Empathie und Isolation -> Positiver Zusammenhang?

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    • Empathie und Isolation -> Positiver Zusammenhang?

      Das Thema Empathie wird ja im Autismus-Kontext sehr kontrovers diskutiert. Dass Autisten einen Mangel an (affektiver) Empathie haben, scheint ja immer mehr überholt zu sein, wurde glaube ich auch schon an der einen oder anderen Stelle hier im Forum thematisiert (erinnere mich aber nicht mehr konkret).

      Mir wird immer mehr bewusst, dass meine Empathie eigentlich der Grund dafür ist, warum ich im sozialen Kontakt immer wieder überfordert bin.

      In diesem Zusammenhang bin ich in letzter Zeit immer öfter auf Artikel und Videos gestoßen, die die schädlichen Auswirkungen von zu viel Empathie thematisieren. Zusammengefasst und leicht überspitzt könnte man sagen: Wer Empathie hat, schaut weg - aus Selbstschutz. (Sehr einleuchtend fand ich da ein Beispiel in einem Video zu Empathischem Stress von maiLab: Bei einem Bettler in der Fußgängerzone tendieren viele Menschen dazu, wegzugucken, um sich vor dem empathischen Stress zu schützen. Die moralische Dimension die dort angesprochen wird, ist hier aber nicht relevant, darf gern ignoriert werden - /watch?v=ifOGx8ELCno)

      Was meint ihr, kann man das verallgemeinernd auf Autismus anwenden? Autismus als Schutzsystem des Gehirns, nicht nur vor zu vielen sensorischen Reizen im allgemeinen, sondern auch vor zu vielen empathischen Empfindungen im speziellen?

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    • Ergänzend dazu könnte man dann festhalten, Autismus (bzw. "autistische Isolation" als Schutzmechanismus) führt langfristig dazu, dass man sowohl mit der sozialen, als auch kulturellen und materiellen Umwelt nur sehr schwer in Beziehung, in Resonanz gehen kann, was zu Depressionen, Wutausbrüchen, Panikattacken führt, und die "autistische Isolation" wiederum verstärkt (und damit zu einem Teufelskreis wird).

      Und das würde umso mehr verdeutlichen, warum bei sehr vielen Autisten (vielleicht sogar bei einem Großteil?) Symptome von Traumafolgestörungen zu beobachten sind (Isolation und Kontrollverlust als traumatische, sich ständig wiederholende Erfahrung -> kPTBS). Parallel dazu geht die Fähigkeit, seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen, geschweige denn ihnen gerecht zu werden, immer mehr abhanden.

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    • Es gibt einen Hirnforscher, der genau das über Autismus sagt...

      Dass Autisten zu viel Reize aufnehmen, und dadurch ein Chaos im Gehirn entsteht...

      Autisten nehmen durchaus akustische Reize ungefiltert wahr. Auch ich.

      Aber ich denke, dass Autisten eher die sozialen und empathischen Reize und Signale verloren geht!

      Autismus-Spektrum-Störungen beinhalten Veränderungen oder Störungen des Zentralen Nervensystems! Also die Verbindungen der Synapsen des Zentralen Nervensystems wirken sich auf die sozialen interaktiven und kommunikativen Fähigkeiten aus. Und natürlich auch auf die Flexibilität im Verhalten und die Reizverarbeitung auf allen Ebenen.

      So ist der aktuelle Stand der Forschung! So jedenfalls wird Autismus medizinisch definiert. Also nur über die negativen Seiten und Defizite.

      Aber Autismus ist ja so viel mehr. Es gibt ja auch die positiven Aspekte dieses Phänomens! Die kognitiven Fähigkeiten usw... Ich denke, dass Autismus eher ein evolutionär bedingtes Eigenschaftscluster ist, dass irgendwann mal einen Nutzen für den Menschen gehabt haben muss.
      Z.B ein fehlendes Interesse an Sozialen Interaktionen und eine enge Fokussierung auf ein bestimmtes Gebiet. Das muss doch irgendwie einen Nutzen gehabt haben.

      Man geht ja sogar davon aus, dass Isaac Newton Autist gewesen sein soll...

      LG Niklas
    • MusicSexNature wrote:

      Was meint ihr, kann man das verallgemeinernd auf Autismus anwenden?
      Auch wenn ich noch nicht diagnostiziert bin, kann ich aus meiner Sicht nur sagen: Nein.

      Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt gewisse emphatische Eigenschaften zu trainiren. Aus meiner Kindheit weiß ich aber, daß Empathie im Sinne von Mitfühlen absolut nicht mein Ding war. Wenn es damals Situationen gab, bei denene Gefühle eine Rolle spielten (insbesondere Angst, Wut und Freude) ging es ausschließlich um mich. In die Welt der anderen habe ich mich damals nicht hineinversetzt. Ich habe dafür nie einen Anlaß gesehen. Im Laufe meines Lebens hat sich das etwas geändert, da ich sonst sozaial isoliert geblieben wäre. Funktionieren tut das aber nur kognitiv.
    • Meine ganz privat persönliche Erklärung dazu ist folgende:
      Ich bin im Inneren ein ziemlich empathischer Mensch. Oft kann ich aber nicht einschätzen, was andere Menschen gerade fühlen und denken. Das führt auch manchmal dazu, dass ich "überinterpretiere", was Empathie angeht, also nur die hilflose Seite des Bettlers sehe, sonst aber nichts anderes. Wenn ich aber gerade nicht so in Kontakt mit meiner empathischen Seite bin, wirke ich allerdings sehr kühl und abweisend. Es braucht meistens eine Art von Kontakt von dem Individuum zu mir, um die Empathie auszulösen. Also wenn der/diejenige über Gefühle redet oder eine Situation beschreibt, die ich selbst schon mit(erlebt) habe.

      Ich glaube, dass ich mir dieses sehr empathische Verhalten antrainiert habe, um ein bisschen mehr sozial "anzukommen", aber es auf Dauer auch sehr anstrengend sein kann. Es ist möglicherweise nicht nur umweltgeprägt, sondern wie Hochsensibilität etwas sehr persönliches, wie stark man mitfühlt, und wie stark man auf Auslöser achtet, um mitzufühlen.
    • Spero wrote:

      Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt gewisse emphatische Eigenschaften zu trainiren. Aus meiner Kindheit weiß ich aber, daß Empathie im Sinne von Mitfühlen absolut nicht mein Ding war. Wenn es damals Situationen gab, bei denene Gefühle eine Rolle spielten (insbesondere Angst, Wut und Freude) ging es ausschließlich um mich. In die Welt der anderen habe ich mich damals nicht hineinversetzt. Ich habe dafür nie einen Anlaß gesehen. Im Laufe meines Lebens hat sich das etwas geändert, da ich sonst sozaial isoliert geblieben wäre. Funktionieren tut das aber nur kognitiv.
      "In die Welt der anderen habe ich mich damals nicht hineinversetzt" - ich würde präziser formulieren: Ich habe diese innere Gefühlswelt anderer gar nicht gesehen und hab bis heute meine Probleme damit, da etwas zu erkennen. Erfahre ich es aber, weil man es mir sagt, dann sind emotionale Reaktionen schon vorhanden. Sonst würde ich ja auch nichts empfinden, wenn ich in den Nachrichten von einer Katastrophe höre oder lese. Was war ich betroffen, als 9/11 passierte und - positiv jetzt - was hab ich mich gefreut, als 1989 die Mauer aufging. Auch Autisten kamen da vor dem TV die Tränen...

      Mit Schwierigkeiten beim Lesen von Gefühlen muss man aber nicht automatisch sozial isoliert sein. Die Mitgliedschaft in einem Verein, in einer Sportgruppe setzt ja nicht voraus, jedes Gefühl eines anderen von dessen Gesicht oder Körper zu "lesen".
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)
    • FrankMatz wrote:

      Ich habe diese innere Gefühlswelt anderer gar nicht gesehen
      So wäre das auch in meinem Fall besser formuliert gewesen. Wie bereits beschrieben, klappt das mittlerweile besser, aber wie du auch schreibst eben auf kognitiver Ebene. Es muß auch einer darüber sprechen, oder die Situation ist so offensichtlich, daß ich erkenne wie es dem anderen möglicherweise geht. Wie mann die innere Gefühlswelt eines anderen Menschen sehen soll, ohne daß die vorgenannten Dinge passieren, erschließt sich mir nicht.

      FrankMatz wrote:

      Mit Schwierigkeiten beim Lesen von Gefühlen muss man aber nicht automatisch sozial isoliert sein. Die Mitgliedschaft in einem Verein, in einer Sportgruppe setzt ja nicht voraus, jedes Gefühl eines anderen von dessen Gesicht oder Körper zu "lesen".
      Automatisch isoliert ist man nicht, die soziale Isolation außerhalb der Familie, beruhte ja eher darauf, daß ich nicht wußte, wie ich mit anderen in Kontakt kommen soll und was man mit den anderen anstellt, wenn diese meine Interessen nicht teilen. Das geht mir im Prinzip auch heute noch so, nur habe ich mittlerweile gelernt, wie das funktioniert. Nur wenn eine solche Situation dann anders verläuft als von mir geplant, stoße ich sehr schnell an meine Grenzen. Das ist dann ein Gefühl, als würde man nackt auf einem Marktplatz stehen.
    • Spero wrote:

      (...) die soziale Isolation außerhalb der Familie, beruhte ja eher darauf, daß ich nicht wußte, wie ich mit anderen in Kontakt kommen soll und was man mit den anderen anstellt, wenn diese meine Interessen nicht teilen. Das geht mir im Prinzip auch heute noch so, nur habe ich mittlerweile gelernt, wie das funktioniert.
      Wenn andere meine Interessen nicht teilen, ist es sehr sehr schwer, Kontakt aufzubauen. Ich habe zwar gelernt, wie ich da vorgegeben sollte (in der Therapie, nicht von allein), aber in konkreten Situation geht es immer wieder schief. Deshalb mag ich es ja, wenn ein offizieller Rahmen da ist: Verein, Gewerkschaft, Wandergruppe usw., da existiert dann eine Basis, die die Kommunikation erleichtert.
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)
    • FrankMatz wrote:

      Ich habe zwar gelernt, wie ich da vorgegeben sollte (in der Therapie, nicht von allein)
      Was genau hast du denn da in der Therapie gelernt und was war das für eine Therapie? Ich bin etwas am Überlegen, ob es Sinn für mich macht, mich um eine Diagnose & evtl. Therapie zu bemühen, und mich würde interessieren, wie dort versucht wird, Sozialfähigkeiten usw. zu verbessern.
      Alle beschweren sich über das Wetter, aber keiner tut was dagegen.
    • Rorschach wrote:

      Was genau hast du denn da in der Therapie gelernt und was war das für eine Therapie?
      Das ist Verhaltenstherapie, bei einem psychologischen Psychotherapeuten, Arbeitsschwerpunkt Autismus. In der Regel geht er mittlerweile (ich bin in der "Verlängerung", habe also die Kurzzeittherapie von 5 probatorischen plus 10 Sitzungen überschritten) von einer Frage, die ich stelle, einem Problem, das ich erläutere, aus. Ich soll dann selbst mögliche Lösungen suchen, Alternativen zu meinem Verhalten (vor allem, wenn es nicht zielführend war) finden, ich soll immer wieder meinen Gefühlen in bestimmten Situationen nachspüren, das heißt mir bewusst werden, warum bestimmte Dinge, Situationen etc. Unwohlsein, Krisen auslösten. Manchmal geschieht das über Rollenspiele (mag ich grundsätzlich überhaupt nicht, muss aber immer einsehen, dass es mir nachher doch eine Menge bringt).

      Ein praktisches Beispiel: Ich berichte von einem bevorstehenden runden Geburtstag in der Familie und schildere mein Unwohlsein, meine Befürchtungen, weil über die Familie hinaus jede Menge Kolleginnen und Kollegen des Geburtstagskindes und auch Freunde aus Sport- und sonstigen Vereinen eingeladen sind. Ich habe Angst vor dem Trubel, ich fürchte, dass ich mich quäle, wenn ich irgendwo sitze, wo ich die Leute rechts und links von mir nicht kenne. Wir üben dann: Wie kann man Fremde ansprechen? Wie kann man sie auf Themen bringen, bei denen ich mich sicher fühle, die mir Spaß machen? Wie kann man auch klar sagen, dass einen ein bestimmtes Thema überhaupt nicht interessiert? Wie kann man andere immer wieder dazu bringen, Dinge zu thematisieren, dir eine für einen selbst angenehme Atmosphäre zur Folge haben. Und vor allem: Ich lerne immer wieder auch, mit meinen Grenzen umzugehen; O-Ton Thera: "Wenn's gerade nichts zu bereden gibt, stellen Sie sich doch einfach mal an die Bar, genießen Sie Ihr Bier und beobachten Sie, was die NTs so alles treiben, und tun Sie das vor allem souverän und lösen Sie sich von der Haltung Jetzt redet wieder keiner mit mir, was bin ich einsam." Also: Ich lerne/übe an ganz konkreten Situationen. Und: Natürlich waren die anfänglichen Sitzungen auch deutlich theoretischer, das heißt ich habe über Autismus gelesen (z.B. den Tony Attwood durchgearbeitet) und meine Fragen bzw. Anmerkungen in die Sitzungen mitgebracht. Ich habe also auch mein Sosein erst einmal verstehen gelernt.

      Und gelegentlich besuche ich Gruppensitzungen, weil ich es wichtig finde, mit anderen Aspies zusammen mich auszutauschen. In der Gruppe versuchen wir deutlich mehr selbst zu steuern, vom Therapeuten unabhängiger zu sein.
      Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. (Mahatma Gandhi, Mein Leben)

      The post was edited 1 time, last by FrankMatz ().