Supersensitivität der Nerven nach Dr. Claire Weekes

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    • Supersensitivität der Nerven nach Dr. Claire Weekes

      Grundthese: Menschen zeigen verschiedene Probleme mit Angst, Zwang, Körperwahrnehmungen.
      Sie sind aber weder „gestört“ noch psychisch krank. ihre Nerven sind hypersensitiviert , das bedeutet sie reagieren schon auf kleinste Reize überschießend.
      Ihr Problem ist dann die „zweite Angst“ , das bedeutet , sie halten die Supersensitivität durch psychische Prozesse aufrecht.
      Die Nerven sind darauf konditioniert, schon beim kleinsten Reiz überschießend zu reagieren.
      Das ist bei Aspies, deren Reizwahrnehmung eh schon verändert ist, vermutlich häufiger der Fall.

      Die australische Ärztin Claire Weekes hat ihre Bücher in den 70er und 80er Jahren geschrieben und ist in Deutschland nahezu vergriffen, im englischsprachigen Ausland sieht es besser aus.

      Ich fasse die Thesen aus ihrem Buch „ Selbsthilfe für Ihre Nerven- ein ärztlicher Ratgeber zur Überwindung der Angst und Wiedererlangung seelischer Kräfte“, Bastei- Lübbe 1986 zusammen, eigene Anmerkungen schreibe ich kursiv.
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:

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    • Mögliche Symptomen der Supersensitivität :

      Angst und Schwindelanfälle
      - Agoraphobie
      - Wahrnehmungen von Unwirklichkeit
      -Gefühl ,in den Boden einzusinken oder darüber zu schweben
      - Wegkippen nach einer Seite, Gefühl eines Sogs
      - Gefühl, dass sich der Boden unter den Füßen wölbt
      - Gefühl, Schaukelbewegungen beim Einschlafen zu spüren
      - Gegenstände bewegen sich
      - große Erschöpfung und gedrückte Stimmung, Angst, den Verstand zu verlieren
      - seltsame Geräusche in den Ohren
      - Vibrieren oder Brummen im ganzen Körper, wie elektrischer Strom
      - Schwächegefühl in den Beinen
      - Lähmungsgefühl , Erstarrung
      - Schluckprobleme
      - Magen – und Darmprobleme ( durch vermehrte Adrenalinausschüttung der sympathischen Nerven)
      - ständige Übelkeit
      - Herzklopfen, Herzschläge setzen aus
      - beängstigende Gedanken oder Bilder vor dem inneren Auge
      - Panik vor der Zukunft , „Katastrophisieren“
      - Phonophobie/ Hyperakusie : Angst vor Lärm bzw erhöhte Lärmempfindlichkeit
      - verschwommenes , wechselhaft gutes Sehen
      „Hypochondrie“, die nach Dr. Weekes eher die Befürchtung ist , noch ein Problem aufgeladen zu bekommen und das nicht zu bewältigen. Sie empfiehlt , das dem Hausarzt auch genauso zu erklären.
      - emotionale Erschöpfung, da die Supersensitivität alle Emotionen unerträglich verstärkt : Angst, Schuldgefühle , Trauer, manchmal auch hysterische Freude oder Verliebtsein
      - reines Ausruhen, Hinlegen etc bessert die Symptome nicht
      - geistige Erschöpfung : Konzentrationsschwierigkeiten, Sprachprobleme , Gedankenleere, verlangsamtes Denken, Benommenheit ,
      das führt zum „Nach- Innen- Denken „ = Eine übersteigerte Selbstbeobachtung, die Angst und Panik weiterbefeuert
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:
    • Diese Symptome treten schon durch den „Schock des Erwachens“ am Morgen auf , bessern sich im Schlaf. Für einen Menschen mit Supersensitivität der Nerven kann schon das Erwachen oder das Treten aus der Haustür /Änderung der Lichtverhältnisse triggern.

      Weg zur Genesung

      Dr. Weekes erklärt ihren Patienten, dass sie alle eine Kraft haben, die sie durch Millionen von Jahren durch die Evolution getragen hat. Die Heilung kann nur von ihnen selbst kommen.
      Ihre Nerven sind nur allzu pflichtbewusst und tun des Guten zu viel.

      Schon das Verstehen der Supersensitivität kann eine gewisse Last von den Schultern nehmen. Leider erklären Ärzte und Psychiater diese Vorgänge nicht , sondern geben eine oft stresssteigernde Diagnose.
      Dr. Weekes gebraucht den Patienten gegenüber das Wort Agoraphobie nicht, um sie nicht erneut zu etikettieren und zu stressen.
      Zweitens ist eine angemessene, ärztliche Untersuchung wichtig. Bevor eine Nervenerkrankung angenommen wird , muss beispielsweise eine Herzerkrankung ausgeschlossen sein.
      Drittens ist zu unterscheiden, ob das Problem die Supersensitivität oder ob es wirkliche Lebensprobleme gibt; hier sollte man sich Hilfe suchen, sie langsam zu lösen.

      Die Rolle von Medikamenten :

      Medikamente bedürfen einer sorgfältigen Abwägung, sollten bei großer körperlicher und seelischer Erschöpfung aber eingesetzt werden, um leiden zu minimieren. Außerdem muss der Patient die Chance haben, sich entspannt zu erleben, damit er weiß, wohin die Reise geht. Maßvoll und zeitweise , als „Ruhepause“ einsetzen.
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:
    • Dr. Weekes drei Schritte zur Beruhigung von übersensitivitierten Nerven sind :
      - Akzeptanz
      - Schweben
      - Zeit

      Die drei Schritte

      AKZEPTANZ bedeutet , den Körper machen lassen, was er will. Sich zusammennehmen ist das Gegenteil von Akzeptanz. Wenn wir aus ganzem Herzen akzeptieren, was passiert , lösen wir die Spannung . Man kann mit seinem Körper reden: „Okay, du möchtest , dass es dir schwindlig ist. Mal sehen, wie weit du das schaffst. Vielleicht kriegst du sogar eine Ohnmacht hin ….“ Bereit sein, das Schlimmste zu akzeptieren. Annehmen. In den Schrecken hineingehen, anstatt ihn zu bekämpfen. Im Falle eines Schwindelanfalls beispielsweise wirklich akzeptieren, auf den Boden zu fallen , die Prellungen, die Blicke der anderen Leute….
      Auch das Einwärts/ nach innen - Denken sollte man an sich als Angewohnheit akzeptieren.
      Akzeptieren ist harte , schwierige Arbeit an sich selbst.
      Wichtig: Rückschläge sind unvermeidlich. Dr. Weekes erklärt sie nicht als Versagen, sondern als Erinnerung. Sie sind keine wirklichen Rückschläge , sondern ein Zeichen dafür, wie sehr man gelitten hat , wie weit man gekommen ist und wie tapfer man war.
      Konfrontation , also sich Gewöhnen , wirkt nach Dr. Weekes eher bei isolierten Phobien, nicht bei so komplexen Ängsten wie Agoraphobie.

      SCHWEBEN
      Schweben, nicht kämpfen! Seine Krankheit bekämpfen, bringt noch mehr Stress und Verkrampfung.
      Schweben heißt , Entspannung und gleichzeitig Aktivität. Bedeutet , durch die Angst hindurchzugehen, in dem man sie akzeptiert und jede Attacke zu begrüßen, weil man damit Akzeptieren und Schweben einüben kann. Bedeutet, einfach zu machen, was man machen möchte.
      Die aufgeregte Suche nach einer Fluchtmöglichkeit oder extra Schnellzumachen sind zu unterlassen.
      Kein übertriebenes Bemühen um Besserung durch Sport oder besonders gute Ernährung. Auch das ist Stress und kostet Kraft. Körperliche leichte Aktivität und gutes Essen sind empfehlenswert.


      ZEIT : Der Körper kommt nicht so schnell nach wie der Geist, auch wenn der voller Akzeptanz ist, kann es sein, dass die sensitivierten Nerven weiterfeuern. Ihre Beruhigung braucht eine Menge Zeit.
      Hier ist wichtig: Sich weder von Arbeitgebern, noch Familie oder Medizinern unter Druck setzen zu lassen. Es dauert so lange, wie es dauert.
      Und sich nicht von solchen Konstrukten wie „sekundärer Krankheitsgewinn“ buchstäblich irre machen zu lassen ! Oder gar so etwas wie „Selbstbestrafung“, was manche Therapeuten sagen. Alle Menschen mit supersensitiven Nerven leiden und wünschen sich, gesund und unabhängig zu sein .

      Gerade Aspies werden die Supersensitivität ihrer Nerven nie völlig ablegen, sie sollten im besten Fall mit therapeutischer Hilfe herausfinden, was ihnen gut tut und für sie hilfreich ist. Geheilt sein bedeutet nicht , keine Symptome mehr zu haben, sondern dass sie einem nichts mehr ausmachen, falls sie mal auftreten, und dass man mit der Situation fertig werden wird. Und dass man eine positive innere Stimme entwickelt, die einem das immer wieder sagt .
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:
    • Für mich klingt das wie eine Beschreibung von HSP. Passt auch auf Autisten, aber deckt ihre Themen und Probleme nur in Teilbereichen ab.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.
    • Für mich klingt das nach Hochsensibilität und/oder Reizverarbeitungsstörung.

      Ich habe eine klassische Reizverarbeitungsstörung. Bei mir sind manche Bereiche Unterempfindlich und manche Überempfindlich.

      Da Grade im Zusammenhang mit Autismus Stoffwechselstörungen häufiger sind und die aktuelle Forschung da eher gegen eine psychische Ursache spricht sehe ich es kritisch da Symptome wie Verdauungsprobleme und Lähmungen in so einen Zusammenhang zu stellen.
    • Leonora wrote:

      Für mich klingt das wie eine Beschreibung von HSP. Passt auch auf Autisten, aber deckt ihre Themen und Probleme nur in Teilbereichen ab.
      und auch @MangoMambo, @kitescreech, @Linnea, @FruchtigBunt,
      vermutlich habe ich es in der Grundthese nicht deutlich machen können,
      es geht um die Komorbitäten: Ängste, Panikstörung, Zwänge,
      darauf bezieht sich die Liste der psychischen und physischen Symptome,
      nicht auf Autismus.
      Und es geht nicht um den Umgang mit Autismus, sondern mit den oben genannten begleitenden Störungen.
      Das kann ich leider bei meiner Beschreibung nicht mehr korrigieren.
      (Vielleicht können es Mods, dann würde ich diese Beschreibung an den Anfang setzen)
      Viele hier im Forum haben mit Ängsten zu tun , und allein schon die Aussage von Dr. Weekes, dass vor die Haustür gehen bei sensitivierten Nerven einen "Schock" auslösen kann, finde ich hilfreich.
      Wenn ich jetzt beispielsweise vor die Tür gehe und bekomme ein komisches Gefühl, kann ich es jetzt akzeptieren. Es ist keine Angststörung , es sind sensible Nerven , die auf jeden Reiz anspringen ,und diese Nervenreizungen interpretiert das Gehirn als "Angst". Das ist eine mich beruhigendere Version als irgendeine Agoraphobie oder "psychische Störung" oder Medikamente.
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:
    • Stimmt, das passt dazu, dass schon das "normale Funktionieren" einem deutlich mehr Stress macht als vielen anderen Menschen. In der Tat würden gängige psychodynamische Interpretationen bei Autisten, aber auch bei rein Hochsensiblen am Thema vorbei gehen und so eventuell sogar die Probleme verstärken.
      From my youth upwards my spirit walk'd not with the souls of men. (...)
      My joys, my griefs, my passions, and my powers, made me a stranger.

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    • Rhianonn wrote:

      Viele hier im Forum haben mit Ängsten zu tun , und allein schon die Aussage von Dr. Weekes, dass vor die Haustür gehen bei sensitivierten Nerven einen "Schock" auslösen kann, finde ich hilfreich.
      Ich könnte mir vorstellen, wenn die Umwelt mit Unverständnis darauf reagiert (z. B. dann nicht versteht, wieso das für einen so schwierig ist), könnten dann zusätzlich noch psychische Problematiken dazukommen. Also nicht auf dich bezogen, sondern allgemein. Am Anfang hätte man 'nur' sensitive Nerven, aber wenn die Umwelt permanent ablehnend darauf reagiert, bekommt man dann vielleicht das Gefühl, dass man nicht ernst genommen und nicht verstanden wird, was sicherlich auch zu Depressionen und anderen Problemen führen kann.
    • Für mich klingt es nach Depression (mit Angst, was bei Depression aber oft dazugehört), die Phase wenn es schwer ist, aber noch nicht behandelt. Ganz stark hatte ich es so bei der ersten schweren Depression, weil ich die Empfindungen da noch gar nicht einordnen konnte, und wirklich dachte, ich werde verrückt.

      Rhianonn wrote:

      Wenn ich jetzt beispielsweise vor die Tür gehe und bekomme ein komisches Gefühl, kann ich es jetzt akzeptieren. Es ist keine Angststörung , es sind sensible Nerven , die auf jeden Reiz anspringen ,und diese Nervenreizungen interpretiert das Gehirn als "Angst". Das ist eine mich beruhigendere Version als irgendeine Agoraphobie oder "psychische Störung" oder Medikamente.
      Gefühle (hier: Angst) beruhen ja auf realen "Nervenbedingungen" Also irgendetwas biochemisches im Gehirn. Insofern verstehe ich deine Trennung nicht (als würdest du sagen: Es ist also keine Frikadelle, es ist eine Bulette! Soll heißen es besteht zwischen beidem kein Unterschied, es sind Begriffe unterschiedlicher "Herkunft" aber sie beschreiben das selbe)
      Was du mit "oder Medikamente" meinst weiß ich nicht.
    • Neoni wrote:

      Gefühle (hier: Angst) beruhen ja auf realen "Nervenbedingungen" Also irgendetwas biochemisches im Gehirn. Insofern verstehe ich deine Trennung nicht (als würdest du sagen: Es ist also keine Frikadelle, es ist eine Bulette! Soll heißen es besteht zwischen beidem kein Unterschied, es sind Begriffe unterschiedlicher "Herkunft" aber sie beschreiben das selbe)
      Danke, so hatte ich das auch verstanden.
    • Neoni wrote:

      Gefühle (hier: Angst) beruhen ja auf realen "Nervenbedingungen" Also irgendetwas biochemisches im Gehirn. Insofern verstehe ich deine Trennung nicht (als würdest du sagen: Es ist also keine Frikadelle, es ist eine Bulette! Soll heißen es besteht zwischen beidem kein Unterschied, es sind Begriffe unterschiedlicher "Herkunft" aber sie beschreiben das selbe)
      Was du mit "oder Medikamente" meinst weiß ich nicht.
      Das bezieht sich auf die Erfahrungen , die ich mit Psychiatern gemacht habe, und mit der Bezeichnung von Angst als "psychische Störung" . Der Gedanke, psychisch irgendwie krank zu sein, führt dann zur "Angst vor der Angst", also das, was Dr. Weekes die zweite Angst nennt, dieser Stress verschlimmert aber die Supersensitivierung etc .

      Sensitivierte Nerven sind keine gefährliche Erkrankung , die Nerven tun einfach ihre Arbeit zu gut.

      Leider interpretieren das Fachleute oft ganz anders.


      Mit Medikamenten meine ich Psychopharmaka gegen Ängste und Zwänge : Benzodiapine, Antidepressiva, Neuroleptika, oder Mittel wie Pregabalin.
      "Asperger ist eine unsichtbare Behinderung." "Oh, sieht man dir gar nicht an." "Ähhh....genau" :irony:

      The post was edited 2 times, last by Rhianonn ().