Antwort): Was sollte daran nun typisch autistisch sein?
      Stimmt, das ist ein eher schlechtes Beispiel, aber auch nur ein Punkt unter vielen.