Schwierigkeiten bei der Diagnostik / Kann man auch nur "autistische Anteile" haben?

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    • Schwierigkeiten bei der Diagnostik / Kann man auch nur "autistische Anteile" haben?

      Hallo,

      ich habe ein paar Fragen zu Schwierigkeiten bei der Diagnostik.

      • Überschneidungen mit anderen psychischen Krankheiten: Wie ist das, wenn man etwas hat, was sehr viele Überschneidungen mit Autismus hat? Z.B. soziale Ängste, ängstlich-vermeidende oder schizoide Persönlichkeitsstörung. Kann das bei einer professionellen Diagnostik so klar voneinander abgegrenzt werden, ob ein Symptom in Zusammenhang mit Autismus oder etwas anderem steht?
      • Falsche Selbsteinschätzung: Wie ist das, wenn sich jemand selbst nicht richtig einschätzen kann? Es kann ja sein, dass man bei einer Befragung bejaht, dass bestimmte typisch autistische Verhaltensweisen auf einen zutreffen, weil man es selbst nicht richtig sieht und/oder einem das öfter so eingeredet wurde. Mir wurde z.B. von meinen Eltern (im Streit) einige Male vorgeworfen, ich hätte Autismus, könnte mich nicht in andere hineinversetzen usw., sodass ich es schon fast selbst glaube, obwohl ich es andererseits auch nicht glaube.
      • Eltern sagen nicht die Wahrheit: Wenn meine Mutter etwas über mein Verhalten in der Kindheit erzählen sollte, dann würde sie niemals die Wahrheit sagen, welche Probleme/Auffälligkeiten es gab, weil sie Angst hat, an irgendetwas schuld zu sein (z.B. dass sie nichts unternommen hat). Ihre Einschätzung wäre mit Sicherheit, dass mit mir alles gut und normal war. Dann könnte man so eine Einschätzung ja gar nicht gebrauchen?
      • Falscher Eindruck bei Verhaltensbeobachtung: Wenn mein Verhalten beobachtet würde, dann käme es sehr auf die Situation an. In manchen Situationen zeige ich wirklich ein für Autisten typisches Verhalten, in anderen Situationen/bei sehr vertrauten Menschen kann ich dagegen normaler und lockerer sein. Wenn ich beobachtet würde, dann würde ich wohl automatisch sehr blockiert und Richtung Autismus wirken. Wie kann sowas dann richtig eingeschätzt werden?
      Kann am Ende auch herauskommen, dass man autistische Anteile hat, ohne dass man "komplett autistisch" ist?
      Beim Psychologen wurden mir die Diagnosen ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung + abhängige Persönlichkeitsstörung gestellt und ich hätte schizoide Anteile. Autismus sieht er bei mir nicht, weil mein Lebenslauf seiner Meinung nach anders ist als bei Patienten, die er mit Autismus kennt. Allerdings erwähnte er mal an anderer Stelle, als ich wieder von bestimmten Symptomen (Reizüberflutung in Gruppensituationen) sprach, dass das autistische Anteile wären.

      Mich verwirrt das. Woher weiß ich jetzt, was ich habe? Man kann ja dann bei allem, was nicht so richtig geklärt ist, sagen, dass man Anteile von XY hat?!

      LG
    • Ja, man kann Autistische Züge und Verhaltensweisen haben, ohne Autist zu sein.

      Zur Unterscheidung: wichtig ist hier zu prüfen, ob die Auffälligkeiten seit der frühkindlichen Entwicklung bestehen. Tun sie dies nicht, kann man Autismus ausschließen.

      Besonders häufig genannt werden die Differentialdiagnosen: Schizophrenienahe Persönlichkeitsstörungen (dazu gehören die paranoiden, schizoiden und schizotypischen PS), Soziale Angststörungen (dazu gehören die soziale Phobie sowie die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung) und Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung, sowie ADHS

      Die Selbsteinschätzung sollte mithilfe des Psychiaters und seinen Tests überprüft werden. Ein Spezialist wird dort verschiedene Methoden anwenden und mit dir gemeinsam die Fragebögen auch durchsprechen.

      Bzgl. der Eltern: Hier wäre ein Hinweis an den Diagnostiker gut und evtl. Alternative Bezugspersonen die eher gewillt sind wahrheitsgemäß zu antworten. Zeugnisse und Beurteilungen in schriftlicher Form sind auch eine gute Quelle.

      Falscher Eindruck: Wenn ein Gespräch oder mehrere lange genug gehen und du dich sicherer fühlst etc. Kann das der Diagnostiker nutzen um es einzuschätzen. Meine Diagnostik dauerte irgendwas um 7 h ca denke ich.

      Du weiß, was du hast, wenn du dir eine Meinung von einem Spezialisten auf dem Gebiet Autismus und Differentialdiagnosen einholst. In welcher Gegend von Deutschland darfs denn sein?
    • Elena wrote:

      Überschneidungen mit anderen psychischen Krankheiten: Wie ist das, wenn man etwas hat, was sehr viele Überschneidungen mit Autismus hat? Z.B. soziale Ängste, ängstlich-vermeidende oder schizoide Persönlichkeitsstörung. Kann das bei einer professionellen Diagnostik so klar voneinander abgegrenzt werden, ob ein Symptom in Zusammenhang mit Autismus oder etwas anderem steht?
      Ich habe im Laufe meiner "Therapie-Karriere" schon diverse Diagnosen erhalten. Auch eine Soziale Phobie und die ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung waren dabei. Ich selbst konnte mich dort auch zu Teilen einordnen, hatte aber immer das Gefühl das es nicht so richtig passt (von Autismus hatte ich vor der Verdachtsdiagnose so gut wie keine Ahnung).
      Der Diagnostiker hatte die entsprechenden Berichte alle vorliegen und teilte meine Ansicht darüber. Am Ende standen "nur noch" die ASS, Dysthymie, rezidivierende depressive Störung (DD) und eine nichtorganische Insomnie.
      Ich bin also sehr sicher, dass eine Abgrenzung bei einer professionellen Diagnostik durchaus möglich ist. Eine Garantie gibt es natürlich nicht aber es ist möglich und wahrscheinlich.

      Elena wrote:

      Falsche Selbsteinschätzung: Wie ist das, wenn sich jemand selbst nicht richtig einschätzen kann?
      Da habe ich selbst (subjektiv betrachtet) grosse Probleme und Unsicherheiten. Ich kann ja nur wiedergeben wie ich mich wahrnehme und was ich fühle. Für mehr fehlt mir die Qualifikation. In meinen Recherchen habe ich mich in der vorherigen Verdachtsdiagnose wiedergefunden und das auch so gesagt.
      Die Unsicherheiten wurden während der Diagnostik noch "befeuert" weil der Diagnostiker nur von autistischen Zügen sprach und ich absolut nicht einschätzen konnte wohin ihn seine Überlegungen letztendlich führen. Ob es für eine klare Diagnose reicht. Im Befund stand dann "kein Zweifel". Die Selbsteinschätzung dient letztendlich nur dazu Indizien für oder wider zu finden.

      Elena wrote:

      ... Wenn meine Mutter etwas über mein Verhalten in der Kindheit erzählen sollte, dann würde sie niemals die Wahrheit sagen, welche Probleme/Auffälligkeiten es gab, weil sie Angst hat, an irgendetwas schuld zu sein ...
      Ich bin davon überzeugt das ein guter Diagnostiker diese nicht seltene Problematik kennt und dementsprechende Aussagen im Interview hinterfragt oder weiss wie er einen Fragebogen zu bewerten hat. Ansonsten hat MangoMambo ja schon die Zeugnisse etc. erwähnt.

      Zum falschen Eindruck: Sei einfach Du selbst soweit Deine Anspannung es dann zulässt. Wie MangoMambo es schrieb, der Diagnostiker wird das einschätzen können.

      (der Einfachheit halber habe ich die männliche Form Diagnostiker gewählt, es kann natürlich auch eine Diagnostikerin sein - ich empfinde dieses Binnen-I als unsagbar hässlich)
      ~ Einmal entsandt, fliegt das Wort unwiderruflich dahin ~
      Quintus Horatius Flaccus
    • Danke für eure Antworten.
      Ich wohne im Ruhrgebiet.

      Bei meinen Zeugnissen steht leider nichts, aber mir wurde von meiner Grundschullehrerin täglich gesagt, ich soll endlich den Mund aufmachen und was sagen oder auch mal wie die anderen stören, weil ich im Unterricht gar nichts gesagt habe.

      Bei meiner Mutter (das ist die einzige Bezugsperson, die ich aus meiner Kindheit habe) würde ich mich gar nicht trauen, sie zu so einer Diagnostik mitzunehmen. Ihr wäre das total unangenehm, auch dass jemand anders sie da sehen könnte. Sie leugnet sowieso alles Auffällige und will nichts von Diagnosen oder professioneller Hilfe wissen. Sie zieht das dann richtig ins Lächerliche oder meint, dass ja jeder irgendwas davon hätte und es dumm wäre, anderen Leuten private Sachen zu erzählen. Ich bin bei ihr total blockiert und würde mich zu sehr schämen, sie danach zu fragen. :/

      Am ehesten habe ich das autistische Verhalten von meinem Vater, der aber nicht mehr lebt. Der hat mir (und früher einem Halbbruder von mir) mal vorgeworfen, wir hätten Autismus und das auch anderen Leuten so erzählt. Mein Vater war selbst Psychiater, deshalb lässt mich diese „Diagnose“ nicht los, obwohl mich alle drei Psychologen, bei denen ich bisher war, immer nur im Bereich soziale Ängste gesehen haben. Der aktuelle Psychologe hält mich auch für keinen Autisten, aber als ich mehrfach bestimmte Symptome erwähnt habe, sagte er, ich habe Anteile davon.
    • Mein Rat:
      Geh zu einem Spezialisten. Zu einem Arzt, der sich mit Autismus auskennt.
      (Ohne irgendwelchen Psychologen damit zu nah treten zu wollen ist meine Erfahrung und auch die einer Studie, kann die bei Bedarf Mal suchen ob ich sie nochmal finde, dass Psychologen da durchschnittlich eher weniger Kenntnisse besitzen über Symptome etc.)

      Unter autismus-forschungs-kooperation.de/index.php/infomaterial findest du auch einen Flyer für Psychotherapie und Autismus.
    • Ich denke auch, du solltest zu einem Spezialisten gehen. Lass dich doch mal bei einer Autismusambulanz auf die Warteliste setzen. Dort wirst du auf jeden Fall auf Spezialisten treffen.
      Da du im Ruhrgebiet wohnst, hast du da ja mehrere Möglichkeiten, wie Dortmund, Köln, Düsseldorf.
    • In meiner Stadt gibt es sogar einen Psychiater mit Schwerpunkt Autismus, habe ich in einer hier verlinkten Liste für Diagnosen/gefunden.
      Würde das da auch gehen mit der Diagnostik oder braucht man eine richtige Autismus-Ambulanz?
      Müsste man das bei so einem einzelnen Arzt eigentlich selbst bezahlen?
      Ich habe immer Angst irgendwas zu übersehen oder dass das nur für Privatpatienten oder Kinder/Jugendliche ist. Es steht aber nichts dabei.
    • Hat der Arzt eine Homepage? Da müsste ggf. draufstehen, ob es eine Privatpraxis ist oder eine ganz normale, die mit der Kasse abrechnen kann. Und natürlich auch ob der Arzt für Kinder oder Erwachsene zuständig ist. Ansonsten kann man das auch bei der Terminvereinbarung nachfragen.
      Alles wird galaktisch gut.