Tiefenpsychologische Psychotherapie - Nutzen und Gutachterverfahren

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    • Tiefenpsychologische Psychotherapie - Nutzen und Gutachterverfahren

      Hallo :) ,

      ich bin neu im Forum, habe hier schon viel gelesen und möchte nun selbst gerne mal nach euren Meinungen und Erfahrungen fragen.

      Es geht um die tiefenpsychologische Psychotherapie (TfP) bei Autismus und komorbiden Depressionen und Ängsten. Ich bin bei Internetrecherchen bisher nur auf gegensätzliche Informationen gestoßen, inwieweit eine solche Therapieform bei bestehendem Autismus überhaupt Sinn ergibt und hilfreich ist. So hieß es zum einen, Autismus könne ja nicht psychodynamisch erklärt werden, Autisten kämen (warum auch immer) mit der Therapieform nicht zurecht und evtl. psychische Komorbiditäten ergeben sich aus dem Autismus, sodass eher eine Verhaltenstherapie angebracht wäre; und somit würde eine TfP für eine autistischen Menschen im Gutachterverfahren der gesetzlichen Krankenkasse auch nicht genehmigt. Zum anderen las ich an machen Stellen, dass eine TfP hinsichtlich der Behandlung psychischer Komorbiditäten schon Sinn ergäbe, weil diese ja irgendwie entstanden sein müssen.

      Was stimmt denn nun, frag ich mich?
      Manchmal hatte ich bei meinen Recherchen den Eindruck, manche denken, als Autist wäre man gegen jegliche schädliche Umwelteinflüsse immun, sodass die einzige Ursache allen Übels und komorbider psychischer Erkrankungen immer nur der Autismus selbst sei. Das stimmt aber ja so nicht, denke zumindest ich.

      Ich möchte gerne allgemein erfahren, ob ihr vielleicht etwas zur Thematik wisst oder habt ihr vielleicht selbst Erfahrungen mit der TfP? Hat sie euch am Ende was gebracht und wurde der Antrag von einem Gutachter bewilligt?
    • Ich habe bisher keine Erfahrung mit TfP, sondern ich mache eine Verhaltenstherapie.
      In meiner Therapie habe ich den Eindruck, dass manchmal auch eine tiefenpsychologische Herangehensweise hilfreich wäre.

      Natürlich wäre es verkehrt, autistische Eigenschaften psychodynamisch zu erklären, aber wie du sagst, auch ein Autist hat eine Vergangenheit und reagiert auf Ereignisse in der Kindheit oder auch im Erwachsenenalter.

      Man braucht im Prinzip einen Therapeuten, egal ob Verhaltenstherapeut oder tiefenpsychologischer Therapeut, der die Merkmale von Autismus kennt und sie von erworbenen Eigenheiten unterscheiden kann.

      Ob die Therapie eine Überforderung wäre, hängt wahrscheinlich von der betreffenden Person ab. Wenn man gut reflektieren kann, dann sollte es keine Überforderung sein.
      Eine Überforderung würde ich eher bei einer Psychoanalyse erwarten, aufgrund des Settings in der Therapie.

      Ich hätte die Hoffnung, dass langfristig die Therapieformen mehr miteinander verschmelzen, weil man als Klient in der Therapie eigentlich alle Ansätze brauchen kann. Manche Therapeuten nehmen es mit der Trennung schon jetzt nicht mehr so genau.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:



      Ich hätte die Hoffnung, dass langfristig die Therapieformen mehr miteinander verschmelzen, weil man als Klient in der Therapie eigentlich alle Ansätze brauchen kann. Manche Therapeuten nehmen es mit der Trennung schon jetzt nicht mehr so genau.
      Ja, das erscheint mir auch vernünftig.


      Generell habe ich auch im Forum häufig den Eindruck, dass Psychodynamik ein wesentlicher Faktor zu sein scheint.
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    • Danke an Shenya und thelord für eure Beiträge!

      Shenya wrote:

      Eine Überforderung würde ich eher bei einer Psychoanalyse erwarten, aufgrund des Settings in der Therapie.
      Meinst du, hier wären speziell autistische Menschen überfordert und wenn ja, warum? Mich persönlich würde dieses Setting auch abschrecken, weil ich mir insbesondere beim klassischen Liegen auf der Couch ziemlich ausgeliefert vorkäme.

      Shenya wrote:

      Ich hätte die Hoffnung, dass langfristig die Therapieformen mehr miteinander verschmelzen, weil man als Klient in der Therapie eigentlich alle Ansätze brauchen kann. Manche Therapeuten nehmen es mit der Trennung schon jetzt nicht mehr so genau.
      Das fände ich auch sehr, sehr wünschenswert. Ich frage mich, ob Therapeuten, die eher traumatherapeutisch arbeiten, da vielleicht hilfreich wären für Menschen mit Autismus und psychischen Erkrankungen, weil in Traumatherapien ja häufig verschiedene Methoden und Richtungen zum Einsatz kommen.
      Ich finde es allerdings schon schwer genug, überhaupt auch nur irgendeinen Therapeuten zu finden, weil viele von der Autismus-Diagnose abgeschreckt sind meiner Erfahrung nach.


      thelord wrote:

      Generell habe ich auch im Forum häufig den Eindruck, dass Psychodynamik ein wesentlicher Faktor zu sein scheint.
      Magst du deinen Eindruck ein bisschen genauer begründen? Wäre sehr interessiert daran, wie du das siehst.
    • Im Prinzip (!) kann TP super viel bringen, egal ob mit Autismus oder nicht. Das Problem an VT ist halt, dass oft nur an der Oberfläche kratzt und mit TP die ganze Person mit ihrer Biographie im Mittelpunkt steht (was meiner Ansicht nach auch dem Bedürfnis vieler hochfunktionaler Autisten entgegenkommt).

      Das große Problem ist aber denke ich die Sprache der meisten Tiefenpsychologen, die Begrifflichkeiten, die für Deutungen und Interpretationen verwendet werden. Das führt meiner Ansicht nach bei den meisten Autisten dazu, dass sie eher zumachen und damit die Symptomatik (sowohl bzgl Autismus als auch Komorbiditäten) sich eher verschlimmert. Wenn der Therapeut nicht extremst (!) intelligent, empathisch und reflektiert mit seinem tiefenpsychologischen Knowhow umgeht, kann das dann ganz schnell dazu führen, dass das, was der Therapeut kommuniziert, stark normativen (und damit wertenden) Charakter bekommt, was einen potentiellen Heilungsprozess blockiert (insbesondere wenn viele unbewusste/abgespaltene internalisierte Stigmata beim Patienten vorhanden sind).

      Wenn der Therapeut allerdings schon Erfahrungen mit Autisten (oder ADHSlern, oder Hochbegabten) mit psychiatrischen Komorbiditäten hat, wäre ich eher dazu geneigt, mich darauf einzulassen, aber immer mit einer gesunden Distanz und Skepsis. Tiefenpsychologie kann einen regelrecht "verschlingen" (und kognitive Überkompensation triggern und verstärken -> pathologisches Selbstreflektieren), sodass Abgrenzung (eigentlich genau das, woran meiner Ansicht nach die meisten Autisten mit Komorbiditäten arbeiten "sollten") unmöglich wird und es zu (Re)Traumatisierungen kommen kann.
    • MusicSexNature wrote:

      Im Prinzip (!) kann TP super viel bringen, egal ob mit Autismus oder nicht. Das Problem an VT ist halt, dass oft nur an der Oberfläche kratzt und mit TP die ganze Person mit ihrer Biographie im Mittelpunkt steht (was meiner Ansicht nach auch dem Bedürfnis vieler hochfunktionaler Autisten entgegenkommt).
      Danke für deinen ausführlichen Beitrag, MusicSexNature!
      Den Eindruck hatte ich bei der VT auch ein bisschen und bin mir auch unsicher ob ein extrem symptomorientiertes Vorgehen überhaupt sinnvoll ist, da manche Autisten ja Schwierigkeiten haben, Gelerntes zu generalisieren und auf andere ähnliche Situationen zu übertragen. Da würde das Arbeiten an Symptomen ja vermutlich viel mehr Zeit kosten und kein Ende mehr nehmen.

      MusicSexNature wrote:

      Wenn der Therapeut nicht extremst (!) intelligent, empathisch und reflektiert mit seinem tiefenpsychologischen Knowhow umgeht, kann das dann ganz schnell dazu führen, dass das, was der Therapeut kommuniziert, stark normativen (und damit wertenden) Charakter bekommt, was einen potentiellen Heilungsprozess blockiert (insbesondere wenn viele unbewusste/abgespaltene internalisierte Stigmata beim Patienten vorhanden sind).
      Kannst du vielleicht genauer erklären, was du damit meinst, dass das vom Therapeuten Kommunizierte einen stark normativen Charakter bekäme? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden habe

      MusicSexNature wrote:

      Wenn der Therapeut allerdings schon Erfahrungen mit Autisten (oder ADHSlern, oder Hochbegabten) mit psychiatrischen Komorbiditäten hat
      Ich glaube, es ist nur sehr schwer, einen solchen erfahrenen TfP-Therapeuten zu finden. Wird denn eine TfP von den Gutachtern der KK bei Autisten regelhaft genehmigt?
    • @Itchy Finde ich grad schwer zu erklären, da es mich sehr triggert und ich gerade wenig Zugang dazu habe. Ich versuche es vielleicht ein anderes Mal, kannst mich sonst gern noch mal drauf ansprechen falls ich es vergesse. Eventuell gibt es hier ja den einen oder anderen, der meine Aussage versteht und das etwas konkretisieren kann.

      Ganz ganz grob gesagt: Der Therapeut sagt etwas (zB "Sie sind ständig dabei, Nähe zu vermeiden, und das sogar systematisch"), aufgrund einer intimen Äußerung von dir, die dir schon sehr viel Überwindung gekostet hat, überhaupt zu offenbaren. Dies wird dann noch mit wertenden Signalen seitens des Therapeutens (nonverbal, zT auch verbal) verknüpft. Folge: Man verinnerlicht "Ich vermeide, und das ist schlecht", ohne aber zu wissen: a) warum ich vermeide, b) dass Vermeidung eine Schutzfunktion hat und damit auch erst mal etwas ist, das man achten und wertschätzen sollte, und vor allem c) ohne Verhaltensalternativen aufgezeigt zu bekommen. Gerade letzter Punkt ist vielleicht ein Nachteil der TP gegenüber der VT: Man läuft Gefahr, mit den Erkenntnissen allein gelassen zu werden.

      Im schlimmsten Fall (in meinem Fall war es so) kann das so weit führen, dass in der Therapie dir deine ganze Wahrnehmung abgesprochen wird. Alles was du wahrnimmst und empfindest, sei nicht "real", sondern es komme einem nur so vor, in Wirklichkeit ist es ganz anders... Man kann dankbar sein, wenn man sowas überhaupt überlebt und ein Funken Lebenswille von einem da noch übrig bleibt. Es ist aber zugegebenermaßen der Extremfall davon, wie Therapie bzgl psychischer Misshandlung ablaufen kann. Ist aber wichtig sich bewusst zu machen, da es viele Therapeuten machen, ohne dass es ihnen bewusst ist bzw. sie diese Absicht haben. In unterschiedlichen Abstufungen natürlich.
    • Itchy wrote:

      Ich glaube, es ist nur sehr schwer, einen solchen erfahrenen TfP-Therapeuten zu finden. Wird denn eine TfP von den Gutachtern der KK bei Autisten regelhaft genehmigt?
      Ich glaub der Autismus selbst spielt für das Gutachten weniger eine Rolle, sondern mehr, dass aufgrund der Symptomatik (und evt auch der Erfahrungen in deiner zurückliegenden VT) ein Verfahrenswechsel gut begründet werden kann. Ich glaube dass der entsprechende Therapeut dafür zuständig ist, einen Bericht für den Gutachter zu verfassen, auf Grundlage dessen was du dem Therapeuten in den probatorischen Sitzungen erzählst (manche verlangen dann vielleicht noch einen Bericht von dir). Ich würde mich da eher auf die Komorbiditäten fokussieren (bei den Argumenten für das Gutachten während der probatorischen Sitzungen, nicht bei der Therapeutenwahl und der ersten Sprechstunde -> Da unbedingt den Autismus in den Vordergrund rücken), da der Autismus beim Gutachter eher ein Argument gegen die Bewilligung einer TP sein könnte (da laut wissenschaftlichen Leitfäden bei Autismus eher VT angeraten wird).

      Ein erfahrener Therapeut sollte sich aber mit dem Gutachterverfahren auskennen und wissen, wie man da am besten vorgeht, sodass es bewilligt wird.
    • @MusicSexNature
      Ich danke dir, dass du es trotzdem versucht hast, mir das ganze genauer zu erklären. Ich habe jetzt auch verstanden, was du meinst.

      MusicSexNature wrote:

      Der Therapeut sagt etwas (zB "Sie sind ständig dabei, Nähe zu vermeiden, und das sogar systematisch"), aufgrund einer intimen Äußerung von dir, die dir schon sehr viel Überwindung gekostet hat, überhaupt zu offenbaren. Dies wird dann noch mit wertenden Signalen seitens des Therapeutens (nonverbal, zT auch verbal) verknüpft. Folge: Man verinnerlicht "Ich vermeide, und das ist schlecht", ohne aber zu wissen: a) warum ich vermeide, b) dass Vermeidung eine Schutzfunktion hat und damit auch erst mal etwas ist, das man achten und wertschätzen sollte, und vor allem c) ohne Verhaltensalternativen aufgezeigt zu bekommen.
      Ich halte das, was du beschreibst, auch für sehr schwierig und fragwürdig; und ich glaube, dass so ein Therapeuten-Verhalten auch bei sensiblen und leicht verletzlichen nicht-autistischen Patienten schnell zu so fatalen Schlussfolgerungen führen kann.
      Da hast du, wie in deinem ersten Beitrag beschrieben, wahrscheinlich schon recht, dass ein Therapeut hier viel Reflexion und Emapthie mitbringen muss, um das zu vermeiden. Es ist wahrscheinlich nur schwierig, in den probatorischen Stunden herauszufinden, wie ein Therapeut letztlich so drauf ist, wenn die Therapie richtig in Gang ist.

      MusicSexNature wrote:

      Im schlimmsten Fall (in meinem Fall war es so) kann das so weit führen, dass in der Therapie dir deine ganze Wahrnehmung abgesprochen wird. Alles was du wahrnimmst und empfindest, sei nicht "real", sondern es komme einem nur so vor, in Wirklichkeit ist es ganz anders...
      Tut mir sehr leid, dass du das in deiner Therapie so erleben musstest. Ich weiß, wie schlimm sowas ist, weil es generell zu meinen Problembereichen gehört, dass ich mir meiner eigenen Wahrnehmung nie sicher bin. Allerdings kann ich für mich selbst schlecht beantworten, ob das am Autismus oder an ungünstigen Erfahrungen liegt.

      MusicSexNature wrote:

      Ein erfahrener Therapeut sollte sich aber mit dem Gutachterverfahren auskennen und wissen, wie man da am besten vorgeht, sodass es bewilligt wird.
      Leider wurde ich von einem TfP-Therapeuten schon abgelehnt, da er meinte, mit Autismus würde mir sowieso keine TfP bewilligt. Aber auch von Verhaltenstherapeuten habe ich bereits Ablehnungen erhalten. Es ist sehr schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der bereit ist, sich darauf einzulassen.

      The post was edited 1 time, last by Itchy ().

    • @Itchy Ja das ist leider sehr schwer, man braucht ein gutes Durchhaltevermögen. Gibt es ein Autismus-Zentrum bei dir in der Stadt oder Nachbarstadt? Die bieten Autismus-Therapien an. Wo allerdings oft eher verhaltenstherapeutisch oder pädagogisch gearbeitet wird, zumindest soweit ich das mitbekommen habe.
    • MusicSexNature wrote:

      Ja das ist leider sehr schwer, man braucht ein gutes Durchhaltevermögen.
      Ja, leider... Zurzeit ist es echt zum Verzweifeln.

      MusicSexNature wrote:

      Gibt es ein Autismus-Zentrum bei dir in der Stadt oder Nachbarstadt?
      So ein Zentrum gibt es, allerdings arbeiten sie dort tatsächlich eher pädagogisch. Da meine größten Schwierigkeiten eher auf die Komorbiditäten zurückgehen, wurde mir im ATZ zu weiter Psychotherapie geraten.
    • Shenya wrote:

      Natürlich wäre es verkehrt, autistische Eigenschaften psychodynamisch zu erklären,
      So klar ist das nicht, da bislang immer noch nicht gesichert ist, wie Autismus entsteht, aber ich kenne mittlerweile die doch recht versteifte Haltung vieler Betroffener und Behandler, die ungeachtet der offenen Forschungsfragen steif und fest behauptet, dass alles nur an den Genen läge bzw "angeboren sei" und Autismus eh unheilbar sei. Und ähnliche Schlüsse ziehen ja auch die Diagnostikmanuale.

      Vor diesem Hintergrund ist vermutlich die Ansicht entstanden, dass Tiefenpsychologie bei Autisten nichts bringe. Für mich klingt das danach, als sähe man Autisten ohne Seele und Vergangenheit, deren Psyche und Innenleben nur ein Gefäß darstelle, in das vordefinierte und unwiderrufliche Inhalte gekippt werden.

      Erstens kommt es auch bei Autisten (wer hätte das gedacht :sarcasm: ) zu Interaktionen mit der Umwelt und somit psychischen Prozessen, die Komorbitäten auslösen können (und wieso sollte man die nicht tiefenpsychologisch betrachten, nur weil es Autisten sind?) und zweitens bin ich der Meinung, dass die Symptome des Autismus aus etwas komplexeren Prozessen entstanden sind, die in jedem Fall auch eine tiefenpsychologische Behandlung rechtfertigen.

      Ich bin gespannt, wann sich diese Ansicht weiter verbreiten wird bzw zumindest diskutiert wird.

      Tiefenpsychologie ist aber auch nicht gleich Tiefenpsychologie. Mir hilft diese Therapierichtung dann nicht, wenn der Therapeut immer nur dasitzt und "aha, interessant, erzählen Sie mal!" sagt und bis auf sehr wenige Rückfragen kein Input bzw keine Erklärungen und Rückmeldungen kommen. So eine Therapie ist zumindest für mich für die Katz (RW). Ich glaube, dass gerade Autisten eine empathische Spiegelung ihrer Bedürfnisse benötigen würden und da erscheint mir die Herangehensweise einiger, recht eingestaubter Konzepte aus der Tiefenpsychologie eher gegenteilig. Andere Methoden der Tiefenpsychologie halte ich aber für hilfreich.

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • Eine tiefenpsychologische Psychotherapie versucht vergangenes auf zu arbeiten, wo hingegen eine Verhaltenstherapie versucht das gegenwärtige Verhalten zu ändern. Denke es kommt viel darauf an,
      was man verändern möchte bzw. voran man arbeiten möchte.
    • Itchy wrote:

      Meinst du, hier wären speziell autistische Menschen überfordert und wenn ja, warum? Mich persönlich würde dieses Setting auch abschrecken, weil ich mir insbesondere beim klassischen Liegen auf der Couch ziemlich ausgeliefert vorkäme.
      Wenn es eine klassische Analyse ist, dann läuft das wohl so ab, dass der Klient ganz frei erzählen soll, was ihm gerade durch den Kopf geht. Der Therapeut kommentiert wenig und steuert nicht. Damit würde ich nicht klarkommen. Ich brauche einen Therapeuten, der nachfragt, Dinge von sich aus vertieft, der mir auch seine Deutungen anbietet und mit mir Lösungen erarbeitet.
      Was Deutungen angeht, darf auch ruhig mal etwas dabei sein, was nicht stimmt, solange ich das dann auch sagen darf und es akzeptiert wird. Bei einem guten Therapeuten geht das.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Itchy wrote:

      Leider wurde ich von einem TfP-Therapeuten schon abgelehnt, da er meinte, mit Autismus würde mir sowieso keine TfP bewilligt. Aber auch von Verhaltenstherapeuten habe ich bereits Ablehnungen erhalten. Es ist sehr schwierig, überhaupt jemanden zu finden, der bereit ist, sich darauf einzulassen.
      Es ist tatsächlich schwierig, "nur" mit Autismus eine kassenfinanzierte Psychotherapie genehmigt zu bekommen, weil aus Krankenkassensicht zu wenig Änderungspotenzial besteht oder so. Die Therapeuten, bei denen ich bislang war, haben mir darum immer auch eine weitere Diagnose gegeben, "aus abrechnungstechnischen Gründen" ist man dann eben auch depressiv oder hat eine Anpassungsstörung. Behandelt werden sowieso die vorliegenden Probleme und nicht die Diagnose (wobei sich der Therapeut natürlich mit der Diagnose auskennen sollte, klar).

      Ich glaube, das Problem liegt also weniger in der Frage "Wird eine tiefenpsychologische Therapie von einem Gutachter bewilligt werden?" als in der Frage "Wie finde ich einen passenden Therapeuten?". Wenn Letzteres gegeben ist, sollten sich mit den Formalitäten nicht viele Probleme ergeben. Normalerweise bekommt der Klient davon überhaupt nichts mit, das ist der Job des Therapeuten. Es ist aber eine bequeme "Ausrede" für Therapeuten, zu sagen, dass der Gutachter etwas nicht genehmigt; das ist wohl leichter als "Ich möchte Sie nicht als Klient nehmen". ;)

      Zu den Therapieformen hat meine alte Psychiaterin sich mal negativ über Psychoanalyse bei ASS geäußert und gesagt, da "bliebe man ja sehr allein", das sei nicht passend für mich. Das hat mein Gefühl nach den jeweiligen Erstgesprächen ganz gut widergespiegelt und passt auch zu dem, was Shenya schrieb. Für mich ist Analyse definitiv gar nicht geeignet; TP kann ich mir theoretisch vorstellen, praktisch bin ich immer nur bei VT gelandet.
    • Danke, FruchtigBunt, für deine Antwort!

      FruchtigBunt wrote:

      So klar ist das nicht, da bislang immer noch nicht gesichert ist, wie Autismus entsteht, aber ich kenne mittlerweile die doch recht versteifte Haltung vieler Betroffener und Behandler, die ungeachtet der offenen Forschungsfragen steif und fest behauptet, dass alles nur an den Genen läge bzw "angeboren sei" und Autismus eh unheilbar sei.
      Dazu fällt mir gerade ein, dass ich vor kurzem eine Folge eines Podcasts über Psychoanalyse gehört habe, in der es um Autismus ging. Dort hieß es auch, dass der Ursprung von Autismus noch ungeklärt sei, dass aber in psychoanalytischen Kreisen auch darüber spekuliert wird/wurde, ob Autismus nicht vielleicht auch sehr, sehr früh im Leben durch ungünstige äußere Bedingungen entsteht und damit quasi eine frühe psychische Störung ist.
      Ich weiß es nicht so genau, sehe es aber dennoch aus so, wie du es im folgenden beschrieben hast

      FruchtigBunt wrote:

      Erstens kommt es auch bei Autisten (wer hätte das gedacht ) zu Interaktionen mit der Umwelt und somit psychischen Prozessen, die Komorbitäten auslösen können (und wieso sollte man die nicht tiefenpsychologisch betrachten, nur weil es Autisten sind?) und zweitens bin ich der Meinung, dass die Symptome des Autismus aus etwas komplexeren Prozessen entstanden sind, die in jedem Fall auch eine tiefenpsychologische Behandlung rechtfertigen.
      Selbst wenn jemand schon von Geburt an aufgrund von Genen usw. Autismus mitbringt, kann er doch trotzdem wie jeder andere Mensch auch, ob als Folge des autistischen Daseins oder ganz unabhängig davon, psychisch erkranken, traumatisiert werden oder eine Persönlichkeitsstörung entwickeln. Ich begreife nicht, warum selbst Ärzte und Therapeuten immer nur dieses Entweder/Oder im Kopf haben. Höchstens Depressionen und Ängste als Folge des Autismus werden hier noch anerkannt, strukturelle Störungen in der Regel nicht.

      FruchtigBunt wrote:

      Tiefenpsychologie ist aber auch nicht gleich Tiefenpsychologie. Mir hilft diese Therapierichtung dann nicht, wenn [...] bis auf sehr wenige Rückfragen kein Input bzw keine Erklärungen und Rückmeldungen kommen. [...] Andere Methoden der Tiefenpsychologie halte ich aber für hilfreich.
      Soetwas würde mir auch nicht helfen; ich möchte ja kein Selbstgespräch führen oder nur einen "seelischen Mülleimer" haben, um mir meine Probleme nur von der Seele zu reden. Damit kann zumindest ich für mich nichts verändern.
      Welche Methoden der Tiefenpsychologie hältst du denn für sinnvoller? Ich kenne mich mit tiefenpsychologischen Methoden nur sehr wenig aus bisher.

      Shenya wrote:

      Wenn es eine klassische Analyse ist, dann läuft das wohl so ab, dass der Klient ganz frei erzählen soll, was ihm gerade durch den Kopf geht. Der Therapeut kommentiert wenig und steuert nicht. Damit würde ich nicht klarkommen. Ich brauche einen Therapeuten, der nachfragt, Dinge von sich aus vertieft, der mir auch seine Deutungen anbietet und mit mir Lösungen erarbeitet.
      Danke auch dir, Shenya, für die Antwort! Auch bezugnehmend auf meinen letzten Absatz, sehe ich das genauso, ich würde mir persönlich auch lieber einen Therapeuten wünschen, der mehr steuert und Rückmeldungen gibt. Vor allem da ich u.a. an meiner Beziehungsfähigkeit arbeiten möchte, brauche ich ein authentisches Gegenüber, das sich auch wirklich mit mir auseinandersetzt. Und wiederum für andere Probleme jemanden, der mit mir Lösungen erarbeitet.
    • filipendula wrote:

      Es ist tatsächlich schwierig, "nur" mit Autismus eine kassenfinanzierte Psychotherapie genehmigt zu bekommen, weil aus Krankenkassensicht zu wenig Änderungspotenzial besteht oder so.
      filipendula, danke für deinen Beitrag!
      Also ich habe auch noch Depressionen und Ängste als weitere Diagnosen, dennoch wurde ich vom TfP-Therapeuten abgelehnt, weil er der Meinung ist, Autismus wäre eine Kontraindikation für TfP. Ich habe auch den Eindruck, dass der Therapeut vielleicht einfach keine Lust auf mich hatte.
      Ein Verhaltenstherapeut hat mich jedoch auch abgelehnt, da er der Meinung war, Autisten hätten zu viele Probleme mit der Artikulation von Gefühlen, das würde nicht zu dem passen, wie er arbeitet. Ich fand das sehr schade, dass er mich mit so einer Verallgemeinerung abgelehnt hat.
      Von anderen Therapeuten habe ich nach Mitteilung der Autismus-Diagnose gar keine Antwort mehr erhalten.
      So viele Therapeuten gibt es hier nun leider auch nicht, sodass die Suche schon echt zum Verzweifeln ist.


      filipendula wrote:

      Für mich ist Analyse definitiv gar nicht geeignet; TP kann ich mir theoretisch vorstellen, praktisch bin ich immer nur bei VT gelandet.
      Eine Analyse wäre für mich auch nichts. Eine TfP hätte ich mich da schon eher vorstellen können. Konntest du in der VT etwas für dich erreichen? Ich bin dort leider auch nicht wirklich weiter gekommen. Ich bin innerlich irgendwie total starr und so fällt es mir schwer, an irgendeiner Stelle etwas zu verändern, das Gesamtkonstrukt an Problemen und ungünstigen Verhaltensweisen und Charakterzügen gerät bei mir dabei irgendwie nicht in Bewegung.
    • Vulkan wrote:

      Eine tiefenpsychologische Psychotherapie versucht vergangenes auf zu arbeiten, wo hingegen eine Verhaltenstherapie versucht das gegenwärtige Verhalten zu ändern. Denke es kommt viel darauf an,
      was man verändern möchte bzw. voran man arbeiten möchte.
      Danke für deine Antwort!
      Ich würde am liebsten beide Konzepte verbunden haben. Es sollte nicht nur in der Vergangenheit herumgesucht werden, aber sich nur an Symptomen langzuhangeln, find ich irgendwie zu oberflächlich.
      Ich dachte, in der tiefenpsychologischen Therapie würde es nicht auch nur um die Vergangenheit gehen, sondern um Unbewusstes, also dass man das innere Konzept hinter all den Symptomen versteht.
    • Itchy wrote:

      Ein Verhaltenstherapeut hat mich jedoch auch abgelehnt, da er der Meinung war, Autisten hätten zu viele Probleme mit der Artikulation von Gefühlen, das würde nicht zu dem passen, wie er arbeitet. Ich fand das sehr schade, dass er mich mit so einer Verallgemeinerung abgelehnt hat.
      Ich will nicht zu pessimistisch klingen, aber: Psychotherapeuten sind scheiße. Und vor allem arrogant es fuck. Es ist ein systemisches Problem, über das aber nicht oder zu wenig gesprochen wird. Psychotherapie ist ein ungeheuer anspruchsvoller, komplexer und heikler Prozess. Die Dimension dessen wird den Auszubildenden zT nicht vermittelt oder es besteht einfach nicht genügend Bewusstsein darüber, was dann dazu führt, dass ein Großteil der Therapeuten sich nur auf die Behandlung "einfacher" und vor allem sehr verbreiteter Erkrankungen (Depressionen und Angststörungen) fokussieren. Alles andere sind dann "besonders schwere Spezialfälle" (weil es in der Ausbildung eben so gelernt wird), obwohl die mit Sicherheit genauso verbreitet sind, nur eben nicht so sichtbar (zT weil allein schon die richtigen Diagnosen fehlen).

      Hinzu kommt, dass es einen tiefen Graben zwischen "Psychischen Erkrankungen" und "Behinderungen" gibt, und Autismus wird in der öffentlich-fachlichen Wahrnehmung mehr zu letzterem gezählt wird. Über Behinderungen lernen Psychotherapeuten nichts (!) während des Studiums oder der Ausbildung. Noch schlimmer ist die allgemeine soziale Blindheit der klinischen Psychologie: Gesellschaftliche, soziokulturelle und sozioökonomische Aspekte psychischer Erkrankungen (hinsichtlich Entstehung als auch Heilung) haben in der Psychotherapie kaum eine Relevanz (da gibt es sogar wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema).