Hospitalismus als mögliche Alternativ Diagnose zu ASS

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    • Und was ist, wenn Autismus zur Vernachlässigung führt? Meine Mutter konnte damit nicht umgehen, dass ich keinen Körperkontakt mochte. Meine Geschwister haben das aber akzeptiert und haben sich um mich gekümmert. Viel schlimmer wäre es für mich gewesen, wenn meine Mutter mich zum Körperkontakt gezwungen hätte. Auch im Heim wurde ich nicht zum Körperkontakt genötigt.
      Ist da wer?
    • kim wrote:

      Viel schlimmer wäre es für mich gewesen, wenn meine Mutter mich zum Körperkontakt gezwungen hätte. Auch im Heim wurde ich nicht zum Körperkontakt genötigt.
      Sei froh, wie im Thread zur KIT beschrieben ist das nämlich immer noch eine beliebte "Therapie"methode für Kinder.
    • Ich glaube, dass Autisten grundsätzlich genauso viel Zuwendung und Körperkontakt bräuchten wie Nichtautisten. Vielleicht fordern sie es nicht so sehr ein, weil es ihnen gleichzeitig unangenehm ist, wegen der Wahrnehmung. Bei einer Umarmung spürt man, wie sich der Körper des andern anfühlt, und seine Kleidung, und man riecht wahrscheinlich auch etwas, was angenehm oder unangenehm sein kann. Ich frage mich, ob dadurch später auch ein Mangelgefühl entstehen kann, weil man Zuwendung als Kind eher abgewehrt hat, obwohl man sie gebraucht hätte?

      Grundsätzlich glaube ich, dass autistische Kinder ihre Eltern sogar noch mehr brauchen als nichtautistische, weil sie in ihrer Umwelt mit viel mehr unklaren Situationen konfrontiert sind und da Hilfe und Anleitung bräuchten, wo nichtautistische einfach intuitiv handeln können. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann fühle ich einen Mangel an Hilfe und Anleitung in diesen Situationen. Es wurde einfach immer davon ausgegangen, dass ich alles so wie andere Kinder kann, obwohl das nicht der Fall war. Und wegen dem Autismus bin ich nicht auf die Idee gekommen, zu fragen, sondern ich habe einfach versucht, die Situationen allein zu lösen. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht, sondern es einfach so hingenommen, aber jetzt empfinde ich den Mangel rückblickend. Das waren aber alles völlig normale Situationen wie Eintritt in den Kindergarten, Schule oder Kindergeburtstage usw.
      Ich bin ansonsten ganz normal in einer intakten Familie auf dem Land aufgewachsen, wo natürlich auch nicht alles perfekt war, aber es gab keine Vernachlässigung in dem Sinn, meinen Eltern waren ihre Kinder schon wichtig.

      Ich denke, man kann Autismus und die Folgen von Vernachlässigung auch daran unterscheiden, in welchem Maß der intuitive Umgang mit Mitmenschen fehlt. Bei Autismus wird er mehr fehlen als beim Hospitalismus, weil vernachlässigte Kinder dennoch mit einem normalen Gehirn geboren werden und einige grundlegende Fähigkeiten mitbringen. Die Störung ist dann oberflächlicher, würde ich sagen, deshalb auch therapierbar. Im Erwachsenenalter hat sich natürlich vieles verfestigt, und die Therapie ist schwieriger, aber dennoch möglich.
      Bei der Diagnostik (Abgrenzung Vernachlässigung vs. Autismus) muss man genau hinschauen und viel nach dem inneren Empfinden in verschiedenen Alltagssituationen fragen, dann wird man die Unterschiede in der Wahrnehmung und Denkweise schon erkennen.
      Alles wird galaktisch gut.
    • Shenya wrote:

      in welchem Maß der intuitive Umgang mit Mitmenschen fehlt
      So klar kann man das denke ich nicht differenzieren, da ein Mensch nach Jahren der Isolationshaft oder ein Kind, welches kaum Kontakt zu Menschen hatte ein Deprivationssyndrom entwickeln können, in welchem diese Intuition verloren geht. Während autistische Kinder das oft auch in einem Kontaktreichen Umfeld, in dem das vorgelebt wird gar nicht erst erlernen. Der Endzustand kann jedoch sehr ähnlich sein und ist nicht behebbar.
    • Shenya wrote:



