Zwanghaftes Denken & Analysieren als eine Form von Stimming?

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    • Zwanghaftes Denken & Analysieren als eine Form von Stimming?

      Mit "Stimming" wird ja in der Regel nur motorische, vestibuläre und taktile Stimulation beschrieben (zumindest mein bisheriger Wissensstand).

      Mir ist aufgefallen, dass ich vor allem dann in fast grenzenlose Gedankenassoziationen abdrifte (wahrscheinlich ist das auch eine Form der Derealisation), wenn ich unterwegs von vielen Menschen umgeben bin und total überflutet bin von der Geräuschkulisse und den visuellen Reizen. Und gleichzeitig habe ich nicht die Möglichkeit, mich durch Bewegungen, Schaukeln etc (also "normales" Stimming) zu regulieren. Könnten die Gedankenketten dann einfach eine Form von "kognitiver Stimulation" sein und damit der Selbstregulation dienen?

      Ich merke nämlich oft dass ich mich darüber ärgere, wenn ich mich zu sehr in Gedanken verliere, aber vielleicht sollte man das einfach akzeptieren, mehr zulassen, und vor allem es nicht pathologisieren (so wie es viele Psychologen leider tun)?

      Wie steht ihr dazu?
    • Klingt eher nach Derealisation oder sogar Dissozitation.
      Das kann man auch bewusst machen, gerne im Autogenen Training gemacht, da begibt man sich in bestimmte Gedanken z.B. an einen Ort um die Realität weniger wahrzunehmen.

      Stimming ist für mich eine Hilfe zur Reizverarbeitung, um in der Situation zu sein und damit umzugehen.
    • Verbales Stimming gibt es doch auch, oder? Und wenn man die Worte dann nicht mehr laut ausspricht, sondern nur noch im Kopf sagt, dann kann man das doch sicherlich auch noch als Stimming zählen, und damit gäbe es also zumindest überhaupt mal so etwas wie "gedankliches Stimming".

      Beim in der Überschrift genannten "Analysieren" fehlt mir dann allerdings das Repetitive. :roll:
      Bei den Gedankenketten ist es dann nicht mehr ganz so eindeutig... kommt wohl auf die Gedankenkette an. :d
      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Morgenstern (Vor einem Moment) aus folgendem Grund: Beitragsqualität hochgeschraubt
      Hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen "Sie" weiter.
    • Ich würde es nur dann als Stimming bezeichnen, wenn es repetitiv ist.
      Also immer dasselbe Wort sagen.
      Und dann, wenn man das drunterfassen will: immer den selben Gedanken denken.
      Ich verstehe das Eingangsstatement aber so, dass es um eine Assoziationskette geht. Das ist ja nicht repetitiv.
    • shnoing wrote:

      Ich würde es nur dann als Stimming bezeichnen, wenn es repetitiv ist.
      Also immer dasselbe Wort sagen.
      Und dann, wenn man das drunterfassen will: immer den selben Gedanken denken.
      Ich verstehe das Eingangsstatement aber so, dass es um eine Assoziationskette geht. Das ist ja nicht repetitiv.
      Richtig, das was ich meine ist nicht unbedingt repetitiv, zumindest nicht auf dem ersten Blick. Das heißt du würdest sagen, Stimming ist es wirklich immer nur dann, wenn es repititiv ist? Wenn ich zB Musik höre, stimuliert mich das auch sehr (wäre also "auditives Stimming") - kommt natürlich auch immer darauf an was für Musik es ist, aber vielleicht ist es in dem Sinne "repititiv", dass es immer wieder die gleichen bzw. ähnlichen Songs sind, sprich sie sind mir sehr bekannt und vertraut? Und wenn ich über bestimmte Themen immer wieder nachdenke, bestimmte Gedanken oder "Erkenntnisse", die ich immer wieder habe, aber vielleicht immer mal wieder in neu gemachte Erfahrungen einordne, könnte man das nicht in einem abstrakteren Sinne auch als "repititiv" bezeichnen?

      Ich merke halt einfach, dass es bei mir Gedankenschleifen gibt, die mich manchmal sehr viel mehr entspannen als ich es in dem Moment wahrnehme (oder vielleicht auch wahrhaben will, weil meine "Meta-Beurteilungs-Stimme" da immer wieder dazwischen "grätscht" und pathologisiert und stigmatisiert, geprägt durch Psychotherapeuten), und manchmal aber an sich tatsächlich stressig sind und sich dann mehr als echter "Zwang" anfühlen (weil sie auf der Beschäftigung mit Ängsten beruht, denke ich). Wenn ersteres eher zu Regulation und Entspannung führt, dann ist es ja eine Form von "Stimulation". Oder nicht?
    • MusicSexNature wrote:

      MangoMambo wrote:

      Stimming ist für mich[/b] eine Hilfe zur Reizverarbeitung, um in der Situation zu sein und damit umzugehen.
      Für mich ja auch, siehst du da einen Widerspruch zu dem was ich versucht habe zu beschreiben?
      Du bewegst dich damit in deinem Kopf aus der Situation. "Dissoziierst" um ihr zu entgehen in dem Moment. das meine ich nicht negativ.
      Allerdings habe ich es so verstanden, dass du Distanz zu den Reizen herstellst, und sie dann nicht mehr bzw. weniger verarbeitest.
    • Ich könnte mir gut vorstellen, dass das zwanghafte Beschäftigen mit Gedanken bzw. Fakten eine Form ist, um sich selbst zu stabilisieren. Da ich die Definition des Begriffes "Stimming" nicht genau kenne, weiß ich nicht, ob das darunter fallen würde.

      Das klassische Stimmung (habe mich damit nicht eingehend beschäftigt) verbinde ich mit deutlich sichtbaren körperlichen Bewegungen mit denen man auch definitiv auffällt. Vielleicht gibt es unterschiedliche Arten von Stimmung:

      • motorische Bewegungen
      • verbale Äußerungen
      • kognitive Beruhigung
      Das sind aber nur Ideen von mir.

      An motorischen Bewegungen kann ich z. B. meine Finger oft nicht still halten und kratze mich oder zwicke mich oder kralle mich an meinen eigenen Armen fest. Ich weiß aber nicht, ob das wirklcih Stimming ist, weil ich gar nicht richtig merke, dass ich das tue. In Therapien wurde ich schon häufiger darauf aufmerksam gemacht und gefragt, ob ich sehr angespannt oder nervös sei. Ansonsten laufe ich sehr oft auf und ab, wenn ich irgendwo warten muss oder fange dann wirklich an, auf einem Stuhl herumzuschaukeln oder mit den Knien zu wippen etc. Aber so richtig heftiges motorisches Stimming betreibe ich nicht.

      Verbale Äußerungen kommen bei mir häufiger vor, wenn ich alleine bin, aber auch nur relativ leise. Es ist so, als würde ich dann teils hörbar, teils auch innerlich etwas vor mich hinsummen. Das dient meinem Eindruck nach definitiv meiner Beruhigung.

      Und das mit der kognitiven Sache. Nach Beruhigung fühlt sich das für mich nicht an, aber ich könnte mir vorstellen, dass es dennoch eine Art Beruhigung ist. Ich hatte ja einmal beim Neurofeedback das Erlebnis, wie es sich anfühlt, wenn man sich nicht an Gedanken oder Zielen oder Erwartungen gedanklich festkrallt und das war so überwältigend, dass im Gegensatz dazu diese kognitiven Anstrengungen vermutlich wirklich eine Art Beruhigung sind. Dennoch klingt "Beruhigung" in meinem Fall irgendwie nicht stimmig. Für mich ist es eher ein "sich retten".

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • MangoMambo wrote:

      MusicSexNature wrote:

      MangoMambo wrote:

      Stimming ist für mich[/b] eine Hilfe zur Reizverarbeitung, um in der Situation zu sein und damit umzugehen.
      Für mich ja auch, siehst du da einen Widerspruch zu dem was ich versucht habe zu beschreiben?
      Du bewegst dich damit in deinem Kopf aus der Situation. "Dissoziierst" um ihr zu entgehen in dem Moment. das meine ich nicht negativ.Allerdings habe ich es so verstanden, dass du Distanz zu den Reizen herstellst, und sie dann nicht mehr bzw. weniger verarbeitest.
      Ich glaube das Problem ist dass das Thema "Dissoziation" sehr vielschichtiger und komplexer ist als bisher durch die Psychologie beschrieben (nämlich ausschließlich im Trauma-Kontext) um das befriedigend zu beantworten. Ich verstehe deinen Punkt, ich nehme es aber anders wahr. Das was du beschreibst, die Art von Dissoziation, die kenne ich auch und die habe ich auch immer wieder. Dann nehme ich von der Umwelt nichts wahr bzw ist alles sehr verschwommen.

      Was ich meine ist aber etwas anders, wenn auch nur im Detail. Ich finde es aber schwierig zu beschreiben. Was genau heißt denn "in der Situation" sein? Die "Situation" in meinem Beispiel ist ja das Laufen zum Supermarkt, den Weg zu finden und den Verkehr im Blick zu haben, vor allem wenn ich eine Straße überquere. Ich kriege das dann alles mit und bin "im Moment", habe aber im "Hintergrund" bzw nebenbei Gedanken "am Laufen". Daa führt dazu, dass die Reizüberflutung weniger bedrohlich ist, ich kann sie bewältigen, es besteht eine gewisse Distanz zu den Reizen, die sich aber nicht so anfühlt wie bei einer "klassischen" Derealisation, da ich ja reaktionsfähig bin. Wenn diese Gedanken nicht mitlaufen, passiert es meistens sehr schnell, dass ich von äußeren Reizen "gepackt werde", gar nicht hinterherkomme damit, sie zu verarbeiten, und je nach Ausmaß der Reize, führt das dann irgendwann zu Stress, Erschöpfung, Panik oder eben "klassischer" Dissoziation.
    • Als Ergänzung: Es hilft mir, in der Situation einen besseren Fokus zu haben. Wenn man alle Reize aufnimmt ohne Filter, ist es ja gar nicht möglich "in der Situation" zu sein, alles zu verarbeiten und zu interagieren. Das geht nur, wenn es irgendeine Art Fokus gibt, was aber gerade vielen Autisten schwerfällt, diesen ohne Hilfsmittel (-> Stimming) zu finden und vor allem aufrechtzuerhalten.

      (Vielleicht ist es auch mehr ein ADHS-Thema, aber da gibt es ja sehr große Überschneidungen zu Autismus)
    • Das mit dem fehlenden Fokus bei Autisten finde ich interessant. Ich glaube, dass es normalerweise so ist, dass man in seinem Körper verankert ist und dorthin einen Fokus hat. Da das aber meiner Meinung nach bei Autismus nicht so ist und dieser Körperbezug fehlt, muss anderweitig Halt gesucht werden. Sei es durch körperliches Stimming (dadurch dann der Weg zurück in den Körper) oder über andere Mechanismen.
      Deshalb halte ich Körpertherapie und das Arbeiten an der eigenen Ich-Struktur bei Autismus für sehr wichtig. Mit dem Stimming therapieren sich meiner Meinung nach selbst kleinste Kinder von selbst und wissen intuitiv, dass ihnen das hilft. Wenn man es so sieht, ist das Stimmung sogar eine sehr intelligente Methode, um mit den eigenen Problemen umzugehen, denn es stellt den Körperbezug wieder her und man bekommt wieder Boden unter die Füße dadurch.
      Vielleicht wäre es in meinem Fall sogar sinnvoll von diesem kognitiven Stimmung Abstand zu nehmen und mir mehr zu erlauben, motorisches Stimmung zu betreiben.
    • Mir fällt es seltsamerweise sehr leicht mich zu konzentrieren und fokussieren. Ich nehme zwar alles gleich stark wahr, kann aber dennoch Konzentration aufbringen und aufrechterhalten auf einen Teil davon. Auch wenn der Rest ebenso präsent ist und das erschwert. Ich komme leicht in einen Zustand von Hyperfokus.
      Teilweise nehme ich meinen Körper sogar sehr stark wahr, stärker als gewöhnlich und teilweise weniger. Hier ist es für mich, wie bei der Reizfilterung, es gibt über und Unterempfindlichkeiten.

      Ich kenne diese Form von "kognitivem Stimming" die du beschreibst bis zu einem gewissen Grad auch. Allerdings habe ich beobachtet, dass es für mich ungünstiger ist, als motorisches oder verbales Stimming. Es schränkt zumindest bei mir die Wahrnehmung der Umwelt tatsächlich ein, eben wie eine teilweise Dissoziation, das kann für mich tatsächlich auch ungünstig werden, wenn ich dann eben doch nicht alles mitbekomme, was ich müsste.

      Fokus habe ich auch ohne Stimming und ich kann diesen aufrechterhalten, glaube das ist eher ein ADHS Problem? Allerdings kann ich ohne Stimming nicht die Reize um mich herum verarbeiten und somit fallen dann Probleme, die eine Interaktion mit der Umwelt beinhalten schwer.

      Ich hoffe das ist einigermaßen verständlich ausgedrückt?
    • Naja den Hyperfokus hab ich auch, der kommt halt vor allem bei meinen Spezialinteressen und allem, das mir bekannt und bewältigbar erscheint, zum Vorschein.

      Aber in der Innenstadt unterwegs sein, Orientierung finden, Bewegungsabläufe koordinieren, beim Einkaufen die richtigen Produkte auswählen usw, wenn die ganze Zeit Menschen und Geräusche ohne Ende um einen herum sind? No Way. Zumindest nicht ohne stimulierende Hilfsmittel. Ich dachte gerade das wäre bei den meisten (hochfunktionalen) Autisten eingeschränkt: Adäquates bzw zielorientiertes Handeln bei gleichzeitiger Reizüberflutung.

      The post was edited 1 time, last by MusicSexNature ().

    • MangoMambo wrote:

      Ich kenne diese Form von "kognitivem Stimming" die du beschreibst bis zu einem gewissen Grad auch. Allerdings habe ich beobachtet, dass es für mich ungünstiger ist, als motorisches oder verbales Stimming. Es schränkt zumindest bei mir die Wahrnehmung der Umwelt tatsächlich ein, eben wie eine teilweise Dissoziation, das kann für mich tatsächlich auch ungünstig werden, wenn ich dann eben doch nicht alles mitbekomme, was ich müsste.
      Ja das stimmt, die Gefahr dabei in eine "richtige" Dissoziation abzudriften sehe ich auch. Ich bin halt noch dabei herauszufinden, wie man das differenzieren und vielleicht gezielt anwenden kann, eben als bewusstes Stimming, ohne dabei zu dissoziieren.

      Aber ich finde grad den Ansatz gut, dass es vielleicht umso funktionaler ist, je repititiver die gedanklichen Abläufe sind.
    • Ja
      . Die stimulierenden Hilfsmittel sind aber oft eher motorischer Art oder verbaler. ..etwas vor mich immer wieder hinmurmeln, Fingerflattern ...und nicht zusätzlich zu Lärm, Licht , Gerede, etwas suchen ...auch noch an etwas anderes denken beim Gehen.

      Als Beispiel.

      Wenn ich beim Autofahren zu innig nachdenke , kann es sein, dass ich mich verfahre.
      Andererseits bin ich mehr im Flow dann, als wenn ich mich von links und rechts ablenken und womöglich ärgern lasse .

      Hm. Ich muss darauf bewusst achten und nochmal darüber nachdenken.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • Linnea wrote:

      Wenn ich beim Autofahren zu innig nachdenke , kann es sein, dass ich mich verfahre.
      Andererseits bin ich mehr im Flow dann, als wenn ich mich von links und rechts ablenken und womöglich ärgern lasse .
      Ich bin zwar kein Autofahrer, aber ich glaub das ist genau das was ich meine. "Im Flow sein" ist entspannend und regulierend. Je mehr man sich aber darin vertieft, desto mehr derealisiert man wahrscheinlich. Aber an und für sich ist es erst mal was, das ich als hilfreich erlebe, unabhängig von den äußeren Anforderungen die in der jeweiligen Situation da sind. Und es hängt wahrscheinlich auch von der Struktur und Gleichförmigkeit der situativen Anforderungen ab, wie "funktional" das gedankliche Abdriften ist. Auf dein Beispiel bezogen: Je bekannter dir der Weg ist, den du fährst, und je weniger Störvariablen vorkommen (Ampeln, andere Autos, Radfahrer oder Fußgänger), desto weniger beeinträchtigt dich das Nachdenken beim Autofahren. Würde ich zumindest vermuten.
    • In Gedanken versinken sehe ich nicht als Stimming. Es ist eher der für Autisten ganz normale typische Selbstschutz (innerliches Abschotten) bei zu vielen Außenreizen. Man könnte es vielleicht auch als so etwas wie eine Vorstufe zum Shutdown betrachten. Gedankengrübeleien sind ohnehin recht typisch für Aspies.
      Dass man in den Diagnosekriterien nichts davon findet, liegt nur daran, dass innere Vorgänge unberücksichtigt blieben. Beschrieben wurde auch von Forschern wie Asperger einst nur, was auffiel, z. B. dass die Person merklich unbeteiligt (gleichgültig?) erschien / erscheint gegenüber den Vorgängen um sie herum.
      I could work hard to be normal, but I prefer to hold myself a higher standard. Ego lex sum.