      Grundsätzlich glaube ich, dass autistische Kinder ihre Eltern sogar noch mehr brauchen als nichtautistische, weil sie in ihrer Umwelt mit viel mehr unklaren Situationen konfrontiert sind und da Hilfe und Anleitung bräuchten, wo nichtautistische einfach intuitiv handeln können.
      ...


      Bei der Diagnostik (Abgrenzung Vernachlässigung vs. Autismus) muss man genau hinschauen und viel nach dem inneren Empfinden in verschiedenen Alltagssituationen fragen, dann wird man die Unterschiede in der Wahrnehmung und Denkweise schon erkennen.
      1. Ja, eine Hilfestellung im Alltag hätte ich als Kind auch gut brauchen können, ich kam mir da oft sehr hilflos vor, was z.B. die Interaktion betrifft

      2. stimme dir zu. Bei mir war die Diagnostik sehr gründlich, 10 Stunden lang. Es wurde sehr viel abgefragt, auch mein Mann wurde sehr ausführlich interviewt.
    • @kim
      Es könnte ja auch so sein, dass ein Kind sehr sensitiv ist und Nähe deshalb ablehnt. Die Eltern könnten sich davon so gekränkt fühlen, dass sie komplett aufhören, das Kind zu spiegeln. Die Symptome wären denen von Autismus und Deprivation vermutlich sehr ähnlich.
      Ich sehe Autismus bzw. die autistischen Symptome immer mehr als Symptome und nicht als Ausgangspunkt für eine Definition.

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • Linnea wrote:

      Ich redete nicht von Autismus.
      Aber ich.
      Mir ging es vor allem darum, als was das diagnostiziert worden wäre und damit kam mir Autismus als erstes in den Sinn. Bindungsstörung dürfte aber in der Tat die bessere Diagnose sein, die in so einem Fall deutlich mehr im Osten hätte in Erscheinung treten müssen. Darüber finde ich aber aktuell nichts.
      _,.-o~^°´`°^~o-.,_Ich ess Blumen...,.-o~^°´`°^~o-.,_
      Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Teilnehmer-Limit von Privatkonversationen verdoppelt werden sollte.
    • Eva39 wrote:

      Da stand, dass erst unterschieden werden kann, wenn die Vernachlässigung beendet ist.
      Ansonsten könnte man es nicht unterscheiden.
      Inwiefern sollte man es aufgrund der Beendigung des Hospitalismus unterscheiden können? Die Folgen von schwerer Deprivation werden vermutlich nicht enden, nur weil die Vernachlässigung endet. Wenn die Symptome ähnlich bzw. gleich sind und auch der Beginn gleich wäre: Wie soll man es unterscheiden? Über "ist wieder weg und da es weg ist, kann es kein Autismus sein, da Autismus per Vermutungsdefinition nicht mehr weggehen kann" würde mir etwas kurz gedacht sein. Deshalb hätte es mich interessiert, wie das begründet wurde.
    • Garfield wrote:

      Aber ich.
      du hattest es so geschrieben, als müsse zwangsläufig wegen der Vernachlässigung dann drüben vermehrt Autismus diagnostiziert/aufgetreten worden sein.

      Es ging aber um Bindungsstörung oder Hospitalismus bzw Nachwirkungen davon aufgrund von massiver Vernachlässigung.
      “The mind is like tofu. It tastes like whatever you marinate it in.”

      (Sylvia Boorstein)
    • FruchtigBunt wrote:

      Inwiefern sollte man es aufgrund der Beendigung des Hospitalismus unterscheiden können? Die Folgen von schwerer Deprivation werden vermutlich nicht enden, nur weil die Vernachlässigung endet.
      Korrekt. Die folgen von Deprivation sind dann immer noch gegeben und daher wird die Differenzierung auch danach nicht leichter.
    • Also in meinem Fall geht es ja nicht um Theorie, sondern die autistischen Symptome waren da, bevor sich die Lebenssituation verschlechtert hat. Mein Problem in der Kindheit war auch nicht die fehlende elterliche Fürsorge, sondern immer wieder wenn sich die Dinge radikal verändert haben und die (oft damit verbundene) Überforderung mit sozialen Situationen.

      Ich hatte als Kind schon eine etwas andere Art zu denken und so schlecht wie es einigen Kindern ging, weil sie ohne Eltern aufwuchsen, ging es mir nie. Ich habe viel weniger unter der Situation gelitten. Dafür gab es andere Situationen, wo die anderen nicht gelitten haben, aber ich. Alles Soziale war ein Problem für mich, aber eigentlich hätte ich das in meiner Kindheit gut lernen müssen, die Voraussetzungen waren sehr gut dafür.
      Ist da wer?
    • @kim
      Ich ziehe in Erwägung, dass Kinder so sehr in die Abkapselung gehen, dass für sie ganz schlimme Formen von Vernachlässigung nicht mehr schlimm erscheinen. Würden sie es nicht tun, würden sie vermutlich nicht überleben.

      Auch wenn es sich vermutlich jeder für die eigene Vergangenheit selbst am besten herleiten und erklären kann, würde mich interessieren, ob ohne die Empfindungen und Deutungskompetenz der jeweils Betroffenen von außen überhaupt eine Differentialdiagnostik zwischen Autismus und Hospitalismus möglich wäre. So wie ich es momentan verstehe, wäre es nicht möglich, sofern die Vernachlässigung bereits ab Geburt beginnt.

      Ich frage mich irgendwie, wieso es dann überhaupt beide Diagnosen gibt, wo man sie in der Praxis vermutlich nicht abgrenzen kann und wo die Abgrenzung in der Theorie nur auf Vermutungen basiert.

      The post was edited 1 time, last by FruchtigBunt ().

    • @FruchtigBunt
      Ich weiß nicht, was du vor Vorstellungen hast, wie es in dem Heim zuging indem ich lebte. Man hat sich dort um die Kinder gekümmert, sie wurden nicht misshandelt oder missbraucht oder ignoriert. Sicherlich gab es früher auch Heime, in denen schlimme Zustände herrschten (nicht umsonst gab es Entschädigungsleistungen für ehemalige Heimkinder, die traumatisiert wurden).

      Du redest in meinem Fall aber schlimme Zustände herbei, die es nicht gab. Das sind alles nur deine Spekulationen, weil du offensichtlich ein bestimmtes stereotypes Bild von Heimen hast. Die sind aber nicht alle gleich und im Laufe der Jahre hat sich vieles zum Positiven hin verändert.

      Kannst du dir nicht vorstellen, dass Leute (Erzieher) ihren Job auch mal richtig machen und einfach nur menschlich sind? Ich wurde jedenfalls gut erzogen und habe gute Werte vermittelt bekommen. Und das gilt auch für die meisten anderen Kinder, die in dem Heim waren, in dem ich lebte.

      Und von Vernachlässigung ab Geburt kann man auch nicht sprechen, da es meine älteren Geschwister waren, die sich um mich gekümmert haben. In kinderreichen Familien ist es häufig so, dass sich die Kinder umeinander kümmern. Auch hier ist es deinerseits wieder nur Spekulation.
      Ist da wer?

      The post was edited 3 times, last by kim ().

    • @kim
      Ich bezog mich in meinen Ausführungen nicht auf Heime und auch nicht auf dich, sondern auf Eltern, die sich nicht angemessen emotional um ihre Kinder kümmern. Ich denke, dass andere Bezugspersonen zu einem gewissen Grad etwas ausgleichen können, aber ich glaube dennoch, dass ein Mensch, der Zurückweisung von den leiblichen Eltern erfährt, zunächst dazu tendiert, in den Rückzug zu gehen, um sich selbst emotional zu schützen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass eine solche emotionale Wunde durch den Intellekt und Funktionieren zu kompensieren versucht wird. Ich glaube einfach nicht, dass Vernachlässigung durch die eigenen Eltern spurlos an Menschen vorübergeht und die Ergebnisse der Bindungsforschung stimmen mit dieser Ansicht relativ überein. Siehe z. B. die Literatur von Karl-Heinz Brisch.
    • @FruchtigBunt
      Ich habe, wie gesagt, nicht theoresiert, da ich tatsächliche Erfahrungen habe. Wenn du mich und die von mir geschilderte Situation nicht meinst, dann schreibe auch nicht @kim oben drüber. So ist doch gar nicht verständlich, dass du mich nicht meintest.

      Deinen übrigen Text finde ich viel zu verallgemeinert. Ich glaube, dass es sehr individuell ist, wie viel Resilienz ein Mensch in schwierigen Lebenssituationen hat und das nicht jedes Kind grundsätzlich Schäden davon trägt. Und ich glaube auch nicht das elterliche Fürsorge das einzig Wahre ist. Wenn ein Kind von anderen Personen ausreichend Zuwendung bekommt, dann kann das genauso gut sein.
      Ist da wer?

      The post was edited 1 time, last by kim ().

    • Ich habe überlegt, ob

      Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik wrote:

      . Die typische Reaktion, die Kinder entwickeln, die unter solchen Bedingungen aufwachsen, nennt man auch anaklitische Depression, d. h., betroffene Kinder bleiben in fast allen Entwicklungsbereichen, vor allem aber in ihrer Intelligenzentwicklung, in ihrer sprachlichen Entwicklung und in der motorischen Entwicklung weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. (Stangl, 2019).

      Verwendete Literatur
      Stangl, W. (2019). Stichwort: 'Hospitalismus'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
      WWW: lexikon.stangl.eu/5541/hospitalismus/ (2019-12-28)
      das zutreffen könnte, kam aber zum Schluss, dass zumindest Asperger ganz anders ist.

      - keine Abweichung Intelligenzentwicklung
      - die sprachliche Entwicklung hat Besonderheiten, ist jedoch altersentsprechend
      - Ich habe Dokus über Kinder mit Hospitalismus aus dem früheren Rumänien gesehen, die motorische Entwicklung war sehr verzögert, zum Beispiel konnten kleine Kinder den Kopf nicht halten oder Babies sich nicht in Bauchlage drehen oder die Beine waren so dünn , dass ein Dreijähriger nicht laufen konnte.
      Kleine Asperger können diese Dinge meistens - es sieht manchmal unbeholfen oder merkwürdig aus .
      - Hospitalisierte Kinder haben keine SI.
      - die Stimmungslage der kleinen Aspies ist nicht zwingend depressiv. Ich war auch ganz zufrieden, wenn man mich sein ließ ,wie ich war.

      Traurigerweise dürfte es viele doppeltbelastete Kinder geben - also Kinder ASS, die in Heimen waren und dort hospitalisiert wurden.

      FruchtigBunt wrote:

      aber ich glaube dennoch, dass ein Mensch, der Zurückweisung von den leiblichen Eltern erfährt, zunächst dazu tendiert, in den Rückzug zu gehen, um sich selbst emotional zu schützen.

      Das soll kein Widerspruch sein , aber als ich in Bogota das Kinderheim für den Süden besuchte , dort gab es sehr viele Kinder aus kaputten Familien, fiel mir eher auf, dass die Kinder sehr distanzlos waren . Sie haben mich umklammert - eigentlich jeden Erwachsenen, der kam und neutral- freundlich wirkte , und mich kaum einen Schritt alleine gehen lassen.
      "Autismusdiagnose - Potius sero quam numquam.
      ( Lieber spät als nie.) "
      :irony